"Anfang 40 - Ende offen"

Leseprobe aus dem Roman der erfolgreichen Drehbuchautorin Franka Bloom: "Anfang 40 – Ende offen" erzählt die Geschichte einer Ehefrau am Scheideweg mit viel Sprachwitz.

Advertorial

LAVIVA-Buchpremiere

In diesem Monat kommt die exklusive Leseprobe von der Autorin Franka Bloom, die eigentlich Drehbücher schreibt, z. B. für den "Tatort". Nun erscheint ihr erster Roman, "Anfang 40 – Ende offen". Es geht um Vera, Ehefrau und Mutter, die ihr Leben dringend verändern will. Doch wenn das mal so leicht wäre! Der ständig fremdgehende Mann will sich nicht scheiden lassen, die erwachsene Tochter will nicht ausziehen, und statt der Wechseljahre bekommt Vera mit Mitte 40 noch ein Baby. Franka Bloom erzählt die Geschichte mit viel Sprachwitz und schrägen Ideen. Bestsellerverdächtig!

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin März

Mit dem Alter ist das so eine Sache. Gnadenlos manipulieren und heucheln wir. Wenn es uns nicht passt, verleugnen wir es einfach und biegen es uns zurecht. Alles darf, nichts muss. 50 ist die neue 30. 70 ist das neue 50. Wir sind so alt, wie wir uns fühlen, heißt es, und das kann jeden Tag, jede Stunde, jede Minute anders sein. Wer nimmt denn noch sein wahres Alter wirklich wahr?

Ich weiß nicht, wie alt ich wirklich bin. Da gibt es das biologische Alter, das kalendarische und das gefühlte, das gehoffte, das gelogene und das geschmeichelte. Mein Bewusstsein hängt bei Mitte 30 fest, mein Spiegelbild pendelt zwischen Mitte 30 und Mitte 50. Meine Kosmetikerin hält mich vor der Behandlung für 50, dann für 40 und nach dem üppigen Trinkgeld für 30. Meine Freundinnen halten mich für ignorant und meine Tochter hält mich für eitel. Ich halte mich meistens für Anfang 40 - und das seit mindestens fünf Jahren.

Tatsächlich bin ich 45,9 Jahre alt, 1,65 klein, wiege 68 Kilo, habe zwei Zahnimplantate, 78 Falten im Gesicht und gefühlte 7800 am Hintern. Außerdem mindestens 3700 graue Haare, die ich alle vier Wochen überfärben muss. Ich habe ein Kind geboren, dem ich drei Speckringe um die Hüfte und ca. 100 Schwangerschaftsstreifen zu verdanken habe. Nicht zu vergessen zwei tiefe Zornes-, aber zugegebenermaßen auch mindestens 37 Lachfalten.

Hinzu kommen drei Krampfadern, zwei Kontaktlinsen, eine Lesebrille sowie vier hormonell bedingte Altersflecken, die schon für viel Geld weggelasert wurden, weil kein noch so teurer Concealer sie überdecken konnten. Tennis, Power-Yoga und Pilates sollen mich fit halten, was sich aber erst in 20 Jahren herausstellen wird.

Ich werde mir zu teuer. Rein wirtschaftlich gesehen bin ich ein Minusgeschäft. Auf den ersten Blick vielleicht attraktiv und unterhaltsam, auf den zweiten Blick aber unrentabel, kostenaufwendig und nicht von der Steuer absetzbar.

Da ich bereits durch ein neueres Modell ersetzt wurde, habe ich vielleicht noch eine Chance auf Wiederverwertung auf dem Secondhand-Markt. Oder bei Ebay.

*

Schweißgebadet und nach Luft ringend, schrecke ich auf. Mein Puls rast. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass ich in meinem Schlafzimmer bin und nicht vor dem Traualtar.

Was für ein Alptraum!

Erleichtert atme ich auf und sinke zurück in das Kissen. Mein Blick fällt auf den Wecker, 8:22, dann dämmere ich wieder weg.

Eine gefühlte Ewigkeit später höre ich irgendwo weit weg Doris Days sanften Gesang. Que sera, sera, what ever will be, will be ...? Schönes Lied. Im Halbschlaf freue ich mich über die Rückkehr meines alten Radioweckers ins Schlafzimmer. Über 20 Jahre lang musste ich darauf verzichten, weil Sven - in ein paar Stunden mein Ex-Mann - ein grelles Piepen am Morgen bevorzugte. Da hätte ich schon stutzig werden müssen.

„8 Uhr 30, die Nachrichten“, höre ich eine fremde Männerstimme in meinem Schlafzimmer.

Mein Bewusstsein schreckt auf. Der Puls nimmt wieder Fahrt auf, gleichzeitig sackt mein Herz in die Magengrube, wie ein abstürzender Aufzug aus dem 99. Stockwerk. Halb neun! Mit einem Satz springe ich aus dem Bett. Ausgerechnet heute. Mir bleiben 59 Minuten, um pünktlich zu meiner Scheidung zu erscheinen.

Ich nehme eine Sieben-Minuten-Turbo-Dusche inklusive Zähneputzen, aber ohne Haarewaschen. Beim Abtrocknen, Eincremen und Schminken - 14 Minuten - überlege ich mir die Garderobe. Ich muss schnell denken, was gar nicht so einfach ist, denn mein Kopf ist leer und der Schrank ist voll.

Ich darf nicht den gleichen Fehler machen wie beim ersten Scheidungstermin. Im Nadelstreifen-Kostüm wollte ich Stärke und Selbstsicherheit signalisieren, obwohl mir innerlich elend zumute war. Ich fühlte mich in dem Kostüm wie ein Opossum in der Haut einer Ringelnatter.

Die Zeit rast. Ich sehe mich schon in Unterwäsche und Handtuchturban vor den Richter treten, der meinen Mann mitfühlend von mir trennt. Verzweiflung kommt auf. Gerade noch rechtzeitig steckt Greta ihren Kopf zur Tür herein.

„Hilf mir! Bitte!“ Worte, die einer Achtzehnjährigen runtergehen wie Öl, besonders von der eigenen Mutter ausgesprochen. Sich ihrer Machtposition bewusst, lehnt sie lässig im Türrahmen, schaut sich beunruhigend lange um und strapaziert meine Nerven auf das Äußerste. Schließlich zeigt sie auf ein schwarzes Kleid. Ich stelle keine Fragen, ziehe das Hemdblusenkleid mit braunem Gürtel und cognacfarbenen Stiefeletten an und drehe mich zum Schluss einmal um die eigene Achse.

Greta begutachtet mich skeptisch und nickt dann wohlwollend - wie Heidi Klum, bevor sie einem Möchtegern-Model ein Foto überreicht.

Ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange und hetze zum Recall meiner Scheidung.

Mir bleiben noch ganze 19 Minuten für den Weg zum Gericht. Realistisch, wenn die Straßen leer sind und alle Ampeln auf Grün stehen. Utopisch an einem verregneten Donnerstagmorgen, an dem sämtliche Fahrradfahrer ihr Öko-Gewissen zu Hause lassen, um nicht nass zu werden. Und natürlich muss ausgerechnet jetzt die Müllabfuhr durch unsere Straße fahren.

Nervös knete ich das Kunstlederlenkrad, immer die Uhr im Blick. 17 Minuten. Mein Handy klingelt. Da ich hinter dem Müllauto warte, krame ich in meiner Handtasche. Wie immer ertaste ich alles Mögliche, nur nicht das Gesuchte. Was auch immer das Geheimnis einer Handtasche ist, Dinge verschwinden zu lassen, ich werde nie dahinter kommen.

Das Telefon klingelt weiter. Ich werde noch nervöser. Hinter mir hupt ein Auto, der Müllwagen ist schon drei Häuser weitergefahren.

Da ist es ja! Der Fahrer hinter mir hupt wieder.

„Entspann dich, Blödmann!“, schreie ich, während ich das Gespräch annehme und gleichzeitig dem Müllwagen folge. Meine Mutter ist dran.

„Du entspannst dich besser, Liebes. Sonst kriegst du noch einen Herzinfarkt.“

„Hallo Mama, danke für den Tipp. Was gibt’s?“, frage ich genervt, während ich im Schritttempo den Männern von der Stadtreinigung folge. Routiniert machen sie ihren Job und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, sie brauchen besonders viel Zeit, seit ich hinter ihnen herzockele. Am liebsten würde ich hupen, aber die Jungs entsorgen schließlich meinen Dreck.

„Was machst du gerade, Liebes?“ Ich hasse es, wenn meine Mutter mich Liebes nennt. Das klingt so ... unecht.

„Du wirst es nicht glauben, aber ich fahre zu meiner Scheidung.“

Ich höre meine Mutter seufzen. „Ich dachte, ihr lasst das jetzt, nachdem es beim ersten Mal nicht geklappt hat.“

„Mama, hier geht’s doch nicht um eine künstliche Befruchtung oder ums Soufflé backen. Sven und ich haben das Trennungsjahr hinter uns und jetzt kommt die Scheidung. So läuft das.“

„Papperlapapp. Sven ist ein guter Mann. Nur weil er sich etwas amüsiert, müsst ihr euch nicht gleich scheiden lassen. Dein Vater ...“

Nicht schon wieder, denke ich und unterbreche sie.

„Mama, ich weiß. Lass gut sein.“

Endlich fährt der Müllwagen in eine Einfahrt. Ich winke den Männern zu und lächele freundlich. 12 Minuten.

„Vera, dein Vater und ich waren 40 Jahre verheiratet, weil wir unsere Freiheiten hatten. Jetzt sei doch nicht so kleinlich!“

Immer die gleiche Leier. Ich gebe Gas, denn die Ampel ist gelb.

„Mama, ich bin echt in Eile. Können wir später ...“

„Ja, glaubst du etwa, ich hätte keine anderen Männer gehabt? Viele sogar!“

Das ist mir neu. Die Ampel springt auf Rot. Ich steige in die Eisen. Vollbremsung. Meine Mutter hatte Affären! Viele sogar!

Es kracht hinter mir. Mein Wagen macht einen Satz nach vorne. Dann werde ich in meinem Auto auf die Kreuzung geschoben, die gerade ein alter Mann überquert. Zum Glück kann er rechtzeitig zur Seite springen, bevor ich ihn überfahre. Von links sehe ich einen Mini auf mich zukommen. In einer Hundertstelsekunde rast mein Leben in Bildern an mir vorbei. Im letzten Moment weicht der Mini aus. Dann steht mein Wagen.

„Bist du jetzt geschockt, Liebes?“, höre ich meine Mutter aus dem Telefon in meiner Hand fragen.

„Ja“, sage ich verwirrt und beende das Gespräch.

*

Ich komme eine halbe Stunde zu spät zum Gericht. Außer meiner Anwältin Toni ist niemand zu sehen.

„Wo bleibst du denn? Du kannst von Glück sagen, dass die Richterin noch nicht da ist. Sie steckt irgendwo im Stau fest.“

„Und Sven?“, frage ich.

Toni zieht die Schultern hoch. „Was ist denn passiert? Du siehst miserabel aus.“ Sie kann sehr warmherzig und sensibel sein. Das mag ich so an ihr.

„Mir ist einer hinten draufgefahren. Bagatelle. Kann passieren.“

„Du hast hoffentlich die Polizei gerufen? Den verklagen wir auf Schmerzensgeld. Warst du beim Arzt?“ 

Toni hat definitiv zu viel Law and Order gesehen. Als ich ihr sage, dass wir keine Zeit hatten, auf die Polizei zu warten, regt sie sich auf und redet wild auf mich ein. Ich höre Begriffe wie Schadenregulierung, Anzeige, Versicherung, Aktenzeichen und immer wieder Schmerzensgeld. Aber eigentlich höre ich gar nicht hin, sondern frage mich, wo mein Mann bleibt. Ich ertappe mich sogar bei der Frage, ob ihm etwas zugestoßen sein könnte. Schließlich sind wir trotz allem miteinander verbandelt.

„Vera, hörst du mir überhaupt zu?“

Ich erkläre Toni, dass ich nicht das Gefühl hatte, der Unfallverursacher wollte sich aus der Verantwortung stehlen. Sie ermahnt mich, beim nächsten Mal unbedingt die Polizei zu rufen, das sei für die Versicherung wichtig. Ich fühle mich wie eine Fahranfängerin, die auf ihre erste Fahrt vorbereitet wird. Dabei bin ich seit 25 Jahren unfallfrei. Bis heute.

Die Richterin kommt den Gang entlang, Toni stellt uns einander vor. Die Richterin lächelt mich freundlich an.

„Guten Morgen, Frau Odermann. Richterin Weiler. Verzeihen Sie die Verspätung, aber irgendwelche Deppen haben in der City ein unglaubliches Verkehrschaos verursacht.“

„Ja, ich hab’s auch mitbekommen“, lächele ich zurück.

„Dann wird Ihr Mann sicher gleich hier sein. Wir sehen uns im Gerichtssaal.“ Eilig verschwindet sie durch eine der Holztüren.

Mein Mann – wie das klingt. Irgendwie sperrig und überholt. So wie bei Patrick Swayze in Dirty Dancing, wenn er verkündet: „Mein Baby gehört zu mir.“ Das klingt wie Eigentum. Mein Haus, mein Auto, mein Mann. Dabei war Sven genau genommen nie mein Mann und wollte es offenbar auch nicht sein. Ich hatte ihn nie für mich allein, musste ihn immer teilen. Zuerst mit seiner Arbeit, später mit seinen Affären.

Ich schaue aus dem Fenster des Gerichtsgebäudes, während wir warten. Von hier aus kann ich bis zum Standesamt auf der anderen Seite der Innenstadt blicken. Der Himmel ist grau und es nieselt leicht, was den hässlichen Nachkriegsbau noch unschöner macht. Warum werden Standesämter in Plattenbauten gelegt? Wer denkt sich so etwas aus? Vermutlich ein von der Ehe enttäuschter Verwaltungsbeamter, der seine romantische Vorstellung einer Hochzeit begraben hat und sich nun an allen Romantikern rächen will. Ich bin eines seiner Opfer, seine Rache ist geglückt. Und während ich so dastehe, aus dem Fenster schaue und warte, schweifen meine Gedanken ab in die Vergangenheit.

Lesen Sie hier, wie es weiter geht

Es wäre eine Traumhochzeit gewesen. Wenn es nicht in Strömen geregnet hätte, die Standesbeamtin nicht völlig verschnupft und der Ort nicht der Plattenbau, sondern wie - ursprünglich geplant - ein klassizistischer Pavillon im Schlosspark gewesen wäre, der leider in der Nacht zuvor von Sprayern mit Totenköpfen verunstaltet worden war. Ein abergläubischer Mensch hätte in all dem schlechte Vorzeichen für eine Hochzeit erkannt und sie abgeblasen. Nicht so Sven und ich. Wir wollten um jeden Preis heiraten und haben es schließlich auch getan. Am meisten habe ich damals bedauert, dass mein maßangefertigtes spanisches Hochzeitskleid aus cremefarbener Seide, mit Spitze und mit Perlen bestickt, nicht im Sonnenschein strahlen konnte, am angeblich schönsten Tag meines Lebens. Stattdessen wurde die Schleppe matschig grau vom regennassen Asphalt.

Ich schaue auf die Uhr. Von Sven keine Spur. Er müsste längst hier sein, denn ich, die Verantwortliche für das Verkehrschaos in der Stadt, bin schließlich längst anwesend. Was treibt er? Ich werde sauer und langsam frage ich mich, wie ich mich so in ihm täuschen konnte.

Ich hätte von Anfang an wissen müssen, dass die Sache schiefgeht. Ich wäre ja von allein nie auf die Idee gekommen zu heiraten, wenn Sven mich nicht mit dem Antrag überrumpelt hätte. Hat er aber. Mit allem Drum und Dran auf dem Markusplatz in Venedig bei Sonnenaufgang mit aufflatternden Tauben. Der totale Romantik-Overkill. Seither weiß ich, dass Klischees faszinierend, aber heimtückisch sind. Der perfekte Ort, der perfekte Moment, der perfekte Ring, der perfekte Mann. Rational gesehen gab es keinen Grund, seinen Antrag abzulehnen. Ich war verliebt, er sah gut aus, hatte eine blendende Zukunft als Geschäftsführer einer IT-Firma vor sich, und er wollte mich. Mich, die schüchterne Vera, die in der Schule keinem Jungen aufgefallen war.

Ich war schon in ihn verliebt, bevor er überhaupt von meiner Existenz wusste. Er war drei Klassen über mir, und ich hab’ seit der Achten kein Handballspiel seiner Mannschaft verpasst, so sehr himmelte ich ihn an. Dass er wechselnde Freundinnen hatte, war mir egal. Und dass er von mir keinerlei Notiz nahm, war mir mehr als recht. Hätte er mich angeschaut oder mich sogar angesprochen, wäre das einer Katastrophe gleich gekommen. Ich, tomatenrot, hätte gestammelt und darauf gewartet, dass sich der Boden unter meinen Füßen öffnet und mich in einer hoffentlich erlösenden Ohnmacht verschlingt. Also liebte ich ihn heimlich. Ich, die schüchterne, mollige Vierzehnjährige mit der hässlichen Zahnspange und einer noch hässlicheren Brille.

Aber aus dem hässlichen Entlein wurde irgendwann ein halbwüchsiger Anfänger-Schwan. Beim Abi-Streich seines Jahrgangs sprach Sven mich völlig überraschend an und lud mich zur Abi-Party ein. An diesem Abend knutschten wir zum ersten Mal.

Mein Glück hielt nicht lange. Nach dem Abschluss verließ er die Schule, und als wir uns ein paar Jahre später wiedertrafen, hatte ich mich just an der Uni eingeschrieben, an der er gerade sein Vordiplom machte. Meinen nächtelangen Liebeskummer wegen Sven hatte ich da längst überwunden und verschwendete nach einer eher peinlichen Begegnung in der Mensa keinen weiteren Gedanken an ihn. Es gab schließlich Wichtigeres zu tun, als der Vergangenheit nachzuhecheln.

Ich genoss das Uni-Leben in immer volleren und maßloseren Zügen, verpasste keine Party und keinen Erasmus-Abend mit süßen Typen aus ganz Europa. Das Allerbeste an dieser Zeit war die grenzenlose Freiheit. Ich hatte einen riesigen Hunger nach Leben und einen noch größeren Durst nach Erfahrungen. Ich war niemandem Rechenschaft schuldig, musste keine Regeln einhalten. Ich war erwachsen und trotzdem jung genug, um das Leben zu entdecken.

In einer dieser unendlichen Nächte traf ich Sven wieder, der mich seit unserer Begegnung in der Mensa wohl nie wirklich aus den Augen verloren hatte. Wir verbrachten eine Nacht miteinander, eine Woche, einen Monat, ein Jahr. Ich kam zur Ruhe, und es fühlte sich gut an. Meine Freundin Bea mochte ihn nicht, hielt ihn für eine unentspannte Spaßbremse und außerdem für viel zu ehrgeizig. Sie warf ihm vor, dass er Ziele hatte und karrieregeil war. Ich fand das sexy. Jeder, der anders war, war damals sexy. Ich liebte den Gegensatz, und Sven war genau das Gegenteil von mir. Damals konnte ich noch nicht wissen, wie anstrengend das werden würde.

Drei Jahre nach unserer ersten gemeinsamen Nacht in meinem WG-Zimmer fuhren wir nach Venedig. Alles war perfekt. Zumindest in diesem einen Moment, in dem das Gehirn gegen die Masse täuschenden Kitsches versagt. Mitten auf dem Markusplatz morgens um fünf machte er mir einen Antrag, und ich willigte überglücklich ein. Das Venediggefühl hatte mich in einen ähnlichen Rausch versetzt wie am Anfang die Studienzeit. Alles war neu. Ich wollte darin eintauchen und mit allen Sinnen genießen. Und es hielt sogar nach unserer Rückkehr aus der Lagunenstadt noch eine Weile an. Der Gedanke an ein umwerfendes Brautkleid aus champagnerfarbenem Seidentaft, das selbst Grace Kelly in den Schatten gestellt hätte; die Aussicht auf eine Junggesellinnen-Nacht, in der ich noch mal wild rumknutschen wollte; und die Vorstellung einer Hochzeit, die allen Anwesenden Tränen in die Augen treiben würde, waren absolut überzeugende Gründe, JA zu sagen. Ich glaubte, das Richtige zu tun.

Als nach der Hochzeit das Venediggefühl nachzulassen drohte, wurde ich schwanger, und mein sich abbauender Serotonin-Vorrat wurde schlagartig wieder aufgefüllt. Mein Glück schien endlos zu sein. Während der Schwangerschaft schwebte ich auf Wolke sieben, wenn ich nicht gerade über der Kloschüssel hing. Mein Mann trug mich trotz der Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen und 24 Kilo Mehrgewicht auf Händen.

Unsere Liebe schien in der Geburt unserer Tochter zu gipfeln. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sich meine Glückshormon-Reserven nach der Geburt drastisch abbauen sollten. Plötzlich drehte sich alles ums Kind. Wir brauchten ein größeres Auto, ein Haus, mehr Geld. Unser Sexleben wurde ersetzt durch den Druck, möglichst alles richtig im Leben zu machen. Und schon nach ein paar Jahren legte sich der Alltag wie ein Schatten über unsere Ehe, die irgendwann nur noch eine Hülle aus Gewohnheiten und Pflichten war.

Ich war mit unserer Tochter, meinem Halbtagsjob in einer Veranstaltungs-Agentur und dem Haushalt gut ausgefüllt. Sven dagegen schien neben seiner Karriere in der Firma mit den Jahren immer mehr Kapazitäten frei zu haben. Ständig kam er mit neuen Herausforderungen: Motorradfahren, Segeln, Golf. Er brauchte immer mehr Bestätigung und Erfolge. Mit Beginn seiner Midlife-Crisis war Sven 48 Jahre alt und sah sein Ende nahen – beruflich, gesundheitlich, ehelich. Nachdem er sämtliche Sportarten ausprobiert hatte und ihn Weinseminare im Chianti und Haute-Cuisine-Kochkurse im Elsass zu langweilen begannen, verschwand er monatelang in einer tiefen Depression und tauchte mit seiner 15 Jahre jüngeren naturblonden Therapeutin wieder auf.

Greta stellte gerade ihr Fahrrad vor dem Haus ab, als sie ihren Vater knutschend auf der Rückbank eines Taxis entdeckte. Zuerst war das Kind peinlich überrascht, seine Eltern so verliebt zu sehen, denn das kannte Greta nicht. Woher auch? Noch überraschter aber war sie, als sie sah, wie überrascht ich war, denn ich kam gerade mit Einkäufen bepackt um die Ecke und wunderte mich über das Taxi vor der Tür. Gleichzeitig erkannten Greta und ich die Therapeutin. Schlimmer hätte Sven seine Kleine nicht enttäuschen können. Er hat damals gleich zwei Herzen gebrochen. Meins und das seiner Tochter.

Dumm nur, dass ich offenbar die Einzige in unserem Freundes- und Bekanntenkreis war, die davon nichts gewusst hatte, es nicht einmal ahnte. Um die Demütigung nicht auf die Spitze zu treiben, traf ich nach nächtelangen Heulkrämpfen, Mord- und Selbstmordgedanken eine relativ klare Entscheidung. Ich zog mit unserer ebenso empörten Teenager-Tochter in ein Hotel. Dort leckte ich unsere Wunden und beschloss das Ende meiner Ehe. Ich wollte die Scheidung und zwar schnell. Aber Sven konnte und wollte das Scheitern seiner Ehe auf keinen Fall zulassen, denn jede Art von Scheitern war und ist für ihn unerträglich.

Sven beendete die Therapie und damit seine Affäre und erklärte sein Verhalten als einmaligen Ausrutscher, der in den besten Familien vorkäme. Außerdem sei er in einer sehr labilen Verfassung gewesen, weil es zwischen uns nicht mehr so gut lief. Kurz: Er gab mir die Schuld. Und ich muss leider zugeben – es hat funktioniert. Ich habe ihm tatsächlich verziehen und wollte nicht kleinlich sein, nachdem wir so viele Jahre gemeinsam etwas aufgebaut hatten. Vielleicht hatte es ja tatsächlich auch an mir gelegen, dass er sich in unserer Ehe nicht mehr wohl gefühlt hatte. Greta und ich kehrten nach Hause zurück und unsere kleine Familie machte einen Neustart. Sven und ich waren sehr umeinander bemüht und genossen diese Zeit intensiv, bis er beruflich wieder mehr eingespannt wurde und alles von vorne begann.

Bald stürzte Sven sich wieder in Arbeit, wobei er sein nächstes, neues großes Glück fand. Julia. Er musste nicht mal irgendwohin gehen, um sie zu finden, sondern sie kam zu ihm, als neue Assistentin. Da musste er einfach zugreifen. Ein Schnäppchen sozusagen. Und mit dem Schnäppchengefühl kenne ich mich bestens aus.

Ich hoffte, dass Julia nur eine vorübergehende Mode-Erscheinung war. Aber sie blieb länger als nur eine Saison. Julia erfüllt viele Klischees. Sie ist natürlich blond und schlank, und liest ihrem Chef jeden Wunsch von den Lippen ab.

Ich hielt Sven immer für durchschaubar. Ich dachte, er wollte alles haben und auf nichts verzichten. Die Alte, die ihm zu Hause den konstanten Alltag besorgt, die Neue, die ihm alles andere besorgt. Als er mir bei Wein und Kerzenschein in unserem Lieblings-Restaurant offenbarte, dass er gerne noch einmal von vorne beginnen würde, war er so überzeugend, dass ich ihm tatsächlich ein zweites Mal verziehen hätte. Er nahm meine Hände und schaute mir tief in die Augen. Ja, er wollte tatsächlich seine letzte Chance auf Glück noch einmal am Schopf fassen und ein zweites Leben beginnen. Kunstpause.

Mit Julia.

Das war vor einem Jahr.

Die Autorin

Franka Bloom ist das Pseudonym einer bekannten Drehbuchautorin, die den Stoff liefert für die Fernsehserien "SOKO Leipzig", "Tatort" oder "Ein Fall für zwei". Ihre Arbeit ist preisgekrönt. Früher war die Frau aus dem Ruhrgebiet Modejournalistin - mit dem Spezialgebiet Herrenunterwäsche. Nach einem anschließenden Journalistik- und Politologiestudium und einigen Jobs in den Medien wechselte sie zu Film und Fernsehen. Heute lebt Franka Bloom, selbst Mitte 40, mit Partner und zwei Töchtern in Leipzig. "Anfang 40 – Ende offen" ist ihr erster Roman. Da wollte wohl noch mehr aus ihr raus als Mord und Totschlag ...

Buchtipp

"Anfang 40 – Ende offen" von Franka Bloom ist für 9,99 Euro im Verlag rororo erschienen und außerdem als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Alina Sawallisch; Fotos: PR

© ROWOHLT VERLAG GmbH, Reinbek. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: Dagmar Morath


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