Auf Ich-Expedition
10
Okt

Auf Ich-Expedition

Können wir etwas daran ändern, wie wir sind? Ein Interview mit Psychologin Jule Specht.

"Bleib so, wie du bist", schrieb mir kürzlich wieder jemand in eine Karte. Klar, das war nett gemeint, aber trotzdem habe ich mich gefragt, ob das – so sehr ich mich mag – wünschenswert ist: zu bleiben, wie man ist. Am Ende bedeutet bleiben doch auch, stehen zu bleiben, oder? Sicher ist es gut, mal zu verharren, "bei sich" zu sein und nicht immer weiter zu streben. Ich weiß das, weil mein Perfektionismus für mich schon häufiger zum Problem wurde. Dieser Drang, immer alles noch besser machen zu wollen, tut mir nicht gut. Durch Reflexion des eigenen Handelns und das Bemühen, es mal anders, weniger perfekt zu versuchen, mache ich mir weniger Stress. Über die Jahre habe ich mich aus eigenem Antrieb verändert. Oder bilde ich mir das ein? Habe ich überhaupt Einfluss auf meine Persönlichkeit? Gibt es vielleicht gar keine andere Option als zu bleiben, wie man ist? Da ich das Thema so spannend finde, habe ich die Psychologin Jule Specht gefragt. Mit "Charakterfrage" hat sie ein ganzes Buch darüber geschrieben, wer wir sind und wie wir uns verändern (können).

Manchmal heißt es "Mit 50 hat sie sich noch mal komplett neu erfunden!": Ist das aus psychologischer Sicht wirklich möglich oder können wir uns so sehr gar nicht verändern?

Jule Specht: Im Prinzip ist es möglich, sich in jedem Alter umfassend zu verändern – mit 20 oder mit 70. Das passiert allerdings sehr selten. Die meisten Veränderungen, die in unserer Persönlichkeit geschehen, sind eher klein – Nuancen. Das liegt daran, dass wir in der Regel in einem stabilen Umfeld leben. Auch der genetische Einfluss auf unsere Persönlichkeit bleibt relativ stabil über die Zeit. Was stimmt, ist, dass abrupte Veränderungen in unserem Umfeld – zum Beispiel ein Berufswechsel, ein Umzug ins Ausland oder eine neue Partnerschaft – zu Persönlichkeitsveränderungen führen können. Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten: Dass aus einem Mauerblümchen plötzlich eine Partyqueen wird, ist äußerst unwahrscheinlich.

Inwiefern liegt in der Möglichkeit zu persönlichem Wandel bis ins Alter hinein auch die Gefahr der ewigen Selbstoptimierung?
Die Gefahr, ein Veränderungspotenzial als gesellschaftlichen Zwang zu verstehen, sehe ich tatsächlich. In Ratgebern gibt es einen starken Trend zur Selbstoptimierung – davor kann ich nur ausdrücklich warnen. Stattdessen sollten wir die Möglichkeit zur Veränderung als Chance verstehen, dass wir im Leben nicht stagnieren. Leider ist es so, dass bestimmte Charaktermerkmale gesellschaftlich positiver oder negativer konnotiert werden, aber aus psychologischer Sicht gibt es keine Persönlichkeiten, die "besser" oder "schlechter" sind. Unsere Persönlichkeit ist immer gut so, wie sie ist.

Was können wir aktiv dazu beitragen, um uns selbst zu akzeptieren? Oder geschieht das mehr oder weniger "automatisch" – als Summe positiver Erfahrungen oder Reaktionen auf uns?
Selbstwertgefühl, wie wir es in der Psychologie nennen, ist – im weiteren Sinne – ein Merkmal unserer Persönlichkeit. Studien belegen, dass es denen, die sich selbst mehr wertschätzen, besser geht. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl fokussieren dagegen auf Misserfolge. Situationen, die verschiedenen ausgelegt werden können, interpretieren sie eher negativ. Wenn man lernen möchte, sich selbst zu akzeptieren, könnte man daran arbeiten – das ist auch ein Ziel diverser Psychotherapien. Es hilft beispielsweise, in Situationen, in denen man sich angegriffen oder kritisiert fühlt, automatisierte Denkmuster aufzudecken und zu hinterfragen. Langfristig kann man lernen, diese zu ändern.

Welchen Einfluss haben unsere Mitmenschen überhaupt auf uns als soziales Wesen und unseren Charakter – ändert sich das im Laufe der Jahre?
Soziales Feedback ist wichtig, um zu erkennen, wo unsere Stärken und Schwächen liegen. Gleichzeitig sollten wir uns nicht von jeder Reaktion unseres sozialen Umfelds aus der Ruhe bringen lassen. Allgemein lässt sich sagen, dass wir im Alter unabhängiger von den täglichen Ups und Downs des Alltags werden. Studien belegen, dass sich ältere Menschen außerdem eher auf positive Dinge fokussieren und negative Rückmeldungen häufiger ignorieren. 

Die Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen wurde von der Wissenschaft von 4500 auf fünf grundlegende herunter gekürzt. Wie lässt sich damit Vielfalt erfassen? Oder sind wir alle gar nicht so verschieden und einzigartig, wie wir es gern glauben?
Mit der großen Vielfalt der Menschen kann die Persönlichkeitspsychologie nur begrenzt umgehen, es gibt einfach zu viele Persönlichkeitseigenschaften. Die Big Five – Emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit – entstanden also auch aus Pragmatismus heraus, um die Persönlichkeit überhaupt handhabbar zu machen. Die Idee war, zentrale Kategorien zu schaffen, um Menschen voneinander zu unterscheiden. Das ermöglicht ein grobes, aber zuverlässiges Raster. Die bedeutende Vielseitigkeit der Menschen in all ihren Facetten lässt sich damit natürlich nicht erfassen.

Buchtipp

Ist es ein Muss, sich zu verändern? Ist die Chance auf Veränderung irgendwann vorbei? Und was brauchen wir, um an unserer Persönlichkeit zu arbeiten? Sachlich, aber dabei alles andere als langweilig bringt Autorin Jule Specht ihren Leser*innen große Fragen und Antworten der Persönlichkeitspsychologie näher. Kernaussagen belegt sie mit Studien, die sich dank beispielhafter Alltagssituationen leicht nachvollziehen lassen. Daneben regen Tests dazu an, das eigene Sein, Werden und Gewordensein zu reflektieren. Spannend für alle, die wissen wollen, warum sie sind, wie sie sind – und ob sich die eigene Persönlichkeit wirklich selbst beeinflussen lässt. 

Viel Spaß beim Schmökern,
Eure IVA


© Fotos: unsplash/Inês Pimentel (Aufmacher); Jens Gyarmaty (Autorenfoto)