Brave Kinder - französische Kinder

Sie zeigen mehr Geduld und akzeptieren mit drei Jahren ein Nein. Was ist das Geheimnis französischer Kindererziehung?

Interview: Andrea Hacke, Merle Wuttke

Brav, braver, französisch?

Mrs. Druckerman, Sie leben als Amerikanerin mit Ihrem Mann und drei Kindern in Paris.Wann ist Ihnen zum ersten Mal aufgefallen, dass die Franzosen ihre Kinder anders erziehen als andere Kulturen?

Als ich selbst Mutter wurde, stellte ich überrascht fest, dass französische Kinder im Restaurant immer brav neben ihren Eltern saßen, während mein Kind mit Essen um sich warf. Und wenn uns französische Familien besuchten, konnten wir Erwachsenen uns in Ruhe unterhalten. Bei amerikanischen Familien war das nie lange möglich, weil immer irgendwer mit den Kindern beschäftigt war.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass französische Babys oft mit drei Monaten durchschlafen. In Deutschland haben viele Mütter noch zwei Jahre nach der Geburt Augenringe vor lauter Schlafentzug.

Der Trick ist: Französische Mütter rennen nicht beim ersten Pieps sofort zu ihrem Kind, sondern warten etwa fünf bis zehn Minuten ab. Sie beobachten ihr Kind, bevor sie handeln.

Und deshalb schläft ein Baby schneller durch?

Babys haben oft einen unruhigen Schlaf, werden mehrmals wach, aber nicht immer, weil sie Hunger haben. Oft wachen sie zwischen zwei Schlafzyklen nur kurz auf, schlafen dann aber auch wieder ein, wenn nicht schon die Mutter am Bett steht und es heraushebt - und damit den Schlafrhythmus des Kindes durcheinanderbringt. Erst wenn das Kind länger weint, nimmt es die Französin auf den Arm. Dieses Lernen klappt jedoch nur in den ersten vier Monaten.

Das größte Geheimnis französischer Kindererziehung ist nach Ihrem Buch aber offenbar "le cadre", der Rahmen.

Französische Eltern sind sich darüber einig, dass sie bei wenigen wichtigen Dingen sehr strikt bleiben in der Erziehung. Manche Dinge sind zu befolgen, ohne Ausnahme. Das ist der Rahmen für das Kind, an dem es sich orientieren  kann. Aber innerhalb dieses Rahmens lassen die Eltern dem Kind auch viel Freiheit. Beim Essen sagen sie zum Beispiel: "Du musst nicht alles essen, aber du musst alles probieren." Kinder bekommen in Frankreich keine Snacks zwischen den Mahlzeiten. Wenn sie in ein Restaurant gehen, haben die Kinder Hunger und bleiben sitzen. Und die Eltern sagen auch nicht, dass Gemüse gesund ist. Sie beschreiben ihnen das Essen als ein großes Vergnügen.

Ist "le cadre" auf andere Länder übertragbar?

Ja, denn es ist einfach, sich neue Gewohnheiten anzueignen, wenn sie das eigene Leben etwas leichter machen und die Kinder die Regeln gut annehmen. Die Franzosen vertrauen darauf, dass Erziehung nach und nach gelingt. Regeln müssen nur immer freundlich wiederholt werden.

Beim Lesen kommt einem allerdings oft der Gedanke: Genau so mache ich das auch, aber es funktioniert nicht. Wenn ich etwa meinem Kind regelmäßig sage, es soll doch bitte freundlich grüßen, tut es das noch lange nicht.

Franzosen gehen auch nicht davon aus, dass ihr Kind jedes Mal "Bonjour" sagt. Aber sie erklären ihren Kindern, dass andere Menschen auch Bedürfnisse und Gefühle haben. Sie bringen den Kindern ganz früh Empathie bei und die Achtung vor anderen Menschen. Wenn ein Kind das versteht, grüßt es auch.

Und so Respekt den Eltern gegenüber?

In Frankreich herrscht folgende Annahme: Ein Haushalt, in dem sich alles um die Kinder dreht, tut niemandem gut. Nicht mal den Kindern. In Frankreich hat ein Kind in den Augen der Eltern zum Beispiel nie das Recht, sie zu unterbrechen. Eltern sagen dann: "Ich bin gerade in einem Gespräch, ich habe gleich für dich Zeit."Umgekehrt stören die Eltern aber auch ihre Kinder nicht, wenn die gerade spielen.

Wegen dieser Annahme achten die Franzosen wohl auch so darauf, dass sie immer auch Zeit als Paar haben, ohne Kinder?

Ja. Es ist in vielen Familien normal, dass die Kinder ein Wochenende im Monat bei den Großeltern verbringen. Abends ab acht ist Elternzeit. Und Paare in Frankreich machen noch etwas anders: Sie rechnen nicht gegeneinander auf, was sie zu Hause tun. Es ist nicht sehr emanzipiert, aber Französinnen betrachten Männer als eine fremde Spezies, die von Natur aus schlecht darin ist, Babysitter zu buchen oder sich Kinderarzttermine zu merken. So sind die Männer weniger demoralisiert und loben im Gegenzug ihre Frauen für deren tolles Familien-Management und den funktionierenden Haushalt.

Zum Trost: Gibt es irgendetwas, das die Deutschen als Eltern besser machen als die Franzosen?

Natürlich! Die Franzosen sind sehr pragmatisch und in gewisser Weise konservativ. Ich denke, wir können ein paar Tricks der Franzosen übernehmen, ohne komplett so zu werden wie sie. Kombinieren Sie deren Regeln mit dem, was Sie an den Deutschen mögen! Ich zum Beispiel liebe an den Amerikanern ihren Optimismus oder ihre Kreativität. Das möchte ich meinen Kindern genauso mitgeben wie die Fähigkeit, sich im Restaurant zu benehmen.

Buchtipp

"Warum französische Kinder keine Nervensägen sind" von Pamela Druckermann ist im Mosaik-Verlag erschienen und kostet 17,99 Euro.

Hier geht's zum Buch.


© Fotolia; Getty; Benjamin Barda; PR | aus der "LAVIVA"-Ausgabe Oktober 2013


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