The Bathroom Chronicles: In fremden Badezimmern
03
Jan

The Bathroom Chronicles: In fremden Badezimmern

Emma Paterson hat auf dem Badewannenrand ihre Zahnbürste und eine selbstgemachte Ananas, das auf ihren Spitznamen "Pineapple" anspielt.

Ich liebe es, mich in fremden Wohnungen zu bewegen und durch die individuelle Einrichtung oder unbewusst verstreuten Habseligkeiten etwas über die jeweiligen Bewohner*innen zu erfahren. Was hängt zum Beispiel alles an der Wand - Fotos aus dem letzten Urlaub, Drucke großer Maler oder Kindergartenkunst? Besteht das Geschirr in dem offenen Küchenregal aus Einzelstücken vom Flohmarkt oder gibt es ein einheitliches Markenservice? Und welches Buch liegt da angelesen neben der Couch? Hat es Eselsohren als Markierung? Solche Beobachtungen sind für mich Puzzlesteine, die sich in meiner Fantasie zu einem Bild von einer Person zusammenfügen. Wisst ihr, was ich meine? Besonders ehrlich oder eher ursprünglich wird es im Badezimmer. Dort sprechen elektronische Zahnbürsten oder duftende Seifen aus der Bretagne für ihre Benutzer*innen. Genauso wie Löcher im Waschbecken, die Körpergröße des Kindes anzeigende Kajalstriche an den Fliesen oder Schaumgespenster in der Badewanne - wie sie in Friederike Schilbachs "The Bathroom Chronicles" zu finden sind.

Welche Geschichte erzählt ein Badezimmer?

Casting Director Gillian Henn hat in seinem Bad kleine Düfte und Seifen aus Kuba, Wien und Florenz.

Badezimmerfotos von insgesamt 100 Frauen - ursprünglich Teil einer Ausstellung aus dem Jahr 2016 - reihen sich darin aneinander. Samt 100 von ihnen selbst erzählten Geschichten über das, was auf den Bildern zu sehen oder eben nicht zu sehen ist. "Das Bad ist der Ort, an dem man sich selbst begegnet, selbst erfindet, ein Selbstporträt schafft", heißt es in dem von Niklas Maak verfassten Vorwort. "Im Badezimmer ist man meistens nicht mit den anderen, sondern allein und 'ganz bei sich'."

Galeriebesitzerin Philomene Magers liebt die Steinplatten-Maserung ihres Badezimmers.

In der heutigen Gesellschaft eine Seltenheit. Was ein so privater Raum mit seinen Gegenständen über die erzählt, die ihn im Alltag täglich benutzen - im Sinne einer Ich-Inszenierung vielleicht auch erzählen soll? Diesen Gedanken hatte ich beim Anschauen der Fotos, die die Frauen allesamt selbst aufgenommen haben, immer wieder. Und war gleichzeitig berührt von den dazugehörigen Anekdoten. Wie lauter kleine Stückchen Leben stecken sie zwischen den Seiten und haben mir - zum Teil weltberühmte - Persönlichkeiten wie Lena Dunham auf einer menschlichen Ebene näher gebracht. Als wären es Freundinnen. Dieser Status ist übrigens auch das verbindende Element zwischen den 100 Frauen: Sie alle sind Freundinnen der Herausgeberin Friederike Schilbach. Oder zumindest Freundinnen von Freundinnen von Freundinnen.

Eure IVA

Die Schatulle von Art Directorin Imke Jurok ist mit vielen Erinnerungen gefüllt.
Cover: The Bathroom Chronicles

Buchtipp

In Form von Fotos und privaten Anekdoten gewährt "The Bathroom Chronicles" Einblicke in die Badezimmer von Lena Dunham, Veronika Heilbrunner und 98 anderen tollen Frauen. Das hat zum Glück nichts mit Voyeurismus, dafür aber viel mit Intimität zu tun. Super als Geschenk für die beste Freundin, (Groß-)Mutter oder Mitbewohnerin. Oder noch besser: an sich selbst – als Erinnerung dafür, die Zeit und Ruhe alleine im Bad wirklich einmal dem Ich zu widmen.

Friederike Schilbach (Hg.): "The Bathroom Chronicles",
18 € über den Suhrkamp Verlag.



© Fotos: Emma Paterson, Jasmin Schreiber, Gillian Henn, Philomene Magers und Imke Jurok