Warum wir keine Idole brauchen
02
Nov

Warum wir keine Idole brauchen

... dafür aber (Alltags-)Held*innen

Taylor Swift ist ein Idol – junge Menschen wollen so sein wie sie. Wenn ihr mich fragt, wird das problematisch, sobald daraus blinde Verehrung und Imitation resultieren. Wenn viele Menschen einige wenige auf einen Sockel stellen und ihre eigenen Werte, eine eigene Meinung darüber vergessen, kann das niemals gut sein.

Trotzdem will ich an dieser Stelle bei Taylor Swift bleiben, weil sie ein passendes Beispiel dafür ist, dass wir statt Idolen vielleicht lieber Ideale haben sollten. Oder noch besser: eine klare Haltung. Die meisten großen Künstler*innen der Popkultur sind nicht dafür bekannt, politisch Stellung zu beziehen. Dazu zählte auch die Musikerin.

Klar: Mit ihrer persönlichen Girl Squad, die sie öffentlich auf Instagram feiert, tritt sie schon seit Jahren dafür ein, dass Frauen Berge bewegen können und die Liebe innerhalb von Freundschaften mindestens genauso viel, wenn nicht sogar noch mehr wert sein kann als die Liebe innerhalb einer partnerschaftlichen Beziehung. In diesem Sinne ist das Private natürlich auch politisch – und Taylors Botschaft gerade für (junge) Frauen wertvoll. Aber, wenn es um die politische Lage der USA ging, blieb sie lange Zeit verdächtig still. Bis vor Kurzem.

Für mich geht es um Haltung

Im Oktober rief Taylor Swift ihre 112 Millionen Instagram-Follower mit einem ausführlichen Post dazu auf, sich für die Parlamentswahl am 6. November zu registrieren – um die politische Zukunft der USA mitzubestimmen. Man solle sich über die verschiedenen Kandidaten informieren und die eigene Stimme nutzen. Sie selbst würde sich bei der Wahl für die Demokraten entscheiden (inzwischen hat sie Phil Bredesen gewählt).

Darüber entbrannte weltweit eine Diskussion darüber, ob Stars politisch sein müssen. Um das Für und Wider soll es an dieser Stelle jedoch nicht gehen. Ich finde, man sollte lieber die Frage nach der Haltung stellen. Als Prominenter profitiert man von der Öffentlichkeit – umgekehrt hat man auch eine gesellschaftliche Verantwortung und sollte deshalb unbedingt Haltung zeigen. So wie wir alle eigentlich. Superstars sollten von dieser Pflicht nicht ausgenommen werden.

Eigentlich möchte ich aber auf etwas ganz anderes hinaus: In ihrer Vorbildrolle ist es Taylor Swift gelungen, zum Wählen – und damit hoffentlich auch zur Entwicklung einer eigenen politischen Haltung – zu motivieren. Auf Vote.org wurde nach ihrem Aufruf und dem darauf folgenden Medienecho ein bis dato noch nie dagewesener Anstieg registrierter Wähler*innen verzeichnet. Ob das ohne Social Media möglich gewesen wäre? Ich bezweifle es. Durch das millionenfache Teilen einzelner Beiträge werden laute Stimmen noch lauter. Es entsteht ein Chor – einer, in dem aber auch Disharmonien Raum haben müssen.

Bewunderung? JA – wenn sie konstruktiv ist!

Ob laut oder leise in der Welt: Jede Stimme hat Gewicht. Superstars wie Taylor Swift sind vielleicht reicher und prominenter, aber nicht größer als andere. Wir brauchen keine Idole, wenn damit Menschen gemeint sind, die wir unreflektiert anhimmeln und denen wir auf ausgetretenen Pfaden folgen.

Deshalb tue ich mich auch mit dem Begriff "Vorbild" schwer. Genauso wie "Idol" suggeriert er für mich die Existenz eines perfekten Menschen, der über uns steht. Es sollte niemals darum gehen, nach vermeintlicher Makellosigkeit zu streben. Darin liegt für mich die Gefahr, sich selbst wegzuducken, für minderwertiger zu halten. Wir brauchen Menschen in unserem Umfeld (oder meinetwegen auch im Fernsehen, Radio und den sozialen Medien), die wir neidlos und ganz konstruktiv für das bewundern, was sie tun, ohne dass wir in Selbstabwertung und Leistungsdruck verfallen oder uns bloß in der Nachahmung üben.

Lasst uns statt von Idolen und Vorbildern deshalb lieber von klassischen Held*innen sprechen! Sie entwickeln sich, kämpfen (auch mit sich), sind nicht unfehlbar, manchmal auffälliger oder unauffälliger als andere. Sie können auf großen Bühnen stehen, aber genauso hinter der Theke unserer Lieblingsbäckerei. Inspirieren tun sie uns mit ihren persönlichen Werten und einer individuellen, starken Haltung, die jede*r von uns entwickeln kann. Solche Held*innen treten neue Gedanken in uns los und machen uns mit ihrer eigenen Geschichte Mut. Nicht zuletzt können sie uns dazu motivieren, etwas in der Welt zu bewegen – möglicherweise, indem wir selbst ein*e Held*in für jemand anderen werden.


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