"Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen"

Leseprobe aus dem Debütroman der Drehbuchautorin Abbi Waxman: In "Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen" erzählt die Engländerin äußerst humorvoll die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die bei einem Gärtnerkurs so einiges über das Leben und die Liebe lernt.

Advertorial

LAVIVA-Buchpremiere

In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe dürfen Sie diesmal schmunzeln, denn es geht unter anderem um einen Walpenis, der eine kleine Beziehungskrise auslösen könnte. Mit Humor erzählt die Engländerin Abbi Waxman in ihrem ersten Roman "Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen" von Lilian, die vor drei Jahren ihren Mann verloren hat und nun alleinerziehend und meist multitasking durch die Welt hetzt. Damit der Titel bestens passt, taucht natürlich bald ein Mann auf...

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin April

Es ist fast drei Jahre her, dass mein Mann gestorben ist, aber in vielerlei Hinsicht ist er jetzt nützlicher denn je. Er ist ein hervorragender Gesprächspartner, wenn auch nicht besonders schlagfertig, und ein großartiger Gefährte, trotz seiner Unsichtbarkeit. Als Sündenbock ist er nicht zu toppen, weil er mir seit seiner Einäscherung nicht mehr widersprechen kann. Ich rede viel mit ihm, allerdings haben sich unsere Unterhaltungen von metaphysischen Überlegungen zum Sinn und Zweck des Sterbens zu typischen Ehegesprächen entwickelt, in denen es darum geht, was es zum Abendessen gibt und wessen Schuld es ist, dass die Steuererklärung mal wieder verloren gegangen ist.

Als er bei einem Autounfall starb, keine zehn Meter von unserer Haustür entfernt, dachte ich ernsthaft darüber nach, mich ebenfalls umzubringen. Nicht, weil mein Herz gebrochen war, was auch zutraf, sondern weil ich solche Angst vor den logistischen Herausforderungen eines Lebens ohne ihn hatte. Es war dann aber doch gut, dass ich es nicht getan habe, denn Junge, wäre er sauer gewesen, wenn ich ihn danach im Jenseits wiedergetroffen hätte. Er hätte mir die Ewigkeit im Himmel garantiert zur Hölle gemacht.

Ich fahre so vor mich hin und lasse meine Gedanken schweifen, da klingelt mein Telefon. Meine Schwester Rachel ist dran.

"Hey, Lil, holst du gerade die Kinder ab?" Der Klang ihrer Stimme bringt mich immer zum Lächeln.

"Genau. Deine minutiöse Kenntnis meines Tagesablaufes wirft irgendwie ein komisches Licht auf uns beide." Ich setze den Blinker, bremse und biege ab. Und das alles mit dem Telefon zwischen Schulter und Kinn. Manchmal erstaunen mich meine eigenen Multi-Tasking-Fähigkeiten.

"Kannst du mir auf dem Rückweg was besorgen?"

"Fahre ich denn zu dir?" Vielleicht habe ich unsere Verabredung ja vergessen, unmöglich ist das nicht.

Ich reihe mich in die Autoschlange vor der Schule ein und lächele die Aufsicht habende Lehrerin durch die Windschutzscheibe an. "Und was brauchst du genau? Ein Grundnahrungsmittel wie Milch oder was du sonst immer so willst: Schmiermittel oder Grillanzünder?"

Plötzlich klatscht eine kleine Handfläche gegen das Fenster und hinterlässt einen fettigen Abdruck. Ich zucke zusammen. Die Besitzerin der Hand, Annabel, späht mit zusammengekniffenen Augen ins Auto. Ihre kleine Schwester Clare steht hinter ihr und schaut abwesend in den Himmel. Hinter ihnen lächelt etwas schmallippig die Lehrerin und strahlt strapazierte Geduld gepaart mit unterschwelliger Drohung aus, damit ich die Kinder zackig einpacke. Ich drücke hastig den Entriegelungsmechanismus.

"Ich brauche ein Pfund Speck, Parmesan, Spaghetti, Eier, ein Brot und eine Flasche Rotwein. Und natürlich Butter", antwortet meine Schwester.

"Ich ruf dich gleich zurück." Ich lasse das Telefon geistesgegenwärtig auf den Boden gleiten. "Soll ich dir helfen, oder kannst du sie allein reinsetzen, Bel?"

"Ich schaff das schon."

Annabel ist erst sieben, besitzt aber die Kompetenz und Würde einer vierzigjährigen Karrierediplomatin. Sie ist schon so auf die Welt gekommen. Ruhig und besonnen meisterte sie das Stillen, Krabbeln, Breichen-Essen und alles andere, was ich von ihr verlangte. Sie betrachtet die Welt und ihre Familie mit einer gewissen Schicksalsergebenheit, so als wären wir leider ganz genauso, wie man uns im Prospekt beschrieben hat: nicht gerade berauschend, aber was will man machen? Sie schnallt Clare mit einiger Mühe an.

"Zu fest?"

Clare schüttelt den Kopf.

"Zu locker?"

Clare schüttelt den Kopf, den Blick aus ihren großen Augen vertrauensvoll auf die große Schwester gerichtet. Annabel nickt ihr zu und klettert dann in ihren eigenen Sitz, um sich selbst mit der Routine eines Testpiloten bei seinem fünfzigsten Flug anzuschnallen, nicht wie jemand mit Zahnlücke und Snoopy-Haarspange.

"Wir wären dann startklar", lässt sie mich wissen.

"Clare?" Ich will nur sichergehen, dass die Kleine seit dem Frühstück nicht vielleicht ihre Sprachfähigkeit verloren hat. Vermutlich hätte mich dann zwar ihre Lehrerin angerufen, aber bei all diesen Stellenkürzungen...

"Startklar, wunderbar." Okay, ein Lebenszeichen vom kleinsten Planeten.

Ich wühle im Fußraum nach meinem Handy, um Rachel zurückzurufen. Diesmal stelle ich es auf Lautsprecher, lege es mir auf den Schoß und schreie hinein.

"Hey, warum hast du nicht einfach gesagt, dass ich die Zutaten für Spaghetti Carbonara mitbringen soll? Und warum kannst du das Zeug nicht selbst auf dem Nachhauseweg besorgen?"

"Weil ich dir einfach gern kleine Aufgaben und Rätsel stelle, damit du nicht so träge wirst. Sonst schrumpft dein Hirn, und wer soll dann den Kindern bei den Hausaufgaben helfen?"

"Kochst du für uns mit?"

"Kann ich natürlich machen. Würde mich freuen. Warum schreist du mich eigentlich so an?"

"Ich schrei dich nicht an, Bluetooth funktioniert nur nicht mehr. Aber freut mich, dass du Abendessen machst." Ich biege links ab.

"Gehen wir in den Supermarkt?", fragt Annabel.

"Eins noch", fügt meine Schwester hinzu, "du müsstest mir erklären, wie man die Soße macht."

"Und fahren wir danach zu Tante Rachel?", fragt Clare.

Ich nicke und schüttele dann den Kopf. "Warte mal, Rach, eine Frage: Wenn ich schon einkaufe und das Abendessen koche, warum kommst du dann nicht gleich zu uns?"

Sie schweigt einen Moment und sagt dann: "Oh, das ist ja eine viel bessere Idee. Danke! Wir sehen uns dann später. Tschüs!"

"Halt", unterbreche ich sie. "Wenn du vorbeikommst, kannst du auch einkaufen. Ich habe die Kinder, schon vergessen?"

"Oh, ja. Okay." Damit legt sie auf.

Ich schaue Clare im Rückspiegel an. "Nein, Süße, Tante Rachel kommt zu uns."
Die Kinder scheinen begeistert. Und warum auch nicht? Immerhin ist sie mühelos in der Lage, die Bitte um einen Gefallen in eine Einladung zum Abendessen zu verwandeln, und bringt es dabei noch fertig, dass man sich darüber freut.

 

[...]

 

Ich bin Illustratorin, was romantisch klingt - als würde ich meine Tage mit einer Aquarellpalette auf dem Schoß unter einem Baum verbringen, durch dessen üppiges Laub das Sonnenlicht fällt. In Wirklichkeit kauere ich den ganzen Tag auf einem Bürostuhl vor dem Computer und ruiniere mir den Rücken. Sonnenlicht gibt es allerdings, immerhin wohnen wir in Südkalifornien.

Am liebsten mache ich traditionelle Illustrationen, so Sachen mit Stift und Farbe, und manchmal träume ich davon, mehr Zeit dafür zu haben, aber als ich mich auf die Suche nach einem Job machte, fand ich nur einen bei einem Schulbuchverlag. Ich dachte, dass er ein gutes Sprungbrett für Größeres sein würde, aber inzwischen ist dieser Job für mich wie ein riesiger, gemütlicher Sessel -  mit gutem Gehalt, Zusatzleistungen, Kaffee umsonst und allen Lehrbüchern für Zweitklässler, die ich mir nur wünschen kann. Ich lerne alle möglichen interessanten Dinge, ich zeichne Bilder, die sich die Kinder auch wirklich ansehen und die sie mit kleinen Hüten und Schnurrbärten bekritzeln. In der Illustrationsabteilung sind wir zu viert, hinzu kommen noch ein paar Vollzeit-Autoren, drei Faktenprüfer und eine Redaktionsassistentin, die schon immer hier war. Sie blickt auf, als ich an diesem Morgen durch die Tür komme, und schürzt die Lippen.

"Die Faktenprüfung hat deinen Walpenis zurückgeschickt, Lilian."

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. "Rose, wie lange hast du darauf gewartet, diesen Satz endlich einmal sagen zu dürfen?"

Sie verzieht keine Miene. "Ich bin um sieben gekommen. Ein paar Stunden sind es also schon."

Ich gehe weiter, und sie ruft hinter mir her: "Aber es hat sich gelohnt!"

"Sag der Besserwisserabteilung, dass sie ihren Penis morgen früh wiederbekommen."

Sie hüstelt. "Ich habe ihnen leider schon gesagt, dass sie ihn heute Abend wiederhaben können."

Ich bleibe stehen und drehte mich zu ihr um. "Und warum hast du das getan?"

Sie blickt nicht von der Zeitschrift hoch, die sie unter dem Schreibtisch versteckt. "Weil ich so sagen konnte: 'Wir versuchen, euch euer Geschlechtsteil schon heute Abend zu schicken, aber es wird hart.'"

"Ich verstehe, dass du dir das nicht entgehen lassen konntest."

"Es musste einfach sein."

Meine Kollegin sieht von ihrem Computer auf, als ich eintrete. "Hey, hat dir Rose vom Penis erzählt?"

"Ja, das hat sie. Soll ich dir noch mit deinem Biologiebuch helfen?"

"Die Entwicklung des Hühnereis? Das hat Zeit."

"Gut, danke."

Sasha zuckte die Achseln. "Eigentlich sollte das Huhn sowieso zuerst kommen..."

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Die Kreativabteilung von Poplar Press ist normalerweise eigentlich kein Mekka für Standup-Comedians. Oft ist es hier auch ziemlich öde, besonders, wenn wir gerade einen Chemietext bebildern müssen oder so. Aber manchmal hat die Arbeit hier ihre Minuten, und dann gibt es da ja noch den Gratis-Kaffee.

Ich setze mich, öffne die Walpenisakte und starre hinein. Es ist keine ganze Akte voller Walpenisse (Penii?), sondern nur eine ziemlich kleine Illustration für ein Veterinärfachbuch. Ich hatte mich schon gewundert, dass sie überhaupt enthalten sein sollte. Gründlichkeit und Genauigkeit sind natürlich wichtig, aber wieviele Tierärzte kommen wohl im Laufe ihres Berufslebens in die Verlegenheit, einen Walpenis behandeln zu müssen? Es ist ja nun nicht gerade häufig so, dass man mit seinem kranken Sittich kaum mehr ins Wartezimmer passt, weil darin schon wieder ein impotenter Wal mehrere Stühle belegt und nervös auf die Sprechstunde wartet.

Ich schaue in meine E-Mails: Die Faktenprüfer haben die Illustration wegen eines Rechtschreibfehlers in den Beschriftungen zurückgeschickt. Wie ist der ihnen überhaupt aufgefallen? Ich greife nach dem Telefon und wähle.

"Faktenprüfung, Al am Apparat."

"Al, hier ist Lili."

"Hallo, Lili, tut mir leid mit deinem Penis."

Ich setze mich auf meinem Stuhl zurecht. "Herrgott nochmal, was habt ihr nur alle heute Morgen? Dieser Penis bringt euch ja ganz  aus der Fasson."

"Offenbar."

"Ich hätte da mal eine Frage, Al. Woher wusstet ihr eigentlich, dass die Beschriftung falsch ist? Der Redakteur hat sie mir genauso geschickt. Womit arbeitet ihr da bloß? Mit einer Penis-Enzyklopädie? PenisCheck2000?"

Ich kann sein Grinsen hören. "Die Quellen der Faktenprüfung kann ich natürlich nicht offenlegen. Dann müsste ich dich töten, und wir würden unsere beste Illustratorin verlieren."

Ich wende mich an Sasha. "Dein Freund hat gerade gesagt, dass ich hier die beste Illustratorin bin."

Wir hören beide, wie Al aufjault. Sasha zuckt mit den Achseln, ohne sich umzudrehen.

"Sag ihm, dass ich sowieso jedes Interesse an ihm verloren habe, seit ich weiß, wie Moby Dick ausgestattet ist."

"Al, sie verlässt dich für einen Meeressäuger."

"Schon wieder? Nein, jetzt mal ernsthaft, unser Kollege im Aquarium hat den Fehler entdeckt, und der  Redakteur hat bestätigt, dass er die falsche Beschriftung weitergeleitet hat."

"Oh, na dann. Ich wusste gar nicht, dass ihr da einen zahmen Waljungen auf Abruf habt."

"Wie gesagt, ich kann meine Quellen nicht offenlegen, aber was glaubst du denn, wie drei schmuddelige Typen mit geisteswissenschaftlichen Abschlüssen dieses ganze Zeug nachprüfen? Wir verfügen über ein fettes Rolodex voller Telefonnummern von schlauen Menschen mit ausgesprochen begrenzten Spezialgebieten."

"Guter Punkt, Al." Ich lege auf, verbessere die Beschriftung und schicke das Dokument an Rose.

Lesen Sie hier, wie es weiter geht

 Am nächsten Tag hat Clare nach der Vorschule eine Verabredung zum Spielen. Samantha ist in ihrer Klasse, sammelt Littlest-Pet-Shop-Figuren und kann die Namen und alle Metamorphosen von dreihundert verschiedenen Pokémons herunterrattern, daher sind sie die allerbesten Freundinnen. In dieser Hinsicht sind kleine Mädchen wie erwachsene Männer, sie brauchen nur ein oder zwei Gemeinsamkeiten, um sich offiziell Freundschaft zu schließen. Angeln. Golf. Das Interesse an weiblichen Brüsten. Unglücklicherweise können Samanthas Mutter und ich beim besten Willen keine einzige Gemeinsamkeit finden, deshalb bringe ich sie nur dorthin und gehe sofort wieder. Zwar keine Todsünde in der Welt der Mütter, aber vermutlich ein Fauxpas. Mir egal. Wenn sie mich aus dem "Mutter-des-Jahres-Club" werfen wollen, dann können sie mich mal. Ist sowieso ein doofer Club.

Rachel ruft mich an, als Annabel und ich schon fast zuhause sind.

"Ich wollte dir anbieten, Clare von ihrer Freundin abzuholen und sie dir anzuliefern."

"Du willst heute Abend schon wieder kommen? Zwei Abende nacheinander?" Ich halte inne. "Sind die Kammerjäger wieder in deiner Wohnung? Oder dieser Typ, der davon überzeugt ist, dass du mit ihm verheiratet bist?"

"Mein Ex-Mann? Nein, ich ziehe die Gespräche mit den Kindern nur der Stille in meiner Wohnung vor, und deine meinen eigenen Kochkünsten."

Ich warte. Sie ist eine ehrliche Haut, sie kann nicht lügen.

"Okay, der Pizza vom Lieferservice. Aber wenn du hier sarkastisch werden willst, kannst du dein Kind gerne auch selbst abholen."

Sie holt sie natürlich, und ich bin ihr dankbar. Natürlich hat auch das wie alles seinen Preis, denn sobald die Kinder schlafen, beginnt Rachel mit ihrer Kampagne zur Wiederbelebung von Lilis Liebesleben.

Wir lümmeln auf dem Sofa vor dem Fernseher. Wir schauen gar nicht fern, aber er läuft. Gott verhüte, dass wir womöglich ganz still mit unseren eigenen Gedanken dasitzen müssen. Als Dan noch am Leben war, haben wir oft stundenlang nur so dagesessen, ohne ein Wort zu sagen. Es war himmlisch.

"Du hast fast drei Jahre keinen Sex mehr gehabt, oder?" Rachel hat ihre Socken ausgezogen und begutachtet ihre Zehen.

Ich zucke mit den Achseln und versuche halbherzig, Lego-Steine in den Eimer in der Ecke zu werfen. "Mehr als drei Jahre, wenn man mal das letzte Jahr unserer Ehe dazuzählt. Ich war schwanger, und dann kam das Baby."

Sie sieht mich finster an. "Ich dachte immer, Ehepaare haben die ganze Zeit Sex?"

"Na klar, im Fernsehen."

"Also das kannst du mir nicht weismachen."

"Das versuche ich auch gar nicht."

Ich habe keine Legosteine mehr zum Werfen, gerade jetzt, wo ich den Bogen richtig raus habe, also mache mit den My little Pony-Figuren weiter. Ein anderer Eimer, und man muss das Gewicht der Mähne in die Flugbahn mit einrechnen. Meine Wohnung ist genau einmal die Woche ordentlich, nämlich wenn die Putzfrau da war, und das hält dann ungefähr zwanzig Minuten. Ich bin im Stil Frühkindliche Förderung eingerichtet, mit einem Rest von Jungverheiratetes-Paar, das versucht, sich eine Oase zu schaffen. Ruhige Farben hauptsächlich und natürliche Materialien, überzogen von einer Patina aus Fingerfarbe und Plastikfigürchen. Als ob ein Spielwarenladen und ein Zen-Kloster miteinander gekämpft hätten, wobei der Spielwarenladen schnell die Oberhand gewonnen hat und das Zen-Kloster nur noch passiven Widerstand leistet. Was es wahrscheinlich auch im wirklichen Leben täte.

Rachel liegt auf dem Sofa und macht halbherzig ein paar Sit-ups. Ich bin schockiert.

"Treibst du da etwa Sport?"

"Nein, ich versuche, an die Fernbedienung zu kommen."

"Ach so."

Sie findet sie unter ihrem Hintern und zappt durch die Sender. Dann bleibt sie bei einer Kochshow hängen und widmet sich wieder ihren Zehen. "Hast du vielleicht mal Nagellack?"

Ich stehe sehr langsam auf. Früher bin ich immer auf die Füße gesprungen. Ich konnte aufstehen und mich wieder hinsetzen, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Wenn ich jetzt länger als fünf Minuten in einer Haltung verharre, kriege ich sofort einen Krampf. Ich fühle mich wie der Zinnmann aus dem Zauberer von Oz: Öl...Kanne...

Leise schleiche ich ins Zimmer der Kinder und hole einen kleinen Korb. "Es gibt fünf Rosatöne, drei Lilaschattierungen, Gold, Glitzer, ein Grün, das nach Pfefferminz riecht und einen Miniaturnotenständer, der wahrscheinlich mal zu irgendwas gehört hat...das wär's."

Sie hebt die Augenbrauen. "Ist das Annabels Sammlung?"

Ich nicke.

"Wann hast du dir das letzte Mal die Zehennägel lackiert?"

Ich zucke mit den Schultern. "Wer ist gerade Präsident der Vereinigten Staaten?"

Sie seufzt, weil sie an mir verzweifelt. "Du warst mal eitel, Himmel, Arsch und Zwirn! Ich habe dich damit aufgezogen, dass du morgens Stunden im Badezimmer verbracht hast. Du hast sogar darauf geachtet, dass dein Lidschatten zur Farbe deiner Schuhe passt."

"Ich habe geheiratet und Kinder bekommen. Mein Mann ist gestorben. Ich lasse mich gehen."

Sie sieht mich finster an. "Du bist immer noch umwerfend. Unter all diesem... Schmuddel."

"Schönen Dank auch."

"Du weißt, was ich damit meine. Du und Dan, ihr wart doch die hipsten aus dem ganzen Jahrgang. Das Traumpaar, die Künstler. Die heißesten Typen im Jahrbuch."

"Ist ja gut, reg dich ab. Ich war süß. Dan war süß. Schon verstanden."

"Und du bist immer noch total scharf, du verkleidest dich nur als Muttertier." Sie beugt sich vor, um ihren Worten Gewicht zu verleihen, und wenn ich wollte, könnte ich ihr auf die Nase hauen. Ich denke kurz darüber nach.

"Wow, Rach, das ist jetzt aber wirklich aufbauend. Lass uns doch mal das Thema wechseln."

Sie schaut mich böse an, gibt aber auf und fängt an, ihre Zehennägel bunt zu lackieren. Ich hole mein Skizzenbuch heraus und fange an, sie zu zeichnen. Sie ist wunderhübsch, obwohl sie dazu neigt, mein Privatleben bestimmen zu wollen. Lange, goldene Mähne, dick und wellig und ganz anders als mein Haar, ein Engelsgesicht und das Gehirn einer erfolgreichen Steuerberaterin, oder so. Großartige Figur, muskulös und üppig, ohne dass sie dafür auch nur irgendetwas tun müsste. Aber keine Sorge, sie geht schon auch noch auseinander, wenn sie Kinder bekommt.

Sie schraubt den Nagellack zu und macht ihr ernsthaftes Gesicht. "Hör mal, hier geht es um deine offensichtliche Weigerung, einen Mann kennen zu lernen. Oder ein Mädchen. Oder zwei Mädchen und einen Typen, egal. Dan ist jetzt schon eine ganze Weile tot. Du bist immer noch jung und attraktiv und lustig und sexy, und es ist höchste Zeit, dass du rausgehst und ein bisschen lebst."

"Rachel, er ist nicht mit einer Cocktail-Kellnerin namens Lurlene nach Nebraska durchgebrannt. Er ist gestorben. Plötzlich und unerwartet bei einem schrecklichen Autounfall, den ich praktisch mit angesehen habe. Es ist ein Schock, wenn jemand, den man liebt, einfach so aus dem Leben gerissen wird. Man braucht Zeit, um sich davon zu erholen. Ich habe mich noch nicht davon erholt. Lass es sein."

Ich will nicht sauer auf sie werden, weil ich weiß, dass sie es gut meint, aber diese Unterhaltung ist jedes Mal so anstrengend. Also stehe ich auf, um nach den Kindern zu sehen, und hoffe, dass sie meinen nicht gerade zarten Hinweis kapiert hat und das Thema wechselt.

Es funktioniert. Als ich zurückkomme, ist sie fertig mit ihren Nägeln und bereit, sich anderen Dingen zuzuwenden. "Hey, beinahe hätte ich's vergessen: Alison hat gefragt, ob sie mal auf die Kinder aufpassen kann."

Das ist etwas, was mich jedes Mal zutiefst erstaunt. Leute, die ich kaum kenne, bieten mir an, auf meine Kinder aufzupassen. "Warum um Himmels willen möchte sie das tun?"

"Weil viele Leute glauben, es macht großen Spaß, mit Kindern zusammen zu sein. Vermutlich hast du das auch mal geglaubt, oder war ihre Empfängnis eine Bewährungsauflage? Ich weiß, dass Dan nicht allzu scharf auf das Kinderkriegen war, also müssen sie deine Idee gewesen sein."

Das stimmt teilweise. Dan hat öffentlich immer eine gewisse Gleichgültigkeit zur Schau getragen, was Babys anging, jedenfalls, bevor Annabel auf die Welt kam. Aber von der Minute an, in der wir wussten, dass wir schwanger waren, freute er sich. Er lag neben mir, flüsterte mit meinem Bauch und antwortete auf irgendwelche Fragen, die er zu hören vorgab. "Nein, das war das Sekretariat", sagte er zum Beispiel, oder "Iss einfach, was du findest", oder "Ja, natürlich darfst du ein Pony haben."

"Naja, vielleicht sollte Alison lieber mal vorbeikommen und die Kinder kennenlernen, bevor sie sich freiwillig zum Babysitten meldet."

Rachel seufzt. "Lili, sie hat sie ungefähr schon fünfzig Mal gesehen. Alison ist die Empfangsdame in meinem Büro. Sie hat schon tausend Mal auf sie aufgepasst, als du in der Klappse warst und ich in Arbeit ertrunken bin."

"Es war keine Klappse, sondern ein Krankenhaus."

"Mit Schlössern an den Türen."

"Das ja."

"Und massenweise Lithium und Chlorpromazin und Leuten, die sich für Amelia Earhart hielten."

"Das war doch nur der eine Typ."

"Egal. Du versuchst abzulenken. Wann sind wir das letzte Mal zusammen in die Stadt gegangen? Wann hast du zum letzten Mal zu viel getrunken und etwas Peinliches getan?"

"Ich wiederhole meine Frage: Wer ist noch mal gerade Präsident?"

Sie greift nach dem Telefon. "Es reicht. Ich rufe Alison an. Wir gehen morgen Abend aus."

"Freitagabend? Hast du denn gar keine Pläne?"

"Doch", erwidert sie, "ich gehe mit meiner Schwester aus. Sie ist in dieser Pfarrgemeinde die alte Jungfer und verknöchert langsam ein bisschen."

Ich schüttele erneut den Kopf, diesmal mit Nachdruck. "Nein, Rach, ich will nicht."

Aber sie telefoniert bereits mit Alison und organisiert die Kinderbetreuung. Naja, ich kann auch noch in letzter Minute absagen.

Sie legt auf. "Also, das wäre geregelt. Aber wehe, du sagst in letzter Minute ab. Ich weiß genau, was du gerade denkst."

"Ich? Aber überhaupt nicht."

Die Autorin

Von Null auf Hundert mit einem Roman: Die Engländerin Abbi Waxman schrieb mit "Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen" ihr erstes eigenes Buch (vorher fungierte sie nur einmal als Ghostwriterin für Nicole Ritchie), und erlebt gerade den großen Durchbruch. Das Werk wurde auf Anhieb in 14 Länder verkauft. Früher arbeitete Waxman für verschiedene Werbeagenturen in London und New York, später schrieb sie als Drehbuchautorin fürs amerikanische Fernsehen. Heute lebt Waxman mit ihrem Mann, drei Kindern, drei Hunden und sieben Hühnern in Los Angeles.

Buchtipp

"Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen" von Abbi Waxman ist für 9,99 Euro im Verlag rororo erschienen und außerdem für 4,99 Euro als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Alina Sawallisch; Fotos: PR

© ROWOHLT VERLAG GmbH, Reinbek. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: Leanna Creel


IVAs Blog

Netzfundstücke, Hilfreiches, Schönes: Hier schreibt IVA, über alles was sie bewegt!

LESEN
Gewinnspiele

Aktuelle Gewinnspiele aus den Bereichen Beauty, Mode, Reise und Design!

Mitmachen