"Craft Bier" Bier-Kunst

Wie aus Bier Kunst wird. Wer denkt, dass nach Pils und Weißbier die Bierwelt endet, liegt falsch. Kleine Kreativbrauereien überraschen mit kühnen Rezepten und neuen Ideen. Zeit für eine Kostprobe. Zu Gast in der "Kehrwieder Kreativbrauerei" in Hamburg

Ellen Ivits
Brauerei Craft Bier Kehrwieder

In der "Kehrwieder Brauerein" in Hamburg braut Oliver "Olli" Wesseloh seine Bier-Schätze.

Es braut sich etwas zusammen in Deutschland. Mit spannenden Kreationen bringen kleine Brauereien wieder Vielfalt in die Bierwelt. Craft Beer macht der industriellen Massenware zunehmend Konkurrenz und duftet köstlich nach Schokolade und Erdbeere. Eine Verkostung beim amtierenden Weltmeister der Sommeliers für Bier.

Unbemerkt und leise hat in Deutschland eine kleine Revolution begonnen. Eine Bier-Revolution, vorangetrieben von einer eingeschworenen Gemeinschaft aus Bier-Verrückten, die den Heinekens und Becks den Krieg erklärt haben. Zu den Revoluzzern gehört auch ein Brauer aus Hamburg. Am Rande der Hansestadt betreibt Oliver Wesseloh die Kehrwieder Kreativbrauerei. Von hieraus will er den Biermassenmarkt aufmischen. Das Einheitsgebräu aus dem Supermarkt schmeckt ihm schon lange nicht: zu wässrig, zu sauer, zu fad.

Wie seine Revolution schmeckt, präsentiert Olli, bei einer Bierverkostung südlich der Elbe. Sieben Biere stehen auf der Karte, Eigenproduktionen aber auch Schöpfungen anderer gleichgesinnter Kreativbrauer. Im Biker-Look und einem Lächeln im Gesicht beginnt  der Meister von Kehrwieder eine kleine Reise durch die Welt des Craft-Beers.

"Craft" steht für Handwerk. In den USA erreichen die Craft-Brauereien einen Marktanteil von rund acht Prozent. Wem es befremdlich erscheint, dass die deutsche Biernation ausgerechnet mit amerikanischen Traditionen aufgewirbelt werden soll, wird gleich eines besseren belehrt. "Deutschland preist sich gerne für sein Bier. Doch streng genommen, werden hierzulande bestenfalls 35 von den 145 existierenden verschiedenen Bierstilen gebraut", eröffnet Olli seinen Exkurs.

"Die Bierindustrie hat sich zu große Mühe gegeben, alles für den Massengeschmack zu vereinheitlichen und hat dabei jede Kante abgeschliffen." 

Dem Bier seinen Charakter wieder zu geben - das ist die Mission des prämierten Biersommeliers. Um seinen Kreationen auch den gebührenden Auftritt zu verschaffen, serviert er seine edlen Tropfen in speziellen Gläsern. Durch ihre Formgebung können sich die Aromen im Bier voll entfalten. Aus der Flasche zu trinken ist hier tabu.

Den Anfang macht der Bestseller und erste Schöpfung des Hauses "Prototyp" -  ein stark und kalt gehopftes Lager, fruchtig und herb zugleich. Anerkennendes Gemurmel erklingt von den sechs Herren, die mit mir am Tisch sitzen. Fasziniert betrachten sie die schäumenden Bläschen. Und während ich mein erstes Glas noch nicht geleert habe, wird auch schon der nächste Gang eingegossen. Ein kräftiges Pale Ale . Seine komplexen Aromen erinnern an Grapefruit. Zu bitter für mich, genau richtig für meinen Tischnachbarn. Er freut sich über die Reste in meinem Glas.  Nicht umsonst ist dieses Pale Ale der Sierra Nevada Brewing Company eines der meist verkauften Craft Biere der USA. Das nachfolgende "Shipa Equinox" ist ein echter Seemannstrank. "Genießt man den bei einer gewissen Temperatur, entfaltet sich ein Geruch nach einer frisch aufgeschnittenen Paprika", schwärmt der Kehrwieder-Brauer.

Mit dem dazu gereichten Gemüse-Thai-Curry enthüllt das Bitterbier tatsächlich ein überraschendes Aroma. Die Schärfe des Currys verleiht Frische und Raffinesse. Jede Bierspezialität wird von einer ausgesuchten Speise begleitet. Mal gibt es Ziegenkäse auf Blattspinat, mal ein Roastbeef-Sandwich, mal Bleu d’Auvergne – perfekt auf die Aromen des Biers abgestimmt.

Ollis Regeln für den Biergenuss

Bier-Brauer Olli Wesseloh trinkt sein Bier immer im Glas.

1. Riechen 2. Schluck nehmen 3. Happen essen 4. Wieder einen Schluck trinken.

Es muss also nicht immer Wein zum Essen sein. Wobei das ein oder andere Bier gar nicht mehr so weit vom Wein entfernt ist.

Das "Grand Cru" verwirrt die Geschmacksnerven. Ist es nach Apfel? Himbeere? Sauerkirschen? Dosenerdbeeren! Das ist es. Grandios! Das Rodenbacher "Grand Cru" ist ein belgischer Klassiker, der mehr als ein Jahr in Eichenholzfässern reifen muss. Die charakteristische burgunderrote Farbe verleihen ihm spezielle Malze. Seine Aromastruktur kommt Rotwein näher als Bier. 

Der Favorit auf den sich alle Koster an diesem Abend einigen können, ist das "Imperial Stout". Mit schlanken 9,5 % steigt jeder Schluck schnell zu Kopf. Das Glas stehen zu lassen, kommt aber nicht in Frage. Die Bitterschokolade-Note ist zu verführerisch. Tiefschwarz und ölig zeigt sich das Bier im Glas. Fast meint man auf den Lippen die sahnige Schmelze zu spüren. Ungewöhnliche Kombinationen, individuelle Rezepte und besondere Hopfen. Der Gaumen weiß gar nicht, wem er zuerst applaudieren soll.

Die Szene wird stetig größer. Überall in Deutschland entstehen Jahr für Jahr neue Kreativbrauereien. Obwohl es immer noch um vergleichsweise winzige Mengen geht, bekommen die Craft-Brauer viel Aufmerksamkeit. Dass auch die Industrie nun auf den Zug aufzuspringen möchte, stört den Kehrwieder-Gründer nicht: "Auf diese Weise bekommen die Supermarktkunden mit, dass es auch jenseits von Pils und Weizen tolle Biere gibt, die auch einen höheren Preis wert sind. Und wenn man  auf den Geschmack einmal kommt, mag man gar nichts mehr anderes trinken. Klar, kippt man unser Bier nicht in einem Fußballstadion herunter. Es ist Bier zum Genießen, zum Schmecken, zum Erkunden."

Jeden Monat veranstaltet Olli seine Bierverkostungen. Zugegeben, eine nicht ganz katerfreie Gelegenheit das Bier von seiner kulinarischen Seite kennenzulernen. Auch Braukurse bietet der Bier-Weltenbummler an. Hier wird die Theorie gleich in flüssige Praxis umgesetzt. Ein tolles Erlebnis für jeden Bierfan.

Infos zur Kehrwieder Kreativbrauerei

Die Bierverkostungen gibt es bei Kehrwieder für 49 Euro pro Person. 

Die Teilnahmegebühr für Braukurse beträgt 129 Euro.

Wo Sie das Bier der Kehrwieder Brauerei erwerben können, erfahren Sie hier. Oder sie schauen bei dem Braumeister persönlich vorbei.

Hier können Sie Craft Bier probieren

Für alle Nicht-Hamburger gibt es natürlich Alternativen. Eine kleine Auswahl.

„Onkel Bier“ aus Düsseldorf   http://mein-onkel.de/

„Schönramer Brauerei“  aus Schönram www.brauerei-schoenram.de/start.htm

„Vegabund Brauerei“ aus Berlin http://www.vagabundbrauerei.com/

CREW AleWerkstatt“  aus München  http://www.crewrepublic.de/home.html

„Rodenbach“ aus Roeslare, Belgien http://www.rodenbach.be/

„Schneider Weisse“ aus Kelhheim http://www.schneider-weisse.de/

„BRLO Craft Beer“ aus Berlin http://www.brlo.de/


IVAs Blog

Netzfundstücke, Hilfreiches, Schönes: Hier schreibt IVA, über alles was sie bewegt!

LESEN
Gewinnspiele

Aktuelle Gewinnspiele aus den Bereichen Beauty, Mode, Reise und Design!

Mitmachen