Mit der Vespa durch die Toskana

Wer durch die Toskana mit der Vespa tuckert, kommt (fast) überall hin. Ein Reisebericht der besonderen Art.

Karen Amme

Wer durch die Toskana mit der Vespa tuckert, kommt (fast) überall hin. Aufsteigen, und los!

Endlich!

Ich stoße die Glastür auf, die das Café vom Rest der Welt trennt, und hole tief Luft, kühle, klimatisierte Luft, Luft ohne Brummer und Mücken. Zwei Stunden auf einer Vespa liegen hinter mir, der Fahrtwind hat mir Fliegen auf die Gläser meiner Sonnenbrille geschmettert. Dieses kleine Café ist meine Rettung. Klein und voll besetzt mit Italienern, die nun alle schauen: auf mein himmelblaues Motorino und auf mich.

Ich bestelle Wasser und einen Caffè latte, dann kann ich mich entspannen. Und darüber nachdenken, ob das eine gute Idee war: die Toskana mit der Vespa durchstreifen zu wollen... Am Abend zuvor bin ich an einer Reihe rubinroter und zitronengelber Roller vorbeigeschritten, alle neu und glänzend, bis sich meine Blicke an der Himmelblauen festhielten. Baujahr 1966, mit rissigem Kunstledersattel. "Scusa", hatte ich geflüstert, "könnte ich auch die dort hinten haben?" Der Alte von der Verleihstation hatte mich angestarrt und fassungslos den Kopf geschüttelt, hatte Spinnweben weggewischt und Rädchen überprüft, und die Blaue dann doch von ihrem dünnen Ständerchen gehievt und mir übergeben. Immer noch kopfschüttelnd. Dabei war sie die Schönste weit und breit!

Die Himmelblaue und ich

Dank Vespa so frei, wie man sein kann: Nach Siena oder Arezzo?

In diesem Café in Lucignano hege ich erste kleine Zweifel. Hätte ich doch besser ein Auto gewählt für meinen Entdeckerdrang? Wird die Himmelblaue den Anforderungen standhalten? Werden wir tatsächlich gemeinsam Siena sehen, Montepulciano und die Crete? Nach einer Stärkung wächst die Zuversicht. Ich kehre dem mittelalterlichen Lucignano den Rücken, rausche den Berg hinunter und schnappe immer wieder kleine Duftwolken auf: Lavendel, Rosmarin, Basilikum, Thymian. Das Land, mal ockergelb, mal braun, mal mattgrün, wellt sich sanft dem Horizont entgegen, die Zypressen recken ihre Kronen in den blassblauen Sommerhimmel, und grobsteinige Gehöfte schmiegen sich in die einsilbige Landschaft. Trotz Brummern auf der Brille, trage ich ein Lächeln spazieren.

Zwei Tage später haben wir uns bereits aneinander gewöhnt, die Himmelblaue und ich. Natürlich ist sie nicht so flott wie die jungen Dinger heutzutage, aber sie hat Charme und Esprit. "Wie alt ist sie, und wie schnell fährt sie?" Diese Fragen höre ich ständig. Dario, ein junger Weinbauer, hat mich winkend mit seiner Ape, diesem typisch italienischen Vespacar, überholt. Jetzt zeigt er mir stolz seine Trauben, die sich bald in einen Brunello verwandeln werden, in "guten Wein!!!". Ich bewundere brav, koste ein blaues Träubchen und schwinge mich dann wieder auf den Sattel.

Ruhepause zwischen Lavendel und Thymian

"Die Crete", behauptete einst Charles Dickens, "ist so kahl und unwirtlich wie die Moore von Schottland." Früher, zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert, wurde hier wilder Raubbau betrieben, Wälder wurden abgeholzt, der Regen schwemmte den fruchtbaren Boden weg. Doch inzwischen ist die Region im Dreieck Montepulciano, Montalcino und Pienza wieder im ökologischen Gleichgewicht und eine wahre Schönheit. Sie hügelt, buckelt und wellt sich auf die sanfteste Weise. Eine Zypressenallee windet sich einen kleinen Hügel hoch, ein Olivengut fliegt an mir vorüber, Getreidefelder, Weinberge und terrakottafarbene Bauernhöfe. In der Ferne baden schon die Hügel im Abendrot, und die Himmelblaue und ich müssen uns sputen, um noch vor der Dunkelheit in unser Quartier zu kommen.

Die Mittagshitze verbringt man am besten im Schatten knorriger Olivenbaüme.

Wer mit der Vespa die Toskana durchkreuzt, dessen Tage sind vorbestimmt. Frühstücken. Vespa fahren. Rasten, vielleicht in irgendeiner Bar einen Latte macchiato schlürfen. Weiterfahren. Tanken. Eine Ruhepause zwischen Lavendel und Thymian einlegen. Espresso trinken. Ein Stückchen weitertuckern. Montepulciano oder eine andere Perle der Toskana besichtigen. Shoppen. Schlemmen. Schlafen. Nur hin und wieder variieren die Tagesabläufe. Etwa, wenn die Himmelblaue mal streikt. Oder wenn Siena auf dem Programm steht.

Siena ist anders

Sienas Piazza del Campo ist postkartenschön. Hier kann man stun­denlang Menschen beobachten

"Siena", so hatte Lucia behauptet, eine grauhaarige Dame aus Montepulciano, die ich im Café kennengelernt hatte, "Siena ist anders. Viele Städte hier sind schön – fast alle sogar! –, aber Siena ist etwas ganz Besonderes. Allein die Piazza del Campo, so einen Platz findet man nicht noch einmal, nicht in der ganzen großen Toskana!" Ich schlendere stundenlang durch die Gassen, bewundere die uralten Palazzi, kaufe hier einen Wein und da schwarze Spaghetti mit Tintenfischgeschmack, natürlich auch ein paar Schuhe, Wein und eine Parmesanreibe. Bis ich – zum Glück – meine Himmelblaue zu sehr vermisse und die Mittelalter-Schönheit Siena mit all ihren zauberhaften Shops in dem Gassen-Wirrwarr doch noch hinter mir lasse.

Verliebt in ein Motorino

Sonnenblumen wachsen hier einfach so am Straßenrand.

Das kleine Torrita di Siena ist am nächsten Tag zügig besichtigt. Ein Caffè latte auf der Piazza Matteotti, danach ein schneller Blick in die Chiesa di Santa Croce aus dem Jahre 1642, weil sich hinter ihrer tristen Backsteinfassade eine wahre Barockpracht verstecken soll (tut sie auch!). Danach treibt es mich weiter, nach Chiusi im Südosten mit seinen Überresten aus römischer Zeit. Nach Chianciano Terme mit seinen sprudelnden Quellen. Und später dann doch noch mal zurück nach Lucignano, weil die Fassaden dort so wunderbar warm leuchten in der Abendsonne.

Erst sehr spät treten wir die Heimreise an, meine tapfere Himmelblaue und ich. Warmer Wind fegt mir durchs Gesicht, ein kleiner Brummer trifft mich an der Wange, dunkel huscht die Toskana an uns vorbei. Wie ich das alles vermissen werde! All die würzigen Gerüche, die mir hier um die Nase fliegen. Die mittelalterlichen Bilderbuchstädte. Panini zum Frühstück, laute Leute, Latte macchiato an jeder Ecke, und, vor allem: dieses himmelblaue Motorino.

Tipps

Vespa leihen

 … ist von Deutschland aus gar nicht so einfach. Am besten, man fragt vor Ort einen Händler, da diese ihre Zweiräder 
meist auch verleihen. Oder vorab 

Motorcycle rental kontaktieren: Tel. 0039-0349/785 25 32, www.motorradvermietungitalien.com. Hier beträgt die 
Wochenmiete für eine Piaggio 125er 310 Euro (unbegrenzte Kilometer). Dertour bietet eine fünftägige individuelle Vespa-Reise entlang der toskanischen Küste ab 469 Euro pro Person an. 


Übernachten

Im Herzen von Siena liegt das "Chiusarelli", ein klassizistisches Haus mit zauberhafter Terrasse. DZ ab 97 Euro. Viale Curtatone 15, Tel. 0039-0577/28 05 62, www.chiusarelli.com 

In Montepulciano empfehlenswert: das aus einer kleinen mittelalterlichen Burg entstandene "Borgo Trerose", DZ ab 128 Euro. Via I Palazzi 5, Tel. 0039-0578/72 49 00, www.borgotrerose.com 

Es heißt, viele Gäste kämen nur der schönen Aussicht wegen in die "Albergo San Luca" in Cortona. DZ ab 95 Euro! Piazza Garibaldi 1, Tel. 0039-0575/63 04 60, www.sanlucacortona.com


Essen & Trinken

Bodenständige Kost und guten Wein gibt es in Siena im "Le Logge", Via del Porrione 33, Tel. 0039-0577/480 13. 

In Montepulciano: Die Spezialität im "Diva" sind pici – hausgemachte Tagliatelle mit verschiedenen Ragouts. Stupendo! 
Via Gracciano nel Corso 92, Tel. 0039-0578/71 69 51. 

Für seine toskanischen Spezialitäten über die Stadtgrenzen bekannt: die "Osteria del Teatro" in Cortona, Via Maffei 5, Tel. 0039-0575/63 05 56.


Nicht verpassen

...darf man den Besuch im Museo Piaggio "Giovanni Alberto Agnelli" in Pontedera, gut 70 Kilometer westlich von Florenz. In den riesigen Fabrikhallen von Piaggio stehen wunderbare Vespas und Apes aus längst vergangenen Zeiten. Ein Traum!


© Michael Amme | aus der "LAVIVA"-Ausgabe Juli 2012


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