Schlaf: Der neue Chic
14
Mär

Schlaf: Der neue Chic

Warum die Zeit im Schlafzimmer immer wertvoller wird – und schöner.

Christiane Varga

Geht es nur mir als professionelle Siebenschläferin so, oder habt auch ihr das Gefühl, dass genussvolles Schlafen von einer Faulpelzangelegenheit zum Teil eines immer beliebter werdenden Lifestyles zwischen Achtsamkeit und Entschleunigung, Lagom und Hygge wird? Letztes Jahr um diese Zeit schaute ich noch in Gesichter voller hochgezogener Augenbrauen, wenn ich meinen Freund*innen verklickerte, den Sonntagvormittag lieber mit Mittagsschlaf, einem großen Matcha Latte und meinem Lieblingsroman im Bett verbringen zu wollen, als mich zum Brunchen in ein hippes Café zu setzen. Inzwischen gehöre ich mit diesem Bedürfnis zur deutlichen Mehrheit in meinem Bekanntenkreis! Statt Links zu Designersales schickt mir meine beste Freundin Links zu Designermatratzen. Eine andere hat gerade in einen Seidenpyjama investiert, der teurer war als ein Städtetrip. Und im Netz stolpere ich fast täglich über neue, chice Accessoires und Widgets fürs Schlafzimmer – darunter zum Beispiel ein Kissen, das nachts die eigene Atmung verbessern soll. Ist damit die große Zeit der Müßiggänger*innen gekommen? Ich wollte es genauer wissen und habe der Soziologin Christiane Varga, freie Autorin und Expertin für New Living am Zukunftsinstitut, deshalb drei kurze Fragen gestellt:

Seit wann ist Schlafen eigentlich wieder so chic?
"Das hat zum einen mit einem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein zu tun - viele Menschen sind gut darüber informiert, dass ausreichend Schlaf wichtig zur Regeneration für Körper, Geist und Seele ist. Es scheint aber auch eine gewisse Sehnsucht nach Rückzug in unserem komplexen 'Always-on-Alltag' zu geben. Schlafen wird sozusagen zur letzten Bastion. Andererseits sind Tendenzen zum allgemeinen Optimierungswahn zu erkennen. Das kann im Zweifel wieder stressen - naturgemäß keine gute Voraussetzung fürs Entspannen."

Wie wahrscheinlich ist es, dass Schlaf gesellschaftlich mehr geschätzt wird – zum Beispiel, indem sich der Mittagschlaf etabliert?
"Leider reagieren immer noch zu wenige Schulen und Arbeitgeber auf die schon lange wissenschaftlich erwiesenen individuellen Schlaftypen. Dabei wäre das eine Win-win-Situation für alle Seiten! Die negative Konnotation, dass z.B. Mittagsschlaf nur etwas für Rentner und Faulpelze ist, ist aus Forschersicht schon lange überholt. Trotzdem kriegen wir das in unserer leistungsorientierten Gesellschaft schwer aus dem kollektiven Mindset."

Welche Entwicklungen lassen sich beim Thema Schlaf als nächstes absehen?
"Besonders spannend ist die Auseinandersetzung mit sogenannten luziden Träumen, auch Klarträume genannt. Immer mehr Menschen üben sich darin, ihre Träume bewusst zu steuern und dadurch unterschiedliche Dinge im Schlaf zu erleben."

In diesem Sinne: Schlaft schön!
Eure IVA


© Illustration: Jojo Ensslin