Was ist das eigentlich, Heimat?
05
Sep

Was ist das eigentlich, Heimat?

Fotografisch, literarisch, dokumentarisch: Die Suche nach Heimat ist vielfältig.

Seit die Politik den Heimatbegriff wieder für sich entdeckt, wenn nicht gar vereinnahmt hat, ist das Wort aufgeladen mit Nationalität. Die Frage danach, was Heimat ist, wird mit Ländergrenzen beantwortet. Dabei geht es bei Heimat doch gar nicht so sehr um eine geografische Herkunft, sondern darum, wie und bei wem oder was wir unsere Herzen verorten. Oder?! Ich gestehe, dass ich das Wort "Heimat" normalerweise gar nicht mehr verwende. Aber wenn ich mit meinen Freund*innen über das Thema diskutiere, dann benenne ich mit "Zuhause" das, was ich mir unter Heimat vorstelle. Heimat ist für mich kein Ort mit festen Google-Koordinaten. Stattdessen ist es eher ein Gefühl, das mit Erlebnissen aus der Vergangenheit, mit Freund*innen und Familie zusammenhängt und mir als Ofen dient, an dem ich mich jederzeit wärmen kann. Wisst ihr, was ich meine? Das ist natürlich nur meine ganz persönliche Interpretation. Aber am Ende denke ich, dass Heimat genau das ist: etwas rein Individuelles, das nichts mit Abgrenzung oder territorialen Besitzansprüchen zu tun hat. Da ich das Thema unglaublich spannend finde und es gerade vor dem Hintergrund deutscher Geschichte für wichtig halte, immer wieder und immer weiter darüber zu sprechen, habe ich mich auf die Suche nach verschiedenen Herangehensweisen begeben.

Heimat liegt dazwischen

Dokumentarisch-künstlerisch nähert sich der Fotograf Peter Bialobrzeskis dem Thema. Fünf Jahre lang reiste er zwischen 2011 und 2016 durch Deutschland, besuchte Orte wie Bochum, Andernach oder seine Geburtstagsstadt Wolfsburg und kam mit 30 000 Belichtungen zurück. Ein paar davon zeigt er in der Ausstellung "Die zweite Heimat" (ab Januar 2019 im Berliner Haus am Kleistpark) und in dem dazu erschienenen, gleichnamigen Buch. Fern von Idyll und Romantik liegt Heimat bei Bialobrzeskis in Hinterhöfen, an Bushaltestellen, mitten auf einer Kreuzung – oder eben auch nicht. Heimat ist überall und nirgends, irgendwo dazwischen, irgendwann mal wie im Vorbeifahren aufgeschnappt, irgendwie immer anders. Vielleicht liegt sie in einer Situation, einer Erinnerung, vielleicht auch in dem Häuschen einer alten Tankstelle. Er selbst kommentiert das nicht. Seine Bilder tragen schlicht Namen wie "Dinslaken 2014". Auch die Fotos selbst halten sich zurück, wirken seltsam still, verlassen und auch mal abweisend mit all ihren geraden Linien von Baukränen, Garagentoren und Straßenampeln, die Himmel und Erde zerschneiden. Umso mehr wecken die Bilder das Bedürfnis, sie mit persönlichen Erinnerungen oder erdachten Geschichten zu füllen – und nicht zuletzt, die eigenen Vorstellungen von Heimat zu hinterfragen.

Peter Bialobrzeski: "Die zweite Heimat", 45 € über Hartmann Books.

Heimat ist für alle da

Seit dem Frühjahr 2018 finden Besucher*innen unter Heimatkunde-Brandenburg.de eine digitale Ausstellung, die von Migration, Integration, vor allem aber – ganz menschlich – dem Miteinander, statt dem Gegeneinander erzählen will. Als Ausstellungssprachen werden neben Deutsch auch Englisch und Arabisch angeboten, was die Aussage unterstreicht: Brandenburg kann allen eine Heimat bieten. In dokumentarischer Form erzählen im Rahmen des Projekts "Heimatkunde: Flucht – Migration – Integration in Brandenburg" jugendliche Geflüchtete oder eingesessene Dorfbewohner ihre persönlichen Geschichten. Stücke zur Vergangenheit Brandenburg-Preußens, das über Jahrhunderte hinweg immer wieder Zuwanderung erfahren hat, bieten darüber hinaus jede Menge historisches Futter und entkräften faktenreich-nüchtern das negativ aufgeladene Argument der "Überfremdung".

Heimat liegt in der Familie

"Wie kann man verstehen, wer man ist, wenn man nicht weiß, woher man kommt?" In ihrer neuen Graphic Novel macht die deutsch-amerikanische Illustratorin Nora Krug die Frage "Was bedeutet Heimat für mich?" zu einer individuellen Frage nach Familie und Identität. Grafisch-literarisch forscht sie dafür in ihrer eigenen, untrennbar mit Zeitgeschichte verstrickten Familiengeschichte, taucht tief ab in die Vergangenheit und versucht, längst verstorbenen, zum Teil im Krieg gefallenen Familienmitgliedern über ihre Hinterlassenschaften und Hinterbliebene kennenzulernen. Dank der stellenweise sehr persönlichen Spurensuche ist "Heimat. Ein deutsches Familienalbum" eine fast 300 Seiten starke Sammlung geworden und ähnelt als Kunstwerk, das es auch ist, einer Patchworkdecke. Zusammengesetzt ist sie aus gezeichneten Erinnerungen, poetischen Erzählungen, Mitschriften von Gesprächen, Fotografien, historischen Dokumenten, Abbildungen von Flohmarktfunden und so vielem mehr. Berührend und gleichzeitig anregend, in der Familie das Gespräch zu Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg zu suchen, bevor es zu spät ist.

Nora Krug: "Heimat. Ein deutsches Familienalbum", 28 € über den Penguin Verlag.

Alles Liebe,

Eure IVA


© Fotos: Peter Bialobrzeski