Fliegt, Bienchen!
13
Jul

Fliegt, Bienchen!

Was wir tun können, um dem Bienensterben entgegen zu wirken.

Mit dem am 20. Mai 2018 erstmals gefeierten Weltbienentag wollten die Vereinten Nationen dafür sensibilisieren, wie wichtig die brummenden Bestäuber für die Lebensmittelproduktion und unser gesamtes Ökosystem sind. Ihnen nur an einem Tag des Jahres Aufmerksamkeit zu schenken, reicht jedoch nicht aus – Beweis dafür ist nicht zuletzt das große Bienensterben.

Beim Umwelt- und Naturschutzverband BUND ist die wissenschaftliche Mitarbeiterin Corinna Hölzel Spezialistin für Bienen und pestizidfreie Kommunen und setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung ein. Dazu zählt auch, vor allem Wildbienen zukünftig besser zu schützen. Was dafür passieren muss und wie wir als Einzelne aktiv werden können, um zu helfen, hat sie mir im Interview verraten.

Das Bienensterben ist mehr wert als drei Sätze. Aber wie lässt sich das Problem in aller Kürze beschreiben?
"Das eigentliche Bienensterben findet bei den Wildbienen statt. Nicht nur Wildbienen, sondern generell Insekten sind extrem von einem Schwund in den Arten und in den Anzahlen pro Art betroffen. Die Biomasse der Insekten hat in den letzten 30 Jahren rund 75 Prozent abgenommen. Das ist besonders dramatisch, da Wildbienen gemeinsam mit Honigbienen unsere Lebensmittel bestäuben und Insekten außerdem Nahrungsgrundlage für viele Vögel, Fledermäuse, Fische und Amphibien sind."

Woran liegt es, dass Wildbienen und Insekten verschwinden?
"Ein Hauptgrund für den Insektenschwund ist die industrielle Landwirtschaft. Diese ist von Überdüngung, dem Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide sowie dem Verlust von vielfältigen Strukturen wie Hecken, Feldrainen, Streuobstwiesen und Blühflächen gekennzeichnet."

Was muss sich in Zukunft dringend ändern?
"Der Trend des Artenverlusts muss gestoppt und Bienen und Insekten geschützt werden. Wichtige Eckpunkte sind: Verbot von besonders gefährlichen Pestiziden wie zum Beispiel der Neonikotinoide. Aber auch Glyphosat, das alle Pflanzen und damit Nahrung und Nistplätze für Wildbienen vernichtet, darf keine Anwendung mehr finden. Generell muss eine drastische Reduktion der Menge der eingesetzten Pestizide erfolgen. Weiterhin müssen Lebensräume für Wildbienen erhalten, geschützt und wiederhergestellt werden. Ganz wichtig ist ein Umsteuern in der Agrarpolitik. Bienenfreundliche Maßnahmen wie vielfältige Fruchtfolge, Mischkulturen und der Einsatz von Nützlingen muss gefördert werden. Ökologische Maßnahmen, die unsere Artenvielfalt schützen, müssen honoriert werden. Auch das veraltete Zulassungssystem für Pestizide bedarf einer grundlegenden Reform. Hier müssen zukünftig auch Langzeiteffekte und Kombinationswirkungen von Pestiziden berücksichtigt werden. Weiterhin müssen industrieunabhängige Studien die Grundlage der Bewertung sein."

Gibt es etwas, das ich als Einzelperson gegen das Bienensterben tun kann?
"Ökologische Lebensmittel sind ohne den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide und Dünger hergestellt. Auf Flächen der Biolandwirtschaft ist die Artenvielfalt der Wildbienen höher als auf konventionell bewirtschafteten Feldern. Mit dem Kauf von Öko-Produkten schützen Verbraucher*innen Wildbienen und Insekten. Aber auch jede Gärtnerin und jeder Gärtner ist gefragt. Pestizide im eigenen Garten sollten tabu sein. Naturnahes Gärtnern ist möglich, beschert unbelastetes Obst und Gemüse und bietet gleichzeitig tolle Erkenntnisse über die Artenvielfalt im eigenen Garten. Bienenfreundliche Pflanzen, Kräuter, Hecken und Bäume sollten im Garten Vorrang haben, wilde Ecken sollten entstehen und die Wiese so selten wie möglich gemäht werden, damit die Pflanzen zum Blühen kommen können."

Inwiefern kann der Eintritt in einen speziellen Verein helfen – und wie finde ich einen, in dem ich wirklich etwas bewegen kann?
"Gesellschaftliches Engagement lohnt sich immer. Gemeinsam mit anderen Menschen für den Erhalt der Artenvielfalt und für Umweltschutz aktiv zu sein, macht Spaß und ist erfolgreich. Es gibt eine Vielzahl von Bündnissen oder Vereinen, zum Beispiel Umwelt- und Naturschutzvereine wie der BUND oder auch lokale Imkervereine, Gemeinschaftsgärten, FoodCoops oder Gemeinschaften der solidarischen Landwirtschaft. Von der politischen Aktion bis zum Anlegen von Blühwiesen, der Pflege von Streuobstwiesen, dem Aufstellen von Nisthilfen für Wildbienen oder dem Bildungsprojekt mit Kindern: Die Möglichkeiten, sich zu engagieren, sind vielfältig."

Stichwort Blühwiesen: Was sind bienenfreundliche Samenpakete? Wie finde ich sie im Baumarkt oder Gartencenter?
"Welche bienenfreundliche Pflanzen am besten sind, ist abhängig vom Standort, also von der Region, vom Boden, den Niederschlägen und den Lichtverhältnissen. Im besten Fall machen Sie sich schlau, welche Gärtnerei in Ihrer Region heimische Wildstauden oder entsprechendes Saatgut anbietet. Wildstauden sind Pflanzen, die aus ihren natürlichen Verwandten gezüchtet wurden. Sie können Gärtnereien auch anfragen, ob sie Ihnen entsprechende Arten bestellen können. Lokale Pflanzenbörsen haben häufig ein umfangreiches Sortiment an selbstgezogenen Wildstauden. Auch viele Landesverbände des BUND geben gern Auskunft über regionales Saatgut."

Was gilt es beim Honigkauf zu beachten – oder kann ich da bedenkenlos auswählen?
"Ich würde in jedem Fall einen regionalen Honig empfehlen, wenn möglich mit Bio-Zertifikat. Am besten, Honig aus der Region direkt vom Imker, zum Beispiel auf dem Wochenmarkt kaufen. Auch wenn der Honig nicht bio-zertifiziert ist, kann der Imker oder die Imkerin doch Auskunft über Bienen geben, wo die Bienenstöcke stehen und welche Blüten die Bienen wahrscheinlich anfliegen. Und dann einfach nach Geschmack entscheiden, die Auswahl ist groß."

Eure IVA


Fotos: AdobeStock/vrstudio (Aufmacher); BUND e.V. (Porträt); BUND/Jörg Farys (Gruppenbild); naturimdetail.de/S. Mösch (Erdhummel, Wespenbiene)