Als die Träume in den Himmel stiegen

In "Als die Träume in den Himmel stiegen" erzählt Laura McVeigh von der kleinen Samar, die mit ihrer Familie die afghanische Stadt Kabul verlassen musste. Lesen Sie hier einen Auszug aus diesem bewegenden Roman!

Neuer Lesestoff für den September

Wie ergeht es einer Familie auf der Reise in ein neues Leben? In der LAVIVA-Leseprobe aus dem Buch "Als die Träume in den Himmel stiegen" erzählt davon die kleine Samar, die mit ihrer Familie die Stadt Kabul verlassen musste. Keine wahre Geschichte, aber die irische Autorin Laura McVeigh kennt Afghanistan und lässt Samar so gefühlvoll erzählen, dass es der Leserin so vorkommt, als säße sie mit im Zug bei der Familie ...

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Es gibt Reisen, die wir niemals unternehmen wollten.

Und dennoch treten wir sie an. Wir treten sie an, weil wir es müssen, weil es der einzige Weg ist, um zu überleben.

Dies ist meine Reise, die Reise, die ich niemals unternehmen wollte. Doch ich habe sie unternommen.

Manche Dinge kann und wird man nicht vergessen. Sie reisen mit uns. Bis zum Schluss.

***

Die Räder des Zuges bleiben unerwartet stehen. Wir werden mit einem Ruck nach vorn geschleudert.

Omar und Javad lehnen sich weit aus dem offenen Fenster, um zu sehen, was vorgeht. Wir stehen mitten auf einer Eisenbahnbrücke der Baikalrundbahn. Unter uns gähnt drohend der Abgrund, während der Zug sanft auf der Strecke schwankt und dann ganz zum Stillstand kommt. Passagiere aus anderen Abteilen treten auf den Gang, einige schauen vorsichtig aus den Fenstern.

"Vielleicht ein Problem mit der Spurweite", mutmaßen Omar und Javad.

Meine Brüder sind inzwischen Experten für Züge. Und Brücken. Und Ingenieurtechnik. Omar sagt, er wolle später Ingenieur werden. Seit einem Jahr absolviert er ein Fernstudium. Er bekommt die Aufgaben überall auf der Strecke, indem er Napoleon, Fahrkartenkontrolleur und Hüter des Samowars, in die Bahnhöfe schickt, um die neuesten Pakete mit Arbeitsunterlagen abzuholen. Das ganze Abteil ist voll von seinen Zeichnungen und Berechnungen. Er glaubt, dass die Männer, die diese Brücken gebaut haben, sich durch Granit und Kristall des felsigen Ufers sprengen mussten, die Männer, die die weiten, unwirtlichen Gebiete Sibiriens umgegraben und ausgehoben und mit Dynamit geräumt haben, prachtvolle Brücken und Tunnel gebaut, gegen bedrohliche Überflutungen und Erdrutsche gekämpft, den Gefahren von Milzbrand und Cholera, den Angriffen von Banditen und Tigern getrotzt haben. Er ist davon überzeugt, dass diese bemerkenswerten Männer die wahren Abenteurer waren, die das Land ihrem Willen unterworfen haben. Eine Welt nach eigenen Vorstellungen zu erschaffen – das ist es, was Omar möchte.

"Leg es weg, Samar." Ich habe mir eine von Omars Zeichnungen genommen, um sie näher anzuschauen, stählerne Linien, die, sich überkreuzend, ein filigranes Muster bilden.

"Du verstehst es nicht." Omar seufzt lächelnd.

"Dann erklär es mir." Ich setze mich neben meinen ältesten Bruder und werde ein Teil seiner neuen Welt, errichtet aus Schönheit und Erfindungsgabe.

"Zum einen hältst du es verkehrt herum." Er lacht, mein Interesse scheint ihn zu belustigen. Ich drehe die Zeichnung richtig herum.

"Schon besser. Schau mal …" Er fährt mit den Fingern die Umrisse der Zeichnung nach. Omars Augen strahlen, als er mir seine Arbeit erklärt, überrascht und erfreut, eine so aufmerksame Zuhörerin zu haben.

"Woher weißt du, dass es funktioniert?" Ich staune über die Gradangaben, die Winkel, die verdrehten Metallstrukturen, die er mit Bleistift und Papier heraufbeschwört.

"Ich weiß es nicht. Man weiß es nicht immer. Man muss es einfach versuchen."

Ich bewundere ihn, weil er an sich glaubt, weil er sich seiner selbst so gewiss ist. Bei Omar fühle ich mich sicher – als wäre die Welt eine Reihe lösbarer Rechenaufgaben, greifbar und fest unter meinen Füßen.

"Scht", macht Ara. Sie lernt im Abteil nebenan Französisch – Madar unterrichtet sie darin – , und wir stören sie bei ihren Konjugationen.

Sie sind überrascht? Nur weil wir umherwandern, vernachlässigen meine Eltern noch lange nicht unsere Schulbildung. Ganz im Gegenteil, leider. Wir lernen Mathematik, Geographie, Naturwissenschaften, Geschichte (mein Lieblingsfach), Philosophie, Politik, Russisch, Englisch und Französisch. Wir lesen (ich lese Tolstois Anna Karenina und besitze eine alte, zerfledderte Enzyklopädie, die mein Schatz ist und in Wahrheit uns allen gehört). Meine Mutter möchte, dass wir für das Leben gerüstet sind.

Nun aber stecken wir mitten auf der Brücke der Baikalrundbahn fest und blicken an einer Seite auf einen Felshang voller Lärchen, Kiefern und Birken, an der anderen auf die gewaltige Weite des Sees. Nachdem der Zug angehalten hat und wir die Fenster geöffnet haben, sitze ich da und horche auf die Rufe der Buschsänger, die um den See flattern. Wir kennen inzwischen alle Vögel und auch die meisten anderen Tiere unterwegs. Javad und ich können stundenlang dasitzen und Töne, Gefiederfärbung und Zeichnung mit den Bildern und Beschreibungen in der Enzyklopädie abgleichen, oder wir fragen Napoleon, eine unerschöpfliche Wissensquelle für alle Dinge, die mit der Reise verbunden sind. Ansonsten haben wir wenig zu tun, und es hilft, die Zeit zu vertreiben.

"Was ist los? Warum haben wir angehalten?", fragt meine Mutter Napoleon, der in diesem Augenblick vorbeigeht.

"Auf der Brücke steht ein Hirsch. Wir warten darauf, dass er sich bewegt."

"Ein Hirsch?"

"Ja. Entweder springt er runter oder schafft es, sich umzudrehen und in den Wald zurückzulaufen. Falls er sich nicht bewegt, muss der Lokführer … nun ja …"

Napoleon wirft einen verstohlenen Blick auf uns Kinder. Sitara quellen fast die Augen aus dem Kopf, als sie an den Hirsch denkt, der auf der Bahnstrecke hoch über dem See schwankt (dem tiefsten See der Welt, das nur am Rande).

"Vielleicht könnte ich helfen", sagt Javad. Er ist von meinen Brüdern am freundlichsten, derjenige, der einen am seltensten an den Haaren zieht oder mit Schimpfwörtern bedenkt, derjenige, der sich stets die meisten Sorgen macht.

"Danke, aber ich glaube nicht …" Napoleon schüttelt den Kopf. Er ist ein gütiger, freundlicher Mann, der nachts in stille Melancholie verfällt, der uns alle liebgewonnen hat, die seltsame, umherziehende Familie, die scheinbar leidenschaftlich gern und unablässig mit dem Zug reist.

"Lass mich. Bitte", bettelt Javad.

"Javad …", ruft Madar ihm nach, doch er ist Napoleon bereits vorausgeeilt und windet sich durch in den nächsten Wagen bis ganz nach vorn, wo der Lokführer sitzt.

Meine Mutter seufzt, aber sie hat inzwischen gelernt, dass Kinder ihr Leben selbst leben müssen, so verlockend es auch sein mag, es für sie zu tun. Und so zuckt sie nur mit den Achseln und wartet ab. Fünf Minuten später ruft Omar, der sich noch immer aus dem Fenster lehnt: "Hey, da ist Javad. Er steht beim Hirsch auf der Brücke."

"Was macht er denn?", will Baba wissen.

"Er … redet mit ihm."

"Ich glaube es nicht – er will den Hirsch verzaubern! Na toll", spottet Ara, die sich keine Sorgen machen will, aber angestrengt über Omars Schulter blickt.

Wir alle halten die Luft an, sind uns der Dummheit unseres Bruders nur zu bewusst; ein gemeinsames Atemholen, begleitet von stummen Gebeten, und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, erhebt sich im vordersten Wagen Jubelgeschrei.

"Was ist da los?", fragt Baba.

"Er hat es geschafft. Der Hirsch … Er hat ihn dazu gebracht, zurückzulaufen. Hurra!", schreit Omar.

Nach ein paar Minuten setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Der Lokführer tutet, und alle lachen und jubeln. Javad stürmt zurück in den Wagen, mit glänzenden Augen. Er ist der Held des Tages. Aber nicht das, denke ich, macht ihn so glücklich, und auch nicht das Gefühl, den verängstigten Hirsch gestreichelt und weggelockt zu haben, als er schwankend auf den stählernen Schienen stand. Nein, die frische Luft und seine Füße auf dem Metall und dass er dem Tod von der Schippe gesprungen ist, das macht ihn geradezu schwindlig. Ich bin eifersüchtig, weil er in diesem Augenblick so lebendig aussieht. Baba holt eine Tüte Zucker heraus. Omar läuft mit der Teekanne zum Samowar, und dann trinken wir mit warmem, gezuckertem Tee auf Javads sichere Rückkehr.

"Auf Javad", sagt Omar und klopft seinem jüngeren Bruder auf den Rücken.

"Auf Javad." Ein Lächeln zuckt um Aras Lippen, als sie ihr Glas hebt, um auf seinen Erfolg anzustoßen.

"Wie hat es sich angefühlt?", fragt der kleine Arsalan und betrachtet Javad mit neuerwachtem Interesse und Respekt.

Dieser zuckt mit den Schultern.

"Hast du den Hirsch angefasst?", fragt Sitara, staunend und mit großen Augen. "Hast du mit ihm geredet?" Javad nickt. Sie lehnt sich näher heran. Er macht eine Geste, als wollte er ihr ein Geheimnis anvertrauen.

"Er hat gesagt …" Er flüstert ihr etwas ins Ohr, das wir nicht hören können. Sitara reißt den Mund auf.

"Nun necke sie doch nicht", sagt Omar rasch.

"Tu ich nicht", entgegnet Javad kühl und wendet sich zu Baba, der ihn stolz betrachtet, während er noch einmal erzählt, wie er den Hirsch rückwärts über die Brücke und von den Gleisen weg in Sicherheit gelockt hat.

Ich nehme meine alte Ausgabe von Anna Karenina – ich lese langsam auf Russisch – und gehe in den Speisewagen, wo ich ungestört am Fenster sitzen und lesen und für kurze Zeit in eine andere Welt entfliehen kann, eine andere Haut als meine eigene. Ich verberge mich hinter meinen Haaren und drehe den Körper zum Fenster. Ich bin so klein, so schmal – ein Schattenmädchen – , dass ich mir ausmale, die anderen Fahrgäste würden mich nicht einmal bemerken.

Ich habe angefangen, im Zug zu lesen. Erstens vertreibt es die Zeit. Zweitens beschwichtigt es meine Mutter, die glaubt, dass ich mich bilde und mir meiner Umwelt bewusst werde (wenn sie wüsste, worum es in meiner geliebten Anna Karenina geht, würde sie die Lektüre kaum gutheißen). Drittens, und das ist am wichtigsten, schützt mich das Lesen vor den aufdringlichen Stimmen der Fremden und ihren unablässigen Fragen. Am schlimmsten ist die Frage: "Wohin fahrt ihr?" Manchmal lüge ich und suche mir irgendeinen Haltepunkt auf der Strecke aus – Irkutsk oder Ulan-Ude, manchmal sogar Moskau – und sage: "Dorthin fahren wir." Und wenn sie fragen: "Und was macht ihr da?", antworte ich: "Leben, einfach leben."

Ein Bett in einem Zimmer, das sich nachts nicht bewegt. Einen Raum für mich allein – einen Raum, in dem ich still sein und denken und schreiben kann. Einen Garten zum Spielen. Einen Ort, an dem ich etwas wachsen lassen kann. Mehr wünsche ich mir nicht.

***

Ich war fünf Jahre alt, als wir Kabul für immer verließen.

In meinen frühesten Erinnerungen sehe ich das Haus in Kabul, in dem wir damals wohnten – das einzige Heim, das ich bis dahin kannte. Es war ein großes, eindrucksvolles Gebäude mit zwei Stockwerken, das blassgelb gestrichen und sehr viel prächtiger war als die niedrigen, schlammfarbenen Häuser, die sich im Schatten der Berge drängten und aus denen die Stadt größtenteils bestand. Es lag in Shahr-e-Naw oberhalb des Parks und war durch einen ummauerten Garten vor dem allgegenwärtigen Staub geschützt, die Vorderseite eingerahmt von hochgewachsenen Koniferen, während an den Seiten Kiefern und Lärchen wuchsen. Vor der Haustür standen große Rhododendren, dazu Rosen und Geißblatt, so dass man den Duft mitnahm, wenn man das Haus betrat. 

Ich verbrachte die meiste Zeit im Innenhof des Anwesens. Er war voller Blumen und Bäume – Walnuss, wilder Pfirsich, Wacholder – , und in der Mitte wuchs ein wunderschöner Mandelbaum. Ich saß gern im Schatten der grünen Blätter oder im Frühjahr unter den Blüten und spielte dort nach der Schule mit Javad und Ara oder den Nachbarskindern, die mir vom Alter her näher waren. 

Noch vor wenigen Jahren war die Straße, an der das Haus stand, von Bäumen gesäumt gewesen. Das war, bevor die Sowjets begonnen hatten, sie zu fällen (angeblich, um die Scharfschützen der Mudschahedin besser sehen zu können). Die Stadt jenseits des Innenhofes und der Mauern wurde nach und nach zerstört, obwohl mir das damals nicht bewusst war, weil Madar und Baba versuchten, uns vor dem heraufziehenden Chaos zu beschützen. 

Vom Dach des Hauses aus konnte man über die Stadt blicken, die von den weißgekrönten Bergen des Hindukusch umgeben war. Ich weiß noch, wie ich einmal mit Javad hinaufschlich und zusah, wie Tausende leuchtend bunter Papierdrachen flatterten, umhersausten und in den Abendhimmel emporstiegen. 

Heutzutage sieht man in Kabul keine Drachen mehr – wie alles Schöne haben die Taliban auch sie verbannt. Sie fürchten sich vor der Schönheit, vor dem, was in den Herzen der Menschen ist. 

Manche Dinge kann  man nicht vergessen. Sie reisen mit uns. Bis zum Schluss. Dies ist meine Reise.

Lesen Sie hier, wie es weiter geht

Manchmal erzählen uns Madar und Baba abends im Speisewagen, wie die Stadt früher einmal war.

"Es war das Paris Asiens", seufzt Madar. "Es gab Geschäfte, Kinos, Restaurants …"

"Und Plattenläden", fügt Baba hinzu. "Man konnte hingehen und Musik aus aller Welt hören. Duke Ellington war sogar mal in Kabul. Der Jazz kam nach Kabul. 1963. Ghazi-Stadion. Fünftausend Menschen. Stellt euch das vor."

Es war schwer, diese Stadt voller Farben, Musik und Freiheit mit jener zu verbinden, die wir hinter uns gelassen hatten. Doch wir alle nickten, verloren in der Erinnerung,  und  sogen die Wehmut  unserer  Eltern  nach  einer  längst  verschwundenen Stadt in uns auf.

"Faiz Khairzada hat es organisiert", sagt Madar nachdenklich. "Und das Ballett – das Joffrey Ballet – war auch da und Eisenhower, da war ich noch ein Kind. Es war eine andere Zeit." Sie sieht traurig aus.

Es ist kaum möglich, mir Baba und Madar so vorzustellen – jung, hoffnungsvoll, in  einer Welt  voller Möglichkeiten, die dann einfach verschwand. Es erscheint mir zu grausam.

Das gelbe Haus  gehörte Arsalan, der uns bei sich aufgenommen  hatte. Obwohl  er der beste Freund  meines Vaters war, war er auch mit  meiner Mutter  befreundet. Sie hatten alle zusammen  an  der  Universität von Kabul studiert,  und

Baba hatte Madar kurz nach ihrer ersten schicksalhaften kommunistischen Versammlung, lange bevor die Sowjets kamen und alles sich veränderte, mit Arsalan bekannt gemacht. Madar und Baba sprechen oft von dem Abend, an dem sie sich begegnet sind – hoch oben in den Höhlen hinter der Stadt, in einer Gruppe von Studenten, die begierig nach neuen Ideen waren, nach neuen Lebensweisen. Alle waren waghalsig und revolutionär, saßen im flackernden Kerzenschein, Madar und Baba wechselten verstohlene Blicke, es war der Beginn einer echten Romanze, die an der Universität erblühte. Es ist eine Geschichte voller Abenteuer und Heimlichkeiten, die wir immer wieder hören möchten.

Madar studierte Medizin – sie hatte schon immer die Gabe besessen, Menschen zu heilen, Dinge besser zu machen, selbst wenn der Schmerz unerträglich war. Mein Vater wollte Rechtsanwalt werden und in die Politik gehen, das wünschte sich auch sein Vater – ein Leben, das anders war als sein eigenes; ein Leben voller Möglichkeiten.

"In jenen Tagen konnte man alles tun, alles sein, sich alles vorstellen", sagt Madar lächelnd und nickt.

Mir fällt es schwer, das zu glauben, aber ich höre ihr zu. Ihre Stimme verlockt mich.

Als Junge hatte Vater mit meinem Großvater in den Bergen von Baglan Schafe und Ziegen gehütet. Eines Tages war eine Schlammlawine durch das Tal abgegangen, und er hatte zwei Wanderer tiefer unten gewarnt, worauf diese kehrtmachten und so ihr Leben retten konnten. Wie sich herausstellte, waren diese Wanderer Arsalan – damals noch ein Junge, genau wie mein Vater – und dessen Vater, die im Frühjahr den Hindukusch besucht hatten. Und so spielten Baba und Arsalan zusammen im Bergdorf meiner Großeltern und wurden enge Freunde, wobei Arsalan für immer in seiner Schuld stand. Arsalans Familie war reich und politisch wie die meiner Mutter,  und sie waren es auch, die sich von da an um meinen Vater kümmerten, seine Ausbildung unterstützten, ihm später eine Unterkunft in Kabul besorgten und ihn ermutigten, Rechtsanwalt zu werden, weil Arsalan es so wollte, weil Baba ihm das Leben gerettet hatte. So jedenfalls erzählt Baba die Geschichte.

Und nun wollte Arsalan sich um meinen Vater und dessen wachsende Familie kümmern.

Er  selbst war unverheiratet und  behandelte  meinen Vater wie seinen Bruder, meine  Mutter  wie seine Schwester und uns so freundlich, als wären wir seine eigenen Kinder. Jene frühen Jahre im gelben Haus waren glücklich. Doch eines Tages, als ich fünf war, veränderte sich alles, und das Glück und die Leichtigkeit verschwanden urplötzlich, die Luft wurde dunkel und drückend. Ich erfuhr nie, was wirklich geschehen war, doch von da an gaben wir den Sowjets die Schuld an allen schlimmen Dingen, die geschahen: den Kämpfen, später den Taliban oder dem Zorn der Männer – und blickten nie in unser eigenes Herz.

Wenn ich mich sehr bemühe, kann ich mich an Bilder, Geräusche, Empfindungen  erinnern. Ich war damals so klein und  staune  daher, dass ich mich  überhaupt  an  etwas erinnern kann. Doch nun, da wir von einem Land ins nächste treiben  und  nie  sesshaft werden, sind  mir  diese Erinnerungen zunehmend  wichtig. Dinge blitzen auf – meine Mutter  und Arsalan, die auf der Schwelle zum Innenhof des gelben Hauses miteinander  streiten,  während  sie mich  in  den  Armen hält, wie ihr Herz hämmert, wie er sie Zita nennt. Ich erinnere mich an seinen Geruch, als er sich zu uns beugt, die Hand über der Schulter meiner Mutter gegen den Türrahmen stemmt und sie eindringlich ansieht. Er spricht über meine ältere Schwester Ara und über Omar. Madar weint. Ich weiß noch, dass ich mit meinen dicken Fingerchen ihre salzigen Tränen abwischen wollte.

Das Bild lässt mich nicht los, weil sie selten weinte und es mich daher schockierte. Madar nahm mich an die Hand  und ging mit mir zum Mandelbaum, wo sie sich hinkniete, damit sie mir in die Augen schauen konnte, und mich anwies, leise zu spielen, es werde nicht  lange dauern. Ich  erinnere mich, wie sie mit Arsalan ins Haus ging. Bald war ich damit beschäftigt, glücklich im Schmutz des Innenhofs zu spielen, und bemerkte erst allmählich, dass der Streit verstummt war. Nach einer Weile kam Arsalan wieder in den Hof, schwang mich hoch in die Luft und drehte sich mit mir im Kreis, bevor er davonging. Die Augen meiner Mutter  waren rotgeweint, und ich spürte, dass sich etwas verändert hatte.

Danach wurde Madar schwanger und verbrachte die meiste Zeit im Bett, wo sie in der Dunkelheit schluchzte und die Wände anstarrte. Sie machte kein Aufhebens mehr um uns. Sie

schimpfte nicht einmal, wenn wir sie provozierten. Es war, als hätte  sich das Licht, das gewöhnlich in ihren Augen tanzte, verdüstert, als wäre all ihr Ungestüm vergangen. Von da an war ich nicht länger Mittelpunkt  ihrer Welt und musste allein im Schatten  des Mandelbaums  spielen, während  meine Brüder und meine Schwester in der Schule waren.

Arsalan kam immer öfter morgens, wenn Baba gegangen war, ins Haus zurück, und meine Mutter wurde immer blasser und stiller. Sie freute sich nicht mehr, ihn zu sehen.

Am Tag, an dem mein jüngerer Bruder geboren wurde, gab es einen schrecklichen Streit zwischen Baba, Arsalan und Madar. Arsalan war am Vorabend gekommen  und  hatte  einen Arzt mitgebracht. Er wirkte ungewohnt nervös. Meist war er groß  und  laut, dröhnend  geradezu, jemand, der  den  Raum und die Luft um sich herum ausfüllte. Er schlief in einem Sessel am Fuß  des Bettes, in dem meine Mutter  lag, und mein Vater lief die ganze Nacht im Zimmer auf und ab, ging in den Hof und kehrte wieder ins Zimmer  zurück. Es waren lange, schmerzhafte Wehen, und meine Mutter schrie bis spät in die Nacht hinein.

Meine Schwester Ara kam herunter und zerrte mich aus dem Bett. Sie sagte, ich solle mir die Ohren  zustopfen, und dann saßen wir alle bedrückt und unsicher, in Decken gewickelt, auf dem Dach und blickten auf den Nachthimmel über Kabul, horchten auf die Granaten in der Ferne, blendeten die Schreie von unten so gut wie möglich aus, waren verbannt, bis die Erwachsenen ihre Angelegenheiten geklärt hatten.

Der kleine Arsalan (wie das Baby zu Ehren  des Freundes genannt wurde) erblickte in der Morgendämmerung das Licht der Welt und war von Anfang an ein lautes, ungestümes Baby. Kräftige Lungen und winzige, fest geballte Fäuste. Kurz nachdem er auf die Welt gekommen war und sein Namenspatron ihn  auf dem Arm  gehalten und  ihm  viel Glück  gewünscht hatte, verließ Arsalan das Haus. Es war das letzte Mal, dass wir den Freund meines Vaters lebend sahen.

Das nächste Mal sahen wir Arsalan eine Woche später. Omar fand ihn, er hing am Mandelbaum im Innenhof, alles Leben und Gelächter war aus seinem starken Körper gewichen, seine Augen waren glasig, seine Gliedmaßen schlaff.

Als meine Mutter  ihn erblickte, ließ sie beinahe das Baby fallen, und ihre Schreie drangen in die Luft über Kabul. Sie wurde hysterisch. Baba blieb vergleichsweise ruhig und holte Arsalans Messer, das immer auf einem Sims über der Küchentür lag, ging zum Baum und schnitt seinen Freund los, dessen Leiche mit einem dumpfen Aufprall im Staub landete. Baba weinte oder schrie nicht und riss sich auch nicht an den Haaren. Er schien überhaupt nicht überrascht, dass Arsalan, sein lebenslanger Freund, eines so elenden Todes gestorben war. Stattdessen wandte er sich um und bedeutete uns, ruhig zu sein.

"Das geschieht, wenn sich der Wind dreht. Bald holen sie uns. Wir müssen weg hier. Dies ist nicht mehr unser Zuhause."

Madar hörte ihn jedoch nicht, denn sie war auf dem Boden zusammengesunken, in den Armen das Baby, das mit seinen eine Woche alten Lungen aus Leibeskräften schrie.

Am selben kalten Februartag verließen die letzten sowjetischen Truppen das Land. Damals wusste ich natürlich nichts darüber, nichts von der Politik, die uns umgab. Ich hatte keine Ahnung, was diese Veränderung bedeuten würde.

Baba verwendete oft das Wort "deprimierend", wenn er von den Sowjets oder Russen oder dem Kommunismus sprach, und dann nickten wir höflich und gaben uns wissend, aber natürlich wussten wir nichts, verstanden nichts außer der Tatsache, dass die Sowjets eine fortwährende Enttäuschung im Leben meines Vaters gewesen waren. Er hatte sich mit Marxismus und Leninismus beschäftigt, mit den Idealvorstellungen einer allumfassenden Brüderlichkeit und Gleichheit, hatte bei den früheren Geheimtreffen in den Bergen ernsthaft zugehört und letzten Endes erkannt, dass alles nur Betrug war.

Im Haushalt ging es jetzt seltsam zu. Madar und Baba, die immer beste Freunde gewesen und warm und gütig miteinander  umgegangen waren, wirkten  kalt und  steif. Sie sprachen leise und gedämpft bis spät in die Nacht. Ara und Omar trieben sich an der Tür herum, um zu horchen, und wir tr gen die Nachrichten als stille Post weiter. Im Staubbecken von Kabul ging so etwas als Zeitvertreib und Beschaffung wesentlicher Informationen durch.

"Ich glaube, sie wollen mit uns in die Berge", sagte Omar.

"Wieso?", fragte Javad.

"Weil Baba von Gorbatschow angewidert ist, er hält ihn für einen schwächlichen Narren … die Mudschahedin hätten wohl doch recht."

"Unwahrscheinlich."  Javad schüttelte den Kopf.

"Vielleicht fahren wir zu Madars Eltern", sagte Ara sehnsüchtig. Sie wollte endlich unsere Großeltern mütterlicherseits kennenlernen, die uns fremd waren und dank Madars großartiger, ehrfurchtgebietender Schilderungen ihrer Herkunft, die sie spätabends am Feuer vortrug, wie Könige erschienen.

Wir wussten nicht, was geschehen würde, doch war uns auf entmutigende Weise klargeworden, dass Madar und Baba, die allen Widrigkeiten gemeinsam getrotzt hatten, sich nun in entgegengesetzte Richtungen bewegten.

Nachdem ich Tolstoi gelesen habe, weiß ich, dass romantische Beziehungen sich gelegentlich solchen Herausforderungen stellen müssen und derartige Probleme überwinden können. Damals jedoch wurden wir alle von einem Gefühl des Unheils und der Panik ergriffen, dem Gefühl, am Rande einer Welt zu stehen, die wir nicht verstanden.

Bevor wir das gelbe Haus für immer verließen, stritten sie sich vor allem um eines: Madars Geld und dass Baba keines besaß. Baba wollte, dass sie Arsalans Geld annahmen, so wie sie das Geld angenommen hatten, das Amira Madar geschenkt hatte. Wie sich herausstellte, war Arsalan ein sehr reicher Mann gewesen. Spätnachts hörten wir unsere Eltern reden.

"Nimm es, Azita … Er hätte es so gewollt." Baba schrie beinahe.

"Nein, es ist Blutgeld." Madar weinte. "Wir werden es nie von unseren Händen waschen können. Es würde alles vergiften und Unglück bringen", schluchzte sie.

"Denk doch mal praktisch, Azita. Denk an die Kinder – ihre Zukunft."

Wir hörten, wie Madar die Küchentür hinter sich zuschlug und in den Garten rannte.

Wir wussten nicht, woher Arsalans Geld stammte; wir wussten nicht, was er getan, womit er seine Tage und Nächte verbracht hatte.

"Geschäfte", hatte er nur gesagt, wenn jemand danach fragte.

"Die Geschäfte laufen gut", oder manchmal, mit gerunzelter Stirn: "Ach, die Geschäfte gehen schleppend." Und dann brachten sie ihn um.

Vermutlich haben wir es Arsalan und seinem schmutzigen Geld zu verdanken, dass wir jetzt von Ost nach West, von West nach Ost reisen können. Vermutlich hat Arsalans Geld uns geholfen, Afghanistan zu verlassen, und uns damit das Leben gerettet. Und es ist Arsalans Geld, das meine Mutter ausgeben will, indem sie die Reise wieder und wieder unternimmt, während sie und Baba sich streiten, welcher Ort  sicher genug sei, um den Namen Zuhause zu verdienen. Wir können nur spekulieren, schnappen Fetzen wütender Gespräche zwischen unseren Eltern auf. Wir sind entkommen. Wir sind am Leben. Sollen wir etwa deswegen unglücklich sein?

Manchmal  kommen die Gespräche im Speisewagen auf Politik, aber wir verstehen nicht, was sie bedeuten – Baba scheint die Sowjets gleichzeitig zu lieben und zu hassen. Madar

ist stiller; sie sagt nicht, was sie denkt, was sie für richtig hält, was das Beste für unser Land ist. Auch hier ist etwas zwischen ihnen zerbrochen und begraben.

"So etwas geschieht, wenn Männer um Ideen kämpfen", sagt meine Mutter.  Länder werden zerstört, Leben zu Kollateralschäden, und man begreift, dass nichts ewig hält. "Nichts hält ewig" ist eines von Madars Lieblingssprichwörtern. Ich hoffe, sie hat recht, denn sosehr ich Napoleons Geschichten, die Schönheiten der Reise und die Neugier auf unsere Mitreisenden auch genieße und mich auf die kurzen Aufenthalte unterwegs freue, bin ich doch bereit, mir ein neues Zuhause zu suchen. Ich bin bereit, diese Zugfahrt nicht ewig währen zu lassen.

"Denk an Vetter Aatif", empört sich Madar.

Wir schrumpfen förmlich ein am Tisch, fürchten uns vor dem langen Schatten, den unser geliebter Vetter Aatif wirft.

"Er hätte alles werden können, einfach alles", sagt sie und schüttelt kummervoll und verwirrt den Kopf.

Auch er war bereit, sich ein neues Zuhause zu suchen.

Ich weiß noch, wie er uns im gelben Haus besuchte. Er war sanft und freundlich und daran interessiert, sich mit mir zu unterhalten, erfreute sich an meinen unablässigen Fragen, meiner fünfjährigen Neugier auf die Welt  um mich herum. Sein Lachen klang warm und tief, und Madar war immer glücklich, wenn er zu Besuch kam und ihr Neuigkeiten von zu Hause brachte.

Als er in den Iran  ging und  wir nichts  von ihm  hörten, gaben wir zunächst der Post die Schuld, dem Telefonsystem, der Entfernung, dem fremden Land. Doch als das Schweigen anhielt, fürchteten wir allmählich, Aatif könne etwas Furchtbares zugestoßen sein. Er war kein Mensch, der einfach wegging und die Verbindung zu seiner Familie abbrach. Er  war nicht stolz wie mein Großvater. Madar und Baba fragten alle, die sie kannten, was aus ihm geworden sei. Wir konnten die Ungewissheit nicht ertragen. Wir konnten die Stille nicht ertragen. Monate vergingen, dann Jahre, und es wurde zu einer weiteren Traurigkeit, die wir in uns trugen. Zu einer Wunde, die nie ganz verheilte.

Die Autorin

Die Irin Laura McVeigh wurde mehr aus Zufall Autorin: 2016 nahm sie am Wettbewerb einer englischen Verlagsagentur teil, bei der Interessierte ihre Romanidee in 140 Zeichen twittern sollten. Sie gewann und fand gleich einen Verlag für ihr Debüt über eine Kabuler Familie auf der Flucht. Früher arbeitete sie als Direktorin des "Global Girls Fund", der sich u. a. für die Gleichberechtigung von Mädchen weltweit einsetzt. Später wurde sie Vorsitzende des Internationalen P.E.N.-Clubs, der für den Schutz und die Freiheit von Kultur in der Welt kämpft.

Buchtipp

"Als die Träume in den Himmel stiegen" von Laura McVeigh ist für 14,99 Euro als Klappenbroschur im Verlag FISCHER Taschenbuch erschienen und ist außerdem als E-Book für 12,99 Euro erhältlich. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Susanne Goga-Klinkenberg.


© Illustrationen: Julia E. Kluge; Fotos: PR

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© Autorenbild: privat


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