Mit dem Wohnmobil durch die Toskana

Zwei Frauen, ein Wohnmobil - und die Alpen im Rückspiegel. Was kann da schiefgehen? Aus dem Reisetagebuch einer genialen Mädelstour durch die Toskana.

Von Nora Tarasjanz

Endlich auf Achse! Gleich am ersten Tag ging es über den Brenner bis nach Venedig.

Tag 1: Oh, Boy!

Mit dem Wohnmobil durch die Toskana? "Irre", meinten selbst unsere besten Freundinnen, nachdem wir ihnen von unseren Reiseplänen berichtet hatten. Und auch der nette Mann von der Wohnmobilvermietung McRent staunte nicht schlecht, als plötzlich zwei 1,60-Mädels bei ihm auftauchten. Etwas nervös erklärte er uns ausgibig alle Funktionen des Wohnmobils. Besonders lange sprach er über Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Unfälle. Nickend folgten wir seinen Ausführungen und ließen uns nicht erwischen, wenn wir belustige Blicke wechselten. (Meine Herren! Egal, dass ist ein anderes Thema.)

Wir rollten vom Hof und waren augenblicklich in unserem Urlaub angekommen. Keinen Wecker, kein Alkohol, kein Drama. Fest vorgenommen hatten wir uns: überhaupt gar keinen Stress zu machen, in den Tag zu leben. Diese Tour sollte uns die Tiefenentspanntheit eines Zen-Meisters verleihen. Unser Plan dafür: Slow Travel, Yoga und Frühsport nach dem Aufstehen - und mindestens zwei Stunden Frühstück! Mindestens.

Vorher mussten wir aber unseren Morgenflug von Hamburg nach München erwischen. Immer noch todmüde, aber durchaus aufgekratzt ging es mit mehreren Bimmelbahnen weiter in Richtung Isny. Dort, mitten im Allgäu, befindet sich die Wiege der deutschen Wohnmobilproduktion. Alles hatte 1931 damit begonnen, dass der Unternehmer Arist Dethleffs seine junge Familie auf Geschäftsreisen nicht allein lassen wollte - und ein spezielles Gefährt dafür konstruierte. "Dethleffs Wohnauto" gilt heute als der erste in Deutschland gebaute Wohnwagen.

Nach ein paar 100 Kilometern hat sich der "Boy" eine Dusche redlich verdient.

Unser Gefährt war freilich etwas moderner und größer. Aber trotz sechs Metern Länge ließ sich der "T 60 Sunlight" auch als Fahranfängerin überraschend smooth fahren. So hoch zu Rosse fühlte ich mich richtig safe auf der Straße. Nur eins fehlte unserem Gefährt noch - ein ordentlicher Name. (Ja, Frauen geben dem Kind gern einen Namen, ist so.) Nach kurzer Beratung kamen wir auf "the Boy". Weil er die "Girls" sicher durch die Gegend fahren sollte. ¯\_(ツ)_/¯

Dann ging es endlich los: Mit 2,6 Tonnen unter dem Hintern und der Musik voll aufgedreht auf die Autobahn, über den Brenner, direkt nach Venedig. Als wir auf dem Campingplatz ankamen, war es schon dunkel - und wir waren völlig fertig. Ohne uns weiter umzuschauen, fielen wir direkt ins Bett.

Tag 2: Venedig sehen...

Die Wasserstraßen von Venedig: 175 Kanäle soll es alleine in der Altstadt geben.

Ist das der Dogenpalast direkt vor meiner Nase? Als ich morgens aus dem Wohnmobil geklettert war, musste ich mir erst einmal die Augen reiben. Tatsächlich! Der charmante Mann vom Campingplatz wollte wohl die Weltmeisterschaft im Understatement gewinnen. Ein "schönes Plätzchen am Wasser" hatte er uns versprochen! Und jetzt lag uns ganz Venedig zu Füßen!

Eigentlich ist es ja eine Schande, dass wir nur einen Tag für "La Serenissima" eingeplant hatten. Aber wenn man sich erst einmal von dem Gedanken losgemacht hat, "alles" oder zumindest "alle wichtigen Sehenswürdigkeiten" sehen zu müssen, öffnet das die Augen für die kleinen Dinge. Statt uns mit Touristenhorden durch den Dogenpalast zu quetschen, ließen wir uns lieber ziellos durch die kleinen Gassen treiben. Und wurden trotzdem fündig: In der Hippie-Spelunke Paradiso Perduto haben wir den besten Fischteller gegessen, den man sich vorstellen kann. Dann hieß es Abschied nehmen: Es dämmerte schon, als wir Venedig im Rückspiegel hinter uns ließen. Nächster Halt: Ravenna.

Venedig sehen... und Fisch essen: Die meiste Zeit unserer Reise haben wir aber selbst gekocht.

Tag 3: Beach Girls in Ravenna

Ein Campingplatz im Grünen: Villaggio Del Sole

Ravenna ist der Traum jedes Architekturliebhabers. Gleich acht Gebäude aus dem 5. und 6. Jahrhundert nach Christus gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe. Allerdings lag unser neuer Campingplatz Villaggio Del Sole direkt am Strand in einem Pinienwäldchen! Statt Kulturtour hieß es also "tieeeeeeef einatmen". Und dann los an den Strand, Sonne tanken.

Unter allen Wipfeln ist Ruh'

Eigentlich geht es in dieser Ecke touristisch hoch zehn zu. Entsprechend blickten wir vom Meer direkt auf ein Armada aus Sonnenschirmen. Aber... alle waren zugeklappt und nirgends war eine Menschenseele zu sehen! Also rissen wir uns die Kleider vom Leib und ließen in der heißen Mittelmeersonne unsere Pläne, doch noch in die Stadt zu fahren, endgültig dahin schmelzen.

Wer nicht trinkt, kann länger fahren. Wir machten uns abends auf zur nächsten Station, mitten durch die Pinienwälder. Nach kurzer Zeit tauchte plötzlich dieser Bauernhof am Straßenrand auf. Nach einem Stopp zog ein deliziöser Duft durch unseren "Boy": Büffelmozzarella frisch aus der Trommel. Das Abendessen war gesichert.

An dieser Stelle muss ich einmal festhalten: Das Gebirge rund um Ravenna ist einfach atemberaubend! Für mich Nordlicht waren diese massiven Bergzüge ein völlig neuer Anblick! Nicht zu vergessen dieser Panoramablick durch "Boys'" Frontscheibe! Wir haben stundenlang Musik gehört, geschwiegen und die Landschaft aufgesogen. Das Büro und meine Arbeit in Hamburg waren in diesem Moment ganz weit weg. So schnell hatte ich es noch nie geschafft, meinen Alltag zu vergessen.

Ganz bestimmt lag es auch an der exzellenten Begelitung. Mindestens zwei mal täglich rollten uns Lachtränen die Wangen herunter. Selbst die schrecklichen Straßen mit Schlaglöchern - groß und tief wie Badewannen - konnten unsere prächtigen Laune nicht trüben. (Wir empfehlen trotzdem, die Mautgebühren in Kauf zu nehmen.)

PS: Wir haben von unserem Tag am Strand leider keine Fotos, deshalb hier ein Werbevideo des Campingplatzes:

Tag 4: Die nackte Schaufensterpuppe

Manchmal muss man sich einfach auf das Touristsein einlassen. In Arezzo geht das auch vorzüglich. Die 100.000-Einwohner-Stadt gehört zu den ältesten Italiens. An jeder Ecke stehen mittelalterliche Paläste und Kirche. Besonders schräg ist aber der Hauptplatz der Stadt - im doppelten Wortsinn! Der Piazza Grande ist nämlich total schief, weil er an einem Hang angelegt wurde! Vielleicht habt ihr den Platz schon mal gesehen? Einige Szenen für Roberto Begninis "Das Leben ist schön" wurden hier gedreht...

Manchmal macht Shopping doch glücklich.

In Erinnerung bleiben wird mir Arezzo vor allem wegen unserer verrückten Shopping-Tour. Bei Dixie habe ich zum ersten Mal im Leben eine ganze Schaufensterpuppe leer gekauft! Kleid, Bluse und Jacke haben mir einfach so gut gefallen, dass ich gleich die Kreditkarte gezückt habe. Ganz ohne Anprobieren! Bereut habe ich meinen Spontankauf übrigens nicht - ganz im Gegenteil. Die Sachen wurden meine Lieblingsklamotten für den ganzen Sommer.

Eigentlich stand nach Arezzo Florenz auf unserem Reiseplan und nicht Siena. Aber kurz zuvor waren wir bei einem unserer Espresso-Zwischenstopps auf eine alte Frau mit langen, weißen Haaren gestoßen, die uns dringend davon abgeraten hatte, ins überlaufene Florenz zu fahren. Stattdessen sollten wir "Boy" lieber Richtung "kleines Florenz" steuern. Und weil alte Frauen mit langen, weißen Haaren meistens recht haben, nahmen wir tatsächlich Kurs auf Siena. Mitten durch die mit Schlaglöchern durchfurchte Pampa.

Was soll ich sagen? Die Landschaft entsprach einfach jedem Klischee! Aber manche Klischees sehen einfach traumhaft aus! Feld für Feld zog an uns vorbei, immer wieder unterbrochen von diesen kleinen Orten, durch die man schon wieder durch ist, wenn man den Ortsnamen einmal laut ausgesprochen hat. Und zwischendrin diese typisch toskanischen Villen. Wie aus dem Werbeprospekt. 

In dieses Bild passte auch, dass wir von italienischen Sportwagen (leider geil) überholt wurden. Oder sie dezent angeberisch am Straßenrand parkend sahen. Aber Gentlemänner sind sie ja! Einmal waren wir - trotz Navi - irgendwo falsch abgebogen und kurvten durch das absolute Nichts. Und plötzlich standen da diese Muskelbauarbeiterjungs mit ihren heißen Schlitten. Man(n) sprach kein Englisch, wir kein Italienisch, und wurden kurzerhand mehrere Kilometer weit zurück auf den richtigen Weg eskortiert.

Tag 5: Siena - Heiß auf Eis!

Unsere Glückssträhne wollte auch auf dem nächsten Campingplatz nicht abreißen: "Ich hab hier noch zwei Klappräder, wollt ihr die?" Klaro wollten wir! Wie Kinder sind Mary und ich durch die Altstadt von Siena gedüst - und konnten so manchen neidischen Blick auf uns ziehen. Der Fahrtwind hat bei der Hitze nämlich für dringend notwendige Abkühlung gesorgt. Trotzdem waren wir nach zwei Stunden klitschnass geschwitzt.

Und genau in diesem Moment lag plötzlich diese kleine Eisdiele vor uns, versteckt in einer winzigen Seitengasse. Mit veganem Eis. Für mich, die mit dem Essen leider echt aufpassen muss, der Himmel auf Erden! Die ersten beiden Kugeln Goji-Beere waren dann auch so lecker, dass ich mir prompt zwei weitere holen musste. Definitiv das Highlight des Tages!

Tag 6: Der Turmbau zu San Gimignano

Zugegeben - dieses Foto stammt nicht von uns. Aber sieht San Gimignano nicht bezaubernd aus?

Ein knappes Stündchen von Siena entfernt liegt das winzigkleine Dörfchen San Gimignano. Oder sagen wir besser: das Disneyland für Italienreisende. Von weitem mutet die Stadt an wie eine riesige Orgel. An jeder Ecke ragt ein Turm in den Himmel. Manche sind winzig klein, der höchste misst 54 Meter! Die reichste Familie, so hieß es einst in der Gegend, müsste auch das höchste Haus besitzen. Und natürlich wollte jede die reichste sein, ... Muss man tatsächlich gesehen haben. Ein halber Tag reichte dafür aber völlig aus. Nach vier Stunden Turmschau hatten wir jedenfalls genug und chillten lieber auf dem Campingplatz.

Von nun an hatten wir allerdings einen überaus empfindlichen dritten Passagier mit an Bord, der sehr viel Liebe benötigte. Meine Freundin Mary hatte nämlich bei Balducci Ceramica in San Gimigiano eine Teekanne erstanden, die unseren Trip auf jeden Fall überstehen musste. Und so wurde die "heilige Kanne" nach jedem Einsatz wieder sorgfältig in Watte gebettet, bevor es zurück auf die Straße ging.

Tag 7: Höllenritt zum Gardasee

Nach einer Woche mussten wir unsere Fahrtroutine etwas umkrempeln. Klar, auf einen entspannten Tagesstart mit Frühstück und Frühsport haben wir auch am siebten Tag nicht verzichtet. Dann allerdings ging es direkt zurück ans Steuer. Den ganzen Tag lang prügelten wir unseren "Boy" über Asphalt und durch Gebirgsketten, immer Richtung Norden. Bis zum Abend wollten wir die 350 Kilometer bis zur Gardasee geschafft haben. Mal klemmte ich mich hinter das Steuer, dann übernahm Mary wieder.

Doch als wir gegen 23 Uhr nachts endlich am Campingplatz ankamen, erwartete uns ein verschlossenes Tor. Egal. Parkten wir halt in irgendeiner Sackgasse in der Nähe und legten uns schlafen. Schon praktisch, wenn man mit seinem eigenen fahrbaren Schlafzimmer unterwegs ist.

Tag 8 & Tag 9: The Long Goodbye

Sonnenuntergang am Gardasee: Aber scheiden, scheiden tut so weh.

Für den letzten Stopp wollten wir uns etwas Luxus gönnen. Unser neuer Campingplatz hatte nicht nur einen eigenen Pool, sondern auch einen eigenen Strandzugang zum Gardasee. Dass es dort keinen feinkörnigen Sand, sondern nur Steine gab, war uns egal. Der Ausblick über den See reichte uns völlig aus.

Zwei Tage lang ließen wir es uns richtig gut gehen - und zögerten das unausweichliche Ende heraus, so lange es nur ging. Unsere Pläne, in der Nähe noch etwas Kultur zu erleben, landeten in der Tonne. Lieber haben wir stundenlang über unsere Reise philosophiert und konnten so - ganz langsam - von Italien Abschied nehmen, bis wir am nächsten Morgen wieder zurück nach Isny mussten. So sehr uns "Boy" auch ans Herz gewachsen war - nach Hamburg konnten wir ihn nicht mitnehmen. Freudig und sichtlich erleichtert empfing uns der nette Mann von Wohnmobilvermietung McRent. "Und es gibt wirklich keinen Schaden am Wagen?"
Wir nickten stolz.

Fazit

Für mich war unsere Wohnwagentour durch die Toskana eine ganz neue Art zu reisen und der beste Urlaub des Jahres. Wir waren im Flow. Nirgendwo staute sich der Verkehr, keine plagte ein Schnupfen oder eins der üblichen Wehwehchen, die immer dann auftreten, wenn der erste Urlaubstag anbricht.

Unseren Vorsatz, keinen Alkohol zu trinken und soweit wie möglich für uns selbst zu kochen, haben wir tatsächlich eingehalten. Und wer sich jetzt wundert, ob zwei Mädels allein in Italien wirklich keinen heißen Latino-Lover aufgerissen haben, dem sei gesagt: Der einzige "Boy", in den wir uns verliebt haben, war unser Auto. Ehrenwort.

Noras Toskana-Tipps

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Shopping


© Protokoll: Jens Wiesner; Fotos: marcelheinzmann/Freesurf/Adobe Stock; Nora Tarasjanz


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