Der Herbst der Bücher
08
Nov

Der Herbst der Bücher

Das sind meine aktuellen Lieblingstitel.

Während draußen die Äste ans Fenster klopfen, raschele ich mit den Seiten meiner Bücher. Im Herbst gibt es für mich kaum etwas Schöneres, als mich durch die Neuerscheinungen zu wühlen, einzelne Literaturperlen herauszupicken und mit einer großen Kanne Chai-Tee neben mir wundervoll träge Samstag- und Sonntagnachmittage unter mehreren Lagen an Decken zu verbringen. Ein paar aktuelle Titel habe ich in den vergangenen Wochen bereits weggelesen. Aber was sage ich – ich habe sie zum Teil  i n h a l i e r t, weil sie so spannend, so mitreißend oder auch so berührend waren! Vom Mutter-Tochter-Roman bis hin zur Graphic Novel: Hier kommen meine Lieblinge aus ganz unterschiedlichen Genres:

Gun Love

Die Geschichte von Pearl spielt auf der Rückbank eines Autos. Dort lebt sie mir ihrer Mutter, die kurz nach Pearls geheim gehaltener Geburt bewusst aus ihrem reichen Elternhaus geflüchtet ist. Dass der Wagen inzwischen seit 14 Jahren in einem Trailerpark nahe der Müllkippe steht, war nicht geplant, aber nun sind die Reifen platt. Der Kofferraum, gefüllt mit Tafelsilber, Schmuck und Kleinoden aus Elfenbein, dient nur dazu, um Pearl ihre Wurzeln zu zeigen. Sie selbst wächst in einer Welt der Waffen auf, während die Mutter ihr nur eines rät: zu träumen. In Jennifer Clements "Gun Love" schwingt das Politische an der Waffenvernarrheit der Amerikaner die ganze Zeit über subtil mit. Das ist faszinierend. Aber was wirklich fesselt, ist das Mutter-Tochter-Spiel, bei dem die Rollen nicht immer klar sind.

Jennifer Clement: "Gun Love", 22 € über Suhrkamp/Insel

Vom Ende der Einsamkeit

"Ich fühle nichts, nicht mal, dass meine Kindheit vorbei ist", beschreibt Jules seine Erinnerungen, als er sich von seinem Zuhause verabschiedet. Die Eltern sind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, das neue Heim von ihm und seinen Geschwistern ist ein Internat. Dort wachsen sie nach Jahrgängen getrennt voneinander auf und starten schließlich grundverschieden ins Erwachsenenleben. Verlust und Einsamkeit prägen die Familiengeschichte, die aus der Perspektive von Jules – dem jüngsten der Geschwister – erzählt wird. Melancholisch, poetisch, tiefgründig: "Vom Ende der Einsamkeit" berührt mit Menschlichkeit und zeigt, wie uns die unverarbeitete Vergangenheit manchmal bis in die Zukunft zu beeinflussen versucht.

Benedict Wells: "Vom Ende der Einsamkeit", je 13 € über Diogenes

Girlsplaining

Meine wieder entflammte Liebe zu Graphic Novels kennt ihr ja schon. Eine aktuelle Comic-Perle habe ich mit Katja Klengels "Girlsplaining" gefunden. Auf Basis eigener Erfahrungen einer Kindheit und frühen Jugend in den 90er-Jahren vergleicht sie die Angst vor dem Wort "Vulva" mit der Angst vor "Valdemort". Der gesellschaftliche Zwang zur weiblichen Körperenthaarung wird bildlich mit dem "Geist der verrosteten Rasierklingen" gesprengt. Das alles ist unfassbar witzig, aber auch Augen öffnend. Zudem ist die Aufteilung in kurze, thematische Kapitel super, um kleinere Wartezeiten mit relevanten Inhalten zu füllen – oder sich zwischendurch einfach mal den Kopf mit frischen, kritischen Gedanken durchpusten zu lassen.

Katja Klengel: "Girlsplaining", je 18 € über Reprodukt

Der Strand bei Nacht

Die Puppe Celina wird von ihrer Puppenmama, der kleinen Mati, am Strand vergessen – weil die nun eine Katze hat und das Tier vermeintlich lieber als ihr Puppenkind. In fantasievoller Sprache, gestützt durch (alb-)traumhafte Illustrationen spinnt die Erfolgsautorin Elena Ferrante ("Meine geniale Freundin") in "Der Strand bei Nacht" eine surreale, spannende und überraschende Geschichte von menschlichen Ängsten aus Sicht der zurückgelassenen Puppe. Bei erwachsenen Lesern sorgt die Perspektive für einen märchenhaften Zauber – für die Kleinsten dürfte die Erzählung stellenweise zu unheimlich sein.

Elena Ferrante: "Der Strand bei Nacht", 14 € über Suhrkamp/Insel

Der Zorn der Einsiedlerin

Nichts gegen die amerikanischen Crime-Queens Elizabeth George, Patricia Cornwell oder Donna Leon, aber die in meinen Augen immer noch beste, da pfiffigste Krimiautorin ist Fred Vargas mit ihren Geschichten rund um den skurrilen Kommissar Adamsberg und seine Brigarde Criminelle des 13. Pariser Arrondissements! Im inzwischen bereits 11. Band löst Adamsberg gleich mehrere Fälle, die thematisch durch die Gewalt gegen Frauen verbunden sind. "Der Zorn der Einsiedlerin" ist typisch für Vargas: fantasievoll und intelligent. Dabei vermischt die Autorin gekonnt Erzählelemente aus Schauermärchen mit Sagen der Wissenschaft. Spannend bis zur letzten Seite und trotz unzähliger Stammfiguren auch für Quereinsteiger*innen geeignet!

Fred Vargas: "Der Zorn der Einsiedlerin", 23 € über Limes

Junger Mann

Durch die frei gekratzte Windschutzscheibe verliebt sich ein 13-jähriger Tankwart um Kopf und Kragen. Ihn und Ella trennen neben der Scheibe ein paar Jahre, vor allem aber ein Lastwagen fahrender Ehemann – und mindestens neun Kilo, die in den neun Wochen der Sommerferien schmelzen sollen. Während er sich seiner ersten Liebe über Gratis-Eis oder eine geschenkte, silber glänzende Fahrradklingel annähert, fragt ihn der LKW-Gatte für einen Dolmetscherjob an. Schon bald ist er – mit zunehmend unklarer werdenden Mission – unterwegs nach Griechenland. "Junger Mann", der jüngste Roman von Wolf Haas, ist irgendwo zwischen Coming-of-Age-Roman, Road-Trip-Novelle und einer Geschichte über Freundschaft angesiedelt. Ein reizvoller Mix, der beste Unterhaltung für kurze Stunden bietet.

Wolf Haas: "Junger Mann", 22 € über Hoffmann & Campe

Viel Spaß beim Schmökern!

Eure IVA


© Fotos: Suhrkamp/Insel Verlag (Covers: "Gun Love", "Der Strand bei Nacht", "Der Zorn der Einsiedlerin"); Diogenes Verlag (Cover; "Vom Ende der Einsamkeit"); Reprodukt (Cover: "Girlsplaining"); Hoffmann & Campe (Cover: "Junger Mann")