Der Patriot
10
Mär

Der Patriot

In "Der Patriot" von Pascal Engman wird eine junge Journalistin ermordet, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzte. Lesen Sie einen Auszug aus dem Krimi und gewinnen Sie ein Buchpaket.

Neuer Lesestoff für den April

Hart beginnt der Krimi "Der Patriot" des Schweden Pascal Engman, denn nach wenigen Zeilen wird eine junge Mutter ermordet. In den Augen des Täters hatte die Journalistin die falschen Prioritäten: Sie trat für Flüchtlinge ein. In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe sind Sie beim Mord dabei und lesen von einem harmlos wirkenden Taxifahrer, der bald einen Anschlag verüben wird. Treten Sie ein in diese düstere Romanwelt in Stockholm.

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Hannah Löwenström saß am Schreibtisch in ihrer Wohnung in Hägerstensåsen im Stockholmer Süden und las die Reaktionen auf den Artikel, den sie für das Sveriges Allehanda, die größte Morgenzeitung des Landes, geschrieben hatte.

Er sorgte für großes Aufsehen. Twitter brodelte. Ihr Posteingang quoll über vor zornigen Mails. Auf Facebook war der Ton noch schroffer. Die Leute machten sich über ihr Aussehen lustig, schrieben, sie sei eine fette Kuh, und wollten wissen, warum sie so gern Araberschwänze lutsche.

"Hure!!!", schrieb ein Olof Jansson.

Sie besuchte sein Profil und sah sich seine Fotos an. Olof Jansson hatte Frau und zwei Kinder – einen Sohn und eine Tochter. Er wohnte in Bengtsfors, mochte Oldtimer und arbeitete in einem Lager.

Sie blätterte die Fotos von einem Urlaub auf Gran Canaria durch, von einem Grillfest, von Olof vor einem Auto. Unter die Bilder hatten Verwandte und Freunde witzige Kommentare geschrieben.

Olof Jansson war ein ganz gewöhnlicher Mann mit einem ganz gewöhnlichen Leben.

Hannah konnte es nicht begreifen: Woher kam dieser ganze Hass?

Die Drohungen nahmen kein Ende.  Die Einfallsreichsten manipulierten Bilder von toten nackten Frauen und fügten ihren Kopf auf die Leichen. Andere fotografierten ihr Geschlechtsteil vor dem Bild in ihrer Verfasserzeile oder vor anderen Bildern von ihr, die sie im Netz fanden.

Eigentlich hatte sie aufgehört, sich darum zu scheren. Sie war nicht besonders ängstlich, außerdem waren diese Drohungen seit Jahren Teil ihres Alltags, Teil ihrer Arbeit als Kulturjournalistin. Und Hannah wusste, dass das für alle Frauen galt, die für Zeitungen und fürs Fernsehen arbeiteten.

Der aktuelle Artikel hatte ihr zweiundzwanzig regelrechte Todesdrohungen eingebracht. Sie verschob sie mechanisch in den Ordner mit der Bezeichnung Polizeilich erfassen. Viel mehr gab es da nicht zu tun.

Sie ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Rotwein ein und nippte daran.

Hannah Löwenström vermisste ihren Sohn Albin, der diese Woche bei seinem Vater verbrachte.  Am  Montag  würde  sie ihn von der Vorschule abholen. In vier Tagen. Bis dahin würde sie zusehen, dass sie Ordnung in ihre Wohnung brachte, Umzugskartons auspackte und das Zimmer strich, das Albins werden sollte. Seit dem Umzug hatte er in ihrem Bett geschlafen.

Im Wohnzimmer begann ihr iPhone zu piepen – um kundzutun, dass die Wäsche fertig war.

Hannah seufzte, stellte das Weinglas auf dem Schreibtisch ab und sah sich nach dem Überfallalarm um, den sie stets bei sich trug, wenn sie die Wohnung verließ.

Andererseits hatte sie keine Kraft mehr, Angst zu haben, sie wollte sich von den Drohungen nicht kleinmachen lassen.

Und genau genommen gehe ich ja gar nicht nach draußen, sondern bleibe im Gebäude, dachte sie. Dennoch spähte sie wie immer vorsichtig durch den Spion, ehe sie ins Treppenhaus trat. Es war leer.

Sie öffnete die Tür und ging die Treppen hinunter, schloss die Metalltür auf, die in den Keller hinabführte, und betätigte den Lichtschalter.

Der Wäschetrockner lief noch. In einer Minute war das Programm beendet. Als Hannah sich auf einen wackligen Plastikstuhl setzte, um zu warten, glaubte sie zu hören, wie jemand die Türklinke runterdrückte. Sie hielt den Atem an und versuchte, das unverdrossene Brummen des Trockners zu überhören. Nichts. Vermutlich hatte sie sich das nur eingebildet.

Der Trockner verstummte. Die Luke klickte und sprang auf. Hannah sammelte die Wäsche zusammen und stopfte sie in die blaue Ikea-Tasche, reinigte den Filter und schaltete das Licht aus. Sie atmete tief ein, als sie behutsam die Tür aufmachte und durch den Spalt lugte. Das Treppenhaus war leer. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und ging die zwei Stockwerke in ihre Wohnung hinauf.

Als sie die Wohnungstür aufschloss, hörte sie, wie jemand hinter ihr die Treppe hinaufkam. Sie drehte sich um und sah einen großen Mann mit braunen Haaren, dunklem Mantel, Jeans und schwarzen Handschuhen. Er grüßte lächelnd. Hannah grüßte zurück und machte die Tür auf. Als sie sie wieder schließen wollte, hielt der Mann die Tür fest. Hannah konnte nicht dagegenhalten. Sie floh in ihre Wohnung. Suchte panisch nach dem Überfallalarm. Rief um Hilfe.

Der Mann schloss die Tür. Plötzlich stand er vor ihr im Wohnzimmer. Er packte sie, legte ihr die Hand auf den Mund und schubste sie vor sich her Richtung Wand, die Linke an ihrer Gurgel. Mit der Rechten griff er in seine Manteltasche – das Messer bekam sie nicht mehr zu sehen.

Es drang in ihren Magen, durch die Muskulatur, in die Leber.

Er drehte es und stieß noch einmal zu. Dann trieb er es durch den Leib nach oben.

Sie versuchte zu schreien, brachte keinen Laut heraus, nur ein Röcheln.         

Als das Messer auf ihr Brustbein traf, zog er es mit einem Ruck wieder heraus.

Hannah sackte zusammen, kippte auf die Seite, schlug sich im Fallen den Hinterkopf und blieb liegen. Sie presste die Hände auf den Bauch, befühlte mit den Fingern die Wunde.

Wenige Minuten später war Hannah Löwenström tot.

Kapitel 2

Ibrahim Chamsai würde rund einen Monat später eine Bombe in seinem Taxi-Stockholm-Wagen deponieren, zweiunddreißig Schweden in die Luft sprengen und damit den bislang blutigsten Terroranschlag verüben. Doch davon hatte er keine Ahnung, als er vor dem McDonald’s im Sveavägen auf Fahrgäste wartete. Untätige Einwandererjungs lungerten vor dem Eingang  herum. Aus  der Bar La Habana auf der anderen Straßenseite scholl Salsamusik. Ein paar Kubaner rauchten Zigaretten und unterhielten sich. Unweit von Ibrahims VW Passat strichen Bettler herum und durchwühlten die Mülleimer. Es war Freitagabend, aber das Geschäft lief zäh. In fünf Stunden hatte Ibrahim nur zwei Fahrgäste gehabt. Zuerst eine ältere Dame, die zum Flughafen Arlanda wollte, um nach Genf zu fliegen und dort ihre Tochter zu besuchen. Anschließend fuhr er eine  Familie mit Kindern, die  in Palma gewesen war, vom Flughafen zu ihrer Wohnung auf Södermalm.

Nette Menschen, allesamt. Das waren die meisten.

Ibrahim Chamsai las die Aftonposten und trank Kaffee. Fikapause, wie die Schweden das nannten. Ein schöner Brauch. Er legte die Zeitung auf den Beifahrersitz, als sein Mobiltelefon klingelte. Seine Frau Fatima rief an.

"Hej, mein Herz", sagte er auf Arabisch.

"Ich rufe nur an, um dir Gute Nacht zu sagen. Was machst du gerade?"

Ibrahim warf einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett.

"Bis jetzt ist alles ruhig. Ich trinke Kaffee."

"Welchen Kaffee? Ich habe gesehen, dass du die Thermoskanne zu Hause vergessen hast."

Ibrahim lachte.

"Ja, ich war spät dran und habe mir dann bei McDonald’s einen gekauft. Schmeckt längst nicht so gut wie deiner."

"Das dachte ich mir schon. Pass auf dich auf heute Nacht."

"Das werde ich. Bis morgen."

Er hatte noch neun Stunden seiner Schicht vor sich, er hatte keine Eile. Also konzentrierte er sich wieder auf den Zeitungsartikel. Die Sozialdemokraten waren übel dran, schrieb Anders Gustafsson von der Aftonposten. Mittlerweile waren die Schwedendemokraten die zweitgrößte Partei im Land. Nach der letzten Wahl hatten sie ihre Prozente fast verdoppelt. Nur noch einige wenige Prozentpunkte trennten sie von den Sozialdemokraten. Ibrahim tat Staatsminister Stefan Löfven leid. Der Bursche sieht immer so bedrückt aus, dachte Ibrahim, während er ein Foto von ihm betrachtete.

Schweden war ein großartiges Land, in dem ein Schweißer Staatsminister werden konnte. Ibrahim hatte immer die Sozialdemokraten gewählt. Schließlich waren Olof Palme und die Sozialdemokraten es gewesen, die ihn und seine Frau Fatima 1985 in Schweden willkommen geheißen hatten. Und ziemlich genau dreißig Jahre später tat Schweden das Gleiche für die Syrer, die vor dem Bürgerkrieg flohen. Aber weil seine Tochter Mitra sich seit ein paar Jahren in der Zentrumspartei engagierte, hatte Ibrahim bei der letzten Wahl dieser Partei seine Stimme gegeben.

Im Stillen hatte er dennoch gehofft, dass die Sozialdemokraten die Macht zurückeroberten. Aber eigentlich spielte es keine große Rolle, wer das Sagen hatte. Auf die Schweden war Verlass. Die Politiker arbeiteten für das Volk. Sie waren keine Diebe und Mörder, wie es in den meisten anderen Ländern auf der Welt der Fall war.

Als Ibrahims und Fatimas Sohn Muhammed im Sommer 1991 an Leukämie erkrankt war, hatten die Ärzte alles in ihrer Macht Stehende getan, um ihn zu retten. Aber es war aussichtslos gewesen. Muhammed war im Alter von vier Jahren im Krankenhaus von Danderyd verstorben.

Ibrahim war am Boden zerstört gewesen, hatte seinen Tränen keinen Einhalt gebieten können.

Nachdem sie Muhammed beerdigt hatten, war Ibrahim klar gewesen, dass sie kinderlos sterben würden. Alt werden, ohne jemals das Getrappel von Kinderfüßen zu hören, die ihn morgens weckten. Nie Enkel haben. Er und Fatima würden kinderlos sterben, in einem Land, das meilenweit von ihrer Heimat entfernt war.

Sie hatten sogar erwogen, wieder nach Syrien zurückzugehen. Denn was spielte es noch für eine Rolle, wo sie wohnten, oder ob sie ums Leben kamen? Sie waren wegen Muhammed, wegen seiner Zukunft, nach Schweden gekommen.

Fatima war sechsunddreißig Jahre alt gewesen, als Muhammed zur Welt gekommen war. Eigentlich war es zu spät, um es noch mal zu versuchen.

Aber ein Jahr nach Muhammeds Tod war Fatima wieder schwanger gewesen, und mit einundvierzig hatte sie Mitra geboren. Ein Wunder. Ibrahim klappte seine Brieftasche auf und sah sich ihr Foto an: Mitra und Fatima, sein Leben, seine Engel.

Er hatte eine Fahrt. Norr Mälarstrand.

Bestimmt ein paar Teenies, die ausgehen und Spaß haben wollten.

Er drückte dem Foto einen Kuss auf, steckte es wieder in die Brieftasche zurück und fuhr pfeifend den Sveavägen hinunter.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht

Es hatte  etwas  Verlockendes, sich  auszumalen, wie sein Leben in  Biografien oder TV-Dokumentationen dargestellt werden würde.

In den letzten Wochen hatte Carl Cederhielm sich immer öfter bei solchen Träumereien ertappt. Wenn er  nicht  irrte, hatte er auch als Jugendlicher so eine Phase gehabt. Aber damals war es hauptsächlich darum gegangen, wie er für Schweden die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen würde. Er legte Serranoschinken in den roten Einkaufskorb, suchte den Käse, entschied sich für ein Stück Ziegenkäse und ging weiter.

Der ICA Esplanad im Karlavägen in Stockholm war voller Familien mit Kindern. Carl hielt inne und lächelte, als ein kleines Mädchen von ihrer Mutter hochgehoben wurde, damit sie sich die Chipstüte selbst aus dem Regal nehmen konnte.

Carl sehnte sich nach Kindern. Die Sehnsucht war so stark, dass sie physisch wehtat. Er fragte sich, ob das normal war bei achtundzwanzigjährigen Männern? Wohl eher nicht. Vater zu werden, darüber hatte er als Kind viel nachgedacht, fiel ihm ein. Er warf einen Blick auf den Zettel in seiner Hand. Schinken und Käse, das hatte er. Es fehlten noch Sesam, Frischkäse und Baguette. Wein hatte er zu Hause.

Immer wieder strich er sich über sein Jackett und die Pistole darunter, eine Glock 19, die er in einem Holster trug.

Carl entschied sich für die Schlange ganz rechts, neben den Zeitschriftenregalen. Das machte er immer, selbst wenn die Schlange dort länger war als die an den anderen Kassen – feste  Abläufe und Disziplin waren die Dinge, die einen starken Menschen ausmachten. Eine Sekunde lang stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er plötzlich seine Waffe ziehen und um sich schießen würde. Würde er es schaffen, alle umzulegen?

Vermutlich nicht, einige wenige würden sicher davonkommen. Die Mutter hatte sich mit ihrer kleinen Tochter an derselben Schlange angestellt wie Carl. Das Mädchen hielt die Chipstüte fest umklammert.

"Du darfst sie aufmachen, wenn wir bezahlt haben", sagte die Mutter zu ihr.

Das Mädchen streckte sich nach einer Schachtel mit Bonbons und sah die Mutter bettelnd an.

"Nein, die nicht auch noch. Du kannst wählen, Saga. Entweder die Chips oder die Bonbons."

Das Mädchen legte die Schachtel wieder zurück.

Die Mutter wandte sich zu Carl um, lächelte und verdrehte die Augen. Er erwiderte das Lächeln. Es gefiel ihm, wenn Menschen nett zueinander waren.

Die Schlange kam nicht vorwärts. Ein älterer weißhaariger Mann im Tweedjackett seufzte. Carl reckte den Hals, um zu sehen, was da so lange dauerte. An der Kasse diskutierte ein fremdländischer Mann in den Fünfzigern mit der Kassiererin. Die Diskussion wurde immer lauter.

Plötzlich schlug der Mann mit der Faust auf die Plexiglasscheibe neben dem Kartenlesegerät. Das Mädchen mit der Chipstüte griff nach der Hand ihrer Mutter. Die Kassiererin sah ängstlich aus.

Carl stellte seinen Einkaufskorb ab und ging an den Wartenden vorbei bis zur Kasse. Der Mann begann, wild zu gestikulieren, aber unterbrach sich, als Carl ihm auf die Schulter tippte und fragte, was los sei.

Er musterte Carl überrascht. Dann drehte er sich wieder zur Kassiererin um und wetterte weiter drauflos. Sie sah den Kunden hilflos an. Auf dem Band zwischen ihnen lag ein Paket Hackfleisch. Carl nahm an, dass es die Ursache der Auseinandersetzung war.

"Beruhigen Sie sich, Sie können sich hier doch nicht so aufführen. Sie machen ihr Angst, und den anderen Kunden gegenüber sind Sie respektlos. Entweder Sie bezahlen Ihre Ware, oder Sie verschwinden von hier", sagte Carl ruhig.

"Er will es zurückgeben, weil es gemischtes Hack ist, aber die Packung ist geöffnet, und ich versuche, ihm zu erklären, dass das nicht geht", sagte die Kassiererin.

"Es steht eindeutig drauf, dass es gemischtes ist. Sie haben das Paket geöffnet und wollen es zurückgeben? Wer soll das denn noch essen? Verschwinden Sie jetzt", sagte Carl, nun mit mehr Nachdruck.

Der Mann maß ihn mit Blicken. Dann sagte er etwas, das Carl für Arabisch hielt, drehte sich um und steuerte auf den Ausgang zu.

"Tausend Dank für Ihre Hilfe", sagte die Kassiererin, legte das Fleisch beiseite und winkte den nächsten Kunden heran.

"Kein Problem", entgegnete er und reihte sich wieder in die Schlange ein.

Die Mutter des Mädchens klopfte ihm auf die Schulter.

"Gut gemacht. Ich verstehe wirklich nicht, wie manche Menschen gepolt sind", sagte sie.

Der ältere Mann im Tweedjackett drehte sich um und sagte:

"Wir holen die rein in unser Land, kümmern uns um sie, zahlen für den ganzen Hokuspokus, und dann benehmen die sich so. Es ist richtig, dass junge Männer wie Sie den Mund aufmachen. Man selbst traut sich ja nicht mehr, die sind doch gemeingefährlich."

Draußen war es dunkel. Der blaue Bus der Linie 1 fuhr die Haltestelle an, und Fahrgäste stiegen aus. Carl war keine zwanzig Meter weit gegangen, als er auf seinen Klassenkameraden aus der Östra Real stieß, Nils Hermelin. Er schüttelte seine ausgestreckte Hand. Nils war fast genauso groß wie Carl, trug einen dunklen Trenchcoat und Jeans.

"Cool, dich zu sehen, Calle. Gehst du heute Abend noch weg?", erkundigte sich Nils.

Carl verabscheute es, wenn er Calle genannt wurde, aber er ließ es durchgehen.

"Das habe ich vor. Ein Kumpel vom Bund kommt nachher zum Abendessen vorbei", sagte er und hielt die Supermarkttüten hoch. "Danach gehen wir vielleicht noch in die Stadt."

"Wehrdienst. Ist auch schon wieder eine ganze Zeit her. Warst du nicht bei den Fallschirmjägern?"

Carl schüttelte den Kopf.

"Küstenjäger."

"Klingt krass. Ich muss weiter, ich besuch Per … Per Nordmark. Kennst du den noch?"

"Klar", gab Carl zurück. "Grüß ihn von mir. Wir sehen uns."

Es war halb acht, als er in der Grevgatan 18 seine Wohnungstür aufschloss. Er hängte seinen beigefarbenen Burberrymantel auf, zog die Schuhe aus, blieb vor dem Flurspiegel stehen, schob die Schultern zurück und betrachtete seinen Körper. Er war top in Form. Seit einem halben Jahr lief er jede zweite Nacht acht Kilometer. Und wenn er nicht joggte, ging er ins Fitnessstudio, das hatte rund um die Uhr offen. Carl stemmte hundertdreißig Kilo beim Bankdrücken und würde demnächst weitere Scheiben auf die Stange schieben. Er zückte seine Pistole, hielt sie mit beiden Händen im Anschlag und zielte auf sein Spiegelbild.

"Mona Sahlin, du kleine Hure", flüsterte er.

Er steckte die Waffe in ihr Holster zurück, streifte es ab und legte es in die oberste Kommodenschublade. Dann packte er seine Einkäufe aus, legte Käse und Schinken auf einen Teller, hackte Sellerie, holte Kekse und Chips, rührte in einer kleinen Schale Sesam und Frischkäse an, gab einen Schuss Sojasoße hinzu und trug alles ins Wohnzimmer.         

Anschließend suchte er Streichhölzer und zündete die Kerzen auf dem Wohnzimmertisch an. Nun blieb er mitten im Zimmer stehen und betrachtete zufrieden sein Werk.

Als er sich umdrehte, um wieder in die Küche zu gehen, blieb sein Blick an dem Foto seines jüngeren Bruders Michael auf dem Kaminsims hängen.

Carl nahm zwei Kerzen vom Wohnzimmertisch und stellte sie zu beiden Seiten des gerahmten Bildes auf.

"Was meinst du, sieht das schön aus?", sagte er zu dem Foto.

Carl nahm sein Weinglas und holte seinen Laptop, der im Schlafzimmer auf dem Bett lag. Dann setzte er sich wieder aufs Sofa, den Rechner auf dem Schoß, und ging auf die Webseite des Nyhetsbladet. Die Zeitung hatte als Erste die Meldung gebracht, dass die schwedische Allehanda-Journalistin Hannah Löwenström tot in Hägerstensåsen aufgefunden worden war. Auf Facebook schrieben viele "Endlich" und freuten sich ungeniert über ihren Tod. Carl lächelte in sich hinein und nahm einen Käsewürfel.

Er ging die Artikel auf Entpixelt durch.

Milchbärte aus Afghanistan hatten aus einem Badehaus in Gävle Kleinholz gemacht. Zwei Asylanten hatten eine Frau in Örebro vergewaltigt. In einer Flüchtlingsunterkunft in Varberg hatte es eine Messerstecherei gegeben. Carl schüttelte den Kopf. Um solches Gesocks ins Land zu lassen, brachten Personen wie Hannah Löwenström ihren medialen Einfluss zum Einsatz. Begriffen diese Leute denn nicht, was sie Schweden damit antaten? Ein illegaler Einwanderer hatte auf der Drottninggatan Menschen überfahren – und trotzdem wollten sie noch mehr aufnehmen. Der Wahnsinn kannte keine Grenzen.

Zahlreiche Kommentare zu den Artikeln auf Entpixelt zeugten von einer gewissen Schadenfreude darüber, was die Einwanderer anstellten, und schrieben ironisch, das sei "das neue spannende Schweden".

Carl war nicht fähig, etwas anderes als Bestürzung für das zu empfinden, was da passierte.

Er hatte Hannah Löwenström umgebracht, um sich im Spiegel endlich wieder in die Augen sehen zu können, um sich nicht länger als Opfer zu fühlen.

Vor ein paar Jahren hatte er sich eine Zeit lang mit dem Gedanken getragen, auszuwandern, sich geschlagen zu geben und den ganzen Wahnsinn einfach hinter sich zu lassen. Er kannte mehrere Leute, die das getan hatten. Einige waren in rein weiße Gebiete auf Åland gezogen. Andere waren nach Ost- und Mitteleuropa gegangen, wo sich das multikulturelle Gift noch nicht ausgebreitet hatte, weil die osteuropäischen Staatsoberhäupter sich dem beflissenen Bestreben der Kosmopoliten entgegenstellten, die Kultur der westlichen Welt zu vernichten.

Carl hatte sich umgehört, viel gelesen und war für einen Neuanfang gewappnet gewesen. Aber irgendetwas hatte ihn daran gehindert. Anfänglich hatte er gedacht, es wäre Feigheit. Das  hatte ihn umgetrieben. Aber dann war ihm aufgegangen, was ihn hier hielt: die Liebe zu seinem Land und zu seinem Volk, zu der Nation, die seine Vorväter geschaffen hatten.

Carl war niemand, der leicht aufgab, er war kein Opfer. Diese Erkenntnis hatte ihn entschlossener werden lassen, ihn froh gestimmt. Statt sich an einen anderen Ort zu wünschen, hatte er beschlossen, sich zu verteidigen. Diejenigen zu rächen, die sich nicht mehr rächen konnten. Die Opfer der Drottninggatan, all die vergewaltigten Frauen und sein Bruder Michael waren nur wenige von Tausenden, die der Welle der Gewalt ausgesetzt waren, die die Masseneinwanderung mit sich brachte.

Und die Schuldigen, die Täter, waren immer noch da draußen, auf freiem Fuß.

Die Journalisten, Politiker und die anderen Kulturmarxisten konnten nachts gut schlafen, sie waren es ja nicht, die von der Gewalt beeinträchtigt wurden, der die Regierung die Bevölkerung aussetzte. Doch Carl war schwedischer Küstenjäger, er hatte geschworen, das Land vor Feinden zu beschützen. Und das schloss auch die Feinde im Inneren mit ein, ebenso wie die Verräter, die die Entscheidungen fällten. Er hatte angefangen, im Netz und in seiner Umgebung nach Gleichgesinnten zu suchen, hatte sich über terroristische Vereinigungen in der europäischen Geschichte informiert, über den Baader-Meinhof-Komplex, die IRA, die ETA.

Sein Leben hatte sich schlagartig und für immer verändert, in dem Moment, als er seine Fesseln gesprengt und aufgehört hatte, sich als Opfer zu sehen.

Würde die Polizei ihn jemals schnappen, würden sie ihn als Nazi, Psychopathen, Verrückten beschimpfen. Die Journalisten würden darum wetteifern, ihn zu vernichten. Sie würden ihn verfolgen mit allen Waffen, die ihnen zur Verfügung standen. Sie würden ihn dämonisieren, sich auf seine Familie stürzen und alles, was ihm lieb war. Seine Kindheit und Jugend zerpflücken.  Aber das war ein Preis, den zu zahlen er bereit war.

Der Autor

Pascal Engman, geboren 1986, weiß, wovon er in seinem Buch schreibt: Als Journalist des schwedischen "Expressen" erhielten er und seine Kollegen nach einer liberalen Berichterstattung für die Aufnahme von Flüchtlingen selbst massive rechtspopulistische Drohungen. Als Folge zog er sich 2016 aus dem Journalistenmilieuzurück und schrieb sein Thrillerdebüt "Der Patriot". Darin wird eine Journalistin ermordet – mit ganz ähnlichen Ansichten, wie der Autor sie hat. Ein Krimi, gruselig nah an der Wirklichkeit. Pascal Engman lebt in Stockholm.

"Der Patriot"-Cover

Buchtipp

"Der Patriot" von Pascal Engman ist für 16 Euro bei Tropen/Klett-Cotta erschienen und ebenfalls für 12,99 Euro als E-Book erhältlich.

Gewinnen Sie 1 von 15 Buchpaketen!

Bei kaum einem Buch kann man so sehr die Zeit vergessen wie bei einem guten Krimi, wenn der Mord längst geschehen ist und man als Leser über die Seiten jagt, weil die Spannung immer weiter steigt, sich überraschend neue Verzweigungen auftun, Beweise sich erhärten und man nur endlich wissen will: Wer war der Täter? Damit Sie diesen Kitzel immer wieder spüren können, verlosen der Klett­-Cotta Verlag und LAVIVA 15 Buchpakete, in denen sich je fünf spannende Bücher des Verlagsprogramms befinden. Um an das Lösungswort zu kommen, brauchen Sie nur den oben stehenden Buchausschnitt zu lesen und unsere Frage zum Text zu beantworten.

Wir würden gerne wissen: Wie viele Todesdrohungen hat Hannah Löwenström auf ihren aktuellen Artikel erhalten?

Die Antwort einfach bis einschließlich 9. April 2019 in unser Teilnahmeformular eintragen. Dazu einfach hier klicken und online mitmachen.


© Illustrationen: Dainz

©  Klett­-Cotta Verlag . Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: Anna-­Lena Ahlström; PR

Der Patriot
10
Mär

Der Patriot

In "Der Patriot" von Pascal Engman wird eine junge Journalistin ermordet, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzte. Lesen Sie einen Auszug aus dem Krimi und gewinnen Sie ein Buchpaket.

Neuer Lesestoff für den April

Hart beginnt der Krimi "Der Patriot" des Schweden Pascal Engman, denn nach wenigen Zeilen wird eine junge Mutter ermordet. In den Augen des Täters hatte die Journalistin die falschen Prioritäten: Sie trat für Flüchtlinge ein. In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe sind Sie beim Mord dabei und lesen von einem harmlos wirkenden Taxifahrer, der bald einen Anschlag verüben wird. Treten Sie ein in diese düstere Romanwelt in Stockholm.

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Hannah Löwenström saß am Schreibtisch in ihrer Wohnung in Hägerstensåsen im Stockholmer Süden und las die Reaktionen auf den Artikel, den sie für das Sveriges Allehanda, die größte Morgenzeitung des Landes, geschrieben hatte.

Er sorgte für großes Aufsehen. Twitter brodelte. Ihr Posteingang quoll über vor zornigen Mails. Auf Facebook war der Ton noch schroffer. Die Leute machten sich über ihr Aussehen lustig, schrieben, sie sei eine fette Kuh, und wollten wissen, warum sie so gern Araberschwänze lutsche.

"Hure!!!", schrieb ein Olof Jansson.

Sie besuchte sein Profil und sah sich seine Fotos an. Olof Jansson hatte Frau und zwei Kinder – einen Sohn und eine Tochter. Er wohnte in Bengtsfors, mochte Oldtimer und arbeitete in einem Lager.

Sie blätterte die Fotos von einem Urlaub auf Gran Canaria durch, von einem Grillfest, von Olof vor einem Auto. Unter die Bilder hatten Verwandte und Freunde witzige Kommentare geschrieben.

Olof Jansson war ein ganz gewöhnlicher Mann mit einem ganz gewöhnlichen Leben.

Hannah konnte es nicht begreifen: Woher kam dieser ganze Hass?

Die Drohungen nahmen kein Ende.  Die Einfallsreichsten manipulierten Bilder von toten nackten Frauen und fügten ihren Kopf auf die Leichen. Andere fotografierten ihr Geschlechtsteil vor dem Bild in ihrer Verfasserzeile oder vor anderen Bildern von ihr, die sie im Netz fanden.

Eigentlich hatte sie aufgehört, sich darum zu scheren. Sie war nicht besonders ängstlich, außerdem waren diese Drohungen seit Jahren Teil ihres Alltags, Teil ihrer Arbeit als Kulturjournalistin. Und Hannah wusste, dass das für alle Frauen galt, die für Zeitungen und fürs Fernsehen arbeiteten.

Der aktuelle Artikel hatte ihr zweiundzwanzig regelrechte Todesdrohungen eingebracht. Sie verschob sie mechanisch in den Ordner mit der Bezeichnung Polizeilich erfassen. Viel mehr gab es da nicht zu tun.

Sie ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Rotwein ein und nippte daran.

Hannah Löwenström vermisste ihren Sohn Albin, der diese Woche bei seinem Vater verbrachte.  Am  Montag  würde  sie ihn von der Vorschule abholen. In vier Tagen. Bis dahin würde sie zusehen, dass sie Ordnung in ihre Wohnung brachte, Umzugskartons auspackte und das Zimmer strich, das Albins werden sollte. Seit dem Umzug hatte er in ihrem Bett geschlafen.

Im Wohnzimmer begann ihr iPhone zu piepen – um kundzutun, dass die Wäsche fertig war.

Hannah seufzte, stellte das Weinglas auf dem Schreibtisch ab und sah sich nach dem Überfallalarm um, den sie stets bei sich trug, wenn sie die Wohnung verließ.

Andererseits hatte sie keine Kraft mehr, Angst zu haben, sie wollte sich von den Drohungen nicht kleinmachen lassen.

Und genau genommen gehe ich ja gar nicht nach draußen, sondern bleibe im Gebäude, dachte sie. Dennoch spähte sie wie immer vorsichtig durch den Spion, ehe sie ins Treppenhaus trat. Es war leer.

Sie öffnete die Tür und ging die Treppen hinunter, schloss die Metalltür auf, die in den Keller hinabführte, und betätigte den Lichtschalter.

Der Wäschetrockner lief noch. In einer Minute war das Programm beendet. Als Hannah sich auf einen wackligen Plastikstuhl setzte, um zu warten, glaubte sie zu hören, wie jemand die Türklinke runterdrückte. Sie hielt den Atem an und versuchte, das unverdrossene Brummen des Trockners zu überhören. Nichts. Vermutlich hatte sie sich das nur eingebildet.

Der Trockner verstummte. Die Luke klickte und sprang auf. Hannah sammelte die Wäsche zusammen und stopfte sie in die blaue Ikea-Tasche, reinigte den Filter und schaltete das Licht aus. Sie atmete tief ein, als sie behutsam die Tür aufmachte und durch den Spalt lugte. Das Treppenhaus war leer. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und ging die zwei Stockwerke in ihre Wohnung hinauf.

Als sie die Wohnungstür aufschloss, hörte sie, wie jemand hinter ihr die Treppe hinaufkam. Sie drehte sich um und sah einen großen Mann mit braunen Haaren, dunklem Mantel, Jeans und schwarzen Handschuhen. Er grüßte lächelnd. Hannah grüßte zurück und machte die Tür auf. Als sie sie wieder schließen wollte, hielt der Mann die Tür fest. Hannah konnte nicht dagegenhalten. Sie floh in ihre Wohnung. Suchte panisch nach dem Überfallalarm. Rief um Hilfe.

Der Mann schloss die Tür. Plötzlich stand er vor ihr im Wohnzimmer. Er packte sie, legte ihr die Hand auf den Mund und schubste sie vor sich her Richtung Wand, die Linke an ihrer Gurgel. Mit der Rechten griff er in seine Manteltasche – das Messer bekam sie nicht mehr zu sehen.

Es drang in ihren Magen, durch die Muskulatur, in die Leber.

Er drehte es und stieß noch einmal zu. Dann trieb er es durch den Leib nach oben.

Sie versuchte zu schreien, brachte keinen Laut heraus, nur ein Röcheln.         

Als das Messer auf ihr Brustbein traf, zog er es mit einem Ruck wieder heraus.

Hannah sackte zusammen, kippte auf die Seite, schlug sich im Fallen den Hinterkopf und blieb liegen. Sie presste die Hände auf den Bauch, befühlte mit den Fingern die Wunde.

Wenige Minuten später war Hannah Löwenström tot.

Kapitel 2

Ibrahim Chamsai würde rund einen Monat später eine Bombe in seinem Taxi-Stockholm-Wagen deponieren, zweiunddreißig Schweden in die Luft sprengen und damit den bislang blutigsten Terroranschlag verüben. Doch davon hatte er keine Ahnung, als er vor dem McDonald’s im Sveavägen auf Fahrgäste wartete. Untätige Einwandererjungs lungerten vor dem Eingang  herum. Aus  der Bar La Habana auf der anderen Straßenseite scholl Salsamusik. Ein paar Kubaner rauchten Zigaretten und unterhielten sich. Unweit von Ibrahims VW Passat strichen Bettler herum und durchwühlten die Mülleimer. Es war Freitagabend, aber das Geschäft lief zäh. In fünf Stunden hatte Ibrahim nur zwei Fahrgäste gehabt. Zuerst eine ältere Dame, die zum Flughafen Arlanda wollte, um nach Genf zu fliegen und dort ihre Tochter zu besuchen. Anschließend fuhr er eine  Familie mit Kindern, die  in Palma gewesen war, vom Flughafen zu ihrer Wohnung auf Södermalm.

Nette Menschen, allesamt. Das waren die meisten.

Ibrahim Chamsai las die Aftonposten und trank Kaffee. Fikapause, wie die Schweden das nannten. Ein schöner Brauch. Er legte die Zeitung auf den Beifahrersitz, als sein Mobiltelefon klingelte. Seine Frau Fatima rief an.

"Hej, mein Herz", sagte er auf Arabisch.

"Ich rufe nur an, um dir Gute Nacht zu sagen. Was machst du gerade?"

Ibrahim warf einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett.

"Bis jetzt ist alles ruhig. Ich trinke Kaffee."

"Welchen Kaffee? Ich habe gesehen, dass du die Thermoskanne zu Hause vergessen hast."

Ibrahim lachte.

"Ja, ich war spät dran und habe mir dann bei McDonald’s einen gekauft. Schmeckt längst nicht so gut wie deiner."

"Das dachte ich mir schon. Pass auf dich auf heute Nacht."

"Das werde ich. Bis morgen."

Er hatte noch neun Stunden seiner Schicht vor sich, er hatte keine Eile. Also konzentrierte er sich wieder auf den Zeitungsartikel. Die Sozialdemokraten waren übel dran, schrieb Anders Gustafsson von der Aftonposten. Mittlerweile waren die Schwedendemokraten die zweitgrößte Partei im Land. Nach der letzten Wahl hatten sie ihre Prozente fast verdoppelt. Nur noch einige wenige Prozentpunkte trennten sie von den Sozialdemokraten. Ibrahim tat Staatsminister Stefan Löfven leid. Der Bursche sieht immer so bedrückt aus, dachte Ibrahim, während er ein Foto von ihm betrachtete.

Schweden war ein großartiges Land, in dem ein Schweißer Staatsminister werden konnte. Ibrahim hatte immer die Sozialdemokraten gewählt. Schließlich waren Olof Palme und die Sozialdemokraten es gewesen, die ihn und seine Frau Fatima 1985 in Schweden willkommen geheißen hatten. Und ziemlich genau dreißig Jahre später tat Schweden das Gleiche für die Syrer, die vor dem Bürgerkrieg flohen. Aber weil seine Tochter Mitra sich seit ein paar Jahren in der Zentrumspartei engagierte, hatte Ibrahim bei der letzten Wahl dieser Partei seine Stimme gegeben.

Im Stillen hatte er dennoch gehofft, dass die Sozialdemokraten die Macht zurückeroberten. Aber eigentlich spielte es keine große Rolle, wer das Sagen hatte. Auf die Schweden war Verlass. Die Politiker arbeiteten für das Volk. Sie waren keine Diebe und Mörder, wie es in den meisten anderen Ländern auf der Welt der Fall war.

Als Ibrahims und Fatimas Sohn Muhammed im Sommer 1991 an Leukämie erkrankt war, hatten die Ärzte alles in ihrer Macht Stehende getan, um ihn zu retten. Aber es war aussichtslos gewesen. Muhammed war im Alter von vier Jahren im Krankenhaus von Danderyd verstorben.

Ibrahim war am Boden zerstört gewesen, hatte seinen Tränen keinen Einhalt gebieten können.

Nachdem sie Muhammed beerdigt hatten, war Ibrahim klar gewesen, dass sie kinderlos sterben würden. Alt werden, ohne jemals das Getrappel von Kinderfüßen zu hören, die ihn morgens weckten. Nie Enkel haben. Er und Fatima würden kinderlos sterben, in einem Land, das meilenweit von ihrer Heimat entfernt war.

Sie hatten sogar erwogen, wieder nach Syrien zurückzugehen. Denn was spielte es noch für eine Rolle, wo sie wohnten, oder ob sie ums Leben kamen? Sie waren wegen Muhammed, wegen seiner Zukunft, nach Schweden gekommen.

Fatima war sechsunddreißig Jahre alt gewesen, als Muhammed zur Welt gekommen war. Eigentlich war es zu spät, um es noch mal zu versuchen.

Aber ein Jahr nach Muhammeds Tod war Fatima wieder schwanger gewesen, und mit einundvierzig hatte sie Mitra geboren. Ein Wunder. Ibrahim klappte seine Brieftasche auf und sah sich ihr Foto an: Mitra und Fatima, sein Leben, seine Engel.

Er hatte eine Fahrt. Norr Mälarstrand.

Bestimmt ein paar Teenies, die ausgehen und Spaß haben wollten.

Er drückte dem Foto einen Kuss auf, steckte es wieder in die Brieftasche zurück und fuhr pfeifend den Sveavägen hinunter.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht

Es hatte  etwas  Verlockendes, sich  auszumalen, wie sein Leben in  Biografien oder TV-Dokumentationen dargestellt werden würde.

In den letzten Wochen hatte Carl Cederhielm sich immer öfter bei solchen Träumereien ertappt. Wenn er  nicht  irrte, hatte er auch als Jugendlicher so eine Phase gehabt. Aber damals war es hauptsächlich darum gegangen, wie er für Schweden die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen würde. Er legte Serranoschinken in den roten Einkaufskorb, suchte den Käse, entschied sich für ein Stück Ziegenkäse und ging weiter.

Der ICA Esplanad im Karlavägen in Stockholm war voller Familien mit Kindern. Carl hielt inne und lächelte, als ein kleines Mädchen von ihrer Mutter hochgehoben wurde, damit sie sich die Chipstüte selbst aus dem Regal nehmen konnte.

Carl sehnte sich nach Kindern. Die Sehnsucht war so stark, dass sie physisch wehtat. Er fragte sich, ob das normal war bei achtundzwanzigjährigen Männern? Wohl eher nicht. Vater zu werden, darüber hatte er als Kind viel nachgedacht, fiel ihm ein. Er warf einen Blick auf den Zettel in seiner Hand. Schinken und Käse, das hatte er. Es fehlten noch Sesam, Frischkäse und Baguette. Wein hatte er zu Hause.

Immer wieder strich er sich über sein Jackett und die Pistole darunter, eine Glock 19, die er in einem Holster trug.

Carl entschied sich für die Schlange ganz rechts, neben den Zeitschriftenregalen. Das machte er immer, selbst wenn die Schlange dort länger war als die an den anderen Kassen – feste  Abläufe und Disziplin waren die Dinge, die einen starken Menschen ausmachten. Eine Sekunde lang stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er plötzlich seine Waffe ziehen und um sich schießen würde. Würde er es schaffen, alle umzulegen?

Vermutlich nicht, einige wenige würden sicher davonkommen. Die Mutter hatte sich mit ihrer kleinen Tochter an derselben Schlange angestellt wie Carl. Das Mädchen hielt die Chipstüte fest umklammert.

"Du darfst sie aufmachen, wenn wir bezahlt haben", sagte die Mutter zu ihr.

Das Mädchen streckte sich nach einer Schachtel mit Bonbons und sah die Mutter bettelnd an.

"Nein, die nicht auch noch. Du kannst wählen, Saga. Entweder die Chips oder die Bonbons."

Das Mädchen legte die Schachtel wieder zurück.

Die Mutter wandte sich zu Carl um, lächelte und verdrehte die Augen. Er erwiderte das Lächeln. Es gefiel ihm, wenn Menschen nett zueinander waren.

Die Schlange kam nicht vorwärts. Ein älterer weißhaariger Mann im Tweedjackett seufzte. Carl reckte den Hals, um zu sehen, was da so lange dauerte. An der Kasse diskutierte ein fremdländischer Mann in den Fünfzigern mit der Kassiererin. Die Diskussion wurde immer lauter.

Plötzlich schlug der Mann mit der Faust auf die Plexiglasscheibe neben dem Kartenlesegerät. Das Mädchen mit der Chipstüte griff nach der Hand ihrer Mutter. Die Kassiererin sah ängstlich aus.

Carl stellte seinen Einkaufskorb ab und ging an den Wartenden vorbei bis zur Kasse. Der Mann begann, wild zu gestikulieren, aber unterbrach sich, als Carl ihm auf die Schulter tippte und fragte, was los sei.

Er musterte Carl überrascht. Dann drehte er sich wieder zur Kassiererin um und wetterte weiter drauflos. Sie sah den Kunden hilflos an. Auf dem Band zwischen ihnen lag ein Paket Hackfleisch. Carl nahm an, dass es die Ursache der Auseinandersetzung war.

"Beruhigen Sie sich, Sie können sich hier doch nicht so aufführen. Sie machen ihr Angst, und den anderen Kunden gegenüber sind Sie respektlos. Entweder Sie bezahlen Ihre Ware, oder Sie verschwinden von hier", sagte Carl ruhig.

"Er will es zurückgeben, weil es gemischtes Hack ist, aber die Packung ist geöffnet, und ich versuche, ihm zu erklären, dass das nicht geht", sagte die Kassiererin.

"Es steht eindeutig drauf, dass es gemischtes ist. Sie haben das Paket geöffnet und wollen es zurückgeben? Wer soll das denn noch essen? Verschwinden Sie jetzt", sagte Carl, nun mit mehr Nachdruck.

Der Mann maß ihn mit Blicken. Dann sagte er etwas, das Carl für Arabisch hielt, drehte sich um und steuerte auf den Ausgang zu.

"Tausend Dank für Ihre Hilfe", sagte die Kassiererin, legte das Fleisch beiseite und winkte den nächsten Kunden heran.

"Kein Problem", entgegnete er und reihte sich wieder in die Schlange ein.

Die Mutter des Mädchens klopfte ihm auf die Schulter.

"Gut gemacht. Ich verstehe wirklich nicht, wie manche Menschen gepolt sind", sagte sie.

Der ältere Mann im Tweedjackett drehte sich um und sagte:

"Wir holen die rein in unser Land, kümmern uns um sie, zahlen für den ganzen Hokuspokus, und dann benehmen die sich so. Es ist richtig, dass junge Männer wie Sie den Mund aufmachen. Man selbst traut sich ja nicht mehr, die sind doch gemeingefährlich."

Draußen war es dunkel. Der blaue Bus der Linie 1 fuhr die Haltestelle an, und Fahrgäste stiegen aus. Carl war keine zwanzig Meter weit gegangen, als er auf seinen Klassenkameraden aus der Östra Real stieß, Nils Hermelin. Er schüttelte seine ausgestreckte Hand. Nils war fast genauso groß wie Carl, trug einen dunklen Trenchcoat und Jeans.

"Cool, dich zu sehen, Calle. Gehst du heute Abend noch weg?", erkundigte sich Nils.

Carl verabscheute es, wenn er Calle genannt wurde, aber er ließ es durchgehen.

"Das habe ich vor. Ein Kumpel vom Bund kommt nachher zum Abendessen vorbei", sagte er und hielt die Supermarkttüten hoch. "Danach gehen wir vielleicht noch in die Stadt."

"Wehrdienst. Ist auch schon wieder eine ganze Zeit her. Warst du nicht bei den Fallschirmjägern?"

Carl schüttelte den Kopf.

"Küstenjäger."

"Klingt krass. Ich muss weiter, ich besuch Per … Per Nordmark. Kennst du den noch?"

"Klar", gab Carl zurück. "Grüß ihn von mir. Wir sehen uns."

Es war halb acht, als er in der Grevgatan 18 seine Wohnungstür aufschloss. Er hängte seinen beigefarbenen Burberrymantel auf, zog die Schuhe aus, blieb vor dem Flurspiegel stehen, schob die Schultern zurück und betrachtete seinen Körper. Er war top in Form. Seit einem halben Jahr lief er jede zweite Nacht acht Kilometer. Und wenn er nicht joggte, ging er ins Fitnessstudio, das hatte rund um die Uhr offen. Carl stemmte hundertdreißig Kilo beim Bankdrücken und würde demnächst weitere Scheiben auf die Stange schieben. Er zückte seine Pistole, hielt sie mit beiden Händen im Anschlag und zielte auf sein Spiegelbild.

"Mona Sahlin, du kleine Hure", flüsterte er.

Er steckte die Waffe in ihr Holster zurück, streifte es ab und legte es in die oberste Kommodenschublade. Dann packte er seine Einkäufe aus, legte Käse und Schinken auf einen Teller, hackte Sellerie, holte Kekse und Chips, rührte in einer kleinen Schale Sesam und Frischkäse an, gab einen Schuss Sojasoße hinzu und trug alles ins Wohnzimmer.         

Anschließend suchte er Streichhölzer und zündete die Kerzen auf dem Wohnzimmertisch an. Nun blieb er mitten im Zimmer stehen und betrachtete zufrieden sein Werk.

Als er sich umdrehte, um wieder in die Küche zu gehen, blieb sein Blick an dem Foto seines jüngeren Bruders Michael auf dem Kaminsims hängen.

Carl nahm zwei Kerzen vom Wohnzimmertisch und stellte sie zu beiden Seiten des gerahmten Bildes auf.

"Was meinst du, sieht das schön aus?", sagte er zu dem Foto.

Carl nahm sein Weinglas und holte seinen Laptop, der im Schlafzimmer auf dem Bett lag. Dann setzte er sich wieder aufs Sofa, den Rechner auf dem Schoß, und ging auf die Webseite des Nyhetsbladet. Die Zeitung hatte als Erste die Meldung gebracht, dass die schwedische Allehanda-Journalistin Hannah Löwenström tot in Hägerstensåsen aufgefunden worden war. Auf Facebook schrieben viele "Endlich" und freuten sich ungeniert über ihren Tod. Carl lächelte in sich hinein und nahm einen Käsewürfel.

Er ging die Artikel auf Entpixelt durch.

Milchbärte aus Afghanistan hatten aus einem Badehaus in Gävle Kleinholz gemacht. Zwei Asylanten hatten eine Frau in Örebro vergewaltigt. In einer Flüchtlingsunterkunft in Varberg hatte es eine Messerstecherei gegeben. Carl schüttelte den Kopf. Um solches Gesocks ins Land zu lassen, brachten Personen wie Hannah Löwenström ihren medialen Einfluss zum Einsatz. Begriffen diese Leute denn nicht, was sie Schweden damit antaten? Ein illegaler Einwanderer hatte auf der Drottninggatan Menschen überfahren – und trotzdem wollten sie noch mehr aufnehmen. Der Wahnsinn kannte keine Grenzen.

Zahlreiche Kommentare zu den Artikeln auf Entpixelt zeugten von einer gewissen Schadenfreude darüber, was die Einwanderer anstellten, und schrieben ironisch, das sei "das neue spannende Schweden".

Carl war nicht fähig, etwas anderes als Bestürzung für das zu empfinden, was da passierte.

Er hatte Hannah Löwenström umgebracht, um sich im Spiegel endlich wieder in die Augen sehen zu können, um sich nicht länger als Opfer zu fühlen.

Vor ein paar Jahren hatte er sich eine Zeit lang mit dem Gedanken getragen, auszuwandern, sich geschlagen zu geben und den ganzen Wahnsinn einfach hinter sich zu lassen. Er kannte mehrere Leute, die das getan hatten. Einige waren in rein weiße Gebiete auf Åland gezogen. Andere waren nach Ost- und Mitteleuropa gegangen, wo sich das multikulturelle Gift noch nicht ausgebreitet hatte, weil die osteuropäischen Staatsoberhäupter sich dem beflissenen Bestreben der Kosmopoliten entgegenstellten, die Kultur der westlichen Welt zu vernichten.

Carl hatte sich umgehört, viel gelesen und war für einen Neuanfang gewappnet gewesen. Aber irgendetwas hatte ihn daran gehindert. Anfänglich hatte er gedacht, es wäre Feigheit. Das  hatte ihn umgetrieben. Aber dann war ihm aufgegangen, was ihn hier hielt: die Liebe zu seinem Land und zu seinem Volk, zu der Nation, die seine Vorväter geschaffen hatten.

Carl war niemand, der leicht aufgab, er war kein Opfer. Diese Erkenntnis hatte ihn entschlossener werden lassen, ihn froh gestimmt. Statt sich an einen anderen Ort zu wünschen, hatte er beschlossen, sich zu verteidigen. Diejenigen zu rächen, die sich nicht mehr rächen konnten. Die Opfer der Drottninggatan, all die vergewaltigten Frauen und sein Bruder Michael waren nur wenige von Tausenden, die der Welle der Gewalt ausgesetzt waren, die die Masseneinwanderung mit sich brachte.

Und die Schuldigen, die Täter, waren immer noch da draußen, auf freiem Fuß.

Die Journalisten, Politiker und die anderen Kulturmarxisten konnten nachts gut schlafen, sie waren es ja nicht, die von der Gewalt beeinträchtigt wurden, der die Regierung die Bevölkerung aussetzte. Doch Carl war schwedischer Küstenjäger, er hatte geschworen, das Land vor Feinden zu beschützen. Und das schloss auch die Feinde im Inneren mit ein, ebenso wie die Verräter, die die Entscheidungen fällten. Er hatte angefangen, im Netz und in seiner Umgebung nach Gleichgesinnten zu suchen, hatte sich über terroristische Vereinigungen in der europäischen Geschichte informiert, über den Baader-Meinhof-Komplex, die IRA, die ETA.

Sein Leben hatte sich schlagartig und für immer verändert, in dem Moment, als er seine Fesseln gesprengt und aufgehört hatte, sich als Opfer zu sehen.

Würde die Polizei ihn jemals schnappen, würden sie ihn als Nazi, Psychopathen, Verrückten beschimpfen. Die Journalisten würden darum wetteifern, ihn zu vernichten. Sie würden ihn verfolgen mit allen Waffen, die ihnen zur Verfügung standen. Sie würden ihn dämonisieren, sich auf seine Familie stürzen und alles, was ihm lieb war. Seine Kindheit und Jugend zerpflücken.  Aber das war ein Preis, den zu zahlen er bereit war.

Der Autor

Pascal Engman, geboren 1986, weiß, wovon er in seinem Buch schreibt: Als Journalist des schwedischen "Expressen" erhielten er und seine Kollegen nach einer liberalen Berichterstattung für die Aufnahme von Flüchtlingen selbst massive rechtspopulistische Drohungen. Als Folge zog er sich 2016 aus dem Journalistenmilieuzurück und schrieb sein Thrillerdebüt "Der Patriot". Darin wird eine Journalistin ermordet – mit ganz ähnlichen Ansichten, wie der Autor sie hat. Ein Krimi, gruselig nah an der Wirklichkeit. Pascal Engman lebt in Stockholm.

"Der Patriot"-Cover

Buchtipp

"Der Patriot" von Pascal Engman ist für 16 Euro bei Tropen/Klett-Cotta erschienen und ebenfalls für 12,99 Euro als E-Book erhältlich.

Gewinnen Sie 1 von 15 Buchpaketen!

Bei kaum einem Buch kann man so sehr die Zeit vergessen wie bei einem guten Krimi, wenn der Mord längst geschehen ist und man als Leser über die Seiten jagt, weil die Spannung immer weiter steigt, sich überraschend neue Verzweigungen auftun, Beweise sich erhärten und man nur endlich wissen will: Wer war der Täter? Damit Sie diesen Kitzel immer wieder spüren können, verlosen der Klett­-Cotta Verlag und LAVIVA 15 Buchpakete, in denen sich je fünf spannende Bücher des Verlagsprogramms befinden. Um an das Lösungswort zu kommen, brauchen Sie nur den oben stehenden Buchausschnitt zu lesen und unsere Frage zum Text zu beantworten.

Wir würden gerne wissen: Wie viele Todesdrohungen hat Hannah Löwenström auf ihren aktuellen Artikel erhalten?

Die Antwort einfach bis einschließlich 9. April 2019 in unser Teilnahmeformular eintragen. Dazu einfach hier klicken und online mitmachen.


© Illustrationen: Dainz

©  Klett­-Cotta Verlag . Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: Anna-­Lena Ahlström; PR

Weitere Einträge

Der Patriot
10
Mär

Der Patriot

In "Der Patriot" von Pascal Engman wird eine junge Journalistin ermordet, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzte. Lesen Sie einen Auszug aus dem Krimi und gewinnen Sie ein Buchpaket.

Neuer Lesestoff für den April

Hart beginnt der Krimi "Der Patriot" des Schweden Pascal Engman, denn nach wenigen Zeilen wird eine junge Mutter ermordet. In den Augen des Täters hatte die Journalistin die falschen Prioritäten: Sie trat für Flüchtlinge ein. In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe sind Sie beim Mord dabei und lesen von einem harmlos wirkenden Taxifahrer, der bald einen Anschlag verüben wird. Treten Sie ein in diese düstere Romanwelt in Stockholm.

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Hannah Löwenström saß am Schreibtisch in ihrer Wohnung in Hägerstensåsen im Stockholmer Süden und las die Reaktionen auf den Artikel, den sie für das Sveriges Allehanda, die größte Morgenzeitung des Landes, geschrieben hatte.

Er sorgte für großes Aufsehen. Twitter brodelte. Ihr Posteingang quoll über vor zornigen Mails. Auf Facebook war der Ton noch schroffer. Die Leute machten sich über ihr Aussehen lustig, schrieben, sie sei eine fette Kuh, und wollten wissen, warum sie so gern Araberschwänze lutsche.

"Hure!!!", schrieb ein Olof Jansson.

Sie besuchte sein Profil und sah sich seine Fotos an. Olof Jansson hatte Frau und zwei Kinder – einen Sohn und eine Tochter. Er wohnte in Bengtsfors, mochte Oldtimer und arbeitete in einem Lager.

Sie blätterte die Fotos von einem Urlaub auf Gran Canaria durch, von einem Grillfest, von Olof vor einem Auto. Unter die Bilder hatten Verwandte und Freunde witzige Kommentare geschrieben.

Olof Jansson war ein ganz gewöhnlicher Mann mit einem ganz gewöhnlichen Leben.

Hannah konnte es nicht begreifen: Woher kam dieser ganze Hass?

Die Drohungen nahmen kein Ende.  Die Einfallsreichsten manipulierten Bilder von toten nackten Frauen und fügten ihren Kopf auf die Leichen. Andere fotografierten ihr Geschlechtsteil vor dem Bild in ihrer Verfasserzeile oder vor anderen Bildern von ihr, die sie im Netz fanden.

Eigentlich hatte sie aufgehört, sich darum zu scheren. Sie war nicht besonders ängstlich, außerdem waren diese Drohungen seit Jahren Teil ihres Alltags, Teil ihrer Arbeit als Kulturjournalistin. Und Hannah wusste, dass das für alle Frauen galt, die für Zeitungen und fürs Fernsehen arbeiteten.

Der aktuelle Artikel hatte ihr zweiundzwanzig regelrechte Todesdrohungen eingebracht. Sie verschob sie mechanisch in den Ordner mit der Bezeichnung Polizeilich erfassen. Viel mehr gab es da nicht zu tun.

Sie ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Rotwein ein und nippte daran.

Hannah Löwenström vermisste ihren Sohn Albin, der diese Woche bei seinem Vater verbrachte.  Am  Montag  würde  sie ihn von der Vorschule abholen. In vier Tagen. Bis dahin würde sie zusehen, dass sie Ordnung in ihre Wohnung brachte, Umzugskartons auspackte und das Zimmer strich, das Albins werden sollte. Seit dem Umzug hatte er in ihrem Bett geschlafen.

Im Wohnzimmer begann ihr iPhone zu piepen – um kundzutun, dass die Wäsche fertig war.

Hannah seufzte, stellte das Weinglas auf dem Schreibtisch ab und sah sich nach dem Überfallalarm um, den sie stets bei sich trug, wenn sie die Wohnung verließ.

Andererseits hatte sie keine Kraft mehr, Angst zu haben, sie wollte sich von den Drohungen nicht kleinmachen lassen.

Und genau genommen gehe ich ja gar nicht nach draußen, sondern bleibe im Gebäude, dachte sie. Dennoch spähte sie wie immer vorsichtig durch den Spion, ehe sie ins Treppenhaus trat. Es war leer.

Sie öffnete die Tür und ging die Treppen hinunter, schloss die Metalltür auf, die in den Keller hinabführte, und betätigte den Lichtschalter.

Der Wäschetrockner lief noch. In einer Minute war das Programm beendet. Als Hannah sich auf einen wackligen Plastikstuhl setzte, um zu warten, glaubte sie zu hören, wie jemand die Türklinke runterdrückte. Sie hielt den Atem an und versuchte, das unverdrossene Brummen des Trockners zu überhören. Nichts. Vermutlich hatte sie sich das nur eingebildet.

Der Trockner verstummte. Die Luke klickte und sprang auf. Hannah sammelte die Wäsche zusammen und stopfte sie in die blaue Ikea-Tasche, reinigte den Filter und schaltete das Licht aus. Sie atmete tief ein, als sie behutsam die Tür aufmachte und durch den Spalt lugte. Das Treppenhaus war leer. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und ging die zwei Stockwerke in ihre Wohnung hinauf.

Als sie die Wohnungstür aufschloss, hörte sie, wie jemand hinter ihr die Treppe hinaufkam. Sie drehte sich um und sah einen großen Mann mit braunen Haaren, dunklem Mantel, Jeans und schwarzen Handschuhen. Er grüßte lächelnd. Hannah grüßte zurück und machte die Tür auf. Als sie sie wieder schließen wollte, hielt der Mann die Tür fest. Hannah konnte nicht dagegenhalten. Sie floh in ihre Wohnung. Suchte panisch nach dem Überfallalarm. Rief um Hilfe.

Der Mann schloss die Tür. Plötzlich stand er vor ihr im Wohnzimmer. Er packte sie, legte ihr die Hand auf den Mund und schubste sie vor sich her Richtung Wand, die Linke an ihrer Gurgel. Mit der Rechten griff er in seine Manteltasche – das Messer bekam sie nicht mehr zu sehen.

Es drang in ihren Magen, durch die Muskulatur, in die Leber.

Er drehte es und stieß noch einmal zu. Dann trieb er es durch den Leib nach oben.

Sie versuchte zu schreien, brachte keinen Laut heraus, nur ein Röcheln.         

Als das Messer auf ihr Brustbein traf, zog er es mit einem Ruck wieder heraus.

Hannah sackte zusammen, kippte auf die Seite, schlug sich im Fallen den Hinterkopf und blieb liegen. Sie presste die Hände auf den Bauch, befühlte mit den Fingern die Wunde.

Wenige Minuten später war Hannah Löwenström tot.

Kapitel 2

Ibrahim Chamsai würde rund einen Monat später eine Bombe in seinem Taxi-Stockholm-Wagen deponieren, zweiunddreißig Schweden in die Luft sprengen und damit den bislang blutigsten Terroranschlag verüben. Doch davon hatte er keine Ahnung, als er vor dem McDonald’s im Sveavägen auf Fahrgäste wartete. Untätige Einwandererjungs lungerten vor dem Eingang  herum. Aus  der Bar La Habana auf der anderen Straßenseite scholl Salsamusik. Ein paar Kubaner rauchten Zigaretten und unterhielten sich. Unweit von Ibrahims VW Passat strichen Bettler herum und durchwühlten die Mülleimer. Es war Freitagabend, aber das Geschäft lief zäh. In fünf Stunden hatte Ibrahim nur zwei Fahrgäste gehabt. Zuerst eine ältere Dame, die zum Flughafen Arlanda wollte, um nach Genf zu fliegen und dort ihre Tochter zu besuchen. Anschließend fuhr er eine  Familie mit Kindern, die  in Palma gewesen war, vom Flughafen zu ihrer Wohnung auf Södermalm.

Nette Menschen, allesamt. Das waren die meisten.

Ibrahim Chamsai las die Aftonposten und trank Kaffee. Fikapause, wie die Schweden das nannten. Ein schöner Brauch. Er legte die Zeitung auf den Beifahrersitz, als sein Mobiltelefon klingelte. Seine Frau Fatima rief an.

"Hej, mein Herz", sagte er auf Arabisch.

"Ich rufe nur an, um dir Gute Nacht zu sagen. Was machst du gerade?"

Ibrahim warf einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett.

"Bis jetzt ist alles ruhig. Ich trinke Kaffee."

"Welchen Kaffee? Ich habe gesehen, dass du die Thermoskanne zu Hause vergessen hast."

Ibrahim lachte.

"Ja, ich war spät dran und habe mir dann bei McDonald’s einen gekauft. Schmeckt längst nicht so gut wie deiner."

"Das dachte ich mir schon. Pass auf dich auf heute Nacht."

"Das werde ich. Bis morgen."

Er hatte noch neun Stunden seiner Schicht vor sich, er hatte keine Eile. Also konzentrierte er sich wieder auf den Zeitungsartikel. Die Sozialdemokraten waren übel dran, schrieb Anders Gustafsson von der Aftonposten. Mittlerweile waren die Schwedendemokraten die zweitgrößte Partei im Land. Nach der letzten Wahl hatten sie ihre Prozente fast verdoppelt. Nur noch einige wenige Prozentpunkte trennten sie von den Sozialdemokraten. Ibrahim tat Staatsminister Stefan Löfven leid. Der Bursche sieht immer so bedrückt aus, dachte Ibrahim, während er ein Foto von ihm betrachtete.

Schweden war ein großartiges Land, in dem ein Schweißer Staatsminister werden konnte. Ibrahim hatte immer die Sozialdemokraten gewählt. Schließlich waren Olof Palme und die Sozialdemokraten es gewesen, die ihn und seine Frau Fatima 1985 in Schweden willkommen geheißen hatten. Und ziemlich genau dreißig Jahre später tat Schweden das Gleiche für die Syrer, die vor dem Bürgerkrieg flohen. Aber weil seine Tochter Mitra sich seit ein paar Jahren in der Zentrumspartei engagierte, hatte Ibrahim bei der letzten Wahl dieser Partei seine Stimme gegeben.

Im Stillen hatte er dennoch gehofft, dass die Sozialdemokraten die Macht zurückeroberten. Aber eigentlich spielte es keine große Rolle, wer das Sagen hatte. Auf die Schweden war Verlass. Die Politiker arbeiteten für das Volk. Sie waren keine Diebe und Mörder, wie es in den meisten anderen Ländern auf der Welt der Fall war.

Als Ibrahims und Fatimas Sohn Muhammed im Sommer 1991 an Leukämie erkrankt war, hatten die Ärzte alles in ihrer Macht Stehende getan, um ihn zu retten. Aber es war aussichtslos gewesen. Muhammed war im Alter von vier Jahren im Krankenhaus von Danderyd verstorben.

Ibrahim war am Boden zerstört gewesen, hatte seinen Tränen keinen Einhalt gebieten können.

Nachdem sie Muhammed beerdigt hatten, war Ibrahim klar gewesen, dass sie kinderlos sterben würden. Alt werden, ohne jemals das Getrappel von Kinderfüßen zu hören, die ihn morgens weckten. Nie Enkel haben. Er und Fatima würden kinderlos sterben, in einem Land, das meilenweit von ihrer Heimat entfernt war.

Sie hatten sogar erwogen, wieder nach Syrien zurückzugehen. Denn was spielte es noch für eine Rolle, wo sie wohnten, oder ob sie ums Leben kamen? Sie waren wegen Muhammed, wegen seiner Zukunft, nach Schweden gekommen.

Fatima war sechsunddreißig Jahre alt gewesen, als Muhammed zur Welt gekommen war. Eigentlich war es zu spät, um es noch mal zu versuchen.

Aber ein Jahr nach Muhammeds Tod war Fatima wieder schwanger gewesen, und mit einundvierzig hatte sie Mitra geboren. Ein Wunder. Ibrahim klappte seine Brieftasche auf und sah sich ihr Foto an: Mitra und Fatima, sein Leben, seine Engel.

Er hatte eine Fahrt. Norr Mälarstrand.

Bestimmt ein paar Teenies, die ausgehen und Spaß haben wollten.

Er drückte dem Foto einen Kuss auf, steckte es wieder in die Brieftasche zurück und fuhr pfeifend den Sveavägen hinunter.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht

Es hatte  etwas  Verlockendes, sich  auszumalen, wie sein Leben in  Biografien oder TV-Dokumentationen dargestellt werden würde.

In den letzten Wochen hatte Carl Cederhielm sich immer öfter bei solchen Träumereien ertappt. Wenn er  nicht  irrte, hatte er auch als Jugendlicher so eine Phase gehabt. Aber damals war es hauptsächlich darum gegangen, wie er für Schweden die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen würde. Er legte Serranoschinken in den roten Einkaufskorb, suchte den Käse, entschied sich für ein Stück Ziegenkäse und ging weiter.

Der ICA Esplanad im Karlavägen in Stockholm war voller Familien mit Kindern. Carl hielt inne und lächelte, als ein kleines Mädchen von ihrer Mutter hochgehoben wurde, damit sie sich die Chipstüte selbst aus dem Regal nehmen konnte.

Carl sehnte sich nach Kindern. Die Sehnsucht war so stark, dass sie physisch wehtat. Er fragte sich, ob das normal war bei achtundzwanzigjährigen Männern? Wohl eher nicht. Vater zu werden, darüber hatte er als Kind viel nachgedacht, fiel ihm ein. Er warf einen Blick auf den Zettel in seiner Hand. Schinken und Käse, das hatte er. Es fehlten noch Sesam, Frischkäse und Baguette. Wein hatte er zu Hause.

Immer wieder strich er sich über sein Jackett und die Pistole darunter, eine Glock 19, die er in einem Holster trug.

Carl entschied sich für die Schlange ganz rechts, neben den Zeitschriftenregalen. Das machte er immer, selbst wenn die Schlange dort länger war als die an den anderen Kassen – feste  Abläufe und Disziplin waren die Dinge, die einen starken Menschen ausmachten. Eine Sekunde lang stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er plötzlich seine Waffe ziehen und um sich schießen würde. Würde er es schaffen, alle umzulegen?

Vermutlich nicht, einige wenige würden sicher davonkommen. Die Mutter hatte sich mit ihrer kleinen Tochter an derselben Schlange angestellt wie Carl. Das Mädchen hielt die Chipstüte fest umklammert.

"Du darfst sie aufmachen, wenn wir bezahlt haben", sagte die Mutter zu ihr.

Das Mädchen streckte sich nach einer Schachtel mit Bonbons und sah die Mutter bettelnd an.

"Nein, die nicht auch noch. Du kannst wählen, Saga. Entweder die Chips oder die Bonbons."

Das Mädchen legte die Schachtel wieder zurück.

Die Mutter wandte sich zu Carl um, lächelte und verdrehte die Augen. Er erwiderte das Lächeln. Es gefiel ihm, wenn Menschen nett zueinander waren.

Die Schlange kam nicht vorwärts. Ein älterer weißhaariger Mann im Tweedjackett seufzte. Carl reckte den Hals, um zu sehen, was da so lange dauerte. An der Kasse diskutierte ein fremdländischer Mann in den Fünfzigern mit der Kassiererin. Die Diskussion wurde immer lauter.

Plötzlich schlug der Mann mit der Faust auf die Plexiglasscheibe neben dem Kartenlesegerät. Das Mädchen mit der Chipstüte griff nach der Hand ihrer Mutter. Die Kassiererin sah ängstlich aus.

Carl stellte seinen Einkaufskorb ab und ging an den Wartenden vorbei bis zur Kasse. Der Mann begann, wild zu gestikulieren, aber unterbrach sich, als Carl ihm auf die Schulter tippte und fragte, was los sei.

Er musterte Carl überrascht. Dann drehte er sich wieder zur Kassiererin um und wetterte weiter drauflos. Sie sah den Kunden hilflos an. Auf dem Band zwischen ihnen lag ein Paket Hackfleisch. Carl nahm an, dass es die Ursache der Auseinandersetzung war.

"Beruhigen Sie sich, Sie können sich hier doch nicht so aufführen. Sie machen ihr Angst, und den anderen Kunden gegenüber sind Sie respektlos. Entweder Sie bezahlen Ihre Ware, oder Sie verschwinden von hier", sagte Carl ruhig.

"Er will es zurückgeben, weil es gemischtes Hack ist, aber die Packung ist geöffnet, und ich versuche, ihm zu erklären, dass das nicht geht", sagte die Kassiererin.

"Es steht eindeutig drauf, dass es gemischtes ist. Sie haben das Paket geöffnet und wollen es zurückgeben? Wer soll das denn noch essen? Verschwinden Sie jetzt", sagte Carl, nun mit mehr Nachdruck.

Der Mann maß ihn mit Blicken. Dann sagte er etwas, das Carl für Arabisch hielt, drehte sich um und steuerte auf den Ausgang zu.

"Tausend Dank für Ihre Hilfe", sagte die Kassiererin, legte das Fleisch beiseite und winkte den nächsten Kunden heran.

"Kein Problem", entgegnete er und reihte sich wieder in die Schlange ein.

Die Mutter des Mädchens klopfte ihm auf die Schulter.

"Gut gemacht. Ich verstehe wirklich nicht, wie manche Menschen gepolt sind", sagte sie.

Der ältere Mann im Tweedjackett drehte sich um und sagte:

"Wir holen die rein in unser Land, kümmern uns um sie, zahlen für den ganzen Hokuspokus, und dann benehmen die sich so. Es ist richtig, dass junge Männer wie Sie den Mund aufmachen. Man selbst traut sich ja nicht mehr, die sind doch gemeingefährlich."

Draußen war es dunkel. Der blaue Bus der Linie 1 fuhr die Haltestelle an, und Fahrgäste stiegen aus. Carl war keine zwanzig Meter weit gegangen, als er auf seinen Klassenkameraden aus der Östra Real stieß, Nils Hermelin. Er schüttelte seine ausgestreckte Hand. Nils war fast genauso groß wie Carl, trug einen dunklen Trenchcoat und Jeans.

"Cool, dich zu sehen, Calle. Gehst du heute Abend noch weg?", erkundigte sich Nils.

Carl verabscheute es, wenn er Calle genannt wurde, aber er ließ es durchgehen.

"Das habe ich vor. Ein Kumpel vom Bund kommt nachher zum Abendessen vorbei", sagte er und hielt die Supermarkttüten hoch. "Danach gehen wir vielleicht noch in die Stadt."

"Wehrdienst. Ist auch schon wieder eine ganze Zeit her. Warst du nicht bei den Fallschirmjägern?"

Carl schüttelte den Kopf.

"Küstenjäger."

"Klingt krass. Ich muss weiter, ich besuch Per … Per Nordmark. Kennst du den noch?"

"Klar", gab Carl zurück. "Grüß ihn von mir. Wir sehen uns."

Es war halb acht, als er in der Grevgatan 18 seine Wohnungstür aufschloss. Er hängte seinen beigefarbenen Burberrymantel auf, zog die Schuhe aus, blieb vor dem Flurspiegel stehen, schob die Schultern zurück und betrachtete seinen Körper. Er war top in Form. Seit einem halben Jahr lief er jede zweite Nacht acht Kilometer. Und wenn er nicht joggte, ging er ins Fitnessstudio, das hatte rund um die Uhr offen. Carl stemmte hundertdreißig Kilo beim Bankdrücken und würde demnächst weitere Scheiben auf die Stange schieben. Er zückte seine Pistole, hielt sie mit beiden Händen im Anschlag und zielte auf sein Spiegelbild.

"Mona Sahlin, du kleine Hure", flüsterte er.

Er steckte die Waffe in ihr Holster zurück, streifte es ab und legte es in die oberste Kommodenschublade. Dann packte er seine Einkäufe aus, legte Käse und Schinken auf einen Teller, hackte Sellerie, holte Kekse und Chips, rührte in einer kleinen Schale Sesam und Frischkäse an, gab einen Schuss Sojasoße hinzu und trug alles ins Wohnzimmer.         

Anschließend suchte er Streichhölzer und zündete die Kerzen auf dem Wohnzimmertisch an. Nun blieb er mitten im Zimmer stehen und betrachtete zufrieden sein Werk.

Als er sich umdrehte, um wieder in die Küche zu gehen, blieb sein Blick an dem Foto seines jüngeren Bruders Michael auf dem Kaminsims hängen.

Carl nahm zwei Kerzen vom Wohnzimmertisch und stellte sie zu beiden Seiten des gerahmten Bildes auf.

"Was meinst du, sieht das schön aus?", sagte er zu dem Foto.

Carl nahm sein Weinglas und holte seinen Laptop, der im Schlafzimmer auf dem Bett lag. Dann setzte er sich wieder aufs Sofa, den Rechner auf dem Schoß, und ging auf die Webseite des Nyhetsbladet. Die Zeitung hatte als Erste die Meldung gebracht, dass die schwedische Allehanda-Journalistin Hannah Löwenström tot in Hägerstensåsen aufgefunden worden war. Auf Facebook schrieben viele "Endlich" und freuten sich ungeniert über ihren Tod. Carl lächelte in sich hinein und nahm einen Käsewürfel.

Er ging die Artikel auf Entpixelt durch.

Milchbärte aus Afghanistan hatten aus einem Badehaus in Gävle Kleinholz gemacht. Zwei Asylanten hatten eine Frau in Örebro vergewaltigt. In einer Flüchtlingsunterkunft in Varberg hatte es eine Messerstecherei gegeben. Carl schüttelte den Kopf. Um solches Gesocks ins Land zu lassen, brachten Personen wie Hannah Löwenström ihren medialen Einfluss zum Einsatz. Begriffen diese Leute denn nicht, was sie Schweden damit antaten? Ein illegaler Einwanderer hatte auf der Drottninggatan Menschen überfahren – und trotzdem wollten sie noch mehr aufnehmen. Der Wahnsinn kannte keine Grenzen.

Zahlreiche Kommentare zu den Artikeln auf Entpixelt zeugten von einer gewissen Schadenfreude darüber, was die Einwanderer anstellten, und schrieben ironisch, das sei "das neue spannende Schweden".

Carl war nicht fähig, etwas anderes als Bestürzung für das zu empfinden, was da passierte.

Er hatte Hannah Löwenström umgebracht, um sich im Spiegel endlich wieder in die Augen sehen zu können, um sich nicht länger als Opfer zu fühlen.

Vor ein paar Jahren hatte er sich eine Zeit lang mit dem Gedanken getragen, auszuwandern, sich geschlagen zu geben und den ganzen Wahnsinn einfach hinter sich zu lassen. Er kannte mehrere Leute, die das getan hatten. Einige waren in rein weiße Gebiete auf Åland gezogen. Andere waren nach Ost- und Mitteleuropa gegangen, wo sich das multikulturelle Gift noch nicht ausgebreitet hatte, weil die osteuropäischen Staatsoberhäupter sich dem beflissenen Bestreben der Kosmopoliten entgegenstellten, die Kultur der westlichen Welt zu vernichten.

Carl hatte sich umgehört, viel gelesen und war für einen Neuanfang gewappnet gewesen. Aber irgendetwas hatte ihn daran gehindert. Anfänglich hatte er gedacht, es wäre Feigheit. Das  hatte ihn umgetrieben. Aber dann war ihm aufgegangen, was ihn hier hielt: die Liebe zu seinem Land und zu seinem Volk, zu der Nation, die seine Vorväter geschaffen hatten.

Carl war niemand, der leicht aufgab, er war kein Opfer. Diese Erkenntnis hatte ihn entschlossener werden lassen, ihn froh gestimmt. Statt sich an einen anderen Ort zu wünschen, hatte er beschlossen, sich zu verteidigen. Diejenigen zu rächen, die sich nicht mehr rächen konnten. Die Opfer der Drottninggatan, all die vergewaltigten Frauen und sein Bruder Michael waren nur wenige von Tausenden, die der Welle der Gewalt ausgesetzt waren, die die Masseneinwanderung mit sich brachte.

Und die Schuldigen, die Täter, waren immer noch da draußen, auf freiem Fuß.

Die Journalisten, Politiker und die anderen Kulturmarxisten konnten nachts gut schlafen, sie waren es ja nicht, die von der Gewalt beeinträchtigt wurden, der die Regierung die Bevölkerung aussetzte. Doch Carl war schwedischer Küstenjäger, er hatte geschworen, das Land vor Feinden zu beschützen. Und das schloss auch die Feinde im Inneren mit ein, ebenso wie die Verräter, die die Entscheidungen fällten. Er hatte angefangen, im Netz und in seiner Umgebung nach Gleichgesinnten zu suchen, hatte sich über terroristische Vereinigungen in der europäischen Geschichte informiert, über den Baader-Meinhof-Komplex, die IRA, die ETA.

Sein Leben hatte sich schlagartig und für immer verändert, in dem Moment, als er seine Fesseln gesprengt und aufgehört hatte, sich als Opfer zu sehen.

Würde die Polizei ihn jemals schnappen, würden sie ihn als Nazi, Psychopathen, Verrückten beschimpfen. Die Journalisten würden darum wetteifern, ihn zu vernichten. Sie würden ihn verfolgen mit allen Waffen, die ihnen zur Verfügung standen. Sie würden ihn dämonisieren, sich auf seine Familie stürzen und alles, was ihm lieb war. Seine Kindheit und Jugend zerpflücken.  Aber das war ein Preis, den zu zahlen er bereit war.

Der Autor

Pascal Engman, geboren 1986, weiß, wovon er in seinem Buch schreibt: Als Journalist des schwedischen "Expressen" erhielten er und seine Kollegen nach einer liberalen Berichterstattung für die Aufnahme von Flüchtlingen selbst massive rechtspopulistische Drohungen. Als Folge zog er sich 2016 aus dem Journalistenmilieuzurück und schrieb sein Thrillerdebüt "Der Patriot". Darin wird eine Journalistin ermordet – mit ganz ähnlichen Ansichten, wie der Autor sie hat. Ein Krimi, gruselig nah an der Wirklichkeit. Pascal Engman lebt in Stockholm.

"Der Patriot"-Cover

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Bei kaum einem Buch kann man so sehr die Zeit vergessen wie bei einem guten Krimi, wenn der Mord längst geschehen ist und man als Leser über die Seiten jagt, weil die Spannung immer weiter steigt, sich überraschend neue Verzweigungen auftun, Beweise sich erhärten und man nur endlich wissen will: Wer war der Täter? Damit Sie diesen Kitzel immer wieder spüren können, verlosen der Klett­-Cotta Verlag und LAVIVA 15 Buchpakete, in denen sich je fünf spannende Bücher des Verlagsprogramms befinden. Um an das Lösungswort zu kommen, brauchen Sie nur den oben stehenden Buchausschnitt zu lesen und unsere Frage zum Text zu beantworten.

Wir würden gerne wissen: Wie viele Todesdrohungen hat Hannah Löwenström auf ihren aktuellen Artikel erhalten?

Die Antwort einfach bis einschließlich 9. April 2019 in unser Teilnahmeformular eintragen. Dazu einfach hier klicken und online mitmachen.


© Illustrationen: Dainz

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