Karma mit Coolness?
30
Jan

Karma mit Coolness?

Ein positives Mindset entwickeln, schöner meditieren: Das ist Spiritualität 2.0.

"Und, an wen oder was glaubst du so?" Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mir jemand zum letzten Mal diese Frage gestellt hat. In meinem Freundeskreis diskutieren wir nicht über Gott (oder andere höhere Existenzen) – aber dafür viel über die Welt.

Einigkeit herrscht überraschenderweise dennoch darüber, dass es so etwas wie ein mal mehr, mal weniger gönnerhaftes Universum gibt. Der potenziell anstrengende Auswärtseinsatz im Job wurde abgesagt? Ein Dank ans Universum! Ein Streit mit der Freundin hat sich nach einem intensiven Telefonat in Wohlgefallen aufgelöst? Ebenfalls: Universum, hab' Dank! Für den Support. Denn am Ende sind wir doch selbst dafür verantwortlich, wie wir unser Leben und unsere Beziehungen gestalten, wozu wir ja sagen, wozu nein, wann wir reflektieren, an uns arbeiten und durch bewusste Entscheidungen Selbstbestimmung erfahren.

Klingt irgendwie eso. Und irgendwie auch wieder nicht. Geht es doch eher darum, sich möglichst unverblendet eine persönliche Weltanschauung zu erarbeiten, ein Mindset zu erarbeiten – und das dann auch zu leben. Spiritualität 2.0 sozusagen.

Sinnsuche ist meine Religion

Dass wir Schöpfer*innen des eigenen Lebens sind und an diese Kraft glauben sollten, ist en vogue. Zumindest vermittelt Coach, Autorin und Speakerin Laura Malina Seiler diese Botschaft ziemlich erfolgreich: Ihr zweites Buch "Schön, dass es dich gibt!" landete auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller, ihr Podcast "Happy, holy & confident" führt immer wieder Podcast-Toplisten an. Inhaltlich geht es um Antworten auf die Fragen, die bei Instagram und Co. gerade gefühlt minütlich im Feed aufploppen: Was ist mir wichtig im Leben? Wie kann ich glücklich werden? Wie bleibe ich mir bei dem Erreichen meiner Ziele selbst treu?

Nach Clean Eating, Digital Detox und Achtsamkeit ist in Sachen Sinnsuche jetzt offenbar die Zeit von New New Age. Die Zielgruppe des Marketing: vor allem Frauen. Daniela Batista dos Santos zum Beispiel hat mit ihrem "Circle of Wonderwomen" eine Gruppe aus wechselnden Frauen ins Leben gerufen, die einander – angeleitet von ihr und natürlich gegen Cash – stärken sollen. Spirituelles Empowerment mit Ansage, unterstützt durch Mentoring und Meditationslehre. Das erklärte Ziel: Be your own Wonderwoman.

Wenn sich Frauen zusammenschließen, um einander zu stützen, anstatt sich gegenseitig die Hölle heiß zu machen, und dadurch auch im feministischen Sinne ihre Stärken entdecken, finde ich das ja grundsätzlich erst mal gut. Dass sich dafür Leute wie Daniela finden, die den Haufen guiden, auch. Und wer sich das leisten kann und will: Go for it!

Schöner meditieren

Schwierig finde ich etwas anderes: Bei Instagram schwimmen in sanften Sepiatönen hübsche Kristalle im Trinkwasser. Meditiert wird in cool gemusterten Leggins, ein Matcha Latta für danach steht neben der dekorativen Yogamatte schon bereit. Mit Soul Zen gibt es einen kompletten Shop, der passende Accessoires für die Sinnsuche vertreibt. Moderne Spiritualität hat Style.

Darf sie meinetwegen auch haben, solange wir dadurch keinen Wettbewerb um ein Schöner, Besser, Spiritueller eröffnen. Manchmal kommt es mir so vor, als würde in Form schöner Produkte geprahlt werden. Als ginge es mehr um den Schein, als das Sein. Dass suggeriert wird, Mitglied im Club Cool Karma könne nur werden, wer auch das coole Equipment mitbringt.

Schmaler Grad zum Konsumtrend

Was wir bei aller Optimierung des Mindsets und Selfcare-Übungen jedoch nicht vergessen dürfen: Wenn wir die Zeit und Kapazitäten haben, uns intensiv mit uns zu beschäftigen (oder uns eine roséfarbene Klangschale für 45 Euro gönnen), ist das zum einen ein Luxus, der bei weitem nicht jedem gegönnt ist.

Zum anderen sollten wir uns vor dem Trugschluss hüten, dass es wirklich allen Menschen frei steht, das eigene Leben selbst nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten – angesichts sozialer, kultureller, aber auch psychischer und physischer Barrieren, ist dem nicht so. Denken wir das, befinden wir uns bereits auf einem neverending Ego-Trip, der von Arroganz und Ignoranz gesäumt wird und am Ende nicht mehr als ein Konsumtrend ist.

Alles Liebe,

IVA


© Foto: Unsplash/Samuel Austin (Aufmacher)