Tiny Houses: Wohnen auf kleinstem Fuss
11
Apr

Tiny Houses: Wohnen auf kleinstem Fuss

Für manche wartet in winzigen Häusern das große Glück.

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, euch zu verkleinern, weil sich Glück nicht in einer maximalen Quadratmeteranzahl, wohl aber mit einem bewussteren Lebensstil messen lässt? Die Vertreter*innen des Tiny House-Movements tun genau das. Sie haben unnötigen Ballast abgeworfen und wohnen in – meist mobilen – Minihäusern auf kleinstem Fuß. Während die Tiny Houses vor allem in den USA verbreitet sind, gibt es in Deutschland bislang nur wenige, die das alternative Wohnmodell aktiv leben. Madeleine Krenzlin aus Bonn ist ihrem Traum vom Tiny House schon ein gutes Stück näher gekommen: 2017 kündigte sie ihren Job als Unternehmensberaterin und fasste den Entschluss, sich ein winziges Heim selbst zu bauen. Im Februar 2018 legte sie los. Parallel zum Bau berät sie andere Interessierte, wie auch sie zu Tiny House-Besitzer*innen werden können. Ich habe mit Madeleine über das Phänomen des "winzigen Wohnens" gesprochen.

Seit Februar bist du selbst Bauherrin. Warum hast du dich dazu entschieden, ein Tiny House zu bauen – und darin zukünftig auch zu leben?
"Ich habe mich schon als Kind für Architektur interessiert, aber letztlich etwas anderes studiert. Um ein Tiny House zu planen und zu bauen, brauche ich keine Architektin sein. Vielmehr muss ich ganz in mich hinein hören und herausfinden, was meine Bedürfnisse sind, um mein Tiny House konsequent danach auszurichten. Meinen künftigen Wohnraum selber zu gestalten und zu bauen, empfinde ich als Bereicherung für mein Leben."

Was ist für dich das Besondere daran, auf kleinstem Raum zu wohnen?
"Mein Ziel ist es, ökologisch, finanziell und mental frei zu sein. Damit meine ich, dass ich darauf achte, meinen ökologischen Fußabdruck durch den Bau mit natürlichen, hochwertigen Materialien zu verkleinern und meine Ressourcennutzung an Energie und Wasser einzuschränken. Meine Fixkosten fürs Wohnen kann ich durch das Leben im Tiny House stark begrenzen, dadurch muss ich weniger arbeiten und habe mehr Zeit zum Reisen. Auch habe ich eher die Möglichkeit mir einen Job auszusuchen, weil er mir wirklich gefällt und nicht, weil ich das Geld unbedingt für die Miete brauche."

So minimalistisch Tiny Houses sind: Gibt es etwas, das neben einem Bett, der Küche und einer Toilette für dich nicht fehlen darf?
"So verrückt das vielleicht klingt: Das Wichtigste für mein Tiny House ist mir, dass es Menschen zusammen bringt. Daher habe ich den Küchen- und Wohnbereich sehr großzügig gestaltet. Hinter einer einladenden Terrassentür wird ein großer Tisch für über 6 Leute stehen. Ich male mir vor meinem inneren Auge aus, wie meine Familie und meine Freunde um diesen Tisch sitzen und lachen, während ich in der Küche stehe und ihnen zugewandt in einem Kochtopf rühre. Außerdem berate ich Menschen, die sich für Tiny Houses interessieren und wo kann ich das besser machen als bei mir zuhause?"

Wann bist du das erste Mal mit Tiny Houses in Berührung gekommen?
"Mobile Architektur in Form von modularen Containern, die auf LKWs transportiert und am Bestimmungsport auf Punktfundamente gesetzt werden, kannte ich schon lange, weil meine Mutter sich dafür als Wohnkonzept fürs Alter interessierte. Die mobilen Tiny Houses auf Fahrzeuganhängern habe ich 2012 durch einen befreundeten chilenischen Architekten kennengelernt. In der Millionenstadt Santiago ist der Wohnraum knapp und es werden reihenweiße, leider sehr hässliche Hochhäuser mit Einzimmerappartements gebaut. Mein Freund Jorge begann sich damit auseinanderzusetzen, wie man diese Schuhschachtel großen Wohnräume – wenn es sie nun schon gab – durch intelligentes Design effizienter nutzen könnte. In diesem Zusammenhang fing er an sich mit der Tiny House-Bewegung aus den USA zu beschäftigen und erzählte mir davon."

Was hat dich an dem Wohnmodell der winzigen Häuser besonders angezupft?
"Ich sah darin eine mögliche Lösung für zahlreiche Herausforderungen, denen wir als Einzelner und die Gesellschaft als Ganzes gegenüberstehen. Wir sind räumlich wieder ungebundener, sei es durch berufliche Notwendigkeit oder freiwilliges digitales Nomadentum. Ein Tiny House wird an ein Zugfahrzeug angehängt und kann relativ einfach an einen anderen Ort gezogen werden. Weltweit besteht in Großstädten Wohnungsnot. Tiny Houses erlauben vollwertiges Wohnen auf kleinstem Raum und könnten – mit ein bisschen politischem Willen – brachliegende innerstädtische Flächen zeitweise nutzen und auch kleine Nischen optimal besiedeln."

Und was muss sich individuell in den Köpfen vielleicht noch ändern, damit das Konzept auch in der Breite aufgeht?
"Wohnen auf so kleinem Raum funktioniert für den Bewohner nur dann, wenn öffentlicher Raum wie in Parks, Cafés oder Vereine gleichzeitig wieder mehr genutzt werden. Ich wage zu behaupten, dass Menschen, die in Tiny Houses wohnen, sich tendenziell mehr gesellschaftlich engagieren – einfach weil die Notwendigkeit besteht, auch mal aus ihren eigenen vier Wänden herauszukommen. Außerdem wünsche ich mir, dass politische Entscheidungsträger den Mehrwert von kleinem, mobilen Wohnraum erkennen und offen für deren Genehmigung werden."

Wer mehr zur Theorie wissen will und auf der Suche nach konkreten handwerklichen Tipps ist: Vom 27.-29.4. veranstaltet Madeleine einen Tiny House-Praxisworkshop. Am Tag der Offenen Tiny House Werkstatt (13.5.) gibt es außerdem Gelegenheit zum Reinschnuppern und Fragenstellen. Und für alle, die nicht vor Ort sein können: Die kostenpflichtige Videoserie "How to build My Tiny House" erklärt alles rund um den Bau.

Eure IVA


© Fotos: Ian Pratt/Stocksy; Madeleine Krenzlin