Smartphone-Detox
10
Apr

Smartphone-Detox

Warum ein Smartphone im Klo das Beste ist, was mir passieren konnte.

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Als es "Plumps!" macht, brauche ich kurz, um zu verstehen, was da gerade passiert ist. Dann hänge ich auch schon mit der Hand in der Toilette und fische nach dem Smartphone. Mein erster Gedanke: Katastrophe! Der zweite: Wo ist der verdammte Fön? Bevor ich eine große Dummheit begehen kann - im schlimmsten Fall beschädigt die Hitze eines Föns oder auch die einer Heizung die Elektronik eures Telefons - brüllt mein bester Freund: "Reis! Reis!" Im nächsten Moment steht er auch schon mit einem Frischhaltebeutel voller ungekochter weißer Körner neben mir, reißt das Telefon an sich, stellt es aus (total wichtig, damit es nicht zu einem Kurzschluss kommt, meint er) und stopft es in die Tüte. "Und jetzt stellst du es mindestens 48 Stunden nicht mehr an, besser noch 72 Stunden."

72 Stunden ohne Smartphone?! Und das auch noch ab Donnerstagabend, so kurz vorm Wochenende? Ich sage euch: Am Ende waren diese 72 Stunden die bewusstesten, die ich seit langer Zeit verbracht habe. Zumindest, wenn man die Zeit abzieht, die ich panisch damit verbracht habe, meine engsten Freunde und die Familie darüber zu informieren, dass ich vorerst nicht - oder nur sehr sporadisch per Mail - erreichbar sein würde.

Was ich an den drei Tagen gelernt habe:

  1. Neben meiner eigenen Telefonnummer habe ich nur die meiner Eltern im Kopf. Geht euch das auch so? Eine begnadete Auswendiglernerin werde ich in diesem Leben nicht mehr. Dafür habe ich während des Smartphone-Dilemmas damit begonnen, ein kleines, hübsches Büchlein mit den wichtigsten Nummern und Adressen zu beginnen. So wie früher. Gleichzeitig habe ich mich hingesetzt und statt WhatsApp-Nachrichten Postkarten an die Liebsten geschrieben. Einfach nur so. Weil Reales doch noch mehr Freude bereitet als Digitales.
  2. Wenn ich durch die Straßen laufe und etwas schönes sehe, ist mein erster Gedanke manchmal nicht: "Oh, wie toll! Das will ich genießen!" Sondern: "Wäre das nicht ein schönes Motiv für Instagram/Facebook/den WhatsApp-Chat mit meinen Freund*innen?" Das muss sich ändern. Ohne Smartphone habe ich meine Umwelt viel intensiver wahrgenommen - und sie statt mit einem Foto mit meinen Gedanken festgehalten. Das hatte fast schon etwas Meditatives.
  3. Als ich meine Verabredungen nicht mehr kurzfristig mit einer SMS oder einem kurzen Anruf verschieben konnte, war ich keine Minute zu spät. Und musste umgekehrt auf niemanden warten - nicht einmal auf meine notorisch unpünktliche beste Freundin. Erziehen wir uns gegenseitig wieder zu mehr Achtsamkeit, wenn das Telefon aus bleibt?
  4. Uhren sind immer noch die coolsten Schmuckstücke. Wie konnte ich meine so lange vergessen? Zumal sie mich die vergangenen Tage immer treu und verlässlich mit jenem schlichten Piep-Piep-Piep geweckt hat, das mich an die alten Casio-Uhren meines Vater erinnert.
  5. Ich dachte immer, ich hätte keine Zeit zum Lesen. Jetzt weiß ich: Ich vertrödele sie nur. Fünf Minuten WhatsApp hier, 20 Minuten Blogroll da. Die gesparte Zeit habe ich darin investiert, eines meiner Lieblingsbücher neu zu entdecken - "Hotel New Hampshire" von John Irving. Die letzte halbe Stunde vor dem Einschlafen soll zukünftig nur noch mir und Seiten voller Geschichten gehören. Das ist ein festes Date.

Nach den 72 Stunden im Basmatireis ging mein Smartphone übrigens wieder. Telefonfrei mache ich nun allerdings regelmäßig - mit Ankündigung, damit sich niemand Sorgen machen muss.

Eure IVA


© Foto: nito/Adobe Stock