Böse Stiefmutter?

Wie ist es als Ersatzmutter herhalten zu müssen? Wenn der Nachwuchs des Partners frech wird oder die Ex-Frau Stress macht? Die Autorin Susanne Petermann hat für ihr Buch mit über 500 Stiefmüttern gesprochen.

Können eigentlich Einklatschen: Stiefmutter und Kind haben es beide nicht einfach

Frau Petermann, Sie sind selbst Stiefmutter. Wann wurde Ihnen klar, dass diese Rolle nicht immer einfach ist?
Es ist nie leicht, wenn eine Frau einen Mann mit Kindern liebt. Ich bin nicht naiv, mir war immer klar, ich muss mir das Komplettpaket angucken. Ich war 45 Jahre alt, als ich ihn und später seine drei fast erwachsenen Kinder kennenlernte. Zunächst lief alles toll, ich mochte seine Kinder und sie mich. Aber nach dreieinhalb Jahren kam leider wie aus dem Nichts der Bruch einer Tochter mit dem Vater und mir. Ich verstehe das bis heute nicht. Da wurde es schwierig.
Wie Frauen so sind, haben Sie danach die Schuld wahrscheinlich 
bei sich gesucht.
Ja natürlich. Immer wieder habe ich mich gefragt, warum das passiert ist. Besonders, weil mein Mann an dem Kontaktabbruch fast zerbrochen ist. Plötzlich haben wir oft gestritten und erst nach vielen Gesprächen wieder zuein­andergefunden.
"Die böse Stiefmutter" ist fast ein feststehender Begriff. Woher kommt der eigentlich?
Der Name stammt von früher, als Väter wegen der hohen Müttersterblichkeit schnell neu heirateten. Heute passt dieses Wort „Stiefmutter“ nicht mehr, da die leiblichen Eltern in der Regel beide leben. Das Bild der „bösen Stiefmutter“ ist wohl durch Märchen geprägt.
Sie schreiben in Ihrem Buch "Du hast mir gar nichts zu sagen! Stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge", eine Frau in der Position habe kaum Verbündete und stoße auf Vorurteile. Wie meinen Sie das?
Stiefmütter werden in der Gesellschaft schnell als wenig fürsorglich abgetan, während leibliche Mütter fast als Heilige gelten. Eine Stiefmutter soll sich möglichst raushalten und trotzdem für das Kind da sein. Eine undankbare Position.
Sie nennen fünf Konfliktbereiche im Leben einer Stiefmutter: die Gesellschaft, die Exfrau, die Kinder, der Mann und das Familienrecht. Welcher ist der gravierendste?
Das ist sehr individuell. Am ehesten ändern können wir die Gesellschaft. Es gibt keine Stiefmutter, die nicht schon gehört hat: "Du wusstest doch, worauf du dich einlässt." Glauben Sie mir: Wüssten die Frauen das vorher, würden sie sehr schnell die Flucht ergreifen.
Welche Rolle spielt das Verhältnis zur Expartnerin?
Eine sehr wichtige. Es ist viel leichter für alle Beteiligten und besonders für die Kinder, wenn die Eltern sich im Guten trennen und danach vernünftig miteinander umgehen.
Warum gerät eine Stiefmutter so schnell in eine schwierige Position?
Stiefmütter müssen viel Verständnis entwickeln – für das Kind und für die Exfrau. Es kommt immer wieder vor, dass eine Mutter das Kind gegen die neue Frau anstachelt. Dann gerät das Kind leider in einen Loyalitätskonflikt, traut sich nicht, mit der Stiefmutter zu reden, weil es seine Mutter nicht hintergehen möchte. Das ist für das Kind schlimm, und die Stiefmutter fühlt sich auch wie vor den Kopf gestoßen.

Intrigiert die Exfrau, wird es für die Stiefmutter schwer

Warum intrigieren leibliche Mütter? Wovor haben sie Angst?
Sie befürchten zum Beispiel, dass die Kinder die Neue mit den schönen Wochenendausflügen toller finden als sie selbst, die mit den Kindern den Alltag stemmt. Oder sie fragen sich, ob die andere sich nicht zu sehr in die Erziehung der eigenen Kinder einmischt.
In Ihrem Buch sprechen Sie das Thema Unterhalt an, oft eine 
Hürde in Stieffamilien. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?
Ich habe eine Stiefmutter getroffen, die seit zehn Jahren verheiratet ist, sie haben zwei gemeinsame Kinder. Er hatte mit 18 eine Affäre, aus der eine Tochter entstanden ist. Dieses Kind durfte er von der leiblichen Mutter aus nie sehen, aber er hat immer Unterhalt gezahlt. Jetzt ist die Tochter volljährig, er müsste nicht mehr zahlen. Aber er hat nun ein Schreiben bekommen, sein Kind sei psychisch krank, er und seine Frau sollten ihr Einkommen offenlegen, weil er lebenslang für das Kind zahlen soll. Die Mutter ist psychisch krank, sie kann nicht zahlen.
Seine Frau muss als Stiefmutter für das Kind mitzahlen?
Sie arbeitet gerade nicht, aber wenn sie das täte, würde ihr Gehalt geprüft
und bei ihm angerechnet. Und in diesem speziellen Fall wäre es so, dass all das, was sie verdienen würde, bei ihm abgezogen würde und an das Kind ginge. Ginge sie arbeiten, täte sie das im Prinzip nur für ihre Rente. Somit finanzieren viele berufstätige Stiefmütter die Kinder des Partners mit, haben damit weniger für sich und die eigenen Kinder. Ist das fair?
Wo finden Stiefmütter Hilfe?
Es gibt leider keine offiziellen Stellen.
Wie ist es umgekehrt für Stiefväter? Haben die ähnliche Probleme?
Längst nicht. Stiefmütter messen sich am Mutterbild, Stiefväter nur am allgemeinen Männerbild. Da ist der Anspruch längst nicht so hoch. Hinzu kommt der ganz andere Stand in der Gesellschaft: Es reicht schon, dass der Stiefvater mit seiner neuen Familie zusammenlebt – schon gilt er als Retter mit dem weißen Pferd.
In Deutschland lebt zurzeit jedes zehnte Kind in einer Patchwork-Familie. In welchem Alter hört die Stiefmutter am ehesten den Spruch: "Du hast mir gar nichts zu sagen"?
In jedem Alter. Bei älteren Kindern hat das mit der Pubertät zu tun. Den Satz hört die leibliche Mutter unter Umständen zu Hause auch. Schwer ist es, wenn das Kind von der Mutter instrumentalisiert wird. Wenn sie zum Beispiel sagt: "Falls du bei denen etwas nicht willst, rufe mich an und ich hole dich ab." Mein Ratschlag an jede Stiefmutter: Nehmen Sie Angriffe nicht persönlich, beziehen Sie sie "nur" auf die Rolle an der Seite von Papa. Es hilft auch, sich in das Kind und in seine Situation hineinzuversetzen. Für das Kind ist es auch nicht einfach.
Haben Sie noch weitere Tipps?
Wichtig ist es, bei sich zu bleiben. Einige Stiefmütter zerfleischen sich geradezu, weil sie denken, sie müssen für Mann und Kinder alles tun. Wenn die Stiefmutter eigene Kinder hat, sollte sie zu Hause Regeln aufstellen, die für alle gelten. Es bringt auf Dauer nur Unmut, die eigenen Regeln für die Besuchskinder über Bord zu werfen.
Bisher haben wir gar nicht über die realen Väter in dieser Konstellation geredet. Gucken die nur zu? Oder sollten die bei dieser Verbindung helfen?
Sie sind das Bindeglied. Die meisten Männer sind aber bequem und wollen, dass alles wie von selbst gut läuft. Die wünschen sich ein konfliktfreies Privatleben. Ist das nicht so, bestechen sie ihre Kinder mit Geld oder Ausflügen. Aber das funktioniert nie gut.

Viele Väter wollen, dass alles wie von selbst gut läuft

Die Autorin Susanne Petermann, 52, ist selbst Stiefmutter. In ihrem Blog stiefmutterblog.com gibt sie Einblicke in das Leben der zweiten Frau eines Vaters .

Was geschieht, wenn der Partner zu sehr auf sich fokussiert ist und Probleme seiner neuen Frau gar nicht sehen will?
Dann sollte die Frau nicht frustriert zu Hause sitzen, sondern konsequent sein und zum Beispiel am Kinder-Wochenende mal allein zu einer Freundin fahren. Wenn die Frau etwas ändert, tut der Partner das meist auch. Dann erlebt er plötzlich, was es bedeutet, wenn der andere einfach sein Ding macht.
In Ihren Beispielgeschichten im Buch fühlt sich die neue Frau oft ausgeschlossen aus der Einheit Mann – Kinder. Wie lässt sich das verbessern?
Stiefmütter müssen auf jeden Fall lernen, ihrem Partner und seinen Kindern die Zeit für sich zu gönnen. Sie können nicht verlangen, dass die Kinder ihren Papa nur noch im Doppelpack bekommen. Trotzdem gilt es, wichtige Dinge zusammen zu besprechen: Es geht zum Beispiel nicht, dass der Mann mit seiner Ex klärt, wann es in den Urlaub geht und mit seinen Kindern bespricht, wohin. Daran muss auch die Stiefmutter beteiligt sein.
Um diesen Frauen mehr Wert in der Gesellschaft zu geben, haben Sie versucht, einen "Tag der Stiefmutter" ins Leben zu rufen.
Ja, da gab es aber heftigen Widerstand, gerade bei Müttern. Ich verstehe das nicht. Es gibt sogar einen "Tag des Deutschen Butterbrotes", warum keinen Stiefmuttertag?
Haben Sie einen Trost für Stiefmütter in schwierigen Situationen? Arbeitet immerhin die Zeit für sie?
Ja, gerade was die Kinder betrifft. Patchwork-Familien wachsen meist in fünf bis sieben Jahren zusammen. Wenn die Fronten abgesteckt sind, spielt sich alles ein, und bei den Stiefmüttern sinkt auch die eigene Erwartungshaltung. Sie müssen ihrem Mann dann nicht mehr zeigen, wie toll sie sich um seine Kinder kümmern. Sie hören irgendwann auf, drei Stunden Zöpfe zu flechten oder aus Radieschen Tiger zu schneiden. Alles kommt in ein normales Maß.

Du hast mir gar nichts zu sagen stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge

Buchtipp

Mit dem Buch "Du hast mir gar nichts zu sagen! Stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge" (Diana Verlag, 14,99 Euro) macht Susanne Petermann allen Vizemüttern Mut.


Foto: Aufmacher u. Artikelbild Fotolia, Autorin: Privat, Cover: PR


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