Der Himmel gehört uns

Im Debütroman "Der Himmel gehört uns" von Luke Allnutt wird die Liebe eines Paares auf die härteste Probe überhaupt gestellt. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Geschichte und gewinnen Sie mit etwas Glück ein Buchpaket.

Neuer Lesestoff für den Dezember

Das nennt man Erfolg: Gleich 30 Länder kauften noch vor Erscheinen die Rechte des Debütromans "Der Himmel gehört uns" von Luke Allnutt. In der exklusiven LAVIVA- Leseprobe können Sie jetzt den zarten Anfang dieser großen Liebesgeschichte lesen. Im Laufe des Buches wird die Liebe des Paares aber auf die härteste Probe überhaupt gestellt.

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

"Du siehst nicht aus wie ein Informatiker", sagte sie.

Ein bisschen beschwipst, hatte ich an der Bar in einem Studentenpub in Cambridge angefangen, mit ihr zu reden. Wir befanden uns in diesem Fegefeuer – nach den Prüfungen und vor den Ergebnissen –, eine träge, sonnenverwöhnte Zeit, in der wir das Letzte aus unseren Studententagen herausholten.

"Weil ich keine Aktentasche und kein Herr-der-Ringe-T-Shirt trage?"

Sie lächelte, nicht grausam, sondern wissend, als sei das die Art Witz, die sie schon über sich selbst gehört hatte. Als sie sich wieder zur Bar umwandte, um zu versuchen, einen Drink zu bestellen, warf ich einen verstohlenen Blick auf sie. Sie war zierlich, mit schwarzen Haaren, die sie sich ordentlich aus dem Gesicht nach hinten gebunden hatte. Ihre Züge waren scharf, aber abgemildert durch ihre blasse Haut.

"Ich bin übrigens Rob."

"Anna", sagte sie. "Freut mich, dich kennenzulernen."

Ich lachte fast. Sie klang so förmlich, und ich war mir nicht sicher, ob sie einen Witz machte. "Und, was studierst du?", stammelte ich, während ich versuchte, mir irgendetwas einfallen zu lassen, was ich sagen könnte.

"Wirtschaft", antwortete Anna, während sie mich durch ihre Brille anblinzelte.

"Oh, cool."

"Eigentlich solltest du jetzt sagen, dass ich nicht aussehe wie eine Wirtschaftswissenschaftlerin."

Ich betrachtete ihre ordentlichen Haare, so schwarz, dass man in einen Spiegel zu blicken schien, ihre mit Büchern vollgestopfte Tasche, den Riemen, der um das Bein des Barhockers gebunden war, auf dem sie saß. Ich lächelte.

"Was denn?"

"Aber das tust du wirklich, ein bisschen", sagte ich. "In einem positiven Sinn, meine ich."

Ihre Augen funkelten, und sie öffnete den Mund, als sei ihr eben etwas eingefallen, was sie sagen wollte, etwas, was sie amüsierte, aber dann überlegte sie es sich offenbar anders.

Ich wusste, dass sie mit Lola befreundet war, deren Geburtstag wir gerade feierten. Sie sahen nicht aus wie Freundinnen. Die überdrehte, hippiemäßige Lola, die allen gern erzählte, dass sie nach dem Kinks-Song benannt war, und jederzeit bereit war, ihn zu singen, wenn sie darum gebeten wurde. Lola, die überall in der Stadt als das Mädchen bekannt war, das sich beim Sommerball nackt ausgezogen hatte.

Und dann Anna, mit ihren vernünftigen Kleidern und festen Schuhen. Ich hatte sie auf dem Campus gesehen, oft mit einem Musikinstrument auf dem Rücken. Nicht lässig über eine Schulter geschlungen, sondern sorgfältig und sicher befestigt. Sie schien immer betont entschlossen zu gehen, als hätte sie einen sehr dringenden Termin.

"Und, was wirst du mit Informatik machen?", fragte sie.

Ich war nervös, sah hinüber zu meinen Freunden an der Quizmaschine, nicht sicher, wie ich eine Frage beantworten sollte, von der ich dachte, dass sie im Allgemeinen für Leute reserviert war, die Altertumsgeschichte studierten. Anna hatte irgendetwas fast Edwardianisches an sich – ihre vornehmen Vokale und tadellosen Konsonanten. Sie sprach mit der Präzision und Haltung einer Figur in einem Enid-Blyton-Roman. Ein bisschen brav, ein bisschen artig.

"Landkarten", sagte ich.

"Landkarten?"

"Online-Landkarten."

Anna schwieg. Ihre Miene war ausdruckslos, unergründlich.

"Hast du schon mal von diesen neuen Google Maps gehört?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Das war vor einer Weile eine kurze Meldung in den Nachrichten. Ich schreibe eine Software, die damit zusammenhängt."

"Das heißt, du wirst in eine Firma einsteigen?", fragte Anna.

"Nein, ich werde meine eigene gründen."

"Oh", sagte sie, wobei sie mit einem Finger über den Rand ihres leeren Glases glitt. "Das klingt ja ehrgeizig, auch wenn ich zugegebenermaßen nicht viel von solchen Dingen verstehe."

"Kann ich mal dein Handy haben?"

"Wie bitte?"

"Ich kann dir zeigen, was ich meine …"

Anna blickte verwirrt, wühlte in ihrer Handtasche und förderte ein altes Nokia zutage.

Ich lächelte.

"Was denn?" Ihr Grinsen bildete zwei fast symmetrische Grübchen in ihren Wangen. "Es hat alles, was ich brauche."

"Das glaube ich dir gern", sagte ich. Ich ließ es mir von ihr geben, wobei meine Hand ihre Finger streifte.

"Okay … stell dir vor, in Zukunft wirst du hier ein viel größeres Display haben, vielleicht sogar einen Touchscreen, und irgendwo hier wirst du eine Karte haben. Die Leute – jeder – werden in der Lage sein, die Karte um bestimmte Dinge zu ergänzen – Restaurants, ihre Laufstrecken, was immer sie wollen. Und ich arbeite an einer Software, die dir das ermöglicht, mit der du Dinge hinzufügen, die Karte nach deinen Wünschen so gestalten kannst, wie du sie haben willst."

Anna blickte verwirrt und berührte das blaue Display ihres Nokia. "Das klingt interessant", sagte sie, "auch wenn ich irgendwie ein Technikfeind bin. Werde ich trotzdem noch SMS-Nachrichten verschicken können?"

"Ja", erwiderte ich mit einem leisen Lachen. Ihr Ton war so trocken, ihre Miene so unbewegt, dass ich nicht sagen konnte, ob sie einen Witz machte.

"Gut. Das ist ja beruhigend. Und du bist also auch mit Lola befreundet?"

"Ja, ein bisschen", sagte ich. "Ich habe sie im ersten Jahr gekannt. Sie hat auf meinem Flur gewohnt."

"Ah", sagte Anna. "Dann bist du dieser Rob."

Dieser Rob. Hatte ich irgendetwas getan, während ich betrunken war? Ich erinnerte mich, wie ich mich an einem Abend vor ein paar Trimestern mit Lola im Fez unterhalten hatte. Sie redete von ihrer Kindheit in Kensington, als wäre sie ein Fluch, ein Lepraglöckchen um ihren Hals. Ich fand sie anstrengend, ein bisschen langweilig, aber ich nahm nicht an, dass ich unhöflich gewesen war.

"Dieser Rob?", fragte ich mit einem nervösen Lächeln.

"Oh, nein, Lola hat dich nur erwähnt", sagte Anna beiläufig, während sie wieder versuchte, die Aufmerksamkeit des Barmanns zu erregen. "Sie hat gesagt, du seist irgendeine Art Computergenie, ein Wunderkind, und noch dazu aus einer Sozialbausiedlung." Sie stöhnte auf, als sie "Sozialbausiedlung" sagte, und verzog die Miene in gespielter Empörung. "Sie hat gesagt, es sei wundervoll, dass du die Chance bekommen hast hierherzukommen, so wie wir anderen alle", fuhr Anna mit einem leisen Kichern fort.

"Das ist ja so lieb von ihr", erwiderte ich lächelnd. "Der Junge hat’s echt drauf."

"Wie bitte?"

"Der Junge hat’s echt drauf."

"Was meinst du damit?"

"Ach, das ist nur so eine Fußballanspielung."

"Oh, entschuldige, ich verfolge die Sportnachrichten nicht", sagte sie, als wäre es eine Kategorie bei Trivial Pursuit.

Das Pub begann sich zu füllen, und wir wurden enger aneinandergeschoben, sodass sich unsere nackten Arme gelegentlich berührten. An einer Seite ihres Halses hatte sie ein kleines Muttermal, das wie ein Herz geformt war. Ich war für einen Moment in Gedanken verloren, während ich ihre Haut betrachtete, als sie meinen Blick auffing.

"Und woher kennst du Lola?", fragte ich, während ich den Blick rasch abwandte.

"Wir sind zusammen zur Schule gegangen", sagte Anna vage, als würde sie über irgendetwas anderes nachdenken.

"Roedean?"

"Ja."

Ich hatte mir schon gedacht, dass Anna vornehm war, aber nicht Roedean-vornehm. "Und du?", fragte ich.

"Was soll mit mir sein?" Sie klang angespannt, auf einmal abwehrend.

"Wenn wir mit dem Laden hier fertig sind, meine ich."

"Oh, verstehe. Buchhaltung", erwiderte sie, ohne innezuhalten. "Ich habe vier Jobangebote in der City, und ich werde mich bis Ende der Woche entscheiden, welches ich annehme."

"Wow, cool."

"Nicht unbedingt cool, aber das ist eben, was ich tue. Oder vielmehr, was ich tun werde." Sie lächelte matt. "Wir werden hier wohl nie einen Drink bekommen, oder?"

"Nein. Vor allem jetzt nicht." Ich wies mit einem Nicken auf eine Gruppe von Männern in Rugbyshirts. Einer von ihnen trug nur Unterwäsche und eine Schutzbrille.

"Allerdings." Anna wandte den Blick ab. Auf einmal schien sie nicht mehr interessiert, und ich konnte mir vorstellen, wie sie sich einen Weg zurück zu ihren Freundinnen bahnte und ich sie nie wiedersehen würde.

"Willst du mal mit mir ausgehen?", fragte ich.

"Ja", sagte sie so schnell, dass ich dachte, sie hätte mich nicht verstanden.

"Ich meine …"

"Entschuldige", meinte sie, "vielleicht bin ich ein bisschen verwirrt, aber ich dachte, du hättest mich um ein Date gebeten."

"Das habe ich auch. Das habe ich", sagte ich, wobei ich mich etwas näher vorbeugte, um sie über die Musik hinweg verstehen zu können.

"Sehr schön." Sie lächelte wieder, und sie roch nach Seife und frisch gewaschenen Haaren.

"Tut mir leid, es ist ein bisschen laut hier drinnen", sagte ich. "Kann ich vielleicht deine Telefonnummer oder E-Mail oder irgendwas haben?"

Anna wich einen kleinen Schritt zurück, und mir wurde bewusst, dass ich mich zu nah zu ihr vorbeugte. "Ja, aber unter einer Bedingung."

"Okay", sagte ich, während ich noch immer über ihren "Dieser Rob"-Kommentar nachdachte. "Was denn?"

"Du gibst mir mein Handy wieder."

Ich senkte den Blick, und mir wurde bewusst, dass ich ihr Nokia noch immer in der Hand hielt. "Oh, Scheiße, entschuldige."

Sie lächelte und steckte das Telefon ein. "Okay", sagte sie. "Meine E-Mail-Adresse lautet Anna Mitchell-Rose at yahoo.co.uk. Alles in einem Wort. Mitchell mit zwei L, keine Punkte oder Bindestriche."

Eine Woche später, das Kino. Während wir die Trailer sahen, konnte ich die Wärme ihres Körpers spüren, und ich wollte am liebsten einen Arm ausstrecken und sie berühren, meine Hand auf ihr nacktes Bein legen. Ich sah sie ein paarmal von der Seite an, in der Hoffnung, sie würde sich zu mir umwenden, unsere Blicke würden sich treffen, aber sie starrte einfach nur auf die Leinwand, mit gestrafftem Rücken, als würde sie in der Kirche sitzen, ihre dick gerahmte Brille auf der Nase. Sie bewegte sich nur, wenn sie geräuschlos etwas aus ihrer Tüte mit gemischten Süßigkeiten nahm. Ich hatte zugesehen, wie sie sie abzählte, als sie sie kaufte: fünf von der obersten Reihe, fünf von der untersten.

Ich war während des ganzen Films nervös, der von einem unerträglichen Herumtreiber handelte, der durch Nordamerika trampte und dann in Alaska starb. Ich konnte das Ende kaum abwarten. Anna hingegen schien er zu gefallen – danach zu urteilen, wie still sie saß, wie sie den Blick nie von der Leinwand abwandte.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht

Als der Film zu Ende war, dachte ich, sie könnte einer dieser Menschen sein, die in ehrfürchtigem Schweigen dasitzen, bis die letzte Zeile des Abspanns abgelaufen ist, aber in dem Augenblick, in dem die Leinwand schwarz wurde, stand sie auf und griff nach ihrer Jacke.

"Und, wie fandest du ihn?", fragte ich, während wir die Treppe hinunter zur Kinobar eilten.

"Ich habe ihn gehasst", antwortete Anna. "Jede einzelne Minute davon."

"Wirklich?"

"Ja, er war absolut grauenhaft."

In der kleinen Lobbybar setzten wir uns an einen Tisch neben einem antiken Klavier. "Das ist ja witzig", sagte ich. "Ich dachte, er hätte dir gefallen."

"Nein, ich habe ihn gehasst. Ich fand diesen Typen richtig unangenehm. Einfach durchs Land zu reisen, ohne seiner Familie Bescheid zu geben. Er hat sich um niemanden außer sich selbst einen Deut geschert."

Einen Moment lang stellte ich mir vor, wie ich sie mit meinen Freunden in der Sozialbausiedlung bekannt machte.

"Du fandest es nicht cool, als er seine ganzen Besitztümer aufgegeben und sein Geld verbrannt hat?", fragte ich. Es machte mir Spaß, sie aufzustacheln. Anna nahm ihre Brille ab, wischte sie mit einem kleinen Lappen ab und legte sie in ein altmodisches Etui.

"Was in aller Welt war denn daran ›cool‹?", entgegnete sie, während sich ihre Wangen röteten. Dann blinzelte sie ein bisschen, als müsste sie ihre Brille wieder aufsetzen. "Oh, du hast einen Witz gemacht", meinte sie lächelnd. "Verstehe. Aber im Ernst. Seine Familie hat hart für das gearbeitet, was er hatte, und er hat das alles aufgegeben, nur wegen … wegen irgendeiner langweiligen Teenagerphilosophie. Er war wirklich überaus selbstgefällig."

Auf einmal schien sie ein wenig verlegen, und sie verstummte, als die Bedienung uns unsere Drinks brachte.

"Hat dir denn der Film gefallen?", fragte sie, als wir wieder allein waren.

"Nein", sagte ich. "Ich habe ihn einfach nur gehasst."

Anna strahlte. "Gut. Da bin ich aber froh."

"Was war das gleich wieder, was er ständig zu den Leuten gesagt hat? ›Schafft euch jeden Tag einen neuen Horizont.‹"

"Gott, ja", sagte Anna. "Dieser salbungsvolle New-Age-Schwachsinn."

"Und weißt du, was witzig war?"

"Was denn?"

"Dass er bei dieser einen Sache, die er unbedingt tun wollte, nämlich in der Wildnis zu leben, na ja, darin war er auch nicht sehr gut, oder? Er ist gescheitert."

"Genau", sagte Anna lachend. Ihre blauen Augen blitzten in dem düsteren orangefarbenen Schimmer der Bar. "Gott, du hast recht, sogar in dem Punkt war er ein echter Versager. Wenn er wirklich auf den Rat der Leute gehört hätte, die es besser wussten, der Leute, die Erfahrung damit hatten, in der Wildnis zu leben – Wildnisexperten zum Beispiel –, dann wäre er vielleicht noch am Leben."

"Wildnisexperten?"

"Ja, genau", bestätigte sie, wobei sie mich eindringlich ansah. "Ich glaube, das ist die offizielle Bezeichnung."

Ich sah Anna an, während sie einen Schluck von ihrem Drink nahm. Sie war wirklich wunderschön, ihr Mund immer an der Schwelle zu einem Lächeln, ihre Augen funkelnd wie ein Versprechen. Sie war zu gut für mich. Sie würde nach London gehen und letztendlich mit der Art Typ zusammenkommen, der zu ihren Oberstufenbällen eingeladen war.

"Und was ist mit dir, wo wohnen deine Eltern?", fragte Anna, und mir wurde bewusst, dass ich sie anstarrte.

"Mein Dad lebt noch immer in Romford."

Anna zögerte, nahm noch einen Schluck von ihrem Drink. "Sind deine Eltern geschieden?"

"Meine Mum ist gestorben. Als ich fünfzehn war."

"Oh", sagte Anna. "Tut mir leid."

"Schon gut", erwiderte ich, "es ist ja nicht deine Schuld." Sie brauchte einen Moment, um meinen kleinen Witz zu verstehen, und ich grinste, und sie lächelte zurück, ein wenig entspannter.

Ich redete nicht gern von diesem grotesken Morgen, an dem Dad vor der Schulpforte auf mich wartete. Aus irgendeinem Grund trug er seinen besten Anzug. Er sagte nicht viel. Das musste er nicht. Mum war in der Arbeit zusammengebrochen, sagte er, ein schwerer Schlaganfall. Sie hatten immer darüber gewitzelt, dass er als Erster gehen würde.

"Und, wo bist du zu Hause?", fragte ich Anna.

"Oh, das Haupthaus ist in Suffolk, aber dort waren wir eigentlich nicht so oft, dass es sich wie ein Zuhause anfühlen würde."

"Ah, schon ein hartes Leben, mit so vielen Häusern …" Ich wusste nicht, warum ich das sagte. Es sollte eine flapsige, witzige Bemerkung sein, aber es klang einfach nur kleinlich und unfreundlich.

Anna sah mich finster an und nahm rasch einen Schluck von ihrem Drink, als müsste sie gehen. "Ehrlich gesagt, Rob, wenn du es unbedingt wissen musst, ich bin mit einem Stipendium auf die Roedean gegangen, und meine Eltern sind arm wie Kirchenmäuse."

"Entschuldige, ich wollte nicht …", stammelte ich. Sie hatte die Stirn gefurcht, und ich konnte sehen, dass es ihr schwerfiel, sich ihre Verärgerung nicht anmerken zu las-
sen.

"Und bevor du versuchst, mich an Armut zu übertreffen, Rob, meine Eltern waren Missionare, und ich habe den Großteil meiner Kindheit in kenianischen Slums verbracht, neben denen deine Sozialbausiedlung wie ein vornehmer Londoner Stadtteil aussehen würde."

Sie wandte sich von mir ab, und wir nippten beide schweigend an unseren Drinks.

"Noch mal, es tut mir leid, ich habe es nicht so gemeint. Wirklich nicht", sagte ich, in dem Wissen, dass ich es vermasselt hatte.

Anna seufzte und spielte nervös mit der Speisekarte. Dann lächelte sie und sah mich wieder an. "Entschuldige, ich habe vermutlich ein bisschen überreagiert. Du bist offensichtlich nicht der Einzige, der Komplexe hat."

An jenem Abend küssten wir uns, sobald wir meine Zimmertür hinter uns geschlossen hatten. Nach ein paar atemlosen Minuten brach Anna auf einmal ab, und ich dachte schon, sie hätte es sich anders überlegt. Aber dann begann sie sich auszuziehen, als wäre sie allein in ihrem eigenen Zimmer. Ich beobachtete sie dabei, und ich nahm nicht an, dass sie etwas dagegen hatte, dass ich sie ansah: ihre kantigen Hüftknochen, ihre hübschen kleinen Brüste, ihre blassen, zarten Arme. Als sie ganz nackt war, faltete sie ihre Kleider zusammen und legte sie in einem ordentlichen Stapel auf meinen Schreibtisch.

Seit ich ein Teenager war, war Sex für mich immer etwas Vorsichtiges gewesen. Ein allmähliches Vorantasten, eine ständige Erwartung, dass meine erkundenden Hände rasch beiseitegeschoben werden würden. Anna war alles andere als das. Sie war hungrig und hemmungslos, ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen braven und anständigen Art. Ihr Verlangen war zielstrebig – eine Eigenschaft, die ich damals, als ich Frauen noch kaum kannte, als seltsam männlich empfand. Wir blieben bis in die frühen Morgenstunden wach, verborgen hinter hastig zugezogenen Vorhängen, unsere Körper verschwitzt, bis wir schließlich einschliefen.

Ich wartete draußen auf dem Platz auf sie, ein wenig unbehaglich in meinem West-Ham-Trikot und meinen Umbro-Shorts. Ich wollte sie damit beeindrucken, dass ich sportlich war, dass ich meine Zeit nicht nur vor dem Computer verbrachte. Daher hatten wir uns zu einer Runde Squash verabredet, was Anna laut ihrer Aussage ein- oder zweimal in der Schule gespielt hatte.

Schließlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit, kam Anna auf den Platz. In ihren schlabberigen Männershorts und einer normalen Bluse sah sie aus wie ein Tennisstar aus den Zwanzigerjahren.

"Was denn?", fragte sie.

"Wie, was denn?", entgegnete ich, während ich mir das Lachen verbiss.

"Na ja, deine Kleidung entspricht auch nicht unbedingt den Regeln. Mit deinem Fußballtrikot."

"Ich habe gar nichts gesagt", protestierte ich grinsend, bevor ich den Blick von ihr abwandte.

"Okay. Wollen wir dann spielen?", schlug sie vor, während sie ihren Schläger unbeholfen mit beiden Händen umklammerte.

Wir begannen uns aufzuwärmen, schlugen den Ball langsam hin und her. Nur dass Anna den Ball eigentlich nicht schlug; sie ruderte mit den Armen durch die Luft und versuchte verzweifelt, den Ball zu treffen, selbst wenn sie den Aufschlag hatte.

"Ohne Brille kann ich das nicht so gut", sagte sie, während sie den Ball in Richtung Decke hochkatapultierte.

So machten wir eine Weile weiter, ohne dass es einem Spiel auch nur im Entferntesten ähnelte.

"Okay, ich geb’s zu. Ich habe gelogen", gestand Anna, nachdem sie den Ball wieder einmal verfehlt hatte, als sie einen Aufschlag versuchte.

"Du hast gelogen?"

"Ehrlich gesagt habe ich noch nie Squash gespielt."

"Oh", erwiderte ich, während ich mir erneut das Lachen verbiss.

"Ich habe Lola gefragt, und sie hat gesagt, es sei ganz einfach. Sie hat gesagt, das könnte jeder. Offenbar stimmt das nicht."

In dem Augenblick wünschte ich, ich hätte auf diesem Squashplatz ein Foto von ihr schießen können. Sie sah so schön aus. Ihre dunklen Flanellshorts betonten ihre blassen Beine, und ihre Grübchenwangen waren gerötet von der Anstrengung.

"Hast du es wirklich erst ein paarmal gespielt?", fragte Anna.

"Keine Ahnung, vier- oder fünfmal. In der Schule."

Anna schwieg, biss sich auf die Lippe. "Na ja, ehrlich gesagt hasse ich Sport."

"Ich dachte, du wolltest spielen?", meinte ich, während ich einen Arm um ihre kalte Schulter legte.

"Eigentlich nicht. Ich dachte, du wolltest es", erwiderte sie, während sie sanft mit dem Schläger auf ihr Bein klopfte. "Ich habe nur zugesagt, weil ich, na ja, nicht wollte, dass du mich für eine Stubenhockerin hältst."

Ich lächelte, als sie das sagte. Stubenhockerin. Es war ein typisches Anna-Wort. Nachdem wir noch fünf Minuten so getan hatten, als würden wir spielen, gaben wir schließlich auf und gingen hinaus.

In der Sonne war es glühend heiß. Wir setzten uns auf eine kleine Mauer, von der man auf ein umzäuntes Hockeyfeld blicken konnte. Kinder, hauptsächlich im Grundschulalter und ein paar ältere Teenager, liefen bei irgendeiner Art Sportveranstaltung hin und her.

Wir hatten beide entschieden, den Sommer in Cambridge zu verbringen und vom Rest unserer Studentendarlehen zu leben. Anna sagte, sie wolle die ganzen Touristenattraktionen in Cambridge besichtigen, für die sie nie Zeit gehabt hatte, da sie so hart gearbeitet hatte, um ihr Examen mit Auszeichnung zu bestehen. Daher fuhren wir Stechkahn und spazierten über einige der Collegeanlagen und verbrachten einen Nachmittag im Fitzwilliam Museum und einen Vormittag im Botanischen Garten. Einen Großteil der Zeit verbrachten wir einfach im Bett.

Im Laufe des Sommers gingen unsere Freunde nach und nach auf Reisen: mit dem Rucksack durch Australien, mit einem Wohnmobil durch Südamerika. Auch wenn ich einen Anflug von Bedauern empfand, als sie fortgingen, ein Gefühl, dass ich irgendetwas verpasste, waren Anna und ich uns beide einig, dass das Reisen nichts für uns war. Wir waren nicht nach Cambridge gegangen, nur um das alles in den Wind zu schießen und irgendwo in den Anden "uns selbst zu finden". Außerdem hatte ich meine Landkarten, über die ich nachdenken wollte, die Software, an der ich schrieb, die Firma, die ich gründen wollte.

Aber der eigentliche Grund war, dass wir nicht ohne einander sein wollten. Wir waren unzertrennlich, wie liebestolle Teenager, deren Eltern und Freunde sehen können, dass sie ein hoffnungsloser Fall sind. Jedes Mal wenn wir versuchten, auch nur eine einzige Nacht allein in unseren Zimmern zu verbringen, waren wir todunglücklich und unruhig. Binnen einer Stunde beendeten wir den Versuch meistens. Wir mochten beide eine Zeile in einem alten Blur-Song: ohnmächtig vor Liebe. Und das war es, was passiert war: Wir waren ohnmächtig vor Liebe.

Der Autor

Luke Allnutt schreibt als Journalist in Prag über Technologie und osteuropäische Politik. Dass er auch anders kann, beweist er mit seinem Debütroman "Der Himmel gehört uns", worin ein Paar mit der unheilbaren Krankheit seines Kindes leben muss – und daran zu zerbrechen droht. Luke Allnutt wuchs in Großbritannien auf – seit 1998 lebt er mit seiner Frau und den gemeinsamen Söhnen in Prag. Sein zweiter Roman ist bereits in Arbeit.

Das Buch

"Der Himmel gehört uns" von Luke Allnutt ist für 15 Euro bei Blanvalet und für 12,99 Euro als E-Book erhältlich. Die Übersetzung stammt von Veronika Dünninger.

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© Illustrationen: Stephanie Hofmann; Fotos: PR

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© Autorenbild: Roy Baron


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