Wie (lange) hält die Liebe?
11
Mai

Wie (lange) hält die Liebe?

3 Fragen an Julia Grosse, die für ihr Buch wahre Liebesgeschichten gesammelt hat

Liebe

Wer Jahrzehnte lang Paar geblieben ist, hat den Code der Liebe geknackt. Oder? Wenn ich auf Menschen treffe, die schon ewig zusammen sind, habe ich immer das Gefühl, dass sie mehr wissen müssen als ich. Vielleicht auch allgemein entspannter sind. Oder nur genügsamer?

Für ihr wunderbares Buch "Ein Leben lang" hat Autorin Julia Grosse mit Paaren gesprochen, denen es gelungen ist, die Liebe über den Zeitraum eines ganzen Lebens hinweg zu erhalten – oder aber sie immer wieder zu finden. Daraus ist kein Ratgeber entstanden, in dem Tipps und Tricks für ein glückliches Zusammensein zu finden sind – dafür aber persönliche Portraits, die einen eigene Glaubenssätze hinsichtlich der Liebe überdenken lassen.

Ich durfte Julia Grosse drei Fragen stellen:

Gibt es einen Tipp, den Sie bei der Recherche für universell hielten, oder eine Geschichte, die Sie in Ihrem eigenen Leben und Lieben besonders inspiriert hat?
Sehr bewegt hat mich die Kraft und Offenheit der Baumanns, innerhalb der Beziehung und nach Jahrzehnten zusammen noch einmal komplett die Rollen zu wechseln. Er nicht mehr als der dominante Mann und Komponist, und sie nicht mehr die Frau und Mutter, die sich hinter ihm versteckt. Auslöser war bei den beiden der Herzinfarkt von ihr. Dieser Schock hat ihm im wahrsten Sinne die Augen geöffnet für den Menschen, mit dem man schon so lange zusammen war.

Mit einem Blick auf Tinder und Co.: Haben wir in der heutigen Zeit verlernt, das Liebe immer auch Arbeit bedeutet und – hart gesagt – kein Wunschkonzert ist?
Klingt vielleicht altmodisch, aber nach den vielen Gesprächen mit zum Teil über neunzigjährigen Menschen würde ich sagen: Ja, die unaufgeregte Geduld, die viele Paare damals in ihre Beziehungen steckten, würden wir heute vielleicht nicht mehr aufbringen. Dabei war uns "der Partner" vielleicht noch nie so wichtig wie derzeit. Alle Paare waren irritiert, was für einen Druck wir auf die Beziehung abladen. Sie muss jeden Tag ein Feierwerk zünden und uns permanent glücklich machen. Wenn Paare mir erzählten, dass sie manchmal nicht Monate, sondern Jahrelang schlechte Phasen hatten, kriegen wir es mit der Angst zu tun. Mit so einer Glücks-Haltung sind all' diese Paare gar nicht in die Beziehung gegangen. Oftmals waren die Kontexte schwer und es war vor allem auch: praktisch ...

Welche Liebesweisheit hat man nach 30, 50, 70 – aber vermutlich noch nicht nach fünf – gemeinsamen Jahren?
Ich würde sagen, von dem, was ich gehört und gespürt habe: eine Bergmassiv sprengende Solidarität und Vertrautheit. Das Wissen, dass dieser andere Mensch sein ganzes Leben mit einem teilen wollte. Wenn man das einmal realisiert, ist dieser Gedanke auch sehr bewegend. Eine interviewte Frau um die Neunzig sagte: "Wir sagen uns nicht mehr 'Ich liebe dich'. Das brauchen wir nicht mehr. Es ist heute im seinem Blick, wie er mich ansieht. Das kann man nicht in Worte fassen." In diesem Satz steckt so viel Romantik und Tiefe, dass es mich immer wieder bewegt, wenn ich ihn höre.

Buchtipp

Die 70 Jahre währende Beziehung ihrer Großeltern prägte Julia Grosses Bild davon, wie die Liebe aussehen sollte. Ausgehend von dieser Bilderbuchehe reiste die Autorin durch Deutschland und am Ende bis nach New York, um in Gesprächen mit Langzeitpaaren andere Beziehungsmodelle kennenzulernen. Bei allem Persönlichen haben die gesammelten Lebens- und Liebesgeschichten etwas Universelles an sich: In berührenden, aber niemals rührseligen Worten erzählen sie davon, dass es für die Zeit zu zweit nicht den einen "richtigen" Weg gibt. Das hat etwas Tröstliches und macht Mut, es miteinander zu probieren – so gut man eben kann.

Julia Grosse: "Ein Leben lang", 15,99 Euro über Hoffmann und Campe

Viel Spaß beim Schmökern,

Eure IVA


© Fotos: pressmaster/Adobe Stock; Georgia Kuhn