Mein Neujahrsvorsatz? Die Welt retten!
11
Dez

Mein Neujahrsvorsatz? Die Welt retten!

Warum ein bisschen Größenwahn am Ende allen gut tut.

Ich habe nachgeschaut: "Bücher lesen!!!", "Im Alltag mehr Komplimente verteilen - und Komplimente von anderen annehmen", "Bewegung, IVA!" steht auf der ersten Seite meines Taschenkalenders für 2018. Unter anderem. Im Laufe des Jahres sind noch einige Dinge dazu gekommen, um die ich mich bemüht habe. In manchen Fällen mehr, in anderen weniger - ihr kennt das. Manche Vorsätze sind nur dafür da, nicht eingehalten zu werden. Trotzdem sind sie für mich ein guter Reminder dafür, dass ich allein dafür verantwortlich bin, mein Leben so zu gestalten, wie ich es mir wünsche, und mit einer Portion Selbstreflexion regelmäßig auszusieben: Was tut mir gut, was eher nicht so? Und warum ist das so? Schreibe ich meine Vorsätze auf, werden sie gleich etwas realer. Die erste Seite für 2019 ist komplett leer, bis auf drei Wörter - die Welt retten.

Größer denken!

Bevor ich dafür trommeln werde, dass ein bisschen Größenwahn am Ende allen gut tut, will ich eines vorweg nehmen: Daran, sich vorzunehmen, weniger zu rauchen, keinen Zucker mehr zu essen oder sich einmal im Monat Blumen zu schenken, ist natürlich nichts Falsches. So etwas können, müssen wir vielleicht sogar machen, wenn wir das Gefühl haben, unseren Alltag dadurch aktiv positiver zu gestalten. Daneben sollten wir uns aber auch daran wagen, größer zu denken. Unsere First-World-Problems-Wohlstandsblase ganz bewusst zum Platzen zu bringen, die Stimmen von denen verstärken, die wegen einer Benachteiligung sonst nicht gehört werden. Und dabei wedele ich nicht mit dem Zeigerfinger vor eurem Gesicht herum, sondern fasse vor allem mir selbst an die Nase! Wie oft habe ich schon darüber nachgedacht, eine Lesepatenschaft für benachteiligte Kinder zu übernehmen? Wie viele Male wollte ich die interkulturelle Nachbarschaftshilfe in meinem Kiez unterstützen - und habe es am Ende wirklich getan?

Bittere Pillen

Dabei brachte das Jahr 2018 für mich so einige Augenöffner. Zum einen war da das Nachbeben von #MeToo. Seit dem Herbst 2017 waren Frauen auf der ganzen Welt aufgestanden, um öffentlich zu machen, wann ihnen durch Männer sexuelle Gewalt angetan oder sie Sexismus erlebt hatten. Dass es so viele waren, war wenig überraschend, aber nicht minder erschütternd - und gleichzeitig ermutigend, weil dadurch eine Solidarität unter Frauen zustande kam, die ich im Alltag häufig vermisse. Der nächste Weckruf 2018 für mich war #MeTwo. Unter dem Stichwort berichteten Menschen bei Twitter über ihre Rassismuserfahrungen im Alltag. Wiederholt zu lesen, dass es Leute gibt, die sich auf offener Straße die Konzentrationslager zurückwünschen, war eine bittere Pille. Dass zwischen "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen", einer rechten Hetzjagd durch eine deutsche Großstadt wie Chemnitz und Naziaufmärschen nicht viel Zeit und Raum bleibt, eine noch bittere.

Nichtstun bringt auch nichts

Seitdem denke ich aktiv: Ich will in einer Gesellschaft leben, in der Sexismus und Rassismus keinen Raum haben. Time is now. Oft höre ich in meinem Umfeld: "Ach ... Geld spenden, Parteimitglied werden, sich engagieren - das bringt doch alles nichts!" Wenn ihr mich fragt, dann bringt nur Nichtstun nichts. Warum also nicht einfach mal ALLES bewegen wollen? Daran glauben, dass Gesellschaft von der Gesellschaft gemacht wird, also auch von mir? Dass durch den persönlichen Einsatz Einzelner überall auf der Welt andere mitgerissen werden wie Dominosteine und die wiederum andere mitreißen und das endlos so weitergehen könnte? Wenn ich verkünde, dass ich die Welt retten will, mag das auf den ersten Blick ein bisschen irre wirken. Am Ende möchte ich mich damit selbst am Schlafittchen packen und daran erinnern, dass es möglich ist. Gesellschaft zu verändern, beginnt im Kopf. Mein "Größenwahn", wenn man das so nennen will, hilft mir dabei, Gedanken in Handlung umzuwandeln. Wer macht mit?

Alles Liebe,

IVA


© Illustration: LAVIVA / Jojo Ensslin