Verstehen Sie "Touristisch"?

Strandlage, Direktflug, Meerblick - Reiseanbieter lassen sich sprachlich einiges einfallen, um Urlauber zu verlocken. Doch auf "Touristisch" hört sich vieles oft besser an, als es ist.

Wildromantisch gelegenes Hotel mit rustikal eingerichteten Zimmern im landestypischen Stil. Wonach klingt das für Sie? Nach einer schnuckeligen Herberg in idyllischer Lage? Das kann durchaus der Fall sein, muss aber nicht.  Hinter dieser Formulierung könnte sich auch eine schlecht zu erreichende Unterkunft verbergen, deren hellhörige Zimmer eher niedrigen Ansprüchen entsprechen.

"Touristisch" nennt Autor Clemes Dreyer das verschwurbelte Reisekatalog-Deutsch, das oft bemüht wird, um die weniger schönen Seiten vermeintlicher Urlaubsparadiese zu kaschieren. Um Urlauber vor Enttäuschungen zu bewahren, hat er den ironisch-bissigen Sprachführer "Touristisch für Anfänger" geschrieben. Zu den Übesetzungshilfen liefert er viele kuriose Reiseurteile. Hier einige Beispiele:

So entschlüsseln Sie das Reisekatalog-Deutsch

Direktflug

Im Urlaub möchte man alles mögliche haben: Entspannung, Spaß, Sonnenschein, auf gar keinen Fall aber Stress – auch nicht bei der Anreise. Manche Reisende buchen darum, sofern sie denn eine Flugreise machen, einen Direktflug, um sich das Aus- und wieder Einsteigen bei einem Zwischenstopp zu ersparen. Doch Vorsicht: Direktflug heißt nicht, dass es keine Zwischenstopps gibt, erklärt Clemens Dreyer und verweist auf Gerichtsurteile. Direktflug heiße demnach lediglich, dass es sich dabei um eine "Luftverkehrsverbindung zwischen zwei Orten unter Beibehaltung der Flugnummer, jedoch mit Zwischenlandung" handele.

Und: "Es kann auch zu ungeplanten Zwischenlandungen kommen, die Sie als reine Unannehmlichkeit hinnehmen müssen."

Meerblick

Schon beim Aufstehen den Blick über die See schweifen lassen. Oder abends bei einem Glas Wein auf dem Balkon die Sonne im Ozean versinken sehen. Ja, so ein Hotelzimmer mit Meerblick hat schon etwas für sich. Doch bei der Buchung eines solchen sollte eingeplant werden, dass man sich für die Sicht auf die See unter Umständen den Nacken verrenken muss. Denn laut Richterspruch muss das Meer nicht direkt vom Hotelzimmer aus zu sehen sein. Ein seitlicher Blick vom vorgebauten Balkon sei ausreichend.

Naturgarten

Die meisten Urlauber werden darin übereinstimmen, dass eine Hotelanlage nicht den Charme einer sozialistischen Plattenbausiedlung versprühen sollte. Wenn also mit einem Naturgarten geworben wird, klingt das erstmal positiv – solange man nichts gegen tierische Mitbewohner im Hotelzimmer hat. Denn wenn ein "Naturgarten" vorhanden sei, müsse nach Ansicht des Münchner Amtsgerichts mit Eidechsen, Mäusen und Insekten auch im Haus gerechnet werden.

Temperierter Swimmingpool

Wer den Sprung ins kalte Wasser nicht sonderlich mag, freut sich vielleicht über einen beheizten Hotelpool. Der geneigte Warmschwimmer sollte allerdings bei der Buchung seines Urlaubs auf die Formulierung achten. "Temperierter Swimmingpool" zum Beispiel muss nicht bedeuten, dass das Wasser tatsächlich erwärmt wird. Vielmehr deute die Formulierung daraufhin, dass es ausschließlich durch die Luft temperiert werde.

Strand

Wie stellt man sich einen Strand in einem Urlaubsort vor? Sand, Meer, vielleicht ein paar Palmen? Soweit die Wunschvorstellung. Mit der Urlaubs-Realität muss diese nicht unbedingt etwas zu tun haben. Tatsächlich muss man auch mit Müll rechnen. Das Urteil hierzu ist eindeutig: Solange es nicht im Prospekt "besonders" hervorgehoben werde, könne der Strand verdreckt sein. Die Chance auf eine erfolgreiche Beschwerde, wenn man sich über die örtliche Müllkippe am Meer beschwert ist gleichsam null.

Meer

In den Wellen planschen, Schnorcheln, sich einfach im Wasser treiben lassen: Wer einen Strand-Urlaub an der See bucht, dürfte davon ausgehen im Meer schwimmen zu können. Doch die schlichte Katalog-Formulierung "Meer" bedeute nicht unbedingt, dass man dort auch baden kann. Ersatzweise könne man mit etwas Glück die Containerschiffe beim Einlaufen beobachten. Verunreinigungen des Meeres durch Rohöl seien hinzunehmen, schreibt Clemens Dreyer.

Frühstücksbüfett

Frühstücksbüfett – das hört sich opulent an, nach Käse- und Wurstvariationen, nach Lachs, nach Müsli und Croissants. Fakt ist: "Der Gast muss sich zwei Brötchen derselben Sorte, eine Sorte Marmelade, Butter und Kaffee selbst holen können, optional Dosenobst. Das Büfett muss weder vielfältig noch reichhaltig sein."

Anders sieht es aus, wenn der Katalog ein "reichhaltiges Frühstücksbüfett" ankündigt. Dann muss der Gast sich laut Gericht "drei verschiedene Brotsorten, zwei Marmeladensorten, zwei Kaffeesorten, Butter, Joghurt, Orangen und Orangensaft selbst holen können".

Einheimische oder landestypische Küche

Wer bei einem Urlaub im Ausland keinen Wert auf Jäger-Schnitzel und Curry-Wurst legt, ist sicherlich offen für die kulinarischen Seiten eines Landes. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Bietet ein Hotel "einheimische oder landestypische Küche" kann das auf eine eintönige Kost hinauslaufen. Und wer möchte zum Beispiel im dreiwöchigen Urlaub jeden Abend Paella essen?

Abendessen

Wer ein "Abendessen" mitbucht, sollte vorsichtshalber keine allzu hochtrabenden Erwartungen haben. Ein Abendessen muss, rein reiserechtlich betrachtet, mit einem Candle Light Dinner so viel zu tun haben wie eine Curry-Wurst mit der Haute Cuisine. Es geht dabei um eine "Nahrungsaufnahme ohne ruhige und erholsame Atmosphäre. Im Zuge des Massentourismus können die Mahlzeiten in mehreren Schichten serviert werden. Die Tische müssen dazwischen nicht abgewischt werden.


Sie möchten mehr über die sprachlichen Feinheiten von "Touristisch" erfahren? In "Touristisch für Anfänger" erfahren Sie, worauf Sie sich gefasst machen sollten, wenn Sie ein Hotel in ruhiger Lage buchen, einen Urlaub im Beach Club machen wollen oder sich auf einen unaufdringlichen Service freuen.

Erschienen im Langenscheidt Verlag
ca. 10 Euro


Bildnachweise: istock


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