Beziehungskiller Urlaub

Eigentlich sollten Ferien für Entspannung und Erholung sorgen, trotzdem endet bei vielen Pärchen die Reise mit einem riesen Knall. Woran liegt das? Wir haben einen Experten gefragt.

Birte Mußmann

Raus aus dem Alltag, rein in den Flieger und alle Sorgen zu Hause lassen: So lautet der gute Vorsatz vieler Paare, die sich auf Reise begeben. Doch am Urlaubsort angekommen, dauert es meist keine 24 Stunden bis der erste Streit aufkommt. Sie belehrt ihn über den richtigen Sonnenschutzfaktor und das abzuarbeitende Kulturprogramm. Er schaut Strandschönheiten hinterher und guckt abends lieber Fußball, anstatt die Stadt unsicher zu machen. Da nützt auch der paradiesische Strand nichts, um die Wogen zu glätten.

Paartherapeut Christoph Uhl kennt sich mit dieser Problematik aus und hat uns im Interview erklärt, was die Ursachen für solche Streitigkeiten sind. Auch wenn er davon überzeugt ist, dass für die meisten Paare der Urlaub ein tolles Erlebnis ist, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der Stresspegel bei vielen Beziehungen während oder kurz nach der Reise ansteigt.  

Urlaub sollte eigentlich eine Zeit der Entspannung sein, warum streiten sich so viele Paare trotzdem?  

Uhl: Wenn es im Urlaub Streit gibt, dann hat das fast immer mit zu hohen Erwartungen zu tun. Dann zeigt sich meistens eine von vier Konstellationen:

1.) Im Urlaub MUSS es mit der Beziehung ganz besonders gut klappen. Es ist die schönste Zeit im Jahr, da soll es harmonisch, romantisch, konfliktfrei sein - so zumindest sind die Erwartungen. Das ist durchaus nachvollziehbar. Im Alltag stehen das "Management" des eigenen Lebens, des Berufs, der Familie mit Kindern, der Partnerschaft im Vordergrund, da bleibt häufig zu wenig Zeit für entspannte Zweisamkeit. Was 49 Wochen im Jahr zu wenig Raum hat, soll dann in drei Urlaubswochen auf Anhieb klappen und die während des Jahres entgangenen Momente der Zweisamkeit wett machen. Das ist einfach zu viel, was da die Partner voneinander und von sich selbst erwarten. Das kann nicht klappen.  

2.) Schlummernde Konflikte, die im Alltag unter der Oberfläche bleiben oder mangels Zeit und Muße nicht geklärt werden können, entladen sich im Urlaub, wenn die Auseinandersetzung unausweichlich wird.  

3.) Der Urlaub wird zum Beziehungstest, oder neudeutsch ausgedrückt: zum "Stresstest der Beziehung". Der gemeinsam verbrachte Urlaub wird dann als Belastungsprobe oder Spiegelbild der Partnerschaft verstanden. Waren beide Partner im Urlaub miteinander glücklich, heißt es hinterher: Wir haben eine tolle Partnerschaft. Gab es Krach, steht alles in Frage. Doch Urlaub ist eben nicht repräsentativ für den Alltag. Wenn der Urlaub nicht so toll ist, dann sagt das noch längst nicht alles über die Partnerschaft insgesamt aus. Urlaub als Beziehungstest, das heißt fast immer, dass zusätzlicher Stress entsteht. Der Verlauf des Urlaubs bildet dann ein verzerrtes Bild der Alltagsrealität.  

4.) Ein Sonderfall: Der Urlaub dient als entscheidende Begründung dafür, dass eine Trennung unausweichlich ist. Der im Grunde seines Herzens schon vor dem Urlaub trennungswillige, aber noch nicht vollkommen entschiedene Partner begründet dann seine Absichten damit, dass selbst der Urlaub das Ende nicht abwenden konnte. Es geht also genau genommen nicht um den Urlaub, sondern um einen plausiblen Trennungsgrund. Inwiefern unter solchen Voraussetzungen ein Urlaub in glücklicher Zweisamkeit überhaupt gelingen kann, ist natürlich fraglich. Daher gehe ich auf diesen Fall nicht weiter ein. 

Was sind die häufigsten Streitgründe?  

Gibt es Streit im Urlaub, so dreht er sich fast immer um sehr ähnliche Themen, wie zuhause auch, nämlich um unterschiedliche, oft konkurrierende Wünsche, Vorstellungen und Bedürfnisse der Partner und deren Erfüllung. Streitigkeiten drehen sich dann zum Beispiel um unterschiedliche Vorstellungen zum Urlaubsort, zur Unterkunft, zur Tagesgestaltung oder zur Aufgabenverteilung bei Selbstversorgerurlauben. Was im Urlaub häufig anders ist: Die Konfliktthemen fallen durch die ständige Nähe beider Partner stärker ins Gewicht als im Alltag. Wer es zum Beispiel lieber ruhig und behaglich mag, während der Partner gern als Partylöwe unterwegs ist, stört sich daran zu Hause vielleicht nur selten, weil es schlicht an Anlässen mangelt. Doch am Urlaubsort, wenn es täglich die gleichen Diskussionen zur Abendgestaltung  gibt, ist Ärger viel wahrscheinlicher. Reichlich Zündstoff steckt auch in der Erwartung, einen seit langem schwelenden Konflikt in der Ruhe der Ferien endlich lösen zu wollen.    

 

Was würden Sie Paaren raten, um Streit zu vermeiden?  

Das beste Mittel, um Streit im Urlaub zu vermeiden, ist mehr Urlaub. Mehr Urlaub im Sinne von mehr Klein- und Kleinsturlauben im Alltag. Streit im Urlaub, das haben wir eben gesehen, hat ja sehr häufig damit zu tun, dass Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen an die Partnerschaft nicht in dem Maße erfüllt werden, wie es sich ein oder beide Partner erhoffen und ersehnen. Streit im Urlaub ist also ätzend, aber er ist nicht dumm! Der Urlaub ist nur zu kurz und vor allem zu selten, um den - berechtigten! - Erfordernissen gerecht zu werden.  

In einer so komplexen Welt, in der wir heute leben, braucht es mehr Freiraum, als häufig zur Verfügung steht, in denen sich die Partner austauschen und Zeit miteinander verbringen können. Es braucht im wahrsten Sinne des Wortes mehr "Frei"-Zeit für die Partnerschaft. Das gilt ganz besonders für Paare mit Kindern. Denn Eltern sind nicht nur Eltern, sondern vor allem auch ein Paar, das Raum für sich als Paar, nicht als Elternpaar, braucht. Zusätzlicher Leistungsdruck, einen perfekten Paarurlaub zu erleben, bringt da kein Gelingen. Doch wer den Alltag mit genügend Freiräumen für die Partnerschaft spickt, der läuft viel seltener Gefahr, im großen Urlaub enttäuscht zu werden.  

Doch jetzt, kurz bevor viele in die Sommerferien gehen, ist natürlich die Frage, wie kann im nächsten Urlaub Streit vermieden oder zumindest eingedämmt werden. Die meisten Paare, die im Urlaub keinen oder wenig Streit haben, gehen offenbar mit angemessenen Erwartungen auf Reisen. Vor allem erwarten sie vom Urlaub nicht mehr, als er und die Partnerschaft wirklich bieten können. Vor allem begehen diese Paare nicht den Irrtum, den Zustand der Beziehung allein daran zu messen, wie es im Urlaub miteinander "funktioniert". Paare, die einen ruhigen, entspannten Urlaub verbringen, haben sich bei den Reiseplanungen darüber ausgetauscht, was jedem wichtig ist, und darauf verständigt, was von den Wünschen und Bedürfnissen Platz haben soll. Bei unterschiedlichen Vorstellungen wird ein gesunder Mix vereinbart. Solche Paare erkennen an, dass es schön ist, viel Zeit gemeinsam zu verbringen, und zugleich jeder auch einmal ein paar Stunden am Tag etwas allein unternehmen kann.  

 

Und wie reagiert man, wenn es doch mal zu Unstimmigkeiten kommt?

 Urlaubszeit ist ja - im besten Sinne - eine Art Ausnahmezustand. Meine Idee wäre daher, zwei Ebenen zu unterscheiden. Zum einen die aktuelle Situation im Urlaub, zum anderen das, was das Paar daraus in der Zukunft macht. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen bei Streit im Urlaub hart mit sich selbst ins Gericht gehen. Da bekommen Konflikte im Urlaub rasch eine größere Eigendynamik, als sie es zu Hause bekommen hätten. Diesen Paaren geht es jedoch sehr schnell besser, wenn sie anerkennen, dass sie beide - jeder auf seine Art - sehr viel für die Beziehung und einen schönen Urlaub beitragen, einschließlich des Engagements für eine harmonische gemeinsame Zeit. Und dass es bei so viel Nähe auch mal Spannungen geben kann, die sie nicht überbewerten sollten - vor allem nicht in der kostbaren und wohlverdienten Urlaubszeit. Nicht jedes Wort gehört auf die Goldwaage.  

Ein solch gelassener Umgang mit Konflikten im Urlaub kann häufig jedoch nur dann entlastend sein, wenn klar ist: Das Streitthema oder das Streitmuster behält seine Ernsthaftigkeit und wird zu einem späteren Zeitpunkt geklärt, nach dem Motto: später, nicht jetzt. Es geht also um beides, in der akuten Streitsituation den Sinn des Urlaubs im Blick zu behalten, die Entspannung - und zugleich sich gegenseitig zu versichern, dass zu einem späteren Zeitpunkt geklärt wird, was geklärt werden muss. Dieser Aspekt ist deshalb wichtig, weil ja ausgerechnet im Urlaub Konfliktthemen zu eskalieren drohen, zu einem Zeitpunkt also, wenn genau das Gegenteil gewünscht ist: nämlich Ruhe, Entspannung, Sorglosigkeit.


Fotolia/Kurhan


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