Troll Cakes: Zuckerguss über den Hass
18
Jan

Troll Cakes: Zuckerguss über den Hass

Süßes statt Saures! Wie wir fiese Kommentare mit Kuchen entkräften.

Internet

Habt ihr es schon mal erlebt, dass auf eurer Facebook-Pinnwand oder unter einem Instagram-Post plötzlich ein furchtbar gehässiger Kommentar prangte - am besten auch noch anonym? Da lediglich meine engsten Freund*innen und Kolleg*innen wissen, wo sie mich privat bei Instagram und Co. finden können, blieb ich davon bislang zum Glück verschont. Aber auf anderen, vor allem bekannteren Social-Media-Profilen, beobachte ich immer wieder, wie Netztrolle dort ihr Unwesen treiben und verbale Spitzen unter Fotos verteilen verteilen. Ich vertrete die Meinung, dass man sie als Betroffene*r am besten ignoriert - Hass schürt nur noch mehr Hass. Manchmal führt Hass aber auch zu Kuchen, wie bei der New Yorker Hobbybäckerin Kat Thek und ihren sogenannten Troll Cakes.

Seit die US-Amerikanerin einen Facebook-Kommentar las, der sich gegen die Countrysängerin Dolly Parton richtete, verwandelt sie die Hässlichkeiten von Netztrollen in Zuckerschrift und beschreibt damit Kuchen. Sätze wie "Dein ganzes Leben ist ja wohl ein Witz" oder "Warum trägst du ein Kleid, dass dich fett aussehen lässt?" stehen bei ihr umringt von Zuckerperlen und einem süßen Frosting auf einem Vanille- oder Schokoladenboden. "Für mich hat es etwas Absurdes, wenn jemand die Gefühle einer ihr unbekannten Person in der Öffentlichkeit verletzt - umso mehr, wenn diese Person Dolly Parton ist", schrieb mir Kat per Mail über ihre persönliche Motivation. "Dolly Parton ist eine 71-jährige Frau, die einen eigenen Freizeitpark besitzt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Kommentare auf ihrer Facebook-Seite liest, geschweige denn, sich einen davon zu Herzen nimmt." Mit dem Anti-Dolly-Satz "Deine Mutter wäre so enttäuscht" verzierte Kat ihren ersten Troll Cake. "Ich habe geliebt, wie albern das aussah! Und dachte: Genau das, sollte auch die Person sehen, die den Kommentar geschrieben hat."

Süße Retourkutsche

Ihre quietschbunten Kreationen schickt Kat also jeweils an den Urheber oder die Urheberin der Lästerei - mit einem Screenshot des jeweiligen Troll-Kommentars als kleinen Reminder an die eigene Nickeligkeit. Für 35 Dollar pro Kuchen backt Kat einen individuellen Troll Cake und schickt ihn an die gewünschte Adresse. Für 60 Dollar verspricht sie - sich selbst als kleine Detektei beschreibend - den Wohnort eines anonym postenden Netztrolls heraus zu finden und auch ihm den Wunschkuchen an seine private Adresse oder (laut eigener Aussage noch beliebter) die seiner Arbeitsstelle zu senden. "Trolle sind wichtigtuerische Clowns - unser Job ist es, über sie zu lachen", so Kats Einstellung. "Meine Kuchen helfen dabei." Aktuell bietet sie ihr Geschäftskonzept nur in den USA an. Was uns bleibt, ist die Message: Wenn dir jemand eine Zitrone gibt, mach Zitronenlimonade daraus - oder eben Kuchen. Sich über Trolle aufzuregen, macht keinen Sinn. Das gilt genauso für solche im Internet wie auch die im wahren Leben.

Ich weiß noch, wie ich mich früher den ganzen Tag darüber aufgeregt habe, wenn mich ein schlechtgelaunter Busfahrer auf dem Weg zur Arbeit angefahren hat. Oder ich an der Supermarktkasse auf niedrigstem Niveau angepöbelt wurde, weil ich - verträumt wie ich bin - meine Sachen nicht schnell genug aufs Band gelegt habe. Inzwischen versuche ich, das entspannter zu sehen, und mit Humor und Freundlichkeit einen Bannkreis zu ziehen. Weil dieser Frust nichts mit mir zu tun hat und ich mich nicht damit belasten will. Gut tut es mir, auf die Pöbelei mit einem Witz zu reagieren. Entweder nur in meinem Kopf oder indem ich ihn laut äußere.

Was tun bei Cybermobbing?

Anders sieht es natürlich aus, wenn aus vereinzelten, oberflächlichen Kommentaren zum Beispiel im Netz Cybermobbing wird. Die Grenze ist äußerst schmal. Wer sich bedroht fühlt oder merkt, dass ihn ein Internetfeedback psychisch beschäftigt, sollte auf jeden Fall sein Umfeld um Unterstützung bitten und gegebenenfalls auch die Polizei kontaktieren. Eine professionelle Anlaufstelle im Netz ist zum Beispiel das Bündnis gegen Cybermobbing e.V.

Eure IVA