Das Seehospital

In "Das Seehospital" von Helga Glaesener kehrt eine junge Medizinstudentin nach dem Tod ihres Großvaters auf ihre Heimatinsel Amrum zurück. Lesen Sie einen Auszug aus dem Roman, der die 1920er wieder auferstehen lässt, und gewinnen Sie ein Buchpaket.

Illustration von Claudia Meitert und Buchcover: Das Seehospital

 

Neuer Lesestoff für den März

Wir schreiben das Jahr 1920, und Frida ist eine der wenigen Frauen, die in Hamburg  Medizin studieren. Als ihr Großvater auf Amrum stirbt, kehrt sie zurück auf ihre Heimatinsel – nicht ahnend, dass dieser  Besuch ihr Leben verändern wird. In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe zu dem Roman "Das Seehospital" der Autorin Helga Glaesener können Sie die starke, junge Frau kennenlernen. Wetten, Sie möchten ihr nach Amrum folgen?

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Frida

Frida strich über das Telegramm, das vor ihr auf dem schmalen Holzpult lag. Ihre Hände zitterten leicht. Das Stimmengewirr ihrer Mitstudenten – fast ausschließlich Männer, angehende Ärzte in Hemd und Weste, mit Nickelbrillen und tintenbefleckten Fingern – erfüllte die Luft. Gelächter, Besserwisserei, kleinlaute Fragen der Faulpelze und Fetzen verwegener Flirts mit den wenigen Studentinnen drangen an ihr Ohr. An gewöhnlichen Tagen liebte sie diese Atmosphäre, sie gab ihr das Gefühl, lebendig und in ihrem Element zu sein. Aber heute fühlte sich jeder Laut wie ein Peitschenhieb an. Die blau und orange bemalte Stuckdecke senkte sich herab, als wollte sie sie erdrücken.

Frida legte die Hände flach auf das Papier. Durch ihren Kopf zogen längst vergangene Szenen: Tabakrauch in Großvaters Stube, seine krächzende Stimme, die aus dem eisgrauen Bart drang, Schenkelklopfen, scharfgezischte Vorwürfe, verlegene Umarmungen ... Die Bilder waren da, aber Gefühle dazu wollten sich einfach nicht einstellen.

Dabei war es doch Großpapa gewesen, der sie zu dem Menschen geformt hatte, der sie heute war. Er hatte sie seit ihrer Kindheit ermutigt, Dinge auszuprobieren, ihr später gegen den Willen der Mutter zugeredet, sich in Hamburg zur Krankenschwester ausbilden zu lassen, und sogar die Kosten dafür getragen. Ohne ihn säße sie jetzt immer noch auf Amrum, womöglich gefangen in einer dumpfen Ehe. Sie war ihm also von Herzen dankbar. Warum war ihr trotzdem so leer zumute? Frida meinte die Stimme ihrer Mutter zu hören: Zu viel Verstand, zu wenig Gemüt, das ist deine Schwäche, Kind.

"Was steht denn drin?" Annemie, ihre Kommilitonin, stieß mit dem Fuß gegen ihr Bein. Sie hatte ihr das Telegramm aus dem Erikahaus mitgebracht, dem Wohnheim der Krankenschwestern, wo es am Vormittag abgegeben worden war. Frida suchte nach Worten, kam aber nicht zum Antworten, weil Professor Schneider ans Pult trat und sein Manuskript zurechtrückte.

"Nun sag schon", zischte Annemie. "Von …"

"Könnte man die beiden Damen in der fünften Reihe überreden, ihr Schwätzchen nach der Vorlesung weiterzuführen?", fiel Schneider ihr ins Wort. Er hielt nichts von Frauen an Universitäten und ließ es die Studentinnen bei jeder Gelegenheit spüren.

Frida wartete ab, bis er aus seiner Kladde vorzutragen begann. Dann senkte sie unauffällig den Blick auf das braune Papier und überflog noch einmal die wenigen Worte. Aufgegeben: Telegrafenstation Wittdün auf Amrum. Datum: 6. April 1920. Adressat Frida Kirschbaum. Inhalt: Großvater ist tot.

Unvermittelt stieg Zorn in ihr auf. Wie hatte Mutter nur ein so herzloses Telegramm aufgeben können? Es hätte heißen müssen: Dein geliebter Großpapa ist heute Nacht verschieden. Komm bitte zu uns nach Hause. In Liebe, deine Mutter. Hatte sie sich aus Geiz so kurz gefasst? Oder drückte sie mit den dürren Worten ihre tiefsitzende Abneigung gegen Großpapa aus?

"Es wäre erfreulich, wenn Sie sich endlich den Folgen langanhaltender Hypertonie zuwenden könnten, junge Frau!"

Vierzig Studenten und acht Studentinnen bevölkerten den kleinen Hörsaal der medizinischen Fakultät. Alle starrten Frida jetzt an. Vor allem die Frauen in ihren adretten Blusen blickten vorwurfsvoll. Sie kämpften täglich mit dem Vorurteil, für den Arztberuf zu empfindlich zu sein, in dramatischen Situationen zu unentschlossen und natürlich auch zu dumm. Entsprechend hassten sie es, wenn eine von ihnen bei einem Fauxpas ertappt wurde.

Frida blickte verkrampft auf den Professor, der seinen Vortrag wieder aufgenommen hatte und nun storchenhaft vor den Bankreihen auf und ab stolzierte. " … muss man wissen, dass Hypertonie häufig durch eine Verengung der Nierenarterie verursacht …"

Ihre Hand lag auf dem Telegramm, das Papier fühlte sich an wie ein heißes Blech, und endlich gestand sie sich ein, warum sie kaum Trauer verspüren konnte. Sie hatte Großpapa immer noch nicht den Spott vergeben, den sie über sich hatte ergehen lassen müssen, als sie ihm offenbarte, dass sie Medizin studieren wolle. Flausen, Weiber werden hysterisch, wenn es knifflig wird, sie sind nicht hart genug, der Mensch muss seinen Platz kennen … Als sie sich trotzdem einschrieb, drehte er ihr kalt den Geldhahn zu. Du kommst schon noch zurückgekrochen. War sie aber nicht, und bei ihren anschließenden Besuchen auf der Insel hatte Großpapa sie kühl behandelt.

"… hören wir zu diesem Thema unseren ausländischen Gast, Herrn Dr. Tylor."

Die Stille, die Schneiders Worten folgte, ließ Frida aufschrecken. Verstohlen beobachtete sie den korrekt gekleideten Mann, der neben den Bankreihen die Treppe hinabstieg. James Tylor arbeitete erst seit wenigen Monaten in der Eppendorfer Klinik. Ein Engländer, guter Internist, hieß es, aber langweilig. Frida war ihm einige Male zwischen den Krankenhauspavillons begegnet.

Tylor hatte das Pult erreicht – ohne Kladde, fiel ihr auf. Er war noch jung, sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, mit beginnenden Geheimratsecken und einem klugen, aber verschlossenen Gesicht. Frida wusste, dass Schneider ihn hasste. Der Professor hatte im Krieg vier Söhne verloren. Der Engländer war für ihn der Mörder seiner Kinder, und er hatte sich lange gegen dessen Anstellung an der Eppendorfer Klinik gesträubt. Angeblich hatte er sogar gedroht, die Klinik im Fall des Falles zu verlassen, diese Drohung dann aber doch nicht wahr gemacht. Seine verächtlich herabgezogenen Mundwinkel zeigten, wie sehr er hoffte, sein Kollege würde sich blamieren.

Doch Tylor dozierte kenntnisreich über die Ursachen der Hypertonie. "… renovaskulär durch eine Verengung der Nierenarterie, parenchymal durch eine Nierenkrankheit …"

Frida verlor sich erneut in Grübeleien. Warum hatte ihr niemand geschrieben, dass Großpapa leidend war? Oder war sein Tod überraschend gekommen? Ihre Schreckstarre löste sich in Vorwürfen auf. Sie hätte über Weihnachten nach Hause auf die Insel fahren sollen. Vielleicht hätte sie Symptome entdeckt und ihm helfen können, vielleicht würde er noch leben, wenn sie sich nicht hätte überreden lassen, während der Weihnachtsfeiertage Dienst zu tun. Nun kamen sie doch, die Tränen. Verstohlen wischte sie sie mit der Spitze des kleinen Fingers aus dem Augenwinkel. Sie merkte, dass Tylor sie beobachtete, und senkte den Kopf. Sie war stark, niemand sollte sie weinen sehen.

Plötzlich kam ihr ein weiterer entsetzlicher Gedanke: Sie musste natürlich zur Beerdigung heim nach Amrum fahren. Und das hieß, dass sie wenigstens eine Woche bei der Arbeit und den Vorlesungen fehlen würde. Aber das konnte sie sich auf keinen Fall leisten.

Ihr wurde kalt und ein bisschen übel.

***

"Du dramatisierst", meinte Annemie, als sie nach der Vorlesung an einem schäbigen Warenhaus und einem Zeitungsstand vorbei zur Haltestelle der Elektrischen am Mittelweg eilten. "Du hast doch … Oh, da kommt sie schon, Mist …" Ein offener, kaum gesicherter Gulli versperrte den Weg. Sie mussten ihn umkreisen und rennen, um die gelb-grüne Tram noch zu erwischen, die gerade mit Gebimmel um die Ecke bog. Atemlos, die Hände an den Hüten, quetschten sie sich auf die letzten freien Plätze in der dritten Klasse. Ihnen gegenüber saß eine abgemagerte Frau, an die sich auf jeder Seite ein kleines Mädchen schmiegte, beide so dürr wie die Mutter. Der Krieg war vorüber, aber der Hunger geblieben und vielleicht sogar noch schlimmer geworden. "Bauern retten im Moment mehr Leben als Ärzte", hatte einer ihrer Professoren letztens gemeint.

Annemie klammerte sich an der Haltestange fest und beugte sich zu Fridas Ohr. "Jeder fährt nach Hause, wenn der Großvater stirbt, das gehört sich so. Natürlich kriegst du dafür frei!", zischte sie.

Sie hatte gut reden. Annemie bekam das Studium von ihren unfassbar großzügigen Eltern bezahlt, für Frida war die Situation brenzliger. Als Großpapa sich geweigert hatte, sie weiter finanziell zu unterstützen, hatte sie die Oberin der Eppendorfer Klinik gefragt, ob sie ein bisschen Geld verdienen könne, indem sie den unbeliebten Wochenenddienst in den Krankenpavillons übernahm. Schwester Dietrich, die sie schätzte, hatte zugestimmt und sich bei der Universitätsleitung für sie eingesetzt, und als man dort ablehnend blieb, hatte sie sogar die Krankenhausverwaltung aufgesucht. Am Ende hatte man sich darauf geeinigt, dass Frida am Wochenende und in zwei Nächten Dienst tun würde und dafür weiterhin im Erikahaus wohnen und essen dürfe. In ihrer freien Zeit könne sie dann das Studium absolvieren. Wenn sie nun aber mindestens eine Woche ausfiel … Gerade jetzt, wo sich einige der Schwestern mit der Grippe angesteckt hatten …

"Rede mit Dr. Kröppke", schlug Annemie vor, als hätte sie ihre Gedanken mitgelesen. "Der ist in dich verschossen und hat ausreichend Charme, um die Oberin zu bequatschen."

"Das ist doch Unfug!" Frida versuchte entrüstet zu klingen, musste aber gleichzeitig lächeln. Daniel Kröppke war vor einem Jahr aus Afrika an die Klinik gekommen. Vielleicht war es der Aufenthalt in der Fremde gewesen, der seinen Blick und sein Herz weit gemacht hatte. Er war ein umgänglicher Mensch, der mit den Patienten und Schwestern genauso unbeschwert scherzte wie mit seinen Kollegen. Und, ja … Er trieb sich tatsächlich auffallend oft in ihrer Nähe herum. Letztens hatte er vorgeschlagen, ihr bei einem Kaffee von der Schlafkrankheit zu erzählen, die unter den Afrikanern grassierte. Sie hatte abgelehnt, das Angebot war zu überraschend gekommen. Wer auf Amrum aufgewachsen war, neigte zur Verschlossenheit, dagegen kam sie immer noch nicht an.

"Was ist Unfug? Das mit der Oberin oder das mit Kröppke?" Annemie lachte auf, als sie Fridas Gesicht sah. "Aus dir wird kein Fräulein Doktor Kirschbaum, sondern eine Frau Doktor Kröppke, darauf verwette ich mein Stethoskop." Unter der Hutkrempe zwinkerte sie Frida zu.

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"Ihr Großvater, wie bedauerlich. Mein herzliches Beileid, Fräulein Kirschbaum." Die Oberin, die als einzige der Eppendorfer Schwestern in Schwarz gekleidet war, faltete die Hände auf ihrem Schreibtisch, einem wuchtigen Möbel, dessen zerkratzte Oberfläche von langer Benutzung zeugte. Über ihrem mageren Busen hing die Kreuzkette, eine Schwesternbrosche hielt den engen Kragen zusammen, die weiße Haube thronte auf ihrem Kopf.

Und nun?

Frida blickte sich in dem nüchternen Büro um und wurde von Panik erfasst. Sie hatte erst kürzlich ihre erste Leiche seziert, einen jungen Tuberkulosetoten. Bereits vor seinem Ableben hatte sie eine Röntgenaufnahme der Lunge machen lassen und bei der Sektion festgestellt, dass sie in ihrer Beurteilung des Bildes richtig gelegen hatte: ein ausgeheilter Herd in Höhe der vierten Rippe, dazu verkalkte Lymphdrüsen, besonders an der rechten Lungenpforte ... Die Möglichkeit, in einen Menschen hineinzusehen, ohne ihn aufschneiden zu müssen, war atemberaubend. Und man staunte bereits über neue Entdeckungen. Die Medizin war so aufregend, sie lebten in einer Zeit, in der sich die Erkenntnisse überschlugen, und sie hatte das unfassbare Glück, an dieser Entwicklung teilhaben zu können. Würde ihr Traum im nächsten Moment zerplatzen?

"Wie lange werde ich auf Sie verzichten müssen?"

O lieber Gott, alles ging gut. "Ich weiß noch nicht, wann das Begräbnis stattfindet, aber nicht mehr als eine Woche, denke ich. Vielleicht zehn Tage. Höchstens." Sie versuchte, nicht allzu flehentlich zu klingen. Die Oberin lächelte. Und gab ihr den gewünschten Urlaub.

Frida fiel Annemie, die draußen im Flur auf sie gewartet hatte, um den Hals. Ihre Freundin lachte. "Kommst du mit ins Anno 1905? Da ist heute Musik, jemand singt, keine Ahnung ... Oh, `tschuldigung, du bist ja in Trauer. Oder willst du doch?"

Frida schüttelte den Kopf, und Annemie eilte mit wehendem Rock davon, die Personifizierung unbändiger Lebensfreude. Frida erklomm die breite, geschwungene Eichenholztreppe, die hinauf in die Wohnräume der Krankenschwestern führte. Das Zimmer, in dem sie lebte, war klein und nur kärglich ausgestattet, denn sie hatte keines der vorhandenen Möbelstücke durch etwas Eigenes ersetzt. Von Amrum etwas mitzunehmen wäre zu kompliziert gewesen. Rasch begann sie zu packen. Was würde sie brauchen? Lag in der Kommode ihres ehemaligen Kinderzimmers noch Unterwäsche? Hingen alte Kleider im Schrank? Oder hatte Mutter inzwischen alles fortgegeben? Damit hatte diese nämlich bei ihrem letzten Besuch gedroht. "Man sieht ja, dass es der Madame nicht mehr reicht, bescheiden bei ihrer Familie zu leben. Dann kann man auch Platz schaffen."

Frida füllte den Koffer, bis nichts mehr hineinpasste. Sie starrte auf das fleckige Leder, und plötzlich legte sich etwas Schwarzes auf ihr Gemüt wie eine düstere Vorahnung. Amrum. Ihr wurde das Herz eng, als sie an die Insel dachte.

***

Es war noch kühl, als Frida am nächsten Morgen zum Hauptbahnhof fuhr. Frierend stieg sie aus der Elektrischen. Ihre Stimmung hob sich ein wenig, als sie die gelben Windröschen und Anemonen sah, die auf dem Platz vor der Bahnhofshalle blühten wie ein Hoffnungsschimmer auf wärmere Tage. Die Markisen vor den Geschäften waren ausgefahren, die Verkäuferinnen legten Waren auf den Tischen aus.

Frida eilte durch die Wandelhalle, in der sich Männer in eleganten Mänteln, aber auch Arbeiter mit zerknautschten, schmutzigen Ballonmützen und erschöpft wirkende Frauen in züchtiger Bürokleidung in einem steten Strom Richtung Bahngleise bewegten. Im Wartesaal für die erste Klasse wurden Tische eingedeckt und Blumenvasen aufgestellt, aus der Bahnhofsküche drang der Geruch frischen Gebäcks. Frida drängte sich eine der Treppen hinab zu dem Gleis, auf dem der Zug nach Bremerhaven einlaufen sollte. Hier unten war es noch kälter, und ihr Anflug von morgendlichem Optimismus schwand. Fröstelnd schlang sie die Arme um den Oberkörper.

Ein Bahnbeamter mit Mütze und Uniform senkte gerade das Metallschild, das anzeigte, welcher Zug als nächster einfahren würde. Natürlich nicht der nach Bremerhaven. Frida unterdrückte einen Seufzer. Die Aussicht, tagelang auf Amrum aushalten zu müssen, schlug ihr auf den Magen, sie hatte heute Morgen keinen einzigen Bissen runterbekommen. Gleichzeitig schämte sie sich. Zu Hause warteten doch auch ihre jüngeren Geschwister. Und Louise, Emily und Christian hatte sie wirklich gern. Stimmte es vielleicht doch, was Mutter ihr vorwarf? Besaß sie zu wenig Gemüt? Ihr Blick blieb an einem Warnschild hängen, das darauf hinwies, dass Damen mit unverdeckten Hutnadelspitzen von der Beförderung in Zügen ausgeschlossen waren. Im Krieg waren zwanzig Millionen Menschen gestorben, und die Bahn warnte vor Hutnadeln. Was für ein Irrsinn ...

Sie zuckte zusammen, als plötzlich von der Treppe her ein lautes Rufen ertönte: "Fräulein Kirschbaum!"

Erstaunlich, wie schnell die Stimmung umschlagen konnte. Frida gab sich betont uninteressiert, als sie sich umdrehte, aber ihre Wangen füllten sich mit Glut.

"Na, das nenne ich aber unfreundlich, einfach zu verschwinden, ohne einer Menschenseele Bescheid zu geben." Daniel Kröppke eilte über den Bahnsteig und packte ungestüm ihre Hände. Der offene Mantel flatterte um seine Beine, die Schirmmütze hing ihm schief auf dem Kopf. Er tat, als merke er nicht, wie sehr er sie überrumpelte.

"Keiner Menschenseele außer der Schwester Oberin und den Herren von der Verwaltung und der Armee der Erikaschwestern …", antwortete Frida lächelnd.

"Aber nicht dem armen Wurm, dem es das Herz brechen könnte."

Die Glut in ihrem Gesicht wurde intensiver. Das war ziemlich deutlich. Kröppke hob ihre Hand und hauchte altmodisch einen Kuss darauf. "Kommen Sie auf einen Kaffee mit in den Wartesaal? Ich muss Ihnen etwas erzählen, Frida, unbedingt und auf der Stelle. Bitte! Es ist lebenswichtig."

"Dr. Kröppke, mein Großvater …"

"… ist verstorben, verzeihen Sie, ich weiß. Erlauben Sie mir, Ihnen mein Beileid auszusprechen." Seine Stimme klang gehetzt und flehentlich zugleich. "Ich würde Sie auch nicht bedrängen, wenn es warten könnte, halten Sie mich nicht für pietätlos. Aber es gibt Momente, in denen sich das Leben entscheidet. Weichenstellungen …", sagte er mit einem bedeutungsschwangeren Blick auf die Gleise. Er wollte sie mit sich ziehen, doch sie widersetzte sich.

Das Metallschild, das die eingehenden Züge anzeigte, war umgeschlagen worden: Bremerhaven stand dort nun. Gleichzeitig ertönte das Pfeifen einer Lokomotive, und schon rollte der Zug heran. Sein Zischen und Stampfen füllte die Bahnhofshalle. Das Licht, das durch das rußverschmierte Fenster über den Gleisen fiel, ließ die schwarzen Waggons glänzen.

"Ich flehe Sie an ..."

Frida drehte sich wieder zu Kröppke um. Sie wusste nicht, was genau er von ihr wollte, aber plötzlich erfüllte sie helle Verzweiflung. Weichenstellungen ... Sie mochte ihn gern, sehr sogar. Er war wie … wie die fleischgewordene Zuversicht, um die sie Tag für Tag rang. Ohne dass er dick gewesen wäre, besaß er ein fülliges, rundes Gesicht mit breiter Nase und einem offenen Lächeln, das sofort Vertrauen einflößte. Frau Dr. Kröppke … Andererseits: Sie kannten einander doch gar nicht. Frida schaffte es auf die Schnelle nicht, ihre Gefühle zu entschlüsseln. "Dr. Kröppke …"

"Sagen Sie bitte Daniel zu mir. Ich werde noch einmal nach Malawi gehen, Frida. Das ist es. Ich habe heute Morgen die Bewilligung vom Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten im Briefkasten gefunden. Ich darf meine Untersuchungen fortsetzen, die ich in Afrika begonnen habe. Sie wissen schon – zur Schlafkrankheit. Das Institut finanziert einen Anschlussaufenthalt. Kommen Sie mit. Bitte! Helfen Sie mir. Ich werde eine tüchtige Krankenschwester brauchen. Jemanden, der mehr fertigbringt, als Verbände zu wechseln, der auch nach der Arbeit …"

Der Zug war neben ihnen quietschend zum Stillstand gekommen. Türen öffneten sich. Frida musste einen Schritt beiseitetreten, um den Schaffner herauszulassen. "Dr. Kröppke … Daniel, mein Großvater …"

"Er würde es verstehen." Kröppke beugte sich vor und küsste sie mutig auf die Stirn. "Mehr noch – er würde es begrüßen, wenn er wüsste, welche Gelegenheit sich Ihnen bietet."

Nein, das würde er nicht. Großpapa hatte gewollt, dass sie nach der Schwesternausbildung nach Amrum zurückkehrte und in dem kleinen Seehospital aushalf, das er zum Gedächtnis an Fridas verstorbenen Vater gegründet hatte und in dem Kinder aus einem Hamburger Waisenhaus an der Seeluft genesen sollten. Aber da war noch etwas: Wenn sie mit Kröppke nach … wie hieß das? Malawi? … ginge, müsste sie ihr Studium aufgeben. Hätte sie damit nicht alles verraten, wofür sie so hart gekämpft hatte? Eiskalte Gedanken ohne Gemüt, würde ihre Mutter monieren. Doch das Studium war ihr so wichtig. Frida sah das Feuer in Kröppkes Augen. Er liebte sie und sie ihn vielleicht auch. Außerdem würde sie an seiner Seite an einer Art von Forschung teilhaben, die ihr vermutlich nie wieder angeboten würde …

"Einsteigen oder draußen bleiben?", blaffte der Schaffner.

Zögernd löste sie ihre Hände und erklomm mit ihrem Koffer die Stufen zum Waggon. Als sie sich in der Tür noch einmal umdrehte, sah sie die Enttäuschung in Kröppkes Gesicht. Er winkte kurz und ging dann mit hochgezogenen Schultern zur Treppe.

Sie hatte einen Fehler gemacht. Beim Ruckeln, mit dem der Zug sich in Bewegung setzte, wurde ihr das klar. Es ging ihr wie ein Stich ins Herz. Niedergeschlagen suchte sie sich einen Platz auf einer der harten Sitzbänke in der dritten Klasse und starrte durch die staubige Scheibe auf die vorüberziehenden Hamburger Häuser und dann auf die karge norddeutsche Landschaft.

Kurz vor dem Bremerhavener Bahnhof entdeckte sie in ihrer Manteltasche ein Foto. Sie zog es heraus. Daniel Kröppke war darauf abgebildet, in seltsam anmutenden kurzen Hosen und einem weißen, vorn geöffneten Kittel. Er musste es ihr heimlich hineingesteckt haben, wie auch immer er das geschafft hatte.

Auf ihr Gesicht stahl sich ein Lächeln.

Die Autorin

Helga Glaesener kommt aus Niedersachsen und studierte in Hannover erst mal Mathematik und Informatik. Mit dem Schreiben begann sie erst 1990, als sie mit ihrem Mann und den fünf Kindern nach Aurich in Ostfriesland zog. Ihr erster Roman "Die Safranhändlerin" wurde gleich ein Bestseller! Seitdem hat sie viele weitere Bücher geschrieben, die sich alle gut verkauften, darunter auch mehrere Krimis. In dem historischen Roman "Das Seehospital" nimmt die Autorin den Leser mit auf die Nordseeinsel Amrum.

Cover: Das Seehospital

Buchtipp

"Das Seehospital" von Helga Glaesener erscheint am 19. Februar 2019 für 10 Euro bei Rowohlt und wird ebenfalls als E-Book erhältlich sein.

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Einmal in Ruhe aufs Sofa zurückziehen und in die Welt der Bücher versinken ... Das funktioniert am besten, wenn die Geschichten uns schon auf den ersten Seiten mitreißen – weil sie von der großen Liebe erzählen, von Geheimnissen, Intrigen, Herausforderungen, Schicksalsschlägen und folgenschweren Entscheidungen. Der Rowohlt Verlag und LAVIVA verlosen 15 Buchpakete, in denen sich je fünf Bücher des Verlagsprogramms befinden. Je nach Tagesstimmung können Sie entscheiden, ob Ihnen gerade nach Drama, Liebes- oder Historienroman ist. Um an das Lösungswort zu kommen, brauchen Sie nur den oben stehenden Buchausschnitt zu lesen und unsere Frage zum Text beantworten.

Wir würden gerne wissen: Über welches Thema referiert Professor Schneider in seiner Vorlesung?

Die Antwort einfach bis einschließlich 12. März 2019 in unser Teilnahmeformular eintragen. Dazu einfach hier klicken und online mitmachen.


© Illustrationen: Claudia Meitert; Fotos: PR

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