Komm doch, Tod!
28
Feb

Komm doch, Tod!

Drei Versuche, sich dem (eigenen) Sterben anzunähern.

Mit dem Tod setzen wir uns oft erst dann auseinander, wenn ein geliebter Mensch sterben muss. Klar: Die Vorstellung von großem Leid, Abschied und letztlich Verlust macht Angst. Aber gegen den Tod hilft halt auch kein Totschweigen. Sterblich sind wir alle. Wir sind deshalb dafür, dem Thema im Alltag mehr Platz einzuräumen und den Tod dadurch als das zu begreifen, was er ist: im besten Fall etwas Natürliches, mit dem wir lernen müssen, umzugehen. Drei Versuche, wie man sich dem (eigenen) Sterben annähern kann.

Mit dem Stift gegen den Tod anzeichnen

Die Mama lebt in einer Seifenblase. Meist trägt sie einen Schlafanzug, manchmal hat sie auch eine Mütze auf. Es gibt Zeiten, da macht sie Handarbeit oder liest – und andere, da bekommt sie Sauerstoff. An eine Zeit, in der es die Seifenblase noch nicht gab, kann sich ihr Kind nicht erinnern. Damals war es noch zu klein. Aber selbst, wenn beide in zwei Welten leben: Sie können nie wirklich voneinander getrennt werden. Jeden Tag klettert das Kind zum gemeinsamen Frühstücken in die Seifenblase. "Es macht nichts, wenn ich krümele", weiß es.

Aber was, wenn die Seifenblase einmal platzt? Aus eigener Kraft konnte die kanadische Künstlerin und Musikerin Geneviève Castrée ihr Kinderbuch nicht fertigstellen, ein Freund half am Ende aus. Castrée starb an den Folgen ihrer Krebserkrankung, die vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter diagnostiziert worden war. Mit "Seifenblase" zeichnete sie ein Abschiedsgeschenk und hielt in wenigen, durch ihre Einfachheit rührende Zeilen und Bilder voller Trost die Liebe zwischen Mutter und Kind fest. Diese kann durch eine schwere Krankheit nicht geschmälert werden – und durch den Tod am Ende genauso wenig ...

Geneviève Castrée: "Seifenblase", 12 Euro über Reprodukt, VÖ: 31. März

Der Vergänglichkeit fragend begegnen

Wo auf der Welt wir auch wandeln, welche Zeit wir durchschreiten und wie lange unser Leben währt: Wir alle hinterlassen Spuren. Vielleicht sind es die E-Mails auf dem Computer einer alten Arbeitsstelle, Sportpokale der Teenager*innenzeit auf dem Speicher unseres Elternhauses oder Erinnerungen in den Köpfen anderer. Welche Spuren das sind und welche am Ende überdauern, bewahrt und gefunden werden, unsere Persönlichkeit widerspiegeln oder missverstanden bleiben, können wir nicht kontrollieren.

Aber: "Das Leben wird sich an uns erinnern. An Orten, in Menschen und in der Welt", hält Autor Sven Stillich in seinem Vorwort zu "Was von uns übrig bleibt" fest. Das ist ein tröstlicher Ausgangspunkt für Gedankenspiele – und der beste Nährboden dafür, der eigenen Vergänglichkeit mit Fragen zu begegnen. Manche von ihnen schreibt Stillich aus. Was wäre zum Beispiel, wenn niemand sterben würde? Oder nur manche ein ewiges Leben hätten? Bedeutet mehr Zeit zwangsläufige mehr gute Zeit? Wie würde man sie nutzen?

Andere Fragen, ganz individuelle, entstehen beim Lesen seines Buches automatisch. Man kann gar nicht anders, als sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen – ohne dass es trübselig werden würde. Das ist wohl der größte Verdienst von Stillichs Spurensuche.

Sven Stillich: Was von uns übrig bleibt, 22 Euro über Rowohlt

Den Tod vor die Linse holen

Wie sehen wir aus, wenn der Tod das Leben ablöst, bereits abgelöst hat? Die Ausstellung "Das letzte Bild. Fotografie und Tod" behandelt das Thema visuell. Berührend sind solche Bilder, die – wie in Walter Schels' Reihe mit Hospizpatient*innen – festhalten, dass Leben und Tod nebeneinander stehen. Wenn Menschen abgebildet werden, die ihrer Sterblichkeit mit ungebrochenem Lebenswillen ins Auge blicken. Oder wenn Fotos als Erinnerung von Liebenden zurückbleiben.

Häufig aber ist der Tod auch in entmenschlichender Gestalt zu sehen – wenn es um Mord geht, Gewalt, Krieg und grausame Verstümmelungen. Getrennt vom Leben, frei von einer (Vor-) Geschichte, auch wenn das eigene Allgemeinwissen die historischen Kontexte schnell selbst schafft, tragen einige Exponate eher zu einer Leichenschau bei.

Zwar braucht es keine zusätzliche Gelegenheit, um uns mittels expliziter Bilder mit dem unnatürlichem Sterben auseinander zu setzen. Dennoch überzeugt die Ausstellung durch ihre Vielfalt an Exponaten und als Dokumentation dessen, wie das Sterben, Töten und Überleben im Bild aufgearbeitet wird. Sie zeigt, dass Fotografie den Tod nah heranholen, ihn festhalten, abstrahieren kann. Und dass ein Foto von Verstorbenen dadurch sowohl als Andenken wie auch als sachlich-distanziertes Abbild der Wirklichkeit dient.

Die C/O Berlin-Ausstellung "Das letzte Bild. Fotografie und Tod" läuft noch bis zum 9. März. Die dazugehörige Publikation mit Bildern und Texten ist für 62 Euro über Spector Books Leipzig erhältlich.

Alles Liebe,
Eure LAVIVA


© Fotos: Geneviève Castrée/Reprodukt (Aufmacher und 1. Buchcover); Spector Books Leipzig (3. Buchcover); Rowohlt (2. Buchcover)