Urban Nation: Ein Vormittag im Museum
11
Jan

Urban Nation: Ein Vormittag im Museum

Wie eine Street-Art-Ausstellung den Horizont erweitern kann.

Staedte

Während andere nach dem Jahreswechsel direkt Vollgas geben, ist der Januar mein Ruhemonat. Ihn nutze ich dafür, um ganz ohne Hektik neue Gerichte auszuprobieren, kleine DIY-Projekte zu realisieren, bei denen ich den Kopf ausschalten kann, oder nicht zuletzt dafür, um endlich mal wieder ins Museum zu gehen. Jedes Jahr nehme ich mir vor, es wenigstens einmal im Monat zu schaffen und verliere mein Vorhaben dann wieder aus den Augen. Aber 2018 hat es immerhin schon einmal geklappt! Ich war im Berliner Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art, kurz Urban Nation, das seit Herbst 2017 Street Art beherbergt.

Straßenkunst hinter Museumsmauern klingt für euch nach einem Widerspruch in sich? Auch ich finde es bei meinem Rundgang zuerst komisch, Street Art, die doch eigentlich die Grenzen der Kunst sprengt, wild wie Efeu über Häuserwände wächst und sich nicht von Gesetzen zähmen lässt, fest gerahmt zu sehen. Gleichzeitig erfährt sie so auch eine öffentliche Würdigung, denke ich, während ich mich auf zwei Ebene durch die aktuelle Ausstellung bewege und die Werke dank der Architektur entweder von ganz nah oder aus der Entfernung betrachten kann. Vor "Jasmine" von dem Amerikaner Axel Void, einst Student der bildenden Künste, stehe ich bestimmt zehn Minuten. Schaue. Denke. Schaue wieder. Eine Frau sitzt, die Arme seitlich aufgestützt, auf einer Couch. Ihr Kleid und eine Blume direkt hinter ihr, sind so rot, dass ich zunächst nur sie sehe. Leuchtend heben sie sich vom Hintergrund ab. Erst bei einem zweiten Blick fällt mir die Umgebung auf. Finsteres Chaos. Geht es der Frau gut? Aus ihrer Miene kann ich nichts lesen - ihr Gesicht ist in Dunkelheit getaucht. Wie ein altes Ölgemälde wirkt das Bild. Auch so kann Street Art aussehen. Wie bewusst nehmt ihr Straßenkunst an der U-Bahn-Brücke oder auf dem Briefkasten wahr und betrachtet sie als Handwerk, als etwas Künstlerisches?

 

Als es mir gelingt, mich von "Jasmine" loszureißen, zieht es mich vorbei an Waschräumen, die mit voll beschriebenen Wänden zum Selberkritzeln einladen, nach Australien, Israel, in den Iran. Normalerweise könnte ich den ausstellenden Street-Art-Künstler nur in den Ländern begegnen, in denen sie aktiv sind. Wenn überhaupt, würde ich spontan auf ihre Werke stoßen, beim Spazieren durch die Innenstadt, beim Schweifenlassen des Blickes. Beiläufig. Manche würde ich gar nicht passieren, weil sie jenseits touristischer Orte platziert sind. Andere würde ich übersehen, wenn sie nicht gerade Fassaden füllen. Aber würde ich auf offener Straße, im Gewusel der Stadt auch stehen bleiben und die Werke genauer betrachten? Hier habe ich die Möglichkeit dazu - und nutze sie. Lasse mich ganz ein auf die Kunst, was für mich der größte Gewinn ist, den das Urban Nation neben seiner Internationalität zu bieten hat.

So wie Kunst auf der Straße jederzeit übermalt werden kann, weggewaschen, abgekratzt, sollen auch die Ausstellungen im Museum wechseln. Wer weltbekannte Künstler wie Banksy neben Newcomern sehen will: Noch ist der Eintritt frei.

Eure IVA


© Fotos: Sabine Dobre/Urban Nation