Entdecken Sie die stillen Seiten von Mallorca

Zu Mallorca fällt vielen nur Strand, Sonne, Ballermann ein. Eine Wanderung durchs Tramuntana-Gebirge ist der perfekte Weg zur Blitzentschleunigung.

Auf Mallorca winden sich wunderschöne Wanderwege durchs Gebirge

Malle für alle! So sagt man. Aber mit der lärmenden Welt von Sangria und Bananenboot kann ich nicht viel anfangen. Ich suche etwas anderes: Möchte Zeit für mich, Ruhe finden und Natur – vielleicht einen verschwiegenen Ort, den noch nicht jeder kennt. Gerüstet bin ich mit drei Liter Wasser, jeder Menge Müsliriegeln, Kompass und einer Trillerpfeife, um im Notfall lautstark auf mich aufmerksam zu machen.

Morgens um zehn starte ich in Valldemossa meine Suche. Der Fernwanderweg Ruta de Pedra en Sec ist eine etwa 150 Kilometer lange Verbindung von Mallorcas Südwesten bis zum Nordosten. Mein Wanderführerbüchlein warnt: "Steiler Anstieg, Abstieg durch eine steil abfallende Wand. Nicht bei Nässe, Wolken oder viel Wind begehen. Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und Orientierungsvermögen erforderlich." Schluck. Ob ich für diesen Trip gemacht bin? Das Wetter spielt jedenfalls mit. Die Sonne scheint, 20 Grad, wolkenlos. Die Kopfbedeckung sitzt.

Gedanken werden leiser

Allein bin ich nicht. Erstaunlich viele Menschen kraxeln mit mir den Berg hinauf. Beruhigend: Wie Reinhold Messner sehen die auch nicht aus. Aber bald gabeln sich die Wege, und es wird ruhiger. Kleine Steinmännchen markieren den Weg. Ich gehe. Schritt für Schritt. Die Gedanken werden leiser, der Atem schneller. Der Aufstieg ist steil, der steinige Weg aber gut zu gehen. Es folgt eine Hochebene. Mein Puls sinkt, die Stimmung steigt. Ich schlendere durch dichten Steineichenwald und summe ein Lied. Ein weiterer Anstieg, und auf dem nach Norden abfallenden Plateau plötzlich ein traumhaftes Panorama: Von 760 Meter Höhe blicke ich über die Nordküste und die Gipfel der Tramuntana. Mein Ziel, das Bilderbuchdörfchen Deià, liegt 600 Meter weiter unten. Ich atme tief durch und esse erst mal einen Müsliriegel, bevor ich mich an den Abstieg ins Tal mache.

Die Häuser des Dorfs Deía schmiegen sich an einen Hang

Der Weg ist steinig und windet sich steil in Serpentinen durch den Wald. Die Konzentration aufs Gehen macht mir Spaß. Es geht vorbei an Kiefern und verwilderten Olivenbäumen. Der Blick zurück auf die nun über mir liegende Steilwand macht mich stolz: Das alles habe ich geschafft. Ein gutes Stück Weg. Am Nachmittag erreiche ich die Wandererherberge Can Boi, eine hübsch renovierte ehemalige Ölmühle. Leseecke mit Kamin, ein großer Essraum, ein Schlafsaal mit Doppelstockbetten. Und für Familien zwei Viererzimmer. Ich beziehe mein Bett, mache es mir vor der Hütte in der Sonne bequem und stelle verwundert fest: Meine Füße wollen weiterlaufen! Und mein Magen etwas anderes als Müsliriegel! Also noch rüber ins Dorf auf ein Bocadillo (belegtes Weißbrot ohne Butter), Café con Leche (Milchkaffee) und zum Nachtisch eine Ensaïmada (süßes rundes Hefegebäck, in Schweineschmalz gebacken). Unten in der kleinen Bucht Cala Deià schwimme ich noch ein paar Züge und genieße die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages.

Der spanische Rhythmus

Pünktlich um 20 Uhr serviert "Herbergsvater" Miguel mir und zwölf weiteren Wanderern Suppe, Hühnchen und Kartoffeln. Das Essen schmeckt lecker und nach einem anstrengenden Wandertag natürlich gleich doppelt gut! Dazu gibt es mallorquinischen Rotwein und die Geschichten von Mitkraxlern. Um 22.30 Uhr ist das letzte Licht in der Hütte erloschen. Nur vereinzelt dringt ein Schnarcher aus der friedlich daliegenden alten Mühle.

Das Frühstück beginnt um acht Uhr. Das kenne ich aus den Alpen anders. Da wird auf den Hütten schon um sechs gelärmt, und Abmarsch ist spätestens um acht. Hier gilt der spanische Rhythmus, und der gefällt mir! 350 Meter Anstieg und 460 Meter Abstieg warten heute auf mich auf dem Weg von Deià nach Port de Sóller. Irene und Thomas, mit denen ich gestern zu Abend gegessen habe, haben das gleiche Ziel. Höflich lasse ich sie ziehen und freue mich auf einen weiteren Tag nur mit mir. Das ist mein Luxus: Ich muss nichts, außer abends bei der nächsten Hütte ankommen.

Beim Wandern auf Mallorca kann man immer wieder ein traumhaftes Panorama genießen

Der Weg führt mich durch Olivenhaine, vorbei an Palmen und terrassierten Obstgärten. Es duftet nach Thymian und Salbei. Zwischendurch gibt es Ausblicke auf das Blau des Meeres. Es geht über Ziegenweiden und vorbei an Gutshöfen. An einer Quelle fülle ich meine Wasservorräte auf. Nach dreieinhalb Stunden erreiche ich mein Ziel. Die Hütte Muletta ist eine ehemalige Funkstation, liegt hoch über dem Hafen von Port de Sóller und bietet eine fantastische Aussicht. Herbergsvater Toni hat seine eigene Choreografie für die Wanderer: Er weist mir ein Bett in dem leeren Schlafsaal zu. Und bei dem Abendessen platziert er mich zu Florian, der auch allein unterwegs ist. Florian hat die letzten zwei Nächte im Schlafsack auf Berggipfeln übernachtet, in der Dämmerung umkreist von Mönchsgeiern. Mich freuen die neue Bekanntschaft und die spannenden Geschichten nach meinem Tag ganz ohne Worte.


Im Zauberwald

Seit gestern Mittag habe ich kein Auto mehr gesehen oder gehört. Ich gehe durch schroffe Bergwelt und liebliche Oliven- und Eichenhaine. Steige auf 900 Meter Höhe und wieder herab in den Wald. Unter mir gurgelt ein Bach. Es riecht nach Eukalyptus, wenn ich auf das welke Laub trete. Ach, wie wahr: Der Weg ist das Ziel. Sieben Stunden Wandern, es macht mir nichts als Freude.


Am späten Nachmittag liege ich auf einer Waldlichtung im Moos. Die Sonne blinzelt durch die Blätter des Steineichenwaldes. Ich genieße die Stille und Einsamkeit und habe endlich das Gefühl, angekommen zu sein. In einer perfekten Welt, bei mir selbst. Würde eine Märchenlibelle sich zu mir setzen und ein Gespräch beginnen – es würde mich nicht weiter wundern. Die letzte Stunde Weg, die mich zur Herberge Son Amer führen wird, kann warten. 
Ich weiß, morgen beginnt der Abstieg in die Ebene. Mit ihren Autos, Fincas, Swimmingpools. Aber noch ist die Welt fern, irgendwo da unten, ganz weit weg. Sie hat mich noch nicht zurück.

Tipps

Das hübsche Bergdorf Valldemossa ist ein guter Starpunkt, um durch das Tramuntana-Gebirge zu wandern
Touren

Route: Auf dem 150 Kilometer langen geplanten Fernwanderweg GR 221 lassen sich bislang fünf von acht Wanderetappen beschreiten. Starten Sie vom hübschen Bergdorf Valldemossa im Tramuntana-Gebirge bis nach Pollença im Norden der Insel. Beste Wanderzeit: Herbst und Frühling.
 Von den heißen Sommermonaten Juli und August sowie regnerischen Wintermonaten ist abzuraten.


Abkürzung: Gönnen Sie sich eine nostalgische Pause: Die historische Tram bringt Sie von Port de Sóller zum Ausgangspunkt der dritten Tagesetappe in Sóller.

Übernachten

Hotel El Encinar, Valldemossa Das schön abgelegene Hotel bietet ein tolles Ambiente zu fairen Preisen. Praktisch: Der Koffer kann dort über die Wandertage deponiert werden! Tel. +34-971 61 20 00, www.hotelencinar.com, DZ ab 40 Euro

Berghütte Refugi Can Boi, Deià Die bezaubernde alte Ölmühle zählt zu den bisher fünf bewirtschafteten Berghütten auf der Wanderung durch die Tramuntana.

Berghütte Refugi Muleta, Cap Gros Einen irren Blick
auf Leuchtturm und den Hafen von Sóller bietet die alte Telegrafenstation.
Alle Berghütten müssen über die Zentrale in Palma reserviert werden!

www.conselldemallorca.net/mediambient/pedra, Übernachtung: 11 Euro

Mitnehmen

Wanderrucksack Unter den Trekkingprofis lautet die Faustregel: nicht mehr als zehn Prozent des eigenen Körpergewichts tragen. Bei 70 Kilo wäre der Rucksack also mit bis zu sieben Kilo zu füttern. Ein gepolsterter Hüftgurt schont Schultern und Rücken auch auf längeren Strecken.

Wanderschuhe Um schmerzhaften Blasen vorzubeugen, ist gutes Schuhwerk wichtig. Bei der Anprobe sollten die Fersen einen festen Sitz und die Zehen Platz zum Wackeln haben. Vor der Reise unbedingt einlaufen!


Verpflegung Der Körper verbraucht beim Wandern besonders viel Flüssigkeit und Mineralstoffe. Reichlich Wasser und Proviant einpacken: Auf Mallorca gibt’s keine Jausenhütten!

Buchtipp Auf dem rechten Weg bleiben Sie mit dem Wanderführer "Mallorca" von Rolf Goetz, Rother Verlag, 12,90 Euro, und den Wanderkarten "Tramuntana Central" sowie "Nord/Norte", Editorial Alpina, 11 Euro


Text: Frank Siegert Bildnachweise: Istockphoto


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