Motzen? Machen!
26
Jul

Motzen? Machen!

Was mehr bringt, als sich im Alltag über andere aufzuregen.

Ich hatte mal eine Nachbarin, die beschwerte sich schon, noch bevor sie Hallo sagte. Nicht über mich, aber bei mir. Und zwar über so ziemlich jede*n. Irgendwer würde immer das halbe Altglas neben den Container schmeißen, nein, wie würde das denn aussehen. Der Hund von gegenüber hätte schon wieder mitten auf die Straße gemacht, das könne doch nur Inkontinenz seines Herrchens sein, und zwar geistige. Und die Kassiererin wäre so unfreundlich gewesen, obwohl sie ihr Geld beim Bezahlen bis auf den Cent genau abgezählt gehabt hätte. DAS ginge nun wirklich "GAR NICHT!". Schlechte Laune ist in ihrem Weltbild nicht vorgesehen, außer es ist ihre eigene. In einem Punkt, da bin ich ehrlich, laufe auch ich Gefahr, in den Motzmodus zu geraten – aber aus anderen Gründen: In unserem Innenhof, da, wo auch die Altglascontainer stehen, spielen Kinder. Und es gibt Hunde. Wenn die mit nackten Füßen und auf weichen Pfoten durch den Garten an fallen gelassenen Scherben vorbei tapsen müssen – nicht cool, finde ich! Die Lösung meiner Nachbarin ist es, die gesamte Nachbarschaft unter Generalverdacht zu stellen, von ihrem Logenplatz im ersten Stock aus auf die Übeltäter*innen zu lauern und sich dann bei mir zu beschweren, irgendwer hätte ja "SCHON WIEDER!!!" ... na, ihr wisst schon.

Eigenengagement statt schlechte Laune

Mir macht das schlechte Laune – ihr ergebnisloses Motzen viel mehr als das wiederholte Machen oder Nichtmachen der Glascontainernachbar*innen. Wenn ich im Hof bin und sehe, dass kaputte Flaschen oder Gläser auf dem Boden liegen, hebe ich sie im Vorbeigehen auf. Das macht mir keine große Arbeit, dafür aber ein gutes Gewissen, dass diese Scherben keine blutenden Tatzen hervorrufen werden. Ein Nachbar, ein junger Vater, kniete sich unaufgefordert bereits neben mich, und half beim Aufsammeln. Eine Studentin aus dem zweiten Stock, die mit ihrem Hund Gassi ging, habe ich danach schon mehrmals dabei beobachtet, ihre Mitbewohnerin kurz darauf. Am Wochenende stand ich schließlich mit eigenen vollen Tüten am Glascontainer und sah, dass der Person vor mir beim hektischen Einwurf das eine oder andere Teil daneben ging. Ich nutzte die Gelegenheit, hob die Scherben auf und sprach sie freundlich an: "Ihnen ist etwas runtergefallen." Mein Gegenüber schaute irritiert. Daraufhin schob ich hinterher: "Ich habe eine kleine Nichte, die hier öfter mit den anderen Nachbarskindern spielt. Deshalb hebe ich die Scherben immer auf." Ich bilde mir ein, dass seit der Begegnung weniger kaputtes Glas auf dem Boden liegt.

"Bringt doch nix!" - Bringt nix!

Oft können wir selbst etwas tun, um die Situation für uns zu verbessern und andere damit sogar motivieren, mit aktiv zu werden, anstatt darauf zu warten, dass beim Gegenüber der Groschen fällt und sich dann auch nur vielleicht etwas ändern wird. Darauf ansprechen können wir die andere Person immer. Manchmal da müssen wir aber auch etwas sagen – auf jeden Fall, wenn durch die Handlungen Einzelner andere in Gefahr geraten, die sich selbst nicht schützen können. Meine Nachbarin würde nun vermutlich entgegnen: "Bringt doch nix – die ändern sich ja eh nicht." Kann sein. Bei manchen ist das so. Aber dann müssen wir doch zumindest für uns sprechen – und für andere, denen die Stimme fehlt, sich durchzusetzen. Zu schweigen bedeutet, zu resignieren, etwas hinzunehmen, was wir nicht hinnehmen sollten, und damit auch, uns der sozialen Verantwortung zu entziehen, die Welt, in der wir leben, mitzugestalten. Neben dem Motzen über und dem Anmotzen anderer gibt es für mich noch den freundlichen, aber bestimmten Hinweis. Als Appell an ein funktionierendes Miteinander und nicht nur Nebeneinander. Während meine Nachbarin hinter allem böse Absicht wittert, lebe ich weitaus zufriedener damit, davon auszugehen, dass mein Gegenüber am Tag eines Fehltritts ziemlich gestresst war. Unachtsam. Vielleicht sogar fahrlässig. Aber nicht bösartig.

Eure IVA


Fotos: © AdobeStock/ Studio Grand Ouest