"Sense8"-Kritik: Schöner schlafen
13
Jul

"Sense8"-Kritik: Schöner schlafen

Ästhetisch top, inhaltlich not: Die zweite Staffel der Netflix-Serie ist langweilig.

Fernsehen

Normalerweise schreibe ich einen Post, wenn ich etwas Tolles entdeckt habe, das ich unbedingt mit euch teilen möchte. Dieses Mal ist das anders - ich muss euch warnen! Vor schmerzhaftem Zeitverlust durch Serienkonsum. In diesem Fall vor dem Konsum der zweiten Staffel von "Sense8" (seit Mai bei Netflix). Als Serienjunkie und Riesenfan der zwei "Matrix"-Macher (inzwischen MacherINNEN) habe ich die erste Staffel inhaliert.

Die Idee, das einzelne, ganz besondere Individuen aka "Sensates" auf der ganzen Welt in sogenannten "Clustern" gedanklich und emotional miteinander verbunden sind, in schwierigen Situationen ihre verschiedenen Talente bündeln und einander permanent unterstützen können, fand ich toll. Es war für mich eine Utopie ultimativer Solidarität und die schönste Fiktion vom Ende der Einsamkeit. Immer gäbe es eine tröstende Stimme im Ohr, immer jemand, der einem Mut zusprechen würde, wenn man alleine nicht mehr weiterkäme. Gleichzeitig bot die Serie Raum für Themen, die im Mainstream gerne totgeschwiegen werden. Die Freiheit bei der Wahl der gelebten Sexualität und des Geschlechts sind nur zwei Beispiele.

Durchgestylt wie auf Instagram

Doch, "Sense8" hatte (sogar politisches!) Potenzial. In der ersten Staffel. Dann strahlte Netflix kurz vor Weihnachten 2016 eine Spezialfolge aus, die bereits Übles erahnen ließ. Statt die Story weiter voran zu treiben, verkam die Episode zu einem inhaltsleeren Musikclip - über 90 Minuten! Trotzdem gab ich der Serie noch eine Chance. Ich wollte wissen, wie es weiterging. Aber ich schwöre euch - es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass es mit jeder Folge schlimmer wurde. Keine Frage: Die Kamerafahrten sind toll (immerhin wurde auf der ganzen Welt gedreht!). Die Farben sind es auch. Ästhetik beherrschten die Wachowski-Schwestern schon immer. Und "Sense8" ist wie ein durchgestylter Instagram-Account!

Aber gab es schon in der ersten Staffel Slow Motion-Szenen, die einen in ihrer Häufigkeit an den Rand des Wahnsinns treiben konnten, hatte ich das Gefühl, dass sich bei der zweite Staffel Slow Mo an Slow Mo reihte. Auf laaangsam folgte schnell laaangweilig. Szenen, wie zwei attraktive Senses - darunter Wolfgang gespielt von dem Berliner Max Riemelt - minutenlang (in Gedanken) miteinander knutschen, während über ihnen das kerzenbeschiene Poolwasser wogt, sind optische Hingucker. Die Story, geschweige denn eine ganze Serie tragen solche Szenen aber nicht. Von dem enttäuschenden Ende der Staffel will ich gar nicht erst anfangen. Dementsprechend war es für mich keine Überraschung, als es Anfang Juni von offizieller Seite hieß, "Sense8" werde mit sofortiger Wirkung abgesetzt. Trotz Mega-Cliffhanger am Schluss.

Also runter von der Couch mit euch - genießt den Sommer! Die nächste tolle Serie kommt bestimmt. "Sense8" ist es leider nicht (mehr).

Eure IVA


© Fotos: Murray Close/Netflix