Dafür bist du nie zu klein!
10
Jan

Dafür bist du nie zu klein!

Diese Kinderbücher helfen, über schwierigere Themen zu sprechen.

Die Kleinen von heute sind die Gesellschaft von morgen. Damit sie zu differenziert denkenden Gestalter*innen werden können, müssen sie die Welt in ihrer Vielfalt kennenlernen. Deshalb halte ich auch nichts davon, Kinder vor vermeintlich schwierigen Sachverhalten "schützen" zu wollen.

Aber wie spricht man kindgerecht über Flucht, das Artensterben im Tierreich? Wie lässt sich Misshandlung in Worte fassen und wie diverse Familienmodelle mit Bildern vielleicht etwas anschaulicher gestalten?

Ich glaube fest daran, dass Bücher Fenster zur Welt sind – schon für die Kleinsten. Etwas zu zeigen funktioniert einfach besser als zu erklären, wenn man miteinander ins Gespräch kommen möchte. Hier stelle ich euch deshalb meine Kinderbuchlieblinge vor, die den Blick weiten, Toleranz fördern und auch für Erwachsene ein echter Gewinn sind.

"Vom Verschwinden der Tiere"

In vielen Fällen ist der Mensch dafür verantwortlich, dass die Tierwelt im Laufe der Zeit kontinuierlich geschrumpft ist. Diese Erkenntnis ist bitter, unendlich traurig noch dazu, aber auch wichtig, um zu verstehen, dass am Ende jede*r Einzelne*r in der Pflicht steht, unseren Planeten gut zu behandeln. "Vom Verschwinden der Tiere" veranschaulicht das mit seinen stilistisch abwechslungsreichen Illustrationen und kreativen Texten über zum Teil längst ausgestorbene Tierarten auf die schönste denkbare Weise. Es ist Recherchestück, Sammlung, Erinnerungsalbum – und nicht zuletzt eine spannende Safari durch ein Tierreich, das wir in der wirklichen Welt nicht mehr erleben können.

Studierende der Münster School of Design: "Vom Verschwinden der Tiere", 29 € über den Jaja Verlag

"Klein"

Für Kinder sollte das eigene Zuhause ein Schutzraum sein. Aber nicht alle fühlen sich dort geliebt und sicher. "Klein" erzählt die beklemmende Geschichte eines kleinen Wusels, das bei Groß und Stark aufwächst. Ganz fröhlich im Bauch wird es oft nur dann, sobald es in der Kita ist. Zuhause gibt es Streit, bei dem man sich unter dem Tisch verstecken will – und niemanden, der Klein ins Bett bringt. Eines Tages beschließt Klein, sich selbst zu retten. "Alle, die groß sind, sollen sich um die kümmern, die klein sind", ist die Botschaft, die "Klein" in ausdrucksstarken Bilder und wenigen, aber dafür wichtigen Worten vermittelt. Betroffenen Kindern kann es dabei helfen, über ihre Not zu reden. Und Erwachsenen dabei, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden.

Stina Wirsén: "Klein", 9,95 € über Klett Kinderbuch

"Wo ist Papa?"

Vater, Mutter, Kind: Geht es um Familie, existiert nach wie vor ein starres Bild davon, was normal, funktional und gut ist. Autorin Mirna Funk und Illustratorin Mayaan Sophia Weisstub wollen etwas an der Sichtweise ändern, in der kein Platz für diverse Familienmodelle ist. In ihrem Kinderbuch "Wo ist Papa?" gibt es deshalb Giraffengroßeltern, die für ein Giraffenkind genauso Familie bedeuten, oder zwei Gazellenpapas die für eine kleine Schildkröte zur liebevollen Pflegefamilie geworden sind. Sie erzählen vom Patchworkmodell der Mausvögel oder von Hyänen, bei denen es zwei Mamas und einen nicht weiter präsenten Erzeuger gibt. Alle Episoden zeigen: Es braucht keinen Papa, keine Mama, um sich als Familie komplett zu fühlen. Familie ist so, wie wir selbst sie gestalten und mit Liebe füllen.

Mirna Funk, Mayaan Sophia Weisstub: "Wo ist Papa?", 19,95 € als Selbstpublikation

"Pirouetten"

Seit ihrer Kindheit ist Tillie Eiskunstläuferin. Seit sie Eiskunstläuferin ist, will sie eigentlich nur runter vom Eis. Irgendwann schläft die Teenagerin bibbernd bei voll aufgedrehter Klimaanlage, um es wieder in die Eishalle zu schaffen, zurück in eine Welt, in der sie sich hinter Make-up verstecken und noch mehr als anderswo spielen muss, auf Jungs zu stehen. In der 400 Seiten starken, sensibel erzählten Graphic Novel "Pirouetten" zeichnet Tillie Walden ihre eigene Geschichte nach. Dabei geht es vordergründig – na klar – um Eiskunstlauf, hintergründig jedoch um große Themen wie Selbstfindung, Akzeptanz und die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln. So kommt das eigene Coming Out genauso zur Sprache wie Mobbing oder auch sexuelle Belästigung. Zum gemeinsamen Lesen mit älteren Kindern, noch besser aber zum Selberlesen für Teenager – und für Erwachsene sowieso.

Tillie Walden: "Pirouetten", 29 € über Reprodukt

"Hier sind wir"

Um seinem damals frisch geborenen Sohn Harland die Welt erklären zu können, schrieb Neu-Papa Oliver Jeffers eine persönliche und dabei doch ganz universelle "Anleitung zum Leben auf der Erde". "Hier sind wir" ist bunt in jeder Hinsicht. Ausgehend vom Universum, über die Aufteilung zwischen Land, Meer und Himmel kommt er schließlich zu den Menschen. Die müssen trinken und essen, Pizza zum Beispiel. Sich warmhalten. Es gibt sie in allen Formen und Farben. Und auch, wenn sie so verschieden sind: "Wir alle sind Menschen", hält Jeffers fest. Die Botschaft mag simpel sein, trotzdem gehört sie mit zu dem Wichtigsten, was wir im Leben lernen. Genauso wie das: "Sei nett. Es gibt genug für alle".

Oliver Jeffers: "Hier sind wir. Anleitung zum Leben auf der Erde", 16 Euro über den NordSüd Verlag

"Marwans Weg"

Wie es ist, wenn man durch einen Krieg von Zuhause, vertrauten Gerüchen und Liedern weg muss, durch die weite Wüste, mit einem schweren Rucksack auf den Schulter und der eigenen Mama nur als sanfte Stimme der Erinnerung im Kopf, zeigt das Bilderbuch "Marwans Weg". Schon die Jüngsten können so Empathie lernen mit den Millionen Geflüchteten, die eine schwere Reise auf sich nehmen, um sicher zu sein. Der kleine Marwan findet in seinem Ankunftsland ein neues Zuhause – ohne darüber die Hoffnung zu verlieren, irgendwann zurückkehren zu können und das Leben aufzubauen, das er sich wünscht.

Patricia de Arias, Laura Borràs: "Marwans Weg", 14,95 € über Minedition

Viel Freude beim (Vor-) Lesen und Entdecken!

Eure IVA


© Fotos: Unsplash/Ben White (Aufmacher); Jaja Verlag, Klett Kinderbuch, Mayaan Sophia Weisstub, Reprodukt, NordSüd Verlag; Minedition (Buchcover)