Flusskreuzfahrt: Sich treiben lassen

Unsere Autorin Ulla Greve wagte sich an ein Experiment: Ganz allein machte sie eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein

Hübscher Halt: Am Drachenfels bei Königswinter kommt das Schiff vorbei - wer will wandert ein Stück, um den Panoramablick über den Rhein zu genießen.

Einmal träumen Wer wie unsere Autorin viel Fantasie hat, kann in einem Stahlwerk am Ufer auch schon mal das indische Taj Mahal erkennen

Schon im Zug auf dem Weg nach Amsterdam bin ich voller Vorfreude: Acht Tage werde ich auf dem luxuriösen Kreuzfahrtdampfer "Amadeus Elegant" von Holland aus gute 800 Kilometer über den Rhein bis in die Schweiz juckeln, von Amsterdam bis nach Basel, mit Halt in neun Städten - und das alles alleinreisend, zum ersten Mal in meinem Leben. Mit 35 macht man ja eigentlich noch keine Flusskreuzfahrt, aber nach viel Arbeit im Job wollte ich meine Gedanken mal vor sich hin plätschern lassen. Ich möchte mich eine Woche nur treiben lassen, auf dem Wasser und zu den Ausflügen an Land.

Mein Bauch fühlt sich trotzdem etwas flau an: Wer schon mal eine Folge "Traumschiff" gesehen hat, weiß, wie alleinstehende Frauen an Bord beäugt werden - Stichwort: Heiratsschwindler. Aber gut, ich sollte mich beruhigen.

Die "Amadeus Elegant" liegt am Kai unweit des Amsterdamer Bahnhofs: Das Schiff sieht prächtig aus, ist mit 110 Metern eher lang als hoch (drei Etagen plus Sonnendeck) und tatsächlich geschmackvoll eingerichtet. Das dunkle Holz stört nicht, der Rest gleicht einem schönen, kleinen Hotelzimmer, aber mit bodentiefem Fenster zum Aufschieben und Blick auf den Fluss. In meiner Kabine liegt der Stundenplan zum Tagesgeschehen. Und dann geht es auch schon los: Wir starten mit einer gemütlichen Grachtenrundfahrt.

"Reisen Sie allein?"

Charmebolzen: Die Reise beginnt mit einer Grachtenfahrt in Amsterdam. Eine Stadt, die jeden um den Finger wickelt.

Mit mir zusammen stehen neun Nationen am Kai, darunter allein zwanzig Asiaten, aber auch Israelis, Kanadier und viele Amerikaner. Die Welt will über den Rhein schippern. Das überrascht mich spontan. In meiner Nähe stehen vier Österreicherinnen, als Gruppe unterwegs, und dann stellt tatsächlich eine der Frauen mit hochgezogener Augenbraue die von mir befürchtete Frage: "Reisen Sie allein?" Erde, tu dich auf! Ich nicke lächelnd und denk mir: Da musst du jetzt durch. Es ist aber nur kurz unangenehm, denn schon bald genieße ich es wieder, nur auf mich achten zu müssen.

"Mit mir stehen neun Nationen am Rheinkanal - Asiaten, Israelis, Kanadier und Amerikaner. Die Welt will eine Flussreise machen. Das überrascht mich."

Ulla Greve

Amsterdam begeistert mich ausnahmslos; diese charmante Stadt über die Grachten kennenzulernen, ist ein Traum. Ich kann mich nicht sattsehen an den alten Giebelhäusern, den Menschen und ihren etwa 1,5 Millionen Fahrrädern. Direkt nach der Tour bringt uns ein Bus bis nach Utrecht, wo das Schiff auf uns wartet. Der Weg dahin führt entlang der Amstel - der Fluss, nach dem Amsterdam benannt wurde. Wir sehen die "Mühle am Kanal", einst gemalt von Vincent van Gogh, ich blicke auf Sommerresidenzen und wundervolle Gärten. AmUfer wachsen Tulpen, hier und da liegt ein Hausboot. Hach, für romantische Träumer wie mich ist das hier eine wundervolle Art zu reisen.

 

110 Meter Schiff zum Wohlfühlen: Jeder Gast hat in seiner Kabine ein bodentiefes Fenster mit Ausblick aufs Wasser.

Zurück an Bord merke ich eine latente Aufregung: Das erste große Dinner steht an. Wie nicht anders zu erwarten, ziehen sich alle fein an. Die Gäste sind meist über 60, ab und an gibt es eine jüngere Tochter, die mit ihrer Mutter verreist. Beim Essen hätte ich nun doch gern eine Begleitung dabei. Aber in den nächsten Tagen nehmen mich die Österreicherinnen in ihre lustige Runde auf, was die Fahrt gleich viel schöner macht. Die Küche unter der Leitung von Chefkoch Marcus Kirchgäßner fährt groß auf. Ich darf hier eine Woche schmausen und herrliche Dinge wie zum Beispiel eine Safran-Fenchel-Consomée, Butterfisch an Thymianrisotto oder eine Eis-Baiser-Bombe beim Captain’s Dinner genießen.

Das deutsche Taj Mahal

Aber zurück zum ersten Abend und meiner ersten Nacht an Bord. Ich hatte mich auf wenig Schlaf und eventuelles Unwohlsein eingestellt, aber nichts davon tritt ein. Ich schlafe wie ein Baby. Nun, ich fühle mich ja auch wie ein dauerhaft im Kinderwagen geschaukelter Säugling, dazu bin ich gut gefüttert und habe eine niedrig schwingende Hirnfrequenz.

Am nächsten Morgen wache ich ungewöhnlich frisch auf und halte erst mal den Kopf aus dem Fenster in die Sonne. Vor mir erstrahlt ein riesiges Stahlwerk in der Morgendämmerung. Ich weiß ja, wie kitschig ich sein kann, aber der Ruhrpott-Koloss erinnert mich gerade an das indische Taj Mahal. Mir fällt jetzt schon auf, dass ich mir den Rhein vorher viel dreckiger vorgestellt hatte, die Orte an Land viel weniger hübsch. 

Im Funkenregen: Die Flusskreuzfahrt lohnt sich besonders, wenn der Rhein "in Flammen" steht und Himmel wie Ufer farbig leuchten.

Unser nächstes Ziel ist das beliebte Feuerwerkspektakel "Rhein in Flammen", das mehrmals im Jahr stattfindet, dieses Mal zwischen Linz (am Rhein) und Bonn. Da wir pünktlich zur Dämmerung dort sein müssen, verbringen wir den gesamten zweiten Tag fahrend an Bord. Viele Gäste erkunden das Schiff, andere sitzen in der Panoramabar und genießen die Aussicht, einige trainieren im Fitnessstudio mit Blick aufs Wasser oder lassen sich massieren.

Schokolade voraus!

Ein schippernder Kollege

Ich liege an Deck, und es ist großartig, den Kopf einfach mal abzuschalten. Wir fahren an Städten wie Duisburg, Düsseldorf und Köln vorbei, und der Cruise-Direktor Herr Bayer erzählt nebenher kleine Anekdoten zur Region: Zum Beispiel, dass die Zahlen, die man entlang des Ufers lesen kann, die Kilometer von Konstanz bis zur Nordsee sind, oder der Binnenhafen von Duisburg der größte Europas ist.

Endlich angekommen, reiht sich unser Schiff in eine Kolonne von 50 Booten ein. Alle sind bunt beleuchtet und brechen nach Einbruch der Dunkelheit in Richtung Bonn auf. Entlang der Strecke: kleine Lagerfeuer direkt am Wasser, Feuerwerke und beleuchtete Häuser. Zum großen Finale gegen Mitternacht treffen sich die meisten Passagiere in der wohligwarmen Panoramabar. Nach einem Glas Wein oder zwei fällt dann auch plötzlich die Kommunikation unter den 140 Gästen nicht mehr so schwer.

Über Nacht geht es zurück nach Köln, wo wir den gesamten dritten Tag verbringen. Ich muss lachen, weil ich am Frühstücksbüfett kaum noch Nutella vorfinde. Zum Glück liegen wir genau am Schokoladenmuseum vor Anker. Über Köln selbst gibt es viel zu berichten, aber mir war neu, dass das Stehlen hier seit dem Zweiten Weltkrieg Fringsen heißt. Die Geschichte dazu stammt aus dem harten Winter 1946: Damals rief der Erzbischof Josef Kardinal Frings seine Bürger dazu auf, sich beim Stibitzen von Heizkohle doch bitte nicht gegenseitig anzuschwärzen, sondern lieber zu helfen. Mir wird bei solchen Geschichten immer ganz warm ums Herz.

Startklar Auf diesem Schiff ist jeder Ausflug organisiert. Sie müssen nur aufsteigen. Ulla bleibt lieber sitzen. Es ist gerade so nett ...

In den nächsten Tagen darf ich während eines Abstechers zur Mosel in Cochem meine erste Weinverkostung machen, und ich weiß jetzt, dass ich weder viel Säure noch hohen Fruchtzucker mag. Wir fahren zwischen Weinbergen entlang und vorbei an der Loreley. In Rüdesheim teste ich die Seilbahn und habe einen fantastischen Ausblick ins Rheintal. Auf dem Schloss in Heidelberg erzählt unser Tour-Guide: "Achten Sie mal auf den Fußabdruck am Boden! Es heißt: Wessen Fuß da reinpasst, der ist ein guter Liebhaber. Letztens hat allerdings der Fuß eines Pastors dort reingepasst, der mit sehr vielen Nonnen hier war." Alle lachen.

Links: Das deutsche Taj Mahal. Das Schiff stoppt in neun Städten. So schön ist Deutschland. Auch die Ruhrpottkulisse hat ihren ganz eigenen Reiz.

Wer will, kann von Bord aus fast jeden Tag einen Ausflug machen. Ich habe mir unterwegs fast alles angesehen, aber kein Ort war so schön wie Straßburg: Entlang des Boulevard de l'Orangerie (Nahe des Europaparlaments) nisten auf jeder einzelnen Platane in dieser Straße Hunderte von Storchenpaaren! Ich wusste, der Storch ist das Wappentier des Elsass und schmückt als Statue das Münster, aber mit diesen vielen Vögeln hatte ich nicht gerechnet. Ein Anblick, der mich wirklich begeistert.

Am Ende dieser Reise bin ich runtergedimmt. Ich habe es genossen, dass alles für mich organisiert war und ich immer wusste: Alles kann, nichts muss! In Basel angekommen, steige ich deshalb beseelt in den ICE zurück zum nächsten Fluss - meiner Elbe in Hamburg.

So buchen Sie die Flusskreuzfahrt

7 Nächte von Amsterdam nach Basel (oder umgekehrt) inkl. Vollpension ab 745 Euro pro Person (Doppelkabine) oder 865 Euro pro Person bei Einzelbelegung (jeweils inkl. Frühbucher-Rabatt). dertour.de.
Halt und Ausflugsmöglichkeiten in: Amsterdam, Köln, Cochem, Koblenz, Rüdesheim, Mannheim/Speyer/Heidelberg, Straßburg und Basel. Die Ausflüge können als Paket oder einzeln dazugebucht werden (pro Tour ca. 15–50 Euro, auch direkt an Bord noch möglich). Weitere Flusskreuzfahrten gibt es auf der Donau, Elbe, Rhône, Wolga. Dazu sind im Programm diverse Routen innerhalb Asiens (z. B. Mekong).


© Selina Pfrüner/Fotolia; mathess/Fotolia; Getty Images; DDP Images; Ulla Greve; PR | aus der "LAVIVA"-Ausgabe August 2014


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