Die Mode von morgen
16
Aug

Die Mode von morgen

Wie können wir bei Kleidung fairer, ökologischer & vegan einkaufen?

Die Äpfel im Obstkorb kommen aus regionaler, ökologischer Landwirtschaft, beim Milchkaffee zum Mitnehmen – gern mit Getreide- oder Nussmilch – achten wir darauf, selbst mitgebrachte, wiederverwendbare Becher befüllen zu lassen und verzichten bei der Frage "Brauchen Sie eine Tüte?" schon seit Längerem auf Plastik. Aber wie sieht es eigentlich bei unserer Kleidung aus?

In meinem Freundeskreis diskutieren wir regelmäßig darüber, wie wir mit besserem Gewissen einkaufen können – auch bei kleinem Budget. So shoppt eine Freundin fast ausschließlich Second Hand, zum Beispiel bei Plattformen wie Kleiderkreisel.de, und verlängert dadurch das Leben von Kleidungsstücken, die von ihren ursprünglichen Besitzer*innen nicht mehr geliebt werden.

Die Zukunft der Mode liegt für mich jedoch woanders: in Kleidung, für deren Produktion weder ein Tier, ein Mensch oder die Umwelt leiden musste. Expertin auf dem Feld ist Christina Wille. 2014 eröffnete sie in Berlin ihren ersten Shop in Berlin mit ökologischer, fairer und veganer Mode. Inzwischen hat sie zwei Läden in der Hauptstadt und betreibt mit Loveco-Shop.de auch einen Onlineshop, der einen Einkauf mit gutem Gewissen möglich macht. Im Interview hat sie mir verraten, warum es höchste Zeit ist, bei der Auswahl unserer Kleidung umzudenken.

Christina Wille

Warum ist es so wichtig, dass wir uns endlich mehr mit der Herstellungsweise von Kleidung auseinander setzen?
"Wichtige Expert*innen sagen schon länger den ökologischen Kollaps unseres Planeten voraus, wenn wir so weiter wirtschaften wie bisher. Daher müssen wir nicht nur im Lebensmittelbereich oder Transportwesen über ökologische Alternativen nachdenken, sondern auch im Modebereich. Aber nicht nur ein ökologischer Umgang mit unseren Ressourcen ist wichtig. Wir haben auch eine Verantwortung unseren Mitmenschen gegenüber, die immer noch ausgebeutet werden für billige Kleidung auf dem Markt. Und zu guter letzt haben wir viel zu lange unberücksichtigt gelassen, wie Tiere gequält werden, damit wir ein Stück Leder oder Pelz tragen können."

Worauf muss ich achten, wenn ich Mode kaufen will, die garantiert ökologisch, vegan und fair hergestellt wurde? Gibt es spezielle Siegel, auf die ich vertrauen kann?
"Als Siegel empfehlen wir den GOTS, den IVN, fairtrade Biobaumwolle und die Fair Wear Foundation, die aber nicht im klassischen Sinne ein Siegel darstellt. Der GOTS und der IVN sind die umfassendsten Siegel. Sie stehen nicht nur für ökologische Kriterien in Anbau und Weiterverarbeitung, sondern auch für soziale Standards. Fairtrade Biobaumwolle hingegen bezieht sich vorrangig auf den Anbau der Biobaumwolle und nicht auf die Weiterverarbeitung. Die Fair Wear Foundation wiederum berät und kontrolliert bei den Sozialstandards. Für den veganen Aspekt gibt es die Auszeichnung 'PETA-approved vegan'. Hier werden allerdings keine ökologischen oder sozialen Standards berücksichtigt. Der klassische Fallstrick bei tierischen Materialien ist das Lederpatch an der Jeans, der Strickpulli aus Schafswolle oder die schöne Bluse aus Seide. Alles Materialien vom Tier."

Stichwort Style: Kann ich inzwischen für alle It-Pieces ein nachhaltigeres, tierfreundliches Pendant finden? Gibt es einzelne Labels, die du besonders empfehlen kannst, wenn einem Trends wichtig sind?
"Die Branche läuft glücklicherweise nicht jedem Style hinterher. Gerade It-Pieces sind ja bekanntlich sehr saisongebunden und 'verfallen' schnell wieder. Aber wer sich 'trendbewusst' kleiden will, findet durchaus etwas bei Brands wie Kings of Indigo, Jan 'n June, Cossac oder Armedangels. Aber Achtung, die Kollektionen sind nicht immer zu 100% vegan."

Wie sieht es bei Schuhen aus: Ist es da wirklich so einfach, auf Leder zu verzichten?
"Nein, 'einfach' wäre zu optimistisch. Schuhe sind ein starkes Statement. Mein Gefühl ist, dass aufgrund des Styles häufig doch zum konventionellen (Leder-)Schuh gegriffen wird. Aber wir sind auf einem guten Weg und sehen in unserer zweiten Filiale in Berlin Kreuzberg, die sich voll und ganz auf vegane Schuhe konzentriert, dass unsere Auswahl ankommt und wir es da auch schaffen ein aussagekräftiges veganes Sortiment zu präsentieren."

Was sind die größten Entwicklungen, die es in den vergangenen Jahren bei veganer und fairer Mode gegeben hat?
"Gerade im Bereich Pflanzenleder ist in den letzten Jahren viel auf den Markt gekommen. Wir entdecken regelmäßig neue Innovationen wie beispielsweise Ananasleder, Apfelleder oder Pilzleder. Aber auch Materialien wie Tencel oder Modal, die auf Cellulosebasis hergestellt werden, bereichern unsere Auswahl und bestechen durch ihre tolle Haptik und ihren Tragekomfort."

Hast du das Gefühl, dass in der breiten Masse langsam, aber sicher ein Umdenken stattfindet wie bei dem Konsum von (Bio-)Lebensmitteln? Was müsste passieren, damit ökologische, faire und vegane Mode (noch) populärer wird?
"Wir bewegen uns noch immer in einer Nische, aber wir werden größer und stärker. Das merken natürlich auch große Player auf dem Markt und ziehen nach (siehe Arket, die neue Untermarke von H&M). Im Moment halten wir aber noch nicht mit den Anteilen wie im Lebensmittelbereich mit. Für mehr Popularität bräuchten wir mehr mediale Aufmerksamkeit, mehr Sichtbarkeit und sinkende Preise. Das klingt erstmal nach Widerspruch. Wir wollen und können nicht mit Preisen von Discountern mithalten. Aber es ist nach wie vor eines der größten Hürden für viele Menschen, sich mit nachhaltiger Mode einzudecken."

Eure IVA

PS: Mehr zum Thema nachhaltige und faire Mode findet ihr hier in unserem Special.


© Fotos: Nora Dal Cero (Portrait Christina Wille); Vreni Jäckle (Schuhwand im Laden Manteuffelstraße); Katharina Kern (Schaukel im Laden Sonntagstraße); Nora Dal Cero (Aufmacherbild von Imagefotos 2018)