Straßburg: Im Weihnachtsdorf

Jedes Jahr Ende November verwandelt sich die französische Stadt Straßburg in einen überdimensionalen Christbaum. Fünf Wochen lang hängen dann überall Lämpchen und Kugeln, und an den Häuserwänden schweben Teddybären oder Hirsche. Ein Besuch im Wunderland.

Von Andrea Hacke
Straßenszene: Straßburgs Fachwerkhäuser im weihnachtlichen Lichtermeer

Eine Welt aus Lichtern: Zur Adventszeit sieht Straßburg aus wie ein Geschenk

Erinnern Sie sich noch an das Filmörtchen Whoville, wo es im Dezember in allen Straßen glitzert und die Bewohner im Deko-Wahn darum konkurrieren, wer sein Haus inklusive Kamin und Gartenzaun am auffälligsten geschmückt hat? Es bildet das Zentrum des Films "Der Grinch" aus dem Jahr 2000 - Jim Carrey wohnt als grünhäutiges Monster und Weihnachtshasser in einer Berghöhle und stiehlt mit Vorliebe die Pakete im Tal, um den Menschen von Whoville ihr Lieblingsfest zu vermasseln. Eine schöne Geschichte, von der ich immer dachte: fantasievoll ausgedacht. Bis ich im letzten Dezember selbst in Whoville war ...

Auf der Landkarte liegt diese Stadt im Elsass, heißt Straßburg und gilt als die Weihnachtshauptstadt Europas. Das Jahr über ist Straßburg berühmt für das Münster, seine Museen, das Essen, den Sitz des Europaparlaments und die Altstadt, die von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Aber wenn das Jahr fast zu Ende ist, ab Ende November, entsteht hier eine Parallelwelt: Dann schmücken die Straßburger alles, woran ein Haken hält und irgendwas herumbimmeln kann. Dann soll jede Gasse leuchten und blinken, und in der Rue des Hallebardes hängen zum Beispiel neun Kristallleuchter, wovon jeder um die 30 000 Euro wert ist.

Elf Weihnachtsmärkte, 300 Buden: Abwechslung ist garantiert

Wo goldene Engel vor Häusern schweben

Als ich zum ersten Mal durch die schmalen Gassen gehe, unter unzähligen Lichterketten hindurch, die Christbaumkugeln in XL-Größe tragen, bleibe ich häufig stehen, weil ich das Ausmaß dieses Weihnachtsrausches nicht fassen kann. Ich blicke an Häuserwänden hoch, die bis unters Dach mit dicken Teddybären geschmückt sind. An einem großen Gebäude befindet sich an jedem Fenster eine Fahnenstange, an denen jeweils ein geschmückter Tannenbaum hängt. Auf anderen Fenstern spielen goldene Engel Posaune. Mein Kopf liegt permanent im Nacken. So ähnlich muss sich ein Baby fühlen, das unter dem Tannenbaum auf dem Boden liegt. Ich spaziere von einem Weihnachtsmarkt zum nächsten, auf jedem Platz gibt es offenbar einen. Wer die Märkte mal zählt, kommt auf elf mit um die 300 Buden.

Das könnte schnell langweilig werden, wenn überall Lebkuchen, Krippen und Kerzen verkauft würden, und deshalb hat hier jeder Markt sein eigenes Motto: Auf dem Place des Meuniers sind zum Beispiel regionale Spezialitäten im Angebot, da gibt es Weine aus dem Elsass, frische Trüffel, Pilztörtchen oder das Weihnachtsbier "Bière de Noël", schön würzig im Geschmack. Ich beschließe sofort, ein Sixpack mit nach Hamburg zu nehmen. Auf dem Stadtplan suche ich den Place Klèber. Ich verzichte 
hier extra aufs Handy und GoogleMaps. Es passt viel besser zu dieser alten Stadt, mit Papier unterwegs zu sein.

Der Baum, ein 30-Meter-Riese

Christbaum im XL-Format

Der große Platz ist leicht zu finden, er ist umrahmt von hübschen Häusern, und mittendrin steht der Haupt-Weihnachtsbaum der Stadt. Den Straßburgern reicht es nicht, dass diese Tanne gerade gewachsen und schön bauchig ist. Das Naturphänomen ist auch 30 Meter hoch und damit der größte dekorierte Weihnachtsbaum Europas. Früher wurden darunter Geschenke abgelegt für die Armen, heute stehen dort etwa 60 Buden, in denen die Menschen Geld sammeln für einen guten Zweck. Alle zusammen nennen sich "Das Dorf des Teilens". Zu guter Letzt besuche ich am ersten Tag noch den ältesten "Christkindelsmärik" Straßburgs auf dem Place Broglie, der 2015 zum 
445. Mal stattfindet. Hier gibt es die größte Auswahl an Mitbringseln, Weihnachtsgeschenken oder Futterbuden. Ich könnte mich mit einem Weihnachtsmann im Schlitten fotografieren lassen.

Lieber gehe ich ins "Le Clou", eine typische Weinstube mit regionaler Küche. Dicht an dicht speisen die Franzosen; die Gerichte sind deftig und in der Größe passend für Bauarbeiter. Neben mir sitzt ein etwa 50-jähriger Mann, der seine alte Mama ausführt. Ich fühle mich wie in einem französischen Dorf, in dem zum Essen alle Bewohner gemütlich zusammenrücken.

Fantastische Bilderwelten: Jeder Markt hat sein eigenes Motto

Trüffel, Plätzchen oder Weihnachtsbier?

Am nächsten Tag zieht es mich zum Straßburger Münster, diesem Kunstwerk der Gotik. Kurz vor Weihnachten besuchen die 272 000-Einwohner-Stadt etwa zwei Millionen Touristen, und offenbar stehen gerade die meisten von ihnen vor dem Eingang, als ich eintreffe. Ich habe also Zeit, mir die größte Fensterrose Europas anzusehen, sie hat einen Durchmesser von 13,6 Metern. In der Menge stehe ich neben Nathalie Belhoste, die in Straßburg Führungen anbietet (nanou.benco@evc.net) und wunderbar Deutsch spricht. Auf die Frage, woher sie das so gut kann, erzählt sie, dass sie als Kind immer deutsches Radio gehört habe - damals dachte sie, Deutschland sei ein sehr schmutziges Land, da sie bei den Verkehrsnachrichten nie Stau verstanden hatte, sondern Staub: wieder zehn Kilometer Staub in Bayern ...

Wir quetschen uns ins Innere. "In der Weihnachtszeit hängen hier 14 Teppiche aus dem 17. Jahrhundert mit Motiven der Jungfrau Maria", sagt Nathalie. "Guck dir die astronomische Uhr aus dem 16. Jahrhundert hinten rechts an! Und den Engelspfeiler davor. Die Krippe lohnt sich und der Aufstieg des 142 Meter hohen Turms." Die Krippe kann ich kaum erkennen, es ist zu voll, aber ich steige die 329 Stufen im Turm hoch.

Viele Kleinigkeiten warten auf Entdeckung

Auf der leeren Plattform oben erscheint Straßburg riesig, es ist immerhin die siebtgrößte Stadt Frankreichs, unten wirkt die Welt heimelig. Nach Nathalies Tipp spaziere ich im Anschluss ins Petit France, dem früheren Stadtviertel der Gerber, Müller und Fischer. Es ist durchzogen von Kanälen und Brücken, in den Gassen stehen Fachwerkhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert, manche alte Bäume sehen aus wie im Märchen. In der Ferne sehe ich das Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst. Spontan ist mir nach einer Pause vom Glitzerparadies, und ich gucke mir Bilder an von Monet, Picasso, Kandinsky, Baselitz oder Immendorff. Das Sachliche hier gefällt mir. Es ist Anfang Dezember, aber es kommt mir so vor, als hätte ich Weihnachten bereits gefeiert. Mehr Glitter als da draußen geht nicht.

Hinkommen - Übernachten - Essen

Hinkommen

Mit der Deutschen Bahn/TGV ab Hamburg, Hin und Rückfahrt ca. 300 Euro, Info: deutschebahn.de. Autofahrer sollten außerhalb parken und das Park-&-Ride-System nutzen.

Übernachten

Hôtel
Beaucour Das 4-Sterne-Romantik-Haus hat sehr gemütliche Zimmer. 5, rue des Bouchers, Tel. 0033-3/ 88 76 72 00, DZ ab ca. 146 Euro, Frühstück p. P. 13,50 Euro. hotel-beaucour.com

Hôtel
Maison
Rouge Das recht große 4-Sterne-Haus 
liegt mitten im Zentrum. 4, rue des Francs Bourgeois, 
Tel. 0033-3/88 32 08 60, DZ ab ca. 181 Euro, Frühstück p. P. 16 Euro. maison-rouge.com

Essen

Le
Clou Bei Franzosen sehr beliebte Weinstube mit regionaler Küche. Unbedingt reservieren. 3, rue du Chaudron, 
Tel. 0033-3/88 32 11 67, le-clou.com

Flamme
and
Co Modernes Restaurant, das fantasiereich belegte Flammkuchen anbietet. 53-55 Grand-Rue, 
Tel. 0033-3/90 40 19 45, flammeandco.fr

Gewinnspiel

LAVIVA und DERtour verlosen eine Reise für 2 Personen inklusive Anreise mit der Deutschen Bahn/TGV und 3 Übernachtungen plus Frühstück im DZ des 4-Sterne-Hotels "Villa d'Est". Einfach hier klicken und online mitmachen.


© Fotos: Alexi Tauzin/Fotolia | aus der "LAVIVA"-Ausgabe Dezember 2015


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