Alternative Heilmethoden

Was bringt die Alternativmedizin wirklich? Wir stellen vier Methoden vor

Madlen Ottenschläger

 

Osteopathie

Osteopathie ist eine manuelle Therapie: Die perfekt geschulten, sensiblen Hände sind das Werkzeug des Therapeuten. "Osteo" ist Griechisch und heißt "Knochen", "pathos" meint "Leiden". Doch anders, als man nun vermuten könnte, kümmern sich Osteopathen um mehr als unser Skelett. Es geht auch um Gelenke, Organe, Muskeln, die Blut- und Lymphgefäße und das Nervensystem. Die Idee dahinter: Klemmt an einer Stelle das System, wirkt das auf den ganzen Körper.

Abtasten des Körper

"Der Schmerz kommt nicht immer von dort, wo der Patient ihn spürt", erklärt Birgit Gillemot, Osteopathin Heilpraktikerin und Physiotherapeutin aus München spezialisiert auf die Behandlung von Frauen und Kindern. So kann ein Kaiserschnitt Kopfschmerzen auslösen. Das Gewebe wird während der Schwangerschaft nach unten gezogen, die Narbe fixiert es. "Das zieht dann wie ein zu kurzes Hemd bis hoch zur Halswirbelsäule und verursacht dort Blockaden und Verspannungen", sagt Gillemot. Die Betroffenen klagen über Nacken- oder Kopfschmerzen. Um der Ursache auf die Schliche zu kommen, tasten Osteopathen den Körper ab. Sie fühlen so Spannungen oder ob ein Organ bzw. Knochen sich leicht verschoben haben. Mit bis zu 3000 speziellen Handgriffen und Techniken versuchen sie, Blockaden und Verhärtungen aufzulösen und eine Dysfunktion zu beheben. Danach wird er in Ruhe gelassen - nun sollen die Selbstheilungskräfte übernehmen.

Geschulte Hände

Studien zeigen, dass bei chronischen Schmerzen oder Gelenk- und Rückenproblemen die geschickten Griffe helfen können. Auch bei der Behandlung von Schreibabys gibt es gute Erfolge. Entscheidend ist, dass die Patienten sich tatsächlich in geschulte Hände begeben, denn die Berufsbezeichnung Osteopath ist in Deutschland nicht geschützt. Ein guter Hinweis ist eine fünf- bis sechs­jährige Ausbildung und wenn der Therapeut bei einem Verband gelistet ist. Adressen gibt es beispielsweise bei der Deutschen Gesellschaft für Osteopathische Medizin e. V. (dgom.info) und beim Verband der Osteopathen Deutschland e. V. (osteopathie.de).

TCM

Die drei Buchstaben stehen für traditionelle chinesische Medizin. Gemeint sind uralte Heilmethoden aus dem Reich der Mitte, die es seit mehr als 2000 Jahren gibt - und die noch heute weiterentwickelt werden. Die in Deutschland am häufigsten angewandte Methode der TCM ist Akupunktur. Dabei werden feine Nadeln entlang bestimmter Linien, der Meridiane, in die Haut gestochen.

Den ganzen Menschen betrachten

Neben der Akupunktur gibt es noch vier Säulen: die Ernährungslehre, die Bewegungslehre (Tai-Chi und Qigong), die Kräuterheilkunde und eine Massagetechnik, die sich Tui-Na nennt (besonders bekannt: die Fußreflexzonenmassage). Die TCM-Ärztin Dr. Andrea Kaffka von der Zhejiang Universität hat sich in ihrer Münchner Praxis auf Gynäkologie spezialisiert. Zu ihr kommen Frauen mit vielfältigen Beschwerden wie schmerzhafter Regelblutung oder unerfülltem Kinderwunsch. Für ihre Diagnose stellt Andrea Kaffka viele Fragen zum gesamten körperlichen Befinden: Haben Sie kalte Hände, schwitzen Sie nachts, wie ist Ihr Schlaf, wie ist Ihre Verdauung? Erstgespräch heißt das in der Sprache der TCM. "Danach schaue ich Zunge und Puls an, um die energetische Situation zu erfassen", sagt Andrea Kaffka. Dahinter steht der Gedanke der Ganzheitlichkeit, die Idee von Yin und Yang und der Lebensenergie Qi.

Ausgleich suchen

Weiblich und männlich, heiß und kalt: Unser Körper muss in Balance sein, sonst geht es ihm nicht gut. Stören Blockaden das Qi, kann unsere Energie nicht fließen, wir werden krank. Deshalb wird mehr betrachtet als das, was schmerzt - um dann mit Kräutern, Nadeln oder speziellen Massagegriffen den Körper in Balance zu bringen. "Die Energie harmonisieren", nennt das Andrea Kaffka. Bei akut lebensbedrohlichen Erkrankungen sind TCM-Ärzte die falsche Adresse, auch organische Ursachen (in der Gynäkologie z. B. ein geschlossener Eileiter) besser von einem Schulmediziner abklären lassen. Die TCM ist in China eine Volksmedizin, in Deutschland übernehmen die Kassen aber höchstens die Kosten für Akupunktur (derzeit bei Rücken- und Kniebeschwerden). Die Nadel-Therapie ist eines der am besten wissenschaftlich erforschten alternativen Heilverfahren. Studien zeigen, dass sie bei Schmerzen oder Allergien helfen kann.

Homöopathie

Homöopathie ist besonders bei Eltern kleiner Kinder beliebt, das zeigt schon der Gang durch den Supermarkt: Im Zahnputzregal gibt es eine Kinderzahnpasta, die homöopathieverträglich ist, bei Beulen hilft Arnika, beim Zahnen Osanit. Einige Kinderärzte ergänzen die Schulmedizin mit der Globuli-Methode. Homöopathie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet "ähnliches Leiden". Die Idee ist, Gleiches mit Gleichem zu heilen. Auf diesen Gedanken kam der deutsche Arzt und Chemiker Samuel Hahnemann, geboren 1755. Seine These: Ein Mittel, das vergleichbare Beschwerden wie ein bestimmtes Leiden auslöst, kann dieses Leiden auch kurieren.

Globuli: das berühmte Kügelchen

In der modernen Homöopathie gibt es über tausend Substanzen in Form von Globuli (die berühmten Kügelchen), Tropfen, Tabletten und Salben. Darunter die liebliche Wiesenpflanze Euphrasia ebenso wie Schlangengift. Der Wirkstoff wird extrem verdünnt, Homöopathen nennen das "potenzieren". Teils so stark, dass der Wirkstoff regulär nicht mehr nachweisbar ist. Je höher der Verdünnungsgrad, desto stärker soll die Wirkung sein. Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin an der britischen Universität Exeter, hält die Homöopathie für nicht plausibel. Er analysierte zahlreiche Studien und sagt, dass homöopathische Globuli nicht stärker helfen als ein Placebo. Wenig überraschend: In Beobachtungsstudien kommen Homöopathen zu einem anderen Ergebnis. Homöopathen nehmen sich viel Zeit. Kein Schnellcheck im Fünfminutentakt, sondern eine ausführliche Anamnese: Was ist die Krankheitsgeschichte? Wie ist die seelische Verfassung? Wie sehen die Lebensumstände aus?

Krankheiten mit der Kraft der Natur bekämpfen

Die Wahl des Mittels ergibt sich dann aus dem großen Ganzen, es wird nicht auf ein einzelnes Symptom geschaut. Kritiker sehen darin auch eine Gefahr: Ernsthafte Erkrankungen könnten zu spät entdeckt werden. Beschwerden deshalb unbedingt auch schulmedizinisch abklären und bei schweren Krankheiten die Homöopathie nur ergänzend einsetzen, beispielsweise um die Nebenwirkungen notwendiger Medikamente zu mildern. Inzwischen übernehmen einige Kassen die Behandlungskosten; zumindest gesetzlich Versicherte müssen aber die Präparate selbst bezahlen.

Phytotherapie

Was so exotisch klingt, ist die sehr alte Pflanzenheilkunde. Seit es Menschen gibt, gehen wir Krankheiten und Schwächen mit der Kraft der Natur an. Gut so, zeigen aktuelle Studien. "Bei mehr als 50 pflanzlichen Wirkstoffen ist der Heilungserfolg belegt", sagt Andreas Michalsen, Chefarzt für Innere Medizin und Naturheilverfahren am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für Naturheilverfahren an der Berliner Charité.

Heilpflanzen können giftig sein

Viele Deutsche verbinden mit Pflanzenheilkunde den Namen Hildegard von Bingen. Die Nonne, geboren 1098, erforschte, welche Wirkungen Blüten und Blätter, Stängel, Samen und Wurzeln haben. Ihr umfassendes Wissen beeindruckt noch heute. Und genau das ist der Knackpunkt, denn zu pflanzlichen Präparaten greifen wir besonders dann, wenn wir uns selbst helfen wollen - allerdings ohne das Wissen und die Erfahrung einer Hildegard von Bingen zu haben. Doch falsch angewendet, können manche Heilpflanzen giftig sein. Andere beeinflussen die Wirkung schulmedizinischer Medikamente. So kurbelt etwa Johanniskraut Enzyme in der Leber an und sorgt dafür, dass Wirkstoffe rascher abgebaut werden. Nicht nur die Pille kann so ihre Wirksamkeit verlieren.

Nicht nur auf Oma-Tipps vertrauen

Besser also in der Arztpraxis oder Apotheke sagen, welche Medikamente Sie nehmen und ob Sie etwa Diabetes oder Bluthochdruck haben. "Hält die Ärztin Ihres Vertrauens nichts von den natürlichen Helfern oder ist sie mit Wechselwirkungen nicht vertraut, empfiehlt sich eine Ärztin für Naturheilverfahren", sagt Professor Michal­sen. Adressen findet man beispielsweise bei den Ärztekammern. Ebenfalls wichtig: Beim Therapieren nicht allein aufs Hörensagen oder einen Tipp der Oma vertrauen. So gehört etwa die eigentlich entzündungshemmende Kamille nicht aufs Auge, die feinen Härchen der Blüte reizen das empfindliche Gewebe stark und verschlimmern die Entzündung. Wer sich genau erkundigt, dem kann die Phytotherapie gute Dienste leisten. Der Anwendungsbereich ist breit und reicht von Alltagsleiden wie Migräne (Pestwurz) und Schlafstörungen (Baldrian) bis zur Ergänzung der Schulmedizin. So kann Ingwer die Übelkeit bei einer Chemobehandlung reduzieren. "Entscheidend ist, dass man bei ernsten Krankheiten nicht alternativ behandelt, also nicht allein auf das Naturprodukt setzt, sondern es mit Schulmedizin kombiniert", so Michalsen.


© Fotolia | aus der "LAVIVA"-Ausgabe Juli 2014


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