Das kleine Café in Kopenhagen

Der Debütroman "Das kleine Café in Kopenhagen" von Julie Caplin erzählt davon, wie auf einer Pressereise nach Kopenhagen die Liebe zuschlägt. Lesen Sie einen Auszug aus unserer Buchpremiere.

Neuer Lesestoff für den Januar

Wetten, dass Sie bald nach Dänemark verreisen möchten? Die exklusive LAVIVA-Leseprobe "Das kleine Café in Kopenhagen" wird Sie verführen, denn die Autorin Julie Caplin ist der dänischen Lebensart verfallen und kann gar nicht anders, als ihre Leser mitzureißen. Hier können Sie nachlesen, wie die Pressefrau Kate zum ersten Mal auf den zynischen Journalisten Ben trifft, den Sie für eine Pressereise nach Kopenhagen gewinnen möchte ...

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Ich musste also bloß sechs Journalisten finden, die auf die Reise mitkamen.

"Kann ich bitte mit Benedict Johnson sprechen?", fragte ich mit meiner freundlichsten und frischsten Stimme."

"Am Apparat." Er klang ziemlich kurz angebunden.

"Hi, ich bin Kate Sinclair von The Machin Agency. Ich –"

"Sie haben fünf Sekunden."

"Wie bitte?" In seinen Worten lag unverhohlene Feindseligkeit.

"Vier."

Eigentlich hätte ich ihn auffordern sollen, sich seine Arroganz sonst wo hinzustecken, aber ich war so fassungslos, dass ich mich für den Viersekunden-Pitch entschied.

"Hätten Sie Interesse an einer Pressereise nach Kopenhagen, um herauszufinden, warum die Dänen als glücklichste Nation der Welt gelten. Es sind fünf Tage zu verschiedenen Zielen, darunter ein Besuch des Dänischen Institut für Glücksforschung."

"Nein."

Und damit legte er auf.

Ungläubig starrte ich aufs Telefon. Arroganter Sack! Was glaubte er eigentlich, wer er war?

Ich drückte die Wiederwahltaste.

"Sind Sie immer so unhöflich?", frage ich als er abnahm.

"Nein, nur zu PR-Leuten. Und zu Leuten, die behaupten, mein Sodbrennen behandeln zu können. Und zu Zeitverschwendern. Ihr seid alle austauschbar."

"Und Sie haben auch gar keine Lust, das mal in Frage zu stellen, oder? Sie wissen doch gar nicht, wer hinter der Aktion steckt."

"Nein. Und es ist mir auch völlig wurscht, selbst wenn es der dänische Kronprinz persönlich ist."

Wenn jemand derartig unhöflich ist, kann das sehr befreiend sein, denn man kann dann ebenso unhöflich antworten.

"Sind Sie immer so engstirnig?"

"Wie kann ich engstirnig sein? Ich bin Journalist."

"Auf mich wirken Sie aber so."

"Warum? Weil ich keine aufgeblasenen PR-Artikel oder Werbetexte schreibe?"

"Ich habe Sie nicht darum gebeten, einen aufgeblasenen PR-Artikel zu schreiben. Ich biete Ihnen die Möglichkeit, mehr über die dänische Lebensweise herauszufinden und was wir davon lernen können."

"Was zufälligerweise heißen würde, über die Produkte Ihres Kunden zu schreiben."

"Ja, das wäre nicht ungewöhnlich, aber hier ist es anders."

"Wenn ich ein Pfund für jeden PR-Typen bekommen würde, der mir das erzählt …"

"Entschuldigen Sie mal, ich bin kein PR-Typ. Ich heiße Kate, und ich mache meinen Job, genau wie Sie. Und wenn Sie mir die Gelegenheit geben würde, Ihnen die Sache zu erklären, anstatt mich die ganze Zeit anzublaffen wie ein tollwütiger Hund, dann würden Sie mitkriegen, dass mein Kunde hier ein Konzept promoten möchten und weniger ein Kaufhaus."

"Tollwütiger Hund?" Ich hörte ein unterdrücktes Lachen. "Das hat man noch nie zu mir gesagt. Eine Menge anderer Sachen, aber definitiv nicht tollwütiger Hund."

"Wenn Sie immer so direkt sind, wundert mich das eigentlich. Vielleicht sollte ich Ihnen lieber eine Woche Benimmschule anbieten." So langsam fand ich Gefallen an der Sache.

"Ach, gibt es sowas noch? Das wäre wirklich mal eine Idee für ein Feature …"

"Googlen Sie das gerade?", fragte ich, weil ich seine Tasten klappern hörte.

"Vielleicht. Vielleicht arbeite ich auch, wie ich es eigentlich vorhatte, bis Sie mich unterbrochen haben."

"Hören Sie, ich habe Sie angerufen, weil ich dachte, es könnte Sie interessieren."

"Aber Sie kennen mich doch gar nicht."

"Ich kenne Ihre Zeitung und die Features, über die in der Lifestyle-Rubrik sonst so berichtet wird. Das hier ist kein product placement."

"Aha, es gibt also kein Produkt?"

Ich schwieg.

"Ha! Ich wusste es."

"Es geht um ein neues Kaufhaus, aber vor allem um ein Konzept."

"Ein Konzept? Das klingt in meinen Ohren ziemlich schwammig."

Ich verzog das Gesicht. Das Wort klang wirklich dämlich. Aber wenn Lars darüber redete, ergab es alles total Sinn.

"Das Kaufhaus heißt Hjem. In ein paar Monaten wird eine Filiale in London eröffnet, aber die Eigentümer möchten eine ausgewählte Gruppe von Journalisten nach Kopenhagen einladen, um das Konzept von Hygge genauer zu erforschen."

"Hygge!? Bleiben Sie mir weg mit Kerzen und Wolldecken. Darüber ist doch schon alles geschrieben worden."

"Kann ich Ihnen wenigstens ein paar Informationen zumailen und den Reiseplan?"

"Nein."

"Sie wollen sich nicht mal eine kleine E-Mail ansehen?"

"Wissen Sie, wieviele E-Mails ich jeden Tag von PR-Leuten kriege?" Er spuckte das P aus und knurrte das R.

"Sie sind echt mies drauf, oder?"

"Ja, weil nervige Leute wie Sie mich permanent anrufen."

Ich schnaubte. "Ich glaube, eine Reise nach Dänemark könnte Ihnen gut tun. Vielleicht lernen Sie ja sogar was dabei."

Es gab eine Pause, und ich erwartete schon, dass er wieder den Hörer hinknallte. Stattdessen hörte ich leichte Belustigung in seiner Stimme, als er sagte: "Geben Sie eigentlich nie auf?"

"Nicht, wenn ich an etwas glaube." Zugegeben, ich spielte ein wenig mit der Wahrheit. Aber ich glaubte wirklich an Lars’ Vision und an das, was er erreichen wollte. Auch wenn ich ehrlich gesagt nicht davon ausging, dass eine Wolldecke und eine paar Kerzen jemals ein Problem gelöst hatten.

"Sorry, ich beiße immer noch nicht an", sagte er, "aber es war nett, mit Ihnen zu reden, Kate, oder wie immer Sie heißen. Sie haben meinen langweiligen Nachmittag aufgeheitert."

"Freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte", sagte ich leicht säuerlich und schaute auf die Uhr meines Handys. "Und diesmal haben Sie mir zwei Minuten und vier Sekunden Ihrer Zeit geschenkt. Vielleicht denken Sie noch mal über die Fünf-Sekunden-Strategie nach."

Er fing an zu lachen. "Für eine PR-Frau, Kate Sinclair, sind Sie mir richtig ans Herz gewachsen."

"Schade, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruht", sagte ich so liebenswürdig wie möglich und legte auf.

Ich strich ihn von der Liste und beschloss, es bei Sophie Bennings von CityZen zu versuchen. Sie war eine Freundin von Connie aus Unizeiten, die ich ein paarmal getroffen hatte. Ich mochte sie sehr.

"Hi, Sophie, hier ist Kate Sinclair. Ich suche nach Journalisten, die Lust auf eine Pressereise nach Kopenhagen haben und – "

"Oooooh, nimm mich, nimm mich!"

"Ok, super."

Schweigen.

"Wirklich? Du lädst mich ein?"

"Ja. Eine Woche im wunderschönen Kopenhagen."

"Eine ganze Woche?" Sophie gab ein büroverträgliches Quieken von sich, bevor sie sagte: "Hmmm, lass mich noch mal darüber nachdenken … für etwa eine Nano-Sekunde. Iiiiik." Noch ein unterdrücktes Quieken. Dann platzte es aus ihr heraus: "Ja! Ja! Ich bin dabei! Wie herrlich, das wird ja so toll!"

"Ich hab dir doch noch nicht mal die Reisebeschreibung geschickt ", lachte ich. "Wenn es nun eine Reise zu den lokalen Kohleminen, Stahlwerken und Plastikfabriken ist?"

"Wen interessiert das? Es gibt Essen. Das ist alles, was ich brauche. Oh, wie aufregend!"

"Ich maile dir gleich die Einzelheiten."

"Kann es gar nicht abwarten. Ich bin noch nie in Skandinavien gewesen. Oh, ich muss unbedingt einen von diesen wattierten Wintermänteln kaufen, den alle tragen. Mit weißem Fellkragen an der Mütze. Und Skihandschuhe."

"Ähm, Sophie, die Reise findet Ende April statt, da wird es sicher etwas wärmer sein. Ich glaube, du kannst Barbies Nordpol-Forscherinnen-Outfit im Schrank lassen. Und wo wir gerade davon reden, ich muss jetzt los und mir ein Kleid von Connie aus dem Schrank mopsen."

"Wie geht’s ihr denn? Und was hast du vor?"

"Ihr geht’s gut. Steckt wie immer knietief in Klassenarbeiten. Und ich bin auf dem Weg zu den National Newspaper Circulations Awards."

"Ah, kenn ich. Furchtbar, mal abgesehen von den kostenlosen Drinks. Wo findet die Feier diesmal statt?"

"Im Grosvenor House, und es gibt auch was zu essen."

"Verstehe."

"Aber nur, weil meine Firma den Preis sponsert. Und leider ist auch mein Ex dabei."

"Oh, das ist Pech."

"Ja, Connie hat mir bereits angeboten, mich mit einem ihrer Lehrerkollegen zu verkuppeln."

"Wie nett von ihr."

"Nun ja … Er heißt Crispin", sagte ich leicht angewidert.

"Und ist das ein Problem?"

"Ich weiß nicht, ob ich jemanden mit Namen Crispin besonders ernst nehmen kann. Das klingt wie der Name eines Ponys."

Sophie kicherte. "Du kannst doch nicht jemanden nur wegen seines Namens ablehnen."

"Stimmt, auch wenn ich heute mit einem Benedict gesprochen habe und gedacht hätte, ein Benedict müsste ein echt heißer Typ sein."

"Doch nicht Cumberbatch?"

"Nein, der hier war kein bisschen nett. Aber glücklicherweise will er nicht mit auf die Reise, also muss ich mir darüber keine Gedanken machen."

 

***

 

Als ich mit dem Taxi vor dem Hotel vorfuhr, wo die Preisverleihung stattfinden sollte, und mir der Zylinder-behütete Portier die Wagentür öffnete, fühlte ich mich in meinem geborgten Kleid wie eine Hochstaplerin. Es war eines der schicksten Hotels in London und ein Riesenunterschied zu der Absteige in Hemel, wo ich in den Semesterferien als Zimmermädchen gejobbt hatte. Männer in Smoking und Frauen in eleganten Kleidern strömten zum Eingang vor dem Ballsaal.

Connie hatte mir Smokey Eyes geschminkt und viel mehr Eyeliner und Lidschatten benutzt, als ich je gewagt hätte. Und ihr blaues Kleid war einfach großartig. Nur sie konnte ein Brautjungfernkleid von Vera Wang in einem Secondhandshop aufstöbern. Es war vollkommen schlicht, abgesehen von dem tiefen Rückenausschnitt, der sich in sündhaften Falten bis knapp unter die Taille zog. Lächelnd ließ ich meine Finger über den seidigen Stoff gleiten, während ich aus dem Taxi stieg.

Als ich die Stufen hinaufstieg, Connies silberne, perlenbestickte Clutch in der Hand, drehten sich ein paar Köpfe nach mir um, was mir ein gutes Gefühl verlieh.

Glücklicherweise hatten sich einige meiner Kollegen bereits in einer Ecke der Bar um einen Tisch gruppiert, auf dem ein Champagnerkühler und etliche Gläser standen. Als ich mich näherte, sah ich als erstes Josh, der in seinem Abendanzug sehr gut aussah und mich kurz daran erinnerte, was ich mal in ihm gesehen hatte.

Er musterte mich und lächelte, und ich sah einen Funken Interesse in seinen Augen. "Wow, du siehst – "

"Danke", sagte ich schnell. "Hast du Megan gesehen? Ist sie schon hier?"

"Ja." Er sah mich reumütig an. "Du hast mir nicht vergeben, oder?"

"Es gibt nichts zu vergeben." Ich lächelte und wandte mich ab, um den Zettel mit der Tischordnung zu betrachten, der rechts neben ihm lag.

Er nahm meinen Arm. "Kate, sei nicht sturköpfig. Wir können doch immer noch Freunde sein."

Ich schüttelte ihn ab. "Ich glaube nicht. Der Job ist in meinem Leben gerade das Wichtigste, und ich werde nicht zulassen, dass du oder sonst irgendwer mir noch mal in die Quere kommt."

Ich erspähte Megan zusammen mit ein paar anderen Kollegen und drängte mich durch die Menge zu ihr durch.

"Kate, hallo! Wo ist dein Glas?" Sie wartet die Antwort nicht ab. "Das hier ist Andrew." Sie stellte mir den kleinen, kahlköpfigen Mann an ihrer Seite vor. Und noch bevor ich hallo sagen konnte, drückte sie mir ein volles Glas Champagner in die Hand. "Er sitzt bei uns am Tisch."

Was bedeutete: Sei nett, denn er ist einer der Agenturgäste, für die die Firma eine Menge Geld bezahlt hat.

"Er arbeitet für den Inquirer", sagte sie etwas zu enthusiastisch.

Andrew wandte sich um und hielt mir eine kleine, schwitzige Pfote hin. "Freut mich, Sie kennenzulernen", sagte er mit affektierter Stimme. "Andrew Dawkins. Sales Manager. The Sunday Inquirer. Und Sie sind …?"

"Kate Sinclair. Ich arbeite mit Megan bei der Machin Agency."

"Noch eine PR-Frau?!" Er schrie es beinahe, und sein Mund verzog sich zu einem subtilen ‹Na, dann nützt du mir ja überhaupt nichts›, aber er trug seine Enttäuschung mit Fassung und vollendeten Manieren. "Und wie lange arbeiten Sie da schon?"

"Fünf Jahre."

"Dann ist es Zeit zu wechseln", riet mir Andrew und hob sein Glas. "Immer in Bewegung bleiben, das ist mein Motto. Niemals irgendwo länger bleiben als zwei Jahre." Dann prustete er: "So bin ich Sales Manager geworden. Es geht immer nur ums Networking, wissen Sie. Dass man die richtigen Leute kennenlernt. Ich könnte Sie ein paar Leuten vorstellen, Kate. Agenturbossen." Er hakte sich auf derart plumpe Weise bei mir ein, dass es nicht ganz eindeutig war, ob er dabei wirklich unabsichtlich meine Brust streifte.

Ich nahm einen tiefen Schluck Champagner und entzog mich seinem Arm. "Sie arbeiten beim Inquirer", fragte ich, "dann kennen Sie ja bestimmt Benedict Johnson?"

Er legte seine glänzende Stirn abschätzig in Falten. "Ich meinte, vernünftige Kontakte, keine Schreiberlinge. Ich könnte Ihrer Karriere einen ernsthaften Schub verpassen!" Er deutete mit seinem Glas auf eine Reihe von Männern, die er wie nacheinander abhakte wie Zahlenreihen: "Geschäftsführer der Magna Gruppe, Finanzvorstand von Workwell Industries. Sagen Sie mir einfach, wen Sie treffen wollen."

"Mir geht’s gut, danke."

"Warum wollen Sie dann Johnson treffen?"

"Ich will ihn nicht treffen. Ich war nur neugierig."

"Sie stehen also auf ihn, ja?"

"Äh. Nein." Ich schenkte ihm den abfälligen Blick, den er verdiente. "Ich habe ihn noch nie getroffen." Ich runzelte die Stirn, als ich an unser Gespräch dachte. "Ich habe mich vorhin mit ihm am Telefon gestritten. Er ist PR-Leuten gegenüber ziemlich feindselig."

"Das liegt daran, dass er sich für einen ernsthaften Journalisten hält. Oder zumindest tat er das mal." Andrew grinste hinterhältig. "Meint, er wäre zu gut für die Rubrik Lifestyle." Seine Augen glitzerten boshaft.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht

"Ich, ähm …" Benedict Johnson tat mir schon beinahe leid.

Andrew lächelte. "Wie sind die Helden gefallen! Diese Journalisten halten sich doch alle für ein Geschenk Gottes. Also, was wollen Sie von ihm?"

"Ich habe ihn auf eine Pressereise eingeladen. Aber er hat kein Interesse."

"Ich würde mit Ihnen mitfahren."

"Das ist sehr freundlich, aber ich fürchte, unser Kunde würde mir das nicht abnehmen."

"Wer ist der Kunde?"

"Ein dänisches Kaufhaus, das eine neue Dependance in London aufmacht. Wir nehmen eine kleine Gruppe Journalisten mit nach Kopenhagen."

"Nettes Angebot. Und Johnson hat abgelehnt?"

Ich zuckte die Achseln. "Bestimmt hat er seine Gründe." Vielleicht mochte ich Benedict Johnson nicht, aber Andrew Dawkins mochte ich noch viel weniger.

Andrew versank in Gedanken, und seine schmalen grauen Augen wurden noch schmaler. "Eine Menge potentieller Anzeigenkunden könnten sich dafür interessieren. Ich schau mal, was ich machen kann."

Für einen winzigen Moment rang ich mit meinem Gewissen – aber ich sagte nicht Das wäre nett, und auch nicht Machen Sie sich nicht die Mühe, ich habe schon jemand anderen eingeladen. Immerhin ging es hier um meine Karriere.

Ein sehr formeller Zeremonienmeister in rotgesäumter Uniform verkündete den Beginn der Veranstaltung. Und es schien, als würde es für mich kein Entkommen mehr geben. Ich saß auf einmal neben Andrew und seinen wandernden Händen und hatte keine andere Wahl als mich am Champagner festzuhalten und mich gleichzeitig mit einer Gabel zu bewaffnen.

Die Preisverleihung, so undankbar das klingen mochte, unterschied sich kein bisschen von anderen Preisverleihungen, an denen ich mitgearbeitet hatte. Dieselbe Musik. Dieselbe glatte Moderation eines bekannten Stand-up Comedian und dazu eine Menge furchtbar langweiliger und dankbarer Männer mittleren Alters, die ihre gravierten Glastrophäen abholten. Es gab reichlich Wein, und das Essen war nicht schlecht, wenn man bedachte, wie viele Personen bedient werden mussten. Eine Armee aus gut gedrillten Kellnern reihte sich an der Wand auf und servierte den ersten Gang, während Andrews Fuß meine Wade ein paarmal zu oft streifte.

Während der Hauptgang abgeräumt wurde, war meine Geduld dann am Ende. Und als seine Hand erneut über meinen Oberschenkel fuhr, rammte ich ihm meine Gabel rein.

"Arrgh!"

"Oh, tut mir leid! Ich dachte, es wäre eine Spinne, die mir übers Bein kriecht. Sie müssen wissen, ich habe eine Spinnenphobie."

Andrew lächelte verkrampft und rieb sich die Hand vor seiner Brust.

"Ich muss mal verschwinden", entschuldigte ich mich bei Andrew, lächelte ihn kühl an und floh vom Tisch. Mein Glas Champagner nahm ich mit.

Ich stieg die Treppen hinauf und ging zu einem ruhigen Platz, von dem aus ich einen Blick über den eindrucksvollen Großen Saal mit den weißen Tischreihen werfen konnte, die so perfekt eingedeckt und mit Blumen geschmückt worden waren. Ich nahm einen Schluck Champagner, stellte jedoch mit Bedauern fest, dass mein Glas fast leer war. In stillem Toast hob ich es den riesigen Kerzenleuchtern entgegen, die glitzerten wie extravagante Diamanten.

Meine Mutter wäre stolz auf mich gewesen. Ich konnte ihre Stimme in meinem Kopf hören. Mach etwas aus dir, mein Schatz. Arbeite hart. Lass es dir gut gehen. Sie hatte drei Jobs gehabt, arbeitete morgens in einem Kinderhort, mittags in der Kantine einer Schule, wo sie nachmittags außerdem putzte. Keiner dieser Jobs war besonders gut bezahlt, und das Geld bei uns war immer knapp gewesen.

Eine Hand fest um das Messinggeländer geklammert, lauschte ich dem Summen der Stimmen, sah über all die gut angezogenen Menschen und schluckte schwer. Diese Welt hier war so weit entfernt von meiner Kindheit. Meine Mutter würde sicherlich finden, dass ich etwas aus mir gemacht hatte. Ich lächelte verträumt.

"Ich würde ja einen Penny für Ihre Gedanken geben, aber ich glaube, sie sind sehr viel mehr wert." Ich hatte den Mann nicht kommen hören. Seine tiefe, rauchige Stimme mit ihrem verführerischen Unterton klang eine Spur kokett.

Ich erstarrte und wünschte, ich könnte diesen Augenblick festhalten. Wünschte mir, dass ich nicht enttäuscht werden würde, wenn ich mich umdrehte, und dass auch ich keine Enttäuschung für den Fremden sein würde.

Aber anstatt mich umzudrehen, antwortete ich: "Das sind sie vermutlich wirklich."

Kurz herrschte Schweigen, und ich schaute weiter über das Meer von Leuten unter den tulpenförmigen Kronleuchtern.

"Wussten Sie, dass jeder dieser Kronleuchter über fünfhunderttausend Kristalle trägt?"

Mir gefiel sein Eröffnungsschachzug und der leicht beschwingte Tonfall seiner Stimme, als hätte er die Herausforderung angenommen, mich derart zu beeindrucken, dass ich mich doch noch umdrehte.

"Nein." Ich lächelte in mich hinein, nahm einen winzigen Schluck Champagner und hob den Kopf, damit meine Haare noch tiefer über meinen Rücken fielen. Ich fühlte mich unnahbar, königlich und geheimnisvoll, und ich wollte das Spiel in die Länge ziehen.

"Oder dass jeder von ihnen eine Tonne wiegt und in den 1960er entworfen wurde." Er trat näher und senkte die Stimme, so dass sie beinahe nur noch ein Flüstern war.

"Wie eindrucksvoll", schnurrte ich, weil der Moment das zu fordern schien. Ich war normalerweise keine große Schnurrerin, aber dies hier war ein Cinderella-Augenblick: der glamouröse Rahmen, die völlige Anonymität und die falsche Selbstsicherheit eines teuren Kleides.

"Der Saal war mal eine Eisbahn. Königin Elisabeth hat hier Schlittschuhlaufen gelernt."

Meine Haut kribbelte wie eine stille Einladung, und beinahe unbewusst drückte ich meinen Rücken durch. "Wirklich?"

"Die dreimalige Olympiasiegerin Sonja Henje ist hier in den 30er Jahren gelaufen." Er flüsterte direkt in mein Ohr.

"Tatsächlich ..." Ich lächelte noch breiter.

"Und sie haben hier sogar internationale Eishockeyturniere abgehalten. Der Großteil der Maschinerie befindet sich immer noch unter dem Fußboden."

"Wer hätte das gedacht?"

"Und als letzter Fakt: Die Beatles haben hier mal gespielt."

Ich beugte mich über das Geländer und stellte mir den Auftritt vor.

"Und das war alles." Er sagte es wie ein Zauberer am Ende seiner Vorstellung.

Ich zögerte, unwillig, dieses Intermezzo zu unterbrechen, und wandte nur leicht den Kopf, so dass mein Kinn gerade meine Schulter berührte. Er konnte mein Profil sehen, ich ihn jedoch nicht.

"Sehr interessante Fakten waren das. Sind Sie Reiseführer? Oder Historiker?"

"Nein, ich habe mich bloß mit einem redefreudigen Barkeeper unterhalten. Apropos, kann ich Ihnen noch ein Glas Champagner holen? Ihres scheint leer zu sein."

"Auch noch aufmerksam. Ich hätte sehr gern noch eins, vielen Dank."

"Und sind Sie auch noch hier, wenn ich zurückkomme? Oder werde ich nur einen einzelnen Schuh vorfinden?"

Ich warf einen Blick auf meine schmale goldene Armbanduhr, eine nicht besonders teure Lorus, die einmal meiner Mutter gehört hatte. Plötzlich musste ich lachen. "Bis Mitternacht ist ja noch eine Weile. Also werde ich hier sein."

Die Autorin

Julie Caplins große Leidenschaften sind Reisen und gutes Essen. Als ehemalige PR-Agentin hat sie in verschiedenen Ländern Europas gelebt, darunter in Italien, Frankreich, Belgien, Spanien, der Schweiz und Dänemark. Besonders die dänische Hygge-Lebensart hat sie begeistert – genauso wie die köstlichen Kanelsnegle (Zimtschnecken). In Kopenhagen entstand die Idee zu diesem Roman. Er ist der Auftakt zu einer Reihe, die in einer Bäckerei in Brooklyn und einer Patisserie in Paris fortgesetzt wird.

Cover: "Das kleine Café in Kopenhagen" von Julie Caplin

Buchtipp

"Das kleine Café in Kopenhagen" von Julie Caplin erscheint am 18. Dezember 2018 für 9,99 Euro bei Rowohlt und wird ebenfalls als E-Book erhältlich sein.


© Illustrationen: Till Wellm; Fotos: PR

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© Autorenbild: privat


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