Die Kinder der Anderen

Unsere Mini-Porträt-Serie über Mütter geht in die zweite Runde! Diesmal berichtet Sissi Rasche, wie man als Beleg- und Hausgeburtshebamme zwei Kinder und ein eigenes Geschäftsmodell wuppt.

Von Janine Dudenhöffer

Es gibt Berufe, die lassen sich relativ risikofrei mit dem Mama-Sein vereinen: Redakteurin, Verkäuferin, Buchhalterin,... Und dann gibt es den Beruf der Hebamme, der weder leicht vereinbar, noch risikofrei an sich ist. Wenn man es wie Sissi Rasche trotzdem schafft, zusammen mit zwei anderen Müttern ein eigenes 'Geschäfts-Baby' auf die Beine zu stellen, kann man die täglichen Anforderungen getrost mit denen im Top-Management vergleichen.

Die Schönheit und Schwierigkeit des Jobs stecken im selben Detail: Im Gegensatz zu Ärzten können Hebammen eine Geburt nämlich alleine betreuen - und haften dann auch für den Fall, dass Baby oder Mutter etwas passiert. Die Versicherungsbeiträge von Hebammen sind deshalb immens hoch (über 6.800 Euro im Jahr), der zeitliche Aufwand im Job ebenso.

Sissi Rasche war das egal. Sie ist aus purer Leidenschaft Hebamme geworden - und gehört damit mittlerweile zu einer seltenen Spezies: In Berlin gibt es nur noch wenige Beleghebammen wie sie. "Mittlerweile bewerben sich Frauen richtig bei mir - per Mail, mit Fotos und Infos zu sich", sagt die 31-jährige Zweifachmama, die genau weiß, wie wichtig das Vertrauen für eine Schwangere ist, die einer zunächst wildfremden Frau ihr Intimstes öffnet. Geburten mit Beleghebammen, so weiß die Statistik, enden weniger oft im Kaiserschnitt und verlaufen in der Regel auch schneller.

Es ward ein Kind geboren

Stress, aber auch unglaublich schöne Momente

Die Betreuung beschränkt sich jedoch nicht nur auf die durchgehende Anwesenheit während der Geburt. Neun bis zehn Besuche vor der Geburt, Rufbereitschaft ab vier Wochen vor Entbindungstermin und regelmäßige Besuche im Wochenbett - all das zieht einen organisatorischen Rattenschwanz nach sich.

Als freiberufliche Beleghebamme ist Sissi ständig auf Abruf (Babys kommen ja bekanntlich am liebsten nachts). Wenn sie wieder einmal spontan aufbrechen muss, weiß die Mutter ihre Kinder in guten Händen. Eine Kollegin unterstützt Sissi, wenn einmal zwei Babies gleichzeitig kommen oder eine Hausgeburt ansteht. Der Worst Case trat Weihnachten 2014 ein, als Mann und Kinder plötzlich alleine unter dem Weihnachtsbaum saßen. Dafür wurde am anderen Ende der Stadt mit Sissis Hilfe ein 'Christkind' geboren.

Dazu kommen Meetings und Absprachen für Sissis zweites berufliches Standbein, die Babybox by Winzig & Klein. 2016 hat die Unternehmensgründerin das Konzept gemeinsam mit zwei Freundinnen entwickelt: Die drei stellen individuelle Sets mit Erstlingskleidung aus natürlichen Materialien zusammen. Überhaupt versucht die emphatische Socializerin, ihrem großen Netzwerk an Bekanntschaften und Freunden gerecht zu werden. Komplett abschalten kann die Frau eines gelernten Kochs und heutigen Managers im digitalen Marketing bei Coca Cola folglich nur, wenn sie Ferien hat. 

Berufswunsch in die Wiege gelegt

Aus Berlin: Winzig & Klein ist eine Boutique für Kindermode bis 10 Jahre.

Bevor Sissi Hebamme wurde, war sie viele Jahre Babysitterin bei einer Familie mit sechs Kindern. Eines Tages äußerte die Mutter, dass sie gerne Hebamme geworden wäre. Sissi war damals 16 Jahre und spürte, das das auch ihr Beruf sein könnte. Im gleichen Jahr folgte in den Schulferien ein Praktikum im Kreißsaal. Geburten faszinierten sie. "Ich hätte mir sonst nur noch vorstellen können, Chirurgin zu werden". Auf das Abitur folge eine Ausbildung und die erste Hausgeburt mit Ulrike Aulbach, einer bekannten Hausgeburts-Hebamme in Hamburg.

Mit acht Jahren Berufserfahrung bietet Sissi längst selbst Hausgeburten und Beleggeburten an - mittlerweile in Berlin. Ein aufopferungsvoller und unendlich wichtiger Job. "Vertrauen zur Hebamme ist das beste Schmerzmittel", weiß Sissi, die viele wichtige Tipps - nicht nur zum Thema Geburt - auf Lager hat.

Lernen, sich fallen zu lassen

Denn Sissi hat zu allem eine Meinung: Diese ist - gepaart mit ihrer beruhigenden Stimme und ihren routinierten Handgriffen - wahres Gold wert. Seit den Geburten ihrer eigenen Kinder achtet sie noch mehr darauf, dass ihre Frauen im Wochenbett genug Unterstützung bekommen. Denn bei einer guten Wochenbettbetreuung kommt es zu weniger Komplikationen.

"Die Mütter sollten komplett umsorgt sein, bekocht werden, schlafen, wenn das Baby schläft und sich nicht um ihren Haushalt kümmern müssen", predigt Sissi und kann dabei so überzeugend sein, dass auch ein Muffelmann mit anpackt oder eine Workaholikerin sich fallen lässt. Dass Sissi es im Endeffekt als Privileg bezeichnet, ihre Frauen betreuen zu dürfen, zeigt wohl, wie sehr diese Mama ihren Job liebt und darin aufgeht, anderen Müttern zu helfen.

Ihr wollt mehr über Sissi Rasche erfahren? Lest hier ihr Interview im Mummy Mag.

Was ist eine Beleghebamme?

Es gibt unterschiedliche Beleghebammen. Welche, die im Schichtsystem in Kliniken arbeiten und sich im 12 Stunden Dienst abwechseln. Und welche – wie Sissi – die eine 1 zu 1 Betreuung gewährleisten. Diese bleiben so lange bei der Gebärenden, bis das Kind da ist. Alle Beleghebammen arbeiten selbstständig, müssen sich also selbst versichern.

Die Autorin

Janine Dudenhöffer ist Moderedakteurin des erfolgreichen Blogzines Mummy Mag, Autorin des "Mama-Styleguide" und selbst Mama von zwei Söhnen. Für LAVIVA berichtet Janine wöchentlich von drei Frauen, denen es gelingt, Kind und Job unter einen Hut zu bringen.


© Fotos: Lina Grün; Sissi Rasche; S.Kobold/Adobe Stock


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