Für immer ist die längste Zeit

In "Für immer ist die längste Zeit" von Abby Fabiaschi sucht eine Tote aus dem Jenseits für ihren Mann eine neue Frau. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Geschichte.

Neuer Lesestoff für den Mai

Wie wäre es, wenn eine Tote für ihren Mann eine neue Frau aussuchen könnte? Eine, die anders ist, besser, vielleicht. – In der exklusiven LAVIVA- Leseprobe aus dem Roman "Für immer ist die längste Zeit" der Autorin Abby Fabiaschi lesen Sie die Geschichte von Maddy, die mit Mitte vierzig gestorben ist und nun von oben sieht, dass es ihrer einst so lebhaften Familie nicht mehr gutgeht. Also macht sie, was Mütter so tun: helfen!

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Madeline

Ich habe genau die richtige Frau für meinen Mann gefunden. Ganz so konservativ, wie ich es war, wird sie nicht sein – gut so. Und nicht so intelligent, aber schließlich hat Brady meine ewige Intelligenz zwanzig Jahre lang ertragen. Unter meiner Führung hat er gelernt, dass Grünkohl den Cholesterinspiegel senkt, dass es normal ist, wenn kleine Mädchen Daddy heiraten wollen, und dass Handys am Steuer genauso gefährlich sind wie Alkohol, egal, wie oft man auf die Straße schaut. Diese Erkenntnisse waren seinerzeit wertvoll, doch unter den heute gegebenen Umständen nutzen sie nichts.

Was für eine Demütigung. Mein Leben lang war ich wie der Teufel dahinter her, bloß niemals schwach zu sein wie meine Mutter, die ihre Entscheidungen unter dem Einfluss von literweise billigem Tafelwein traf, und nun braucht Brady eine Frau, die weicher ist als ich. Nicht lasch, nicht rührselig – er würde sich nie auf eine dümmliche oder launische Frau einlassen – , nur eben eine, die nicht unentwegt so verdammt recht hat. Eine, die nicht gereizt darauf reagiert, wenn er immer wieder mitten im Satz eine Pause macht. Eine, die gut zuhören kann, die gern ausschläft, die nichts aufrechnet und sich ganz von selbst unserer Tochter Eve widmen will.

Wenigstens rekrutieren kann ich sie.

Ich habe mich zunächst auf Grundschullehrerinnen konzentriert, ich weiß nämlich, es erfordert eine ganz besondere Kombination aus Enthusiasmus und Geduld, fast den ganzen Tag über vernünftig mit Sechsjährigen zu reden. Eine, die sich leicht abschrecken lässt, wäre vom desolaten Zustand meiner Familie sicher wenig begeistert. Zunächst hat es mich etwas mutlos gemacht, dass fast jede Lehrerin mit einem Ehering ausgestattet ist. Als wüssten die Männer, wie anstrengend sie sind, und würden entsprechend am liebsten Frauen heiraten, die es draufhaben, mit Unsinn zurechtzukommen. Die Bestände waren so abgegrast, dass die wenigen Übriggebliebenen deswegen verbittert waren, doch als ich mich gerade bei den Krankenschwestern umsehen wollte, entdeckte ich Rory. Sie hatte Dienst am Schulbus, lief mit großer runder Sonnenbrille und strassverzierten Flipflops herum und schaffte es irgendwie, mit vierzig cool auszusehen, hoffentlich, weil sie keine Kinder hat. Bei Brady und Eve ist kein Platz für zusätzlichen Ballast; eine Patchworkfamilie kommt für ihre Zukunft nicht in Frage. Rory hatte ihr braunes Haar zu einem lockeren Zopf geflochten, und jeder Zentimeter der sichtbaren Haut war mit Sommersprossen übersät. Ihr Lächeln war unerschütterlich, sogar, als ein Junge an ihr vorbeiging und eine Ladung Rotz auf ihrem Rock landete.

Gerade ist sie im Supermarkt. Ich achte auf Details, um zu überprüfen, ob mein Instinkt richtig ist. Man sollte meinen, dass die Intuition nach dem Tod zunimmt, eine Art kosmische Belohnung, weil man die Ziellinie überschritten hat, aber bisher ist das nicht passiert. Die Letzte Welt liegt ganz unverbrämt wie eine Filmleinwand unter mir. Keine spirituelle Kraft, die mich leitet. Ich schwebe nicht in weißem Satin anmutig darüber und sammle Erkenntnisse über existentielle Fragen, die mich früher nachts wach gehalten haben. Man stellt sich immer vor, dass Gespenster spuken, doch es ist umgekehrt. Ihr spukt alle bei mir. Mein Leben ist nun ein leckeres, aber unerreichbares Dessert.

Vielleicht bin ich ja im Fegefeuer. Wenn ich gewusst hätte, dass ich beim Überschreiten der Ziellinie erst Mitte vierzig bin, hätte ich der offiziellen Religion vielleicht mehr Beachtung geschenkt. Bradys Eltern waren darin ganz groß, und in meiner Jugend hat meine Mutter die Kirche für einige Jahre als eine Art kostenlosen Babysitter benutzt und Meg und mich beim Katechismusunterricht abgeliefert. Auf diesen Gedanken hatte man sie bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker gebracht, wo man meiner Vermutung nach hinging, um neue Verstecke für Schnapsflaschen kennenzulernen, denn nach diesen Treffen hat sie jedes Mal ihren Bunker verlegt.

Was hat uns die junge Nonne damals erzählt? Ich gebe mir große Mühe, mich an Details zu erinnern. Böse Seelen kommen in die Hölle, reine Katholiken in den Himmel, und wenn eine Seele auf dem Weg zum Himmel ist und aus Gründen, die ich nicht mehr vor Augen habe, eine Pause einlegen muss, dann kommt sie ins Fegefeuer. Ich bin mir sicher, dass sie gesagt hat, man könne weder vom Fegefeuer in die Hölle kommen noch für immer im Fegefeuer bleiben, ich weiß nämlich noch, dass ich dieses ausgefeilte, gut dokumentierte Regelwerk seltsam fand. Hatte da jemand vielleicht eine Direktverbindung zu Gott, und wenn ja, könnten wir wohl mehr Willenskraft für unsere Mutter erbitten?

Ich spüre durchaus, dass es mit der spirituellen Welt mehr auf sich hat, als ich im Moment erfasse, aber ich sehe keinen Weg dorthin. Für mich gibt es nur Raum und Zeit. Dass ich mich selbst hierher versetzt habe, macht es noch viel quälender. Ich finde erst Frieden, wenn ich alles für meine Familie gerichtet habe.

Es gefällt mir, dass Rory ein schönes Stück Kalbfleisch aussucht. Brady würde sich nie auf eine Vegetarierin einlassen. Ihr Einkauf legt nahe, dass sie gut kochen kann – Pancetta, Frühlingszwiebeln, Artischocken, Kapern – Zutaten, die man nur nimmt, wenn man weiß, was man tut. Mein Ersatz muss sich auskennen in der Küche. In meiner Kindheit hat meine Mutter aus denselben zehn Zutaten Frühstück, Mittag- und Abendessen gemacht. Unser Speiseplan wiederholte sich wie in der Schulcafeteria. Aus Steak mit Kartoffeln vom Abend zuvor wurde Steak mit Puffern zum Frühstück, Steak-Sandwich zu Mittag und Rindfleischeintopf zum Abendessen. Mayonnaise diente in ihrer Küche als Klebstoff – damit ließ sich einfach alles reparieren. Zu trocken? Zu scharf? Zu wässrig? Gott sei Dank gibt es Mayonnaise. Als ich dann selbst kochte, war ich ganz versessen auf Abwechslung und habe Brady damit verwöhnt. Jetzt, wo ich nicht mehr da bin, hat er abgenommen, viel zu viel. Man sieht es besonders im Gesicht, wo die Haut auf einmal so traurig an den Wangenknochen hängt.

Das Abendessen war immer sehr wichtig bei uns. Wir aßen spät, weil das Bradys Arbeitszeiten entsprach. Eve bekam nach der Schule einen herzhaften Snack von mir und beklagte sich nie. Wir freuten uns alle auf die Stunde zusammen. Ich deckte jeden Abend den Tisch mit frischer Wäsche und unserem Goldrand-Hochzeitsgeschirr. Das Geschirr diente vor allem dazu, meine Schwester Meghan zu necken, die behauptet hatte, es sei Verschwendung, so etwas auf die Geschenkliste zu setzen. "Du wirst es nie benutzen, Maddy", warnte sie mich. "Das macht kein Mensch." Manchmal habe ich sie angerufen, wenn ich gerade die Teller verteilte, und wir haben gelacht.

"Wer hätte gedacht, dass du mal so eine Vorzeigehausfrau wirst?", sagte sie eines Abends. "Ich bin davon ausgegangen, dass der Ehrgeiz einer Abschiedsrednerin vom Wellesley College gläserne Decken durchbricht." Als ich gerade beleidigt sein wollte, fügte sie hinzu: "Irgendwie bist du mit einer Sicht der Dinge gesegnet, die den meisten intelligenten Menschen fehlt."

So viel zu Meg.

Wenn Brady nach Hause kam, ging er immer direkt zur Stereoanlage. Eine Begrüßung und alles andere gab es erst, wenn die Musik schon lief. Harry Connick Jr. hört Brady am liebsten. Ich sagte dann im Scherz, das liege wohl daran, dass sie sich angeblich so ähnlich sähen, mit dem wallenden braunen Haar und den weit auseinanderstehenden Augen, aber im Grunde liebt Brady bloß alles mit großem Klaviereinsatz. Musik wehte durchs Haus, während ich letzte Hand an das Abendessen legte. Oft saßen wir noch am Tisch, wenn wir längst mit dem Essen fertig waren, erzählten einander, was an diesem Tag schön oder schlimm gewesen war, machten Pläne fürs kommende Wochenende, lachten, und hin und wieder debattierten wir auch. Ich machte Werbung für ein Buch, das mich gerade fesselte, und Eve und Brady rasselten all die Gründe herunter, warum sie zu beschäftigt waren, um es auszuleihen, wenn ich damit fertig wäre.

Eve brachte dann auch den einen oder anderen Hammer, wenn sie uns zum Essen ihre hormongebeutelte Sicht der Dinge servierte. Eines Abends hatte sie ihre übliche Lebhaftigkeit offenbar in der Schule gelassen und sagte: "Für mich war heute schlimm, dass mir klar wurde, ich habe gar nichts damit zu tun, wer ich bin. Ich bin nur, was ihr aus mir gemacht habt." Ich verschluckte mich an meinem Wein und starrte meine freudianische Dreizehnjährige an, weil ich begriff, dass dies ein tiefer Gedanke war. Nur dass er meinen Horizont, mittwochabends und so ganz unvermittelt, ein bisschen überstieg. Erschreckend für jede Mutter, so ein Moment.

Brady erholte sich leichter und lachte ihr Pathos einfach weg. "Hey, hey. Dafür zeichnen Mom und ich nicht verantwortlich. Wer du bist, ist ganz allein deine Sache." Es klang immer noch merkwürdig, wenn Brady mich Mom nannte. Wir hatten geschworen, niemals so ein Paar zu sein, doch als Eves erstes Wort Maddy war, gaben wir unsere Erwachsenenidentität ohne große Diskussionen auf.

Eve blickte auf ihren Teller und stieß einen geübten Seufzer aus. "Ich wusste, dass du so was sagen würdest."

"Stimmt, ich bin berechenbar", bestätigte Brady. "Aber meine Eltern haben mich nicht so gemacht. Das bin einfach ich." Eve lächelte müde angesichts seiner Schlauheit, und ich strahlte angesichts des eindrucksvollen Niveaus meiner höchst kommunikativen Familie. Damals gab es immer viel Gesprächsstoff. Jetzt ist unser einst so einladendes Haus mit der riesigen Hartholztür und der abgetretenen Fußmatte ganz dunkel und still, und wer vorübergeht, meint, es stünde leer.

"Miss Murray", kreischt ein Mädchen, läuft auf Rory zu und setzt meiner Träumerei ein Ende.

"Ja, hallo Annie." Rory hört auf, eine Paprika zu inspizieren, hockt sich hin und schaut dem Mädchen direkt in die erwartungsvollen Augen.

"Mom fährt morgen mit mir nach Boston."

"Das ist ja wunderbar. Du musst der Klasse am Montag davon erzählen."

"Okay", meint Annie, deren Reise dadurch nun noch aufregender ist. "Bis dann."

Annie rennt weg, doch Rory bleibt in dem Moment gefangen. Sie sieht auf einmal so traurig aus. Ich muss wissen, warum. Es muss einen Weg geben, intuitiv zu erfassen, was den Dingen zugrunde liegt, und Einfluss auf die Welt zu nehmen, die ich hinter mir gelassen habe. Warum sonst hänge ich hier fest und schaue zu? Ich halte ganz still, konzentriere all meine Energie auf Rory. Sie sehnt sich eindeutig nach etwas oder nach jemandem, aber ich kann nicht erkennen, was oder wer es ist.

Ich bin ungeduldig, als sie zum Parkplatz geht. Wenn ich nicht eingreifen kann, ist der entstandene Schaden auch nicht zu reparieren. Nun schweift meine Aufmerksamkeit ab, denn ich muss daran denken, wie sich Brady pflichtbewusst herüberbeugte und mir einen Gutenachtkuss gab. Manchmal einen Schmatz, manchmal aber auch viel mehr. Ich verweile bei der Erinnerung, bis mein Kopf begreift, dass es nicht mehr sein kann, und mich durch Rory ersetzt. Der Gedanke tut weh. Im Zuge dieser dämlichen, hypothetischen Diskussionen unter Eheleuten habe ich immer behauptet, dass Brady wieder heiraten sollte, falls ich vor ihm sterbe. Damals habe ich mir vorgestellt, dass er Ende sechzig sein und eine Partnerin brauchen würde, um das Altern mit ihr zu bewältigen. Mir war nicht klar gewesen, wie grausam das Leben nach dem Tod sein würde, dass ich persönlich meinen Ersatz würde aussuchen müssen, weil Brady orientierungslos ist und Eve Unterstützung braucht, und dass ich mir die ganze Geschichte aus nächster Nähe würde ansehen müssen.

Ich bleibe bei Rory, während sie den Kofferraum ihres hellblauen VW-Käfers belädt. Alles an ihr ist bezaubernd. Ich überlege krampfhaft, ob ich mit einem einzigen Adjektiv zu beschreiben wäre. Zuverlässig fällt mir ein, vielleicht charismatisch, an guten Tagen. Bezaubernd ganz sicher nicht. Mein Gesicht war zu kantig, und meine Ansichten waren zu klar für so ein Wort. Rory kramt nach der Tüte mit den Eiern darin und stellt empfindliche Sachen auf den Boden. Eine, die planvoll vorgeht.

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Als sie den Motor anlässt, klingelt ihr Handy. Die Geräusche übertönen sich gegenseitig, so dass Rory den Anruf erst beim zweiten Klingeln hört. Der Gang ist schon eingelegt, als sie ihre Tasche durchwühlt. Sie schnappt sich das Telefon, blickt über die Schulter und löst die Bremse mit einer Bewegung, und dass ihr Auto bereits fährt, merkt sie erst, als sie Metall knirschen hört. Sie hat einen makellosen Audi A7 gerammt.

"Autsch", sagt sie und schlägt sich mit der flachen Hand auf die Stirn, eine übertriebene Geste, die ich noch nie bei jemandem ohne Publikum gesehen habe. Damit hat es sich – Autsch – , und Rory nimmt den Anruf nach dem fünften Klingeln entgegen. "Hallo?" Rory reckt den Hals, um nach dem Schaden
zu sehen.

"Gut, dass ich dich erwische, Honey. Deine Mutter hat es gerade ziemlich schwer. Meinst du, du kannst früher nach Hause kommen? Sie könnte deine Zauberhand gebrauchen."

"Ich wollte gerade Einkäufe heimbringen, aber dann muss ich Nachhilfe geben. Ist Brian aufgetaucht? Er hat versprochen, er beehrt euch mit seiner Anwesenheit zum Mittagessen." Sie lacht verlegen, weil das so gehässig klingt.

"Nein, er hat aber angerufen. Er meinte, auf der Arbeit ist die Hölle los. Tut mir leid." Die Frau seufzt. "Ich halse dir ungern noch mehr auf, aber ich kann ihr erst wieder Medikamente geben, wenn sie was im Magen hat."

Tränen treten in Rorys Augen, aber sie fließen nicht. "Kein Problem, Greta."

"Danke, Schätzchen. Ich wünschte, alle, die ich gepflegt habe, hätten so viel Glück gehabt wie deine Mutter."

Rory schaudert, weil diese Feststellung so unrichtig ist. "Ich bin gleich zu Hause."

Für mich grenzt es ans Übermenschliche, dass Rory Greta nichts von ihrem Blechschaden erzählt hat. Ihre Selbstbeherrschung erinnert mich an eine alte Deo-Werbung aus den Neunzigern, mit einer Frau, die in keiner Lage die Contenance verlor. Im Jingle am Ende der Werbung hieß es: "Immer kühl, zart und trocken." Das konnte ich nie nachvollziehen. Ich hätte in allen Einzelheiten von MEINEM UNFALL erzählt. Er hätte es vielleicht sogar in den Weihnachtsbrief geschafft. Für Rory war er nicht mal der Rede wert. Genau diese ruhige Gelassenheit braucht Brady als Gegenpart, in letzter Zeit bekommt er nämlich wieder Wutanfälle.

Aus den häufig übertriebenen Erzählungen beim Grillen am Unabhängigkeitstag weiß ich, dass Brady als Jugendlicher ein Hitzkopf war. Sein Spitzname auf dem College war "Der Heizer", weil er einmal spätabends betrunken den Feueralarm ausgelöst hatte, damit ein Neuer aus seiner Studentenverbindung, der seine Freundin angemacht hatte, das Gebäude verließ, worauf er den Typen dann niederschlug. Ich habe die Geschichte oft gehört, konnte mir Brady darin aber nie so recht vorstellen. Klar, er konnte wirklich ein Rindvieh sein, aber er war mein Rindvieh, und wegen seiner Wutanfälle habe ich mir niemals Sorgen gemacht. Bis jetzt.

Rory geht um das Auto herum und sieht nach dem Schaden. Ihr Kotflügel ist eingedellt, doch der A7 ist unversehrt, was auch die Preisdifferenz von fünfzigtausend Dollar zwischen den beiden Autos illustriert. Trotzdem hinterlässt sie eine Notiz: Bekenne mich schuldig, versehentlich angestoßen … Sehe keine Kratzer, aber hier Name und Telefonnummer, nur für den Fall. Wie könnte man besser reagieren? Mit diesem Ausmaß an Gelassenheit kann sich der Heizer nicht messen.

Rory springt wieder ins Auto und kramt erneut in ihrer Tasche herum. Sie holt ein rotes Lederbüchlein hervor, auf dessen Umschlag ein Buddha prangt. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass es ein echtes, nach Buchstaben unterteiltes, handgeschriebenes, im Fall eines Umzugs unmöglich zu änderndes, zerfleddertes Adressbuch ist. Eine ausgestorbene Spezies. Ich höre schon, wie Brady sie neckt: 1984 hat angerufen und will das Adressbuch zurück. Vielleicht fällt Rory eine gute Retourkutsche ein. Ich bin mit den Jahren zu der Ansicht gelangt, dass Bradys iPhone an seiner Hand festgewachsen ist.

Rory findet die Nummer, die sie braucht, und rafft sich zu einem gutgelaunten Tonfall auf, während es klingelt. "Hi, Nancy, hier ist Rory. Tut mir furchtbar leid, dass ich im letzten Moment absagen muss, aber könnten wir die Nachhilfe auf morgen verschieben?"

Jetzt hat sie ihren Kalender gezückt, noch ein ledergebundenes Büchlein, kritzelt einen Pfeil, der auf den nächsten Tag verweist, beendet das Gespräch und wählt sofort eine weitere Nummer. Die kennt sie, ohne den Buddha zu konsultieren. Die Stimme am anderen Ende hat noch nicht hallo gesagt, als Rory schon loslegt.

"Wo zum Teufel hast du gesteckt?" Ihre Lehrerinnenstimme klingt nun dumpf-aggressiv, draufgängerisch geradezu.

"Weiß schon. Tut mir leid."

"Wenn es dir leidtäte, würden wir dieses Gespräch nicht führen. Schon wieder."

"Ich kann froh sein, dass ich hier nicht übernachten muss."

Rory hält das Telefon von ihrem Ohr weg und spricht laut ins Mikrophon. "Sie ist deine Mutter. Der Krebs wird sie umbringen. Bald. Habt ihr die Definition von Hospiz im Jurastudium übersprungen?"

"Sprich nicht mit mir, als wäre ich ein Kind", sagt er, obwohl er genauso klingt.

Rory schlägt fest auf das Lenkrad ihres Autos, das noch immer auf dem Parkplatz steht. "Verdammt, Brian, ES GEHT HIER NICHT UM DICH. Ausgemacht war eine Dreiviertelstunde, einmal die Woche."

"Die ich nicht habe. Also wäre es nett, wenn du aufhörst, mich deswegen wie ein Stück Scheiße zu behandeln."

"Gott. Ist das jetzt meine Schuld?"

Er räuspert sich, was seine Entschlossenheit noch zu stärken scheint. "Es können nicht alle Rory Murray sein, das Salz der gottverdammten Erde."

"Schön", sagt Rory und gibt es auf. "Schau dir deinen Bauchnabel an. Das kannst du am besten."

Jetzt habe ich die Chance, tiefer in ihre Gedanken vorzudringen. Ich steige darauf ein mit vollster Konzentration, intensiv bis zur Erschöpfung, und plötzlich spüre ich es. Eine Empfindung. Ein Flash. Ich verstehe. Rory ist allein und hat Angst. Sie weiß nicht, was sie machen soll.

Das passt zu Brady und Eve. Und wenn ich Gedanken zu lesen vermag, kann ich bestimmt auch beeinflussen, was die Menschen tun. Diese Frau ist meine Chance, alles zu richten. Meine Familie verdient mehr, als ich hinterlassen habe.

 

Eve

Heute ist Muttertag.

Mein erster Gedanke ist blöd: Meine Mom ist nicht da, also gibt es den Feiertag gar nicht. Aber der Rest der Welt feiert nun mal nicht meine Mom, sondern jeder die eigene, und die eigenen Moms sind nicht kürzlich von einem Gebäude gesprun­gen.

Mein Vater behauptet, er muss im Konferenzraum eines Hotels hocken und einen Deal "von entscheidender strategischer Bedeutung" aushandeln, mit ein paar Leuten, die ich nie kennenlernen werde. Kann durchaus sein. Er meint, wenn es zum Abschluss einer Fusion kommt, arbeitet man durch, bis alles geklärt ist, aber das Timing ist schon verdächtig. Dämlicher Tag heute. Echt, ein Meeting, das an einem Sonntag von morgens acht bis abends acht dauert, hätte selbst Mom ein bisschen zu bequem gefunden.

Ich lasse gerade Müsli in der Schüssel kreisen, da kommt Dad rein, im Anzug für sein großes Meeting. Wenn er lügt, damit er nicht zum Tennisturnier muss, fühlt er sich immerhin so schlecht dabei, dass er sich passend zu seinem Alibi verkleidet hat. Ich frage mich, wie er mit diesem Moment umgehen wird. Mich wie ein Baby behandeln? Auf die Bedeutung des Tags gar nicht eingehen? Wenn Mom ihm nicht sagt, was er machen soll, ist er eine Niete in Sachen Erziehung.

"Sag, du bist krank", schlägt er vor, und sein Blick wandert im Raum herum, sehr bemüht, nicht auf mir zu landen.

"Hä?"

"Lass das Turnier ausfallen. Jeder wird das verstehen."

Das hat er jetzt nicht gesagt. Ich reagiere frostig. "Mom hätte mir ganz bestimmt nicht erzählt, ich soll mich vor einer Verpflichtung drücken, bloß, weil es schwierig wird." Dazu fällt ihm nichts ein, also schnappt er sich eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank und geht arbeiten.

Ich habe keine Zeit, sauer zu sein, weil mein Vater die emotionale Reife eines Kleinkinds besitzt, ich werde nämlich gleich abgeholt. Um den Beginn dieses deprimierenden Tages noch ein bisschen hinauszuzögern, warte ich auf die Hupe und stehe dann erst auf. Kara braucht gerade mal eine halbe Minute, bis sie ausflippt. Völlig abgedreht. Als wir in der Achten nach Washington gefahren sind, ist sie in einen Brunnen gesprungen, weil ihr so heiß war, und dann ausgerastet, als sie nach Hause fahren musste. Ernsthaft, null Selbstbeherrschung. Ich lasse das Frühstück stehen, schnappe meine Tennistasche und gehe aus dem Haus.

Karas gespenstische Gesichtsfarbe verrät, dass sie einen Kater hat, was seltsam ist, vor Wettkämpfen machen wir nämlich nie Party. Ich frage mich, wo sich alle getroffen haben, bis mir wieder einfällt, dass es mich nicht interessiert. John ist mit seiner Familie zum ersten Mal in diesem Frühjahr in ihrem Haus auf Cape Cod, kein Wunder also, dass niemand daran gedacht hat, mich anzurufen. Trauer um ein Elternteil ist viel zu heftig für meine Freunde.

Kara fährt, und ihre Mutter sitzt vorn, also habe ich zumindest die Rückbank für mich. Beide vermeiden es, mich anzusehen, wie mein Vater. Offenbar sollte es mir peinlich sein, am Muttertag keine Mutter zu haben. Von mir aus. Alles ist besser als die Hysterie, mit der Kara zur Beerdigung meiner Mutter gekommen ist, da hat sie nämlich geheult, als wäre sie die Hinterbliebene. Ich habe gar nicht kapiert, warum sie so einen Aufriss machte, bis mein Vater und ich an der Spitze des Trauerzugs nach draußen gingen und ich sie zusammengeklappt in Jakes Arm hängen sah, ein Platz, auf den sie schon das ganze Jahr gegeiert hatte. Immer schön, wenn man einen tragischen Tod für eine Schulaffäre ausnutzen kann.

"Windgeschwindigkeit dreißig Kilometer die Stunde, aus Nordwesten", berichtet Kara. Ich nicke, auch wenn keiner hinsieht. "Die Plätze am Rand sind die schlechtesten, besonders die Seite gleich neben dem Feld."

Kara findet immer eine Ausrede, wenn sie einen Arschtritt kriegt. Wenn ihr Ball ins Netz geht, dann liegt es am Wind oder daran, dass ein Baby schreit oder die Sonne blendet. Am Winkel, in dem sie ihren Schläger hält, liegt es nie.

"Gut bemerkt", stimmt Mrs Anderson ein. "Es ist schon wichtig, welchen Platz wir kriegen."

Karas Mom betrachtet sich und ihre Tochter als Einheit und redet von wir und uns, wenn es um Dinge geht, die Kara allein machen wird. Sie trägt sogar hohen Pferdeschwanz und Tennisröckchen, wenn wir spielen, als könnte es sein, dass man sie einwechselt. Meine Mom konnte Klatsch nicht ausstehen, aber einmal habe ich gehört, wie sie über Mrs Anderson herzog. "Der Trainer muss diese Irre unbedingt mal beiseitenehmen und ihr klarmachen, dass sie es nicht ins Team geschafft hat. Wir waren vor drei Jahrzehnten dran. Das muss Christie jetzt endlich mal überwinden." Als Dad im Scherz sagte, Mom sei nur neidisch, sagte sie: "Ehrlich gesagt, ihren Körper würde ich nehmen, aber nur, wenn Herz und Hirn vorher vollständig entfernt werden." Besonders lustig ist die Erinnerung, weil Kara und Mrs Anderson einhellig betonen, wie entscheidend es ist, welchen Platz man ihnen zuteilt.

"Die haben den Riss auf Platz drei immer noch nicht repariert. Der Trainer behauptet, das ist keine Stolperfalle, aber ich habe mich gestern glatt hingelegt." Mrs Anderson gluckst wie ein Huhn, um ihre Missbilligung zu demonstrieren. Echt, sie würde sich gut machen auf einer Reklametafel für den ärgerlichsten Gesichtsausdruck.

Sie reden so viel Blödsinn, weil sie keine Ahnung haben, was sie zu mir sagen sollen. In der Schule ist es dasselbe. Und kein Mensch versteht, dass es egal ist, was man sagt – ich muss bei allem an meine tote Mutter denken, weil ich nun mal an nichts anderes denke. Kara bricht förmlich der Schweiß aus, wenn wir allein sind, als wäre es ansteckend, wenn Mütter sich umbringen. Vielleicht müsste ich ihr mal sagen, dass sie sich keine Sorgen machen soll – ihre Möchtegernmutter ist viel zu eitel, um sich das Leben zu nehmen.

Ich habe gelernt, meine Freundinnen komplett auszublenden. Ich höre nicht auf ihre Worte, nur auf die Art zu sprechen. Jeder Mensch ist anders. Kara atmet selten, deshalb legen ihre Sätze kleine Sprints ein: Bei-Nordstrom-ist-heute-Sale-und-ich-
brauche-einen-neuen-trägerlosen-Badeanzug-aber-nicht-einfarbig-schwarz-also-lass-uns-gleich-nach-der-Schule-hingehen. Solan­ge man weiter lächelt, merkt sie gar nicht, dass man nicht zuhört. Sie schert sich ohnehin einen Dreck um die Meinung anderer Leute. Ich habe es noch nicht perfektioniert, Mrs Anderson zu überhören – werde mich aber ganz sicher gleich nach dieser Autofahrt an die Arbeit machen – , also lässt sich nur schwer ignorieren, dass sie plötzlich loskreischt und wissen will, warum ich meine Team-Binde nicht trage.

"Konnte ich nicht finden", murmele ich.

"Warum hast du denn nicht angerufen, Liebes. Wir haben noch welche zu Hause."

Ja, natürlich. Ich bin nicht ihr Liebes.

"Vielleicht habe ich noch eine in meiner Tasche", sagte Kara, "aber die ist im Kofferraum."

Ich schweige, während die beiden diskutieren, ob Kara tatsächlich ein zusätzliches Band in der Tasche hat, und wenn nicht, was wir dann machen. Die Liste der Möglichkeiten ist lang: Wir fragen die anderen Mädchen, Mrs Anderson rast nach Hause, wir gehen zu Jo-Ann Fabrics und kaufen ein neues … Das Thema ist erst beendet, als wir da sind und Kara uns eröffnet, dass sie – Gott sei gepriesen – noch ein Band für mich hat. Mutter und Tochter seufzen erleichtert und sind stolz, weil sie Probleme auf so eindrucksvolle Weise lösen können.

Ich überlasse sie ihren gegenseitigen Gratulationen auf dem Parkplatz, stelle aber sehr bald fest, dass nicht nur Dad und die Bänderpolizei an dem Plan "Wir tun so, als wäre kein Muttertag" beteiligt sind. Ich weiß nicht, wer das koordiniert hat, aber ich sehe kein einziges geschmackloses "Wir lieben unsere Mütter"-Schild, nicht mal bei den gegnerischen Teams. Von den Rosen, die wir sonst eimerweise verteilen, fehlt jede Spur. Der Muttertag ist, puff, einfach verschwunden, genau wie meine Mom.

Wer mich entdeckt, betrachtet seine Füße und unterbricht sein wahrscheinlich belangloses Gespräch. Irgendwann ist das betretene Schweigen vorbei, und die Köpfe heben sich wieder, als wäre ich ein seltsames Zoo-Exponat. Alle erwarten, dass ich dramatisch zusammenbreche, aber ich weigere mich, hier die Leute zu unterhalten. Ich wechsle ohne ein Wort die Schuhe.

Das Match fängt pünktlich an. Weil ich der Menge nicht mal ein Stirnrunzeln zeigen will, nehme ich alles, was ich verloren habe, und packe es in die Wucht meines Schlags. Bei jedem Ballkontakt denke ich: Ihr könnt mich mal. Meine Form leidet, wenn ich alles mit so viel Kraft angehe, und durch ein paar dumme Fehler gehen Bälle ins Netz oder ins Aus, aber ich gewinne alle drei Spiele. Die Verlierer werden sagen, dass es ihre Absicht war. Sie werden nach Hause zu ihren intakten Familien gehen und stolz darauf sein, dass sie sensiblerweise so getan haben, als gäbe es gar keinen Muttertag. "Ich bin froh, dass Eve gewonnen hat", werden sie lügen. "Sie hat es mehr gebraucht als ich."

Ihr könnt mich mal.

Egal, was die Leute zu ihrer Rechtfertigung sagen, es tröstet mich keineswegs, wenn sie alles verschleiern. Das tun sie nur, um keine deprimierenden Gespräche führen zu müssen. Oder um sich nicht schuldig zu fühlen, weil sie noch eine Mutter haben. Oder um den geheimen Gedanken abzuwürgen, dass es auch ihnen passieren kann, wenn es mir passiert ist.

Eine Woche nach der Beerdigung bin ich wieder zur Schule gegangen, weil zwischen Dad und mir so ein Chaos herrschte, dass ich schon Angst hatte, wir würden uns auch noch was antun. Schwer zu sagen, was schlimmer ist. In der Schule warten alle verzweifelt darauf, dass ich was sage, und wenn ich dann endlich spreche und vielleicht einfach nur äußere, dass ich aufs Klo muss, heißt es irgendwie: "Echt jetzt, Eve? Wow. Ist ja saaaaagenhaft!" Es macht mich wahnsinnig. Wenn ich bei Dad bin, empfinde ich tiefen Schmerz, und bei meinen Freundinnen fühle ich nichts. Das ist noch unheimlicher, in gewisser Weise.

Mittags steht man unter dem Druck, etwas zu essen. An meiner Schule tut man nichts lieber, als eine schöne Essstörung zu diagnostizieren, also achte ich darauf, dass ich auch aufesse, was ich mir nehme. Alles ist besser als eine Ernährungsintervention mit einem Haufen verheulter Mädchen und unserer ahnungslosen Verbindungslehrerin. Das hatten wir mal wegen Becky, als sie sich immer selbst zum Kotzen brachte. Hat mich damals sehr beschäftigt. Lindsey hatte es ihrer Mom erzählt, die es der Verbindungslehrerin erzählte, die uns dabei half, Becky auf den rechten Weg zu bringen. Becky hat daraus nur den Tipp mitgenommen, dass alle wissen, wie es klingt, wenn sich jemand übergibt, und dass Magersucht demnach die bessere Wahl ist, es sei denn, man hat eine abgelegene Kabine.

Bei mir besteht kein Risiko, dass ich in diese Society-Falle gerate. Ich hasse Kotzen und kriege ganz fiese Kopfschmerzen, wenn ich zu lange nichts esse. Mein Problem ist psychischer Natur. Ganze Tage vergehen, an denen ich mich nicht daran erinnern kann, dass ich rein körperlich von einem Klassenraum zum anderen gegangen bin. Wenn es bei Schulschluss klingelt, weiß ich nicht mehr, wo ich geparkt habe oder ob ich überhaupt zur Schule gefahren bin. Die Lehrer sind geteilter Meinung, wie man reagieren sollte. Ein paar gehen gar nicht darauf ein, was passiert ist. Sie haben keine Ahnung, was sie machen sollen, also behandeln sie mich nicht anders als früher, als ich noch eine lebende Mom zu Hause hatte. Die älteren sind meistens auf Mitleidsmission. Sie fragen mich vor und nach jeder Unterrichtsstunde, wie es mir geht. Egal, was ich sage, sie ziehen die Lippen zwischen die Zähne und nicken. Die restlichen Lehrer finden, das Leben ist hart, und auch wenn es im Moment nicht danach aussieht, wird mir der Selbstmord meiner Mutter später im Leben irgendwie zugutekommen. Sie reden oft von Mut. Diese Arschlöcher sind jetzt bei der Benotung meistens noch strenger, als wollten sie beweisen, dass nichts fair ist und das Leben weitergeht.

Tut es aber nicht. Das hier ist eine Kleinstadt. Ich bin für immer gebrandmarkt als Tochter der Hausfrau, die von der Bibliothek des Wellesley College gesprungen ist. Mom hat auch mir das Leben genommen. Ich habe daran gedacht, mit ihrem BMW abzuhauen, aber das funktioniert nur im Film. Wenn ich ohne Geld in New York aufkreuze, werde ich gleich wieder ausgespuckt, und dann ist meine Geschichte noch erbärmlicher als ohnehin. In der Nachbarschaft trauert man schon um mein Potential wie um ein verlorenes Leben. Das College ist mein Ticket, um hier zu verschwinden, aber ein ganzes Jahr halte ich die Scheiße nicht mehr aus. Während Kara und ihre Mom angesichts ihrer verheerenden Niederlage schweigen, gebe ich meinem Plan den letzten Schliff.

In unserer Einfahrt verabschiede ich mich und springe aus dem Auto. Kara sagt kein Wort. Kein Mitleid, wie groß auch immer, könnte sie zur guten Verliererin machen. Als sie es im ersten Jahr nicht in die Schulauswahl geschafft hatte, hat sie ihren Zweihundert-Dollar-Schläger auf den Platz geknallt und damit wahrscheinlich den Riss verursacht, über den sie schon die ganze Saison meckert. Wie konnte ich je mit ihr befreundet sein?

Mrs Anderson gratuliert mir unaufrichtig, als ich die Autotür schließe. Ihre überdosierte Mascara ist unter einem Auge verschmiert, also weiß ich, dass sie wegen der Niederlage Tränen vergossen hat. Echte Tränen. Eine erwachsene Frau. Wegen eines Tennisspiels. So albern war meine Mom nie. Wenn ich verloren hatte, hat sie immer den Refrain aus Sugarland gesungen, "Let go laughing", und dann gefragt, was ich zum Abendessen will. Sie hätte Filmsoundtracks zusammenstellen können – die Frau hatte für jeden Anlass einen Song. Einmal schmetterte sie die Rolling Stones, als ich schmollte, weil sie mir keine Flats von Tory Burch kaufen wollte: "You can’t always get what you want, but if you try sometimes, you just might find, you get what you need." Ich habe es nie zugegeben, aber durch diese unvergleichliche Darbietung ist bei mir hängengeblieben, was sie sagen wollte. Ich frage mich, was sie jetzt singen würde. Würde sie mir Mut machen, aus Wellesley wegzugehen, oder wollen, dass ich die Oberstufe durchziehe? Wie als Antwort fällt mir plötzlich ein Song von Cat Stevens ein, den sie geliebt hat: It’s not time to make a change … Ich schaudere und sehe mich in der Küche um, als könnte es wirklich sein, dass sie da ist und mir ihre Meinung sagt. Die Wörter hallen noch einmal wider in meinem Kopf, dann schüttele ich sie ab. Scheiß drauf. Sie hat schließlich mich abgehängt; ich wollte nichts ändern.

Dad ist noch nicht zu Hause, Gott sei Dank. Ich lasse die Mappe mit den Zulassungsunterlagen, die ich seit einer Woche mit mir herumtrage, auf dem Küchentresen liegen, mit einem Klebezettel: Ich will nächstes Jahr nach Exeter ins Internat. Brauch einen Neuanfang. Hier sind Infos. Er wird sich einen Kopf machen, was die Leute wohl denken – erst haut Mom ab, dann ich – , aber letztendlich wird er einverstanden sein. Er hat nicht die Energie zum Kämpfen, und ich weiß, wenn er mich anschaut, sieht er sie.

Sie starb am Karfreitag. Sie war gar nicht religiös, aber vielleicht war es symbolisch, als wäre ihr Tod ein Opfer oder so. Auf der Beerdigung haben alle betont, dass sie ständig gegeben hat, und das bedeutet, auf der Beerdigung fanden alle, dass Dad und ich eher genommen haben. Ende der Durchsage. Wir beide haben immer nur genommen, bis meine Mutter leergezapft war wie ein Fass nach ein paar Stunden auf einer gutbesuchten Party. Wenn sie nickte und lächelte, hieß das so viel wie ein Mittelfinger von mir. Ich habe es bloß nicht gewusst. Tja, jetzt hat sie es deutlich gemacht. Ich stelle mir vor, wie sie herabblickt und ruft: "Seht ihr, was ich für euch zwei alles getan habe? Seid ihr jetzt in der Lage, dankbar zu sein?"

Dass Dad und ich es jetzt schwer haben, ist total ironisch. Wir sind so daran gewöhnt, dass sie für uns sorgt, dass wir keine Ahnung haben, wie wir füreinander sorgen sollen. Wir spielen ein umgekehrtes Versteckspiel, bei dem es darum geht, nie gleichzeitig im selben Zimmer zu sein. Wissen wir nicht, worüber wir reden sollen, oder gibt es wirklich nichts zu sagen? Wir besprechen nur Nichtigkeiten, und selbst dabei ist sein Wortschatz ziemlich begrenzt: ja, nein, vielleicht, wann, wo, warum, wer, okay.

Alle drei, vier Tage versucht er es mit einem tiefgründigen Gespräch, normalerweise, wenn er ein paar intus hat. Gestern Abend hat er gefragt, ob ich "über Sex alles weiß". Ich habe gesagt, das bedeute in Formularen, ob man männlich oder weiblich sei, und gelacht. Da kriegte er feuchte Augen. Ich fühlte mich schlecht und sagte zu ihm, er solle sich keine Sorgen machen, ich sei "auf dem Sektor voll im Bilde". Als mir klar wurde, dass ich total wie meine Mutter klang, fing ich auch an zu weinen. Wir stoben in entgegengesetzten Richtungen aus dem Wohnzimmer.

Es ist nämlich so – ich schlafe seit meinem sechzehnten Geburtstag mit John. Ich wünschte, ich hätte es meiner Mutter erzählt, als ich noch die Chance hatte, aber ich habe mal gehört, wie sie mit Tante Meg telefonierte, an dem Abend, als meine Cousine Lucy verkündet hatte, sie habe vor, es mit Keith zu tun: "Es ist was ganz Besonderes, dass sie es dir erzählt. Ich hoffe, Eve vertraut mir, wenn es so weit ist." Ich wusste sofort, wovon sie da sprach. "Sieh zu, dass Lucy Bescheid weiß, damit du nicht mit vierzig Großmutter wirst." Dann kam eine Pause, weil meine Tante sprach. "Ja, klar halte ich dich auf dem Laufenden, aber ich glaube nicht, dass Eve schon bereit ist. Lucy macht das richtig; siebzehn ist ein anständiges Alter, um den Schritt zu wagen. Nicht zu alt, nicht zu jung." Ich spiele das Gespräch im Kopf immer wieder durch. Ich habe Mom vertraut und sie respektiert, fand aber, dass es nicht schaden konnte, es ihr erst zu sagen, wenn ich im gleichen anständigen Alter wie Lucy bin, nächsten Monat nämlich.

So besonnen habe ich mich immer verhalten. Ich war erst elf und noch in der Grundschule, als ich meine erste Periode bekam. Ich kramte völlig gelassen einen Vierteldollar aus den Tiefen meines Rucksacks, schlich mich in die Lehrerinnentoilette, zog mir eine Binde aus dem Automaten, unter dem wir zwischen den Unterrichtsstunden Zettel versteckten, und machte einfach weiter. Als ich nach Hause kam und es Mom erzählte, wirkte sie beunruhigt. "Du hättest anrufen sollen", sagte sie. "Ich hätte dich abgeholt, damit wir darüber reden können."

"Wir haben doch schon darüber geredet."

"Ich meine darüber, was man im Einzelnen machen muss."

"Wie, im Einzelnen?", fragte ich, ernsthaft besorgt, dass mir etwas entgangen war. "Blut kommt raus, und das muss man mit irgendwas auffangen, stimmt’s?"

"Äh, also, ja, aber deine Unabhängigkeit macht mir manchmal richtig Angst. Ich hoffe, du weißt, dass ich da bin, wenn du mich brauchst."

"Ja", sagte ich. "Deshalb kann ich unabhängig sein."

Sie lächelte. Ihr Lächeln war das Tollste.

Im Grunde bin ich unabhängiger denn je, weil sich buchstäblich niemand um mich kümmert, aber Unabhängigkeit befreit nicht, wenn sie unfreiwillig ist. Ich wurde weggeworfen wie abgelaufene Milch. Selbst wenn ich akzeptiere, dass das Leben noch vor mir liegt, weiß ich nicht, wie ich es ohne sie leben soll. Niemand wird Weihnachtskarten verschicken, der Gemüsegarten wird eingehen, man wird den Schmutz auf unseren Laken sehen, bevor Dad und ich auf die Idee kommen, sie zu wechseln, und wir werden dieses Jahr nichts unternehmen, um meinen Geburtstag zu feiern. Aber das ist mir recht.

 

Brady

Meine Frau ist tot. Sie ist von einem Drecksgebäude gesprungen. Ich könnte mir den Film noch tausendmal ansehen und wäre trotzdem geschockt vom Ende.

Auf der Beerdigung warf ihre Schwester Meg mit Erklärungen um sich, wie Hausfrauendepression oder ein verborgenes Trauma, aber das ist alles Blödsinn. Maddy war keine Geheimniskrämerin. Sie konnte nicht lügen, nicht mal, wenn es gesellschaftlich angebracht gewesen wäre. Einmal wurde sie von einer Freundin gelöchert, wie denn so eine Geburt im Einzelnen sei. Maddy bemühte sich, der Frage auszuweichen, und erklärte, man denke gar nicht mehr an diese Erfahrung, wenn man das kostbare Baby erst in den Armen halte, aber die Frau ließ nicht locker. "Willst du wirklich die Wahrheit hören?", fragte Maddy. Die Frau nickte. "Wehen haben ist wie eine Wassermelone kacken, während du vom Briefträger befummelt wirst. Und wenn es vorbei ist, siehst du immer noch schwanger aus." Die Frau erbleichte. Bei Maddy bekam man eine Antwort, wenn man eine haben wollte.

Bei einer solchen Persönlichkeit hat ein heimliches Leben gar keinen Platz – wenn Maddy also gesprungen ist, dann wollte sie uns verlassen. Der totale Widerspruch zwischen dem, wer sie war, und dem, was sie getan hat, ist gar nicht auszuloten. Ihre letzte SMS an mich lautete: Keine Ahnung, wie wir zu Ostern alle am Esstisch unterbringen. Schwer vorstellbar, dass dieses Dilemma ausgereicht hat, um allem ein Ende zu setzen. Der Psychologe auf dem Polizeirevier hat behauptet, Selbstmord sei oft eine Impulstat, besonders in Fällen mit "familiärer Vorgeschichte", wie bei Maddy, einer Geschichte, die er mir häppchenweise aus der Nase zog und dann aufbauschte, um seine Schlussfolgerung zu untermauern.

Maddy war ganz anders als Janine. Sie trank ein Glas Wein am Abend. Eins. Vielleicht zwei. Manchmal drei, freitags oder samstags. In Gesellschaft. Sie hielt den Selbstmord ihrer Mutter für egoistisch, bezeichnete ihn als letztes Leckt mich doch an die Adresse der wenigen, die das noch interessierte. Ich kann mich genau an den Wortlaut erinnern, denn es entsprach Maddy gar nicht, so harsch zu sein. Sie versetzte sich öfter in andere Leute hinein, als nach sich selbst zu sehen.

Ich meide die Nachttischschublade, in der ihr Tagebuch liegt. Ja, ich will Antworten, aber nur, wenn sie beweisen, dass die Wirklichkeit so ist, wie ich sie in Erinnerung habe.

Ich habe sie zum Lachen gebracht. Das weiß ich.

Manchmal, wenn sie sich vor dem Schlafen entspannen wollte, bat sie mich, ihr eine Geschichte zu erzählen, irgendeine Geschichte. Ich legte ein Arsenal an für diese Momente. Entscheidend war, sie gleich zum Lachen zu bringen. Lachen war Maddys Elixier. Also war ich sofort mitten in einer Szene, als hätte sie einen Vierteldollar eingeworfen. "Hab ich dir schon mal erzählt, wie ich sechs war und eine Zecke am Pimmel hatte?" Oder: "Gestern Abend am Flughafen war ein Typ so besoffen, dass er sein Gepäck nicht mehr schieben konnte." Die Geschichten hatten nie eine Pointe, darum ging es gar nicht. Aktuelle Ereignisse oder Neues von der Arbeit bauten sie auf, und die Tatsache, dass ich das wusste, freute Maddy. Sie war glücklich, wenn ich zu Hause war. Aber ich war oft nicht zu Hause.

Ich trinke noch einen Schluck Bourbon. Ist das mein zweites Glas? Mein drittes? Ich mache die Schublade auf und starre das Tagebuch an, Neugier kämpft gegen Stolz. Als das Glas leer ist, greife ich so heftig nach der Lektüre, dass meine Fingerknöchel über den Boden der Schublade kratzen. "Verdammt", murmele ich ins leere Zimmer hinein. Wenn Maddy jetzt da wäre, würde sie was ganz Schlaues sagen wie: "Die Schublade gewinnt, hm?" Klar, wenn Maddy jetzt da wäre, wäre ich nicht nach Mitternacht wach und würde betrunken ihre persönlichsten Gedanken fleddern.

Ich zähle die Einträge, Berufskrankheit aus meiner Zeit in der Buchhaltung. Es sind knapp dreihundert, die zwei Jahre umspannen. Wenn ich jeden Tag einen lese, reicht es bis ins neue Jahr. Unklar ist, ob dieses Ritual eine Quelle der Qual oder ein Geschenk sein wird. Ich gieße mir noch einen Bourbon ein, weil niemand da ist, der mitzählt. Immerhin etwas.

10. Juni 2013

Jetzt brauche ich nur noch ein Einhorn auf dem Umschlag und einen herzförmigen Schlüssel, dann bin ich wieder sieben. Wie dem auch sei mit Tagebüchern – meins wird sicher öde. Keine Dramen mehr in meinem Leben, seit Mom mit ihrer letzten Jumboflasche Wein eine Handvoll Rivotril heruntergespült hat. Mehr dazu später, ganz bestimmt. Sogar tot schafft sie es hin und wieder, im Mittelpunkt zu stehen.

Ich will die Menschen vorstellen, über die ich schreibe. Mein Mann heißt Brady. Er ist klein, eins dreiundsiebzig, aber ich hatte mal einen großen Freund und musste sehr oft Nasenhaare betrachten. Er leitet die Finanzabteilung bei HT (eine Firma, die Software herstellt, die ich nicht ganz verstehe). Für mich heißt HT Hochaufwendige Tätigkeit, aber ich darf wegen seiner Arbeitszeiten nicht klagen, wir leben nämlich ganz gut von seinem Schweiß.

Seit sich meine Tochter ihren ersten ernsthaften Freund an Land gezogen hat, ist es ein bisschen einsam hier – daher dieses erbärmliche Tagebuch. Eve wird nächste Woche fünfzehn. Im Moment ist sie eher eine Strapaze für meine Nerven als die Liebe meines Lebens, aber am Ende des Teenagertunnels strahlt ein helles Licht, das mich wärmt. Ich kann überschauen, dass sie sich jetzt so verhält, weil sie intelligent und mutig ist, und das heißt, es wird Spaß machen, ihr beim Leben zuzusehen.

Heute kam sie aus der Schule nach Hause und erklärte: "Echt jetzt, ich geh nicht mehr in den Firmunterricht." Sie wollte, dass ich schockiert bin, also schwieg ich dazu. Es ist eher Bradys Seite, die mit der Kirche zu tun hat. Als ich das ganze Geschirr weggeräumt hatte, ohne zu reagieren, sagte sie: "Weißt du, woran das liegt, Mom? Die behaupten, Verhüten ist falsch, und dann zeigen sie allen die Knaus-Ogino-Methode. Aber Knaus-Ogino ist doch Verhütung – also echt jetzt, das nervt. Wieso sollte ich Mitglied in einer Institution sein wollen, die allen was vormacht?"

Eve ist fünfzehn! Ich konnte nicht anders, als sie zu fragen, ob sie denn verhüten muss. Angewidert verzog sie das Gesicht. "Du hast überhaupt nichts kapiert", sagte sie. Aber da irrte sie sich. Ich bewunderte ihre Haltung – ich musste nur mal kurz Mutter sein, ehe ich das Gespräch fortsetzen konnte. Dass ich mal kurz Mutter war, hat das Gespräch natürlich abrupt beendet.

Sonst nichts. Ein Bericht. Genau das wollte ich doch – die Bestätigung, dass wir normal waren – , aber jetzt ärgere ich mich. Man soll keine Schuld auf Tote abwälzen. Sie können sich nicht wehren. Ich will, dass Maddy eine Leiche im Keller hatte, die so groß ist, dass sie mich entlastet, einen Kokainbunker in der Waschküche zum Beispiel oder einen Liebhaber, der droht, die Affäre auffliegen zu lassen. Etwas, in dem ich keine Rolle spiele, ein Vergehen, das größer ist als meine Vergehen.

Ihr Lachen verfolgt mich. Zum ersten Mal habe ich es gehört, als die Frau am Empfang im Krankenhaus nach meinen Namen fragte und ich sie verständnislos ansah. Ich konnte Maddys Zitronenduft beschreiben. Ich konnte mich erinnern, dass ihre Lieblingsfarbe Gelb war und ihr Lieblingsfilm Die Rache der Eierköpfe, dass ihre Lieblingssocken alt waren und löchrig, mit Schweinchen drauf, die über den Mond sprangen, und neidisch zuschauenden Kühen auf einem Feld darunter, aber mein gottverdammter Name fiel mir nicht ein.

"Ich will Sie ja nicht aus dem Konzept bringen", kicherte die Frau am Empfang. Dann stimmte Maddy mit ein, und ihr Lachen hallte wider in meinem Kopf. Man hatte ihren Leichnam noch nicht freigegeben, aber sie war schon bei mir. Ich hielt mir die Ohren zu, um mich auf den Klang zu konzentrieren. Daraufhin hielt mich die Frau für komplett verrückt. Eine Antwort bekam sie schließlich von Eve.

Zum zweiten Mal hörte ich Maddy lachen, als Susan Dundel nach der Beerdigung Eintopf vorbeibrachte, in einem engen Red-Sox-T-Shirt mit dem Schriftzug "Bat Girl" über der Brust. Susan flirtet schamlos. Bei einem Nachbarschaftstreffen vor über zehn Jahren, als wir gerade nach Wellesley gezogen waren, hat Susan Maddy in eine Ecke gedrängt und gesagt: "Pass bloß gut auf ihn auf. Er wird reichlich Interessentinnen finden hier in der Stadt, mich eingeschlossen." Am selben Abend gab Todd Anderson einen bizarren Kommentar darüber ab, wie scharf Maddy sei – vor seiner Tochter Kara – , und fügte hinzu, er wünsche sich kurze Auszeiten für die Ehe. Die Dreistigkeit dieser Leute schockierte Maddy und mich, und sie sagte im Scherz, ich müsse Susan als Hauptverdächtige betrachten, sollte sie je auf mysteriöse Weise verschwinden.

Als Susan dann plötzlich vor der Tür stand, dachte ich kurz, sie hätte mit Maddys Tod etwas zu tun. Dieser Gedanke löste Maddys ungezwungenes Lachen aus. Mit paranoiden Verschwörungstheorien genau dieser Art hat sie mich immer aufgezogen. Der Klang ihres Gelächters brachte mich ganz durcheinander, so dass ich Susans Schüssel auf die großen spanischen Fliesen fallen ließ, die Maddy vor ein paar Monaten ersetzt hat. Als sie zerbrach, flog glitschiges Hähnchen in alle Richtungen, der perfekte Vorwand für Susan, ins Haus zu kommen. Sie marschierte schnurstracks in die Küche, schnappte sich eine Rolle Papiertücher und verschwand unter der Spüle, um Putzmittel und eine Mülltüte zu suchen. Susan fühlte sich sichtlich wohl, als hätte sie unsere Küche vorab ausspioniert, mit genau diesem Szenario vor Augen. Gleich darauf spreizte sie sich vor mir und sammelte die Brocken ein. Dann blickte sie auf und sagte in dem absurden Versuch, verführerisch zu klingen: "Brady, du und Eve, ihr braucht eine Frau, die euch hilft in eurem Schmerz, sonst überwältigt er euch noch." Weil ich keine Reaktion zustande brachte, ging ich einfach zur Haustür hinaus und immer weiter, ein Manöver, das ich auch bei Eve einige Male angewandt habe.

Es ist schrecklich, ich weiß. Aber mir bleibt nichts anderes übrig. Wenn mir die Realität meines neuen Lebens schlagartig bewusst wird, muss ich körperlich reagieren – Kampf oder Flucht. Instinktiv hätte ich Susan jetzt eine Rückhand verpasst; es kostete viel Beherrschung, einfach zu gehen. In solchen Momenten beruhigt mich Maddys Stimme. Geh einfach, sagt mir die Erinnerung an sie, also gehe ich. An diesem Abend bin ich bestimmt zehn Kilometer gegangen und habe mich dabei vor allem gefragt, wieso sich meine Frau den Kopf über den Austausch der Fliesen in der Diele zerbrochen hat, wenn sie sich umbringen wollte.

Sobald ich sie lachen höre, ist alles nicht mehr so schlimm. Viel schlimmer wird es, wenn jemand übergriffig mit meiner Trauer umgeht und Maddy nicht kommt, um mich zu retten. Dann verfestigt sich mein Zorn und explodiert. Es fing eine Woche nach der Beerdigung an, als Eve unbedingt wieder zur Schule gehen wollte. Maddys beste Freundin Paige hatte angeboten, sich mit der Vertrauenslehrerin zusammenzutun und Eve die letzten zwei Monate des Schuljahrs zu Hause zu unterrichten, doch Eve wies diesen Gedanken sofort zurück. Sie starrte uns böse an – mit vorgerecktem Kinn, wie Maddy – und sagte: "Dann haltet ihr es also für eine brillante Idee, mich noch mehr zu isolieren?" Paige und ich zogen die Köpfe ein.

Am nächsten Tag machte sich Eve auf den Weg zur Schule, also ging ich zur Arbeit. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Paula empfing mich vor meiner Bürotür und strahlte ein geübtes Mitleid aus. Maddy fand es wunderbar, dass meine Assistentin alt genug war, um ihre Mutter zu sein. "Und, wie halten Sie sich?", fragte sie und tätschelte meinen Rücken.

Jedes Mal, wenn ihre Hand mit meinem Hemd in Berührung kam, biss ich die Zähne fester zusammen. "Gut", antwortete ich und begriff, dass ich diese Frage den ganzen Tag beantworten würde. "Sind die Termine neu gemacht? Kann Jack heute Nachmittag kommen?"

"Ach, ich finde, das ist keine so gute Idee", sagte Paula mit dem knappen Lächeln einer Stewardess. "Ich habe heute Morgen mit Sally gesprochen … wir waren uns einig, dass Sie wahrscheinlich noch nicht so weit sind. Ob Sie vielleicht noch ein bisschen bei Eve bleiben? Halbtags arbeiten?"

Sally ist die Assistentin des Geschäftsführers und leistet ihm abends Gesellschaft, wenn er nicht bei seiner Frau ist – interessant, dass so jemand Ratschläge zum Thema Familie gibt.

Ich ballte die Fäuste, zwang mich, sie nicht zu heben, und artikulierte jedes Wort, als würde ich für Paula eine Fremdsprache sprechen. "Irgendwas sagt mir, dass der Tod meiner Frau den Rechnungsprüfern egal ist, und mit irgendeinem Beruf muss ich immer noch meine Tochter ernähren. Machen. Sie. Meine. Gottverdammten. Termine. Neu."

Paula stand sprachlos vor mir und erwartete eine sofortige Entschuldigung. Ich bin ihr gegenüber nie kurz angebunden gewesen, und auch sonst bei niemandem im Büro. Doch weil mein Leben seit neuestem nur noch ein großer Haufen Scheiße ist, genoss ich die Machtdemonstration. Ich schloss meine Bürotür und ging wieder an die Arbeit.

Nichts erinnert an Maddy in meinem Büro. Nicht mal ein Familienfoto auf dem Schreibtisch. Wie immer. Ich habe beides getrennt: hier mein Berufsleben, dort meine Familie. Jetzt gibt es die Arbeit, und es gibt meine Tochter. Firmen kaufen und verkaufen ist unendlich viel einfacher als die Kommunikation mit einer genervten Sechzehnjährigen. Und ein Unrecht zu erleiden, akzeptiert man eher, als zum Affen gemacht zu werden.

Die Autorin

Verlust und Tod hat die amerikanische Autorin Abby Fabiaschi früh erleben müssen, und so inspirierte sie das Thema zu ihrem ersten Roman. Fabiaschi, die bislang eine Führungsposition im Technologiesektor hatte, erfüllte sich damit einen Traum: hauptberuflich zu schreiben und mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Ihr erstes Werk ist amüsant, stimmt aber auch nachdenklich. Danach möchten Sie sofort Ihre Familie umarmen. Mit dem Buch will Fabiaschi Verbände unterstützen, die sich weltweit für das Wohl von Frauen und Kindern einsetzen: 20 Prozent ihrer Nettoerlöse wird sie spenden.

Buchtipp

"Für immer ist die längste Zeit" von Abby Fabiaschi ist für 14,99 Euro bei FISCHER Krüger erschienen und außerdem für 12,99 Euro als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Claudia Meitert; Fotos: PR

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© Autorenbild: Nina Subin


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