"Gesund beginnt im Mund"

Leseprobe von einem renommierten Kieferorthopäden: In "Gesund beginnt im Mund" erklärt Dr. Hubertus von Treuenfels den Zusammenhang zwischen Mund, Körper und Seele.

Advertorial

LAVIVA-Buchpremiere

Wussten Sie, dass eine Konzentrationsschwäche oder eine hohe Infektanfälligkeit daher kommen kann, dass Sie durch den Mund statt durch die Nase atmen? Oder dass Zähneknirschen gern mal Rückenschmerzen auslöst? Die exklusive LAVIVA-Leseprobe aus dem Sachbuch "Gesund beginnt im Mund" beschäftigt sich mit den Beschwerden, die ihre Ursache eventuell im Mund haben. Autor ist der renommierte Kieferorthopäde Dr. Hubertus von Treuenfels, der hier den Zusammenhang zwischen Mund, Körper und Seele erklärt - inklusiver praktischer Tipps zur Selbsthilfe

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin Februar

Es ist noch nicht allzu lange her, dass sich auch in der westlichen Welt Erkenntnisse aus der traditionellen chinesischen Medizin durchgesetzt haben. Diese weisen den zahlreichen energetischen Wechselbeziehungen zwischen den Organen einen entscheidenden Stellenwert bei der Behandlung von Krankheiten zu. So können schon kleine Entzündungsherde, gerade auch im Mund, auf Dauer verheerende Auswirkungen auf andere Körperregionen und Organe haben, selbst wenn diese quasi am anderen Ende des Ursprungsortes liegen. Im meinem Fall waren es die Nieren, die durch dauerhaft entzündete Schneidezahnwurzeln zunehmend belastet und geschwächt wurden. Da die Nieren zentral für die Ausscheidung von Giften sind, war ich also immer leicht vergiftet und dadurch geschwächt sowie anfällig für zahlreiche neue Erkrankungen.

Von dem versteckten Nierenleiden wusste ich zunächst nichts, aber wegen all der anderen Symptome nahm ich mir irgendwann fest vor, den Teufelskreis aus Angst vor dem Zahnschmerz und vor dem Zahnarzt zu überwinden und mich meinem Zahnleiden furchtlos zu stellen. Also studierte ich Zahnmedizin. Nach meinem Studium begegnete ich dem alternativen Zahnmediziner Augusto Beozzo, der mich lehrte, die systemischen Zusammenhänge von Zähnen, Mund und Körper zu erkennen. Seine Behandlungsmethoden elektrisierten mich förmlich, sah ich darin doch einen Weg, wie ich nicht nur mein eigenes Leiden heilen, sondern auch anderen Menschen helfen konnte. Als ersten großen Schritt ließ ich meine chronisch entzündeten Schneidezähne operativ entfernen, wodurch endlich das Störfeld beseitigt wurde, das meine Nieren so sehr beeinträchtigt hatte. Die Erfahrung, wie es sich anfühlt, von einem derartigen Leiden befreit zu werden, war der Beginn meines leidenschaftlichen Interesses für die ganzheitliche Zahnheilkunde.

Der Mensch und sein Mund

Kein anderes Organ ist gleichzeitig an so vielen Funktionen des menschlichen Organismus beteiligt wie der Mund. Er spielt eine zentrale Rolle beim Atmen, beim Essen und beim Sprechen. Doch wie groß der Einfluss ist, den der Mund auf Körper und Seele hat, ist den wenigsten bewusst.

Mit einfachen Übungen, die Sie problemlos in Ihren Alltag einbauen können, gibt es konkrete Anleitungen zur Selbsthilfe. Es sind Übungen, die Sie am eigenen Leib erleben lassen, wie unser Körper wirklich tickt. Mit dieser Hilfe können Sie tatsächlich besser atmen, saugen, kauen und schlucken lernen. Denn gerade diese Grundfunktionen des Mundes haben einen ganz entscheidenden Anteil an unserem Wohlbefinden und damit an unserer Lebensqualität. Wer denkt schon bei körperlichen Beschwerden als Ursache an seinen Mund?

Natürlich geht nicht jedes Unwohlsein von unserem Mund aus. Doch es lohnt sich, immer auch im Mund nachzuschauen, wenn Sie sich nicht richtig gesund fühlen oder Beschwerden haben. Wichtig ist dabei zweierlei: Zum einen sollten Sie auch banale, scheinbar unwichtige Beschwerden ernst nehmen. Die erschweren uns nicht nur das tägliche Leben, sondern schädigen vielleicht sogar unseren Körper oder schlagen sich in zermürbender Weise auf unser Gemüt. Zum anderen denken wir zu selten und oft viel zu spät an unseren Mund, die Zähne, Kieferknochen und Gelenke, wenn wir morgens kaum aus den Federn kommen. Dassselbe gilt für einen möglichen Zusammenhang zwischen Zunge, Gaumen, Rachen und nächtlichen Atemaussetzern mit Tagesmüdigkeit oder dem gefährlichen Sekundenschlaf am Lenkrad.

Viele Menschen leiden unter ständigen Kopfschmerzen und lästigen Verspannungen im Kiefer- Gesichtsbereich. Diese Beschwerden können zu Schmerzen in Hals, Nacken und Schultern, zu Wirbelsäulen- und Rückenschmerzen, Ohrgeräuschen, Hörschwäche, Atemproblemen und Verdauungsstörungen führen. Andere plagen sich mit anfallartigen Schwindelzuständen, Schlafmangel und Bluthochdruck. Diese Symptome sind nicht nur lästig und bedrückend, sondern oftmals auch Vorboten für ernsthafte Erkrankungen. So kann etwa Schlafmangel und Bluthochdruck im Extremfall zum Erschöpfungssyndrom mit bedrohlichem Leistungsabfall führen, besser bekannt unter dem Modebegriff "Burnout". Und für all das lassen sich nur allzu oft im Mund die Ursachen finden.

Kein Mensch will leiden. Wir wollen der Ursache auf den Grund gehen, jeder möchte gesund werden. Also lassen wir uns untersuchen, begeben uns in Therapien und nehmen Medikamente. Der Fehler liegt allerdings oft darin, dass Sie sich selbst oder auch Ärzte zu oft von der Position des Schmerzes leiten lassen. Leider verorten viele Therapeuten und Mediziner eine Beschwerde oder eine Erkrankung dort, "wo es wehtut". Also lassen wir uns den Rücken massieren, wenn wir Rückenschmerzen haben, oder nehmen ein Schmerzmittel, wenn Kopf oder Bauch wehtun. Aber keine unserer Körperregionen existiert separat. Alle sind miteinander verbunden. Und so bekämpfen wir mit lokalen Maßnahmen oftmals nicht die Ursache, sondern nur das Symptom.

Doch wie, fragen Sie mit Recht, gelangen Patienten, Ärzte und Therapeuten an die eigentlichen Ursachen von Leiden und Beschwerden? Genau hier kommt dem Mund-Nasen-Rachenraum eine entscheidende Bedeutung zu. Gerade im Mund findet in jedem Moment unseres Lebens über die Atmung, die Verdauung und die Bewegung der umfangreichste Austausch zwischen außen und innen statt.

Wenn wir verstehen, wie unser Oro-Nasal-Raum, diese Schleuse zwischen innen und außen, funktioniert, und wenn wir lernen, diese aktiv zu steuern und zu pflegen, dann können wir auch ganz gezielt Beschwerden und Erkrankungen im gesamten Körper vorbeugen und heilen.

Welchen Einfluss eine gestörte Mundfunktion auf unsere Gesamtgesundheit hat, lässt sich eindrücklich am Fall einer fünfundvierzigjährigen Patientin illustrieren. Sie litt an Bluthochdruck. Dagegen hatte ihr der Hausarzt Betablocker verschrieben. Leider hatte er weder nach ihren Lebensgewohnheiten, ihrem Ess- und Trinkverhalten, noch nach ihren körperlichen Aktivitäten und anderen Dingen gefragt, die den Kreislaufbefund hätten erklären können. Die Folge war, dass die Patientin sich immer schwächer fühlte und mit der Zeit immer massiver unter Schlafproblemen litt.

Die medizinische wie emotionale Situation der Frau schien ausweglos. Als sie zu mir kam, war sie deshalb sichtlich verwundert, als ich ihr statt neuer Medikamente nur eine vergleichsweise unauffällige Zahnspange für die Nacht anpasste und sie bat, die Dosis ihres blutdrucksenkenden Mittels in Rücksprache mit ihrem Hausarzt allmählich zu reduzieren. Ich erklärte ihr, dass der zierliche Apparat im Schlaf gezielte Reize setzt, sobald er bestimmte Mundbereiche berührt. Mit dem Effekt, dadurch Saugreflexe auszulösen. Da der Mund auch in der Nacht, schon allein durch das Schlucken, nie länger still steht, funktioniert dieser Reiz-Reaktions-Mechanismus meistens auch gegen das Schnarchen. Denn wer saugt, sorgt dafür, dass die Zunge automatisch den hinteren Gaumen abschließt, die Nasenatmung aktiviert und auf diese Weise das Schnarchen verhindert. So bedienen wir uns der angeborenen Reflexe, ohne die wir bereits als Säuglinge ziemlich arm dran gewesen wären und die uns bis ins hohe Alter erhalten bleiben. Das erfreuliche Ergebnis: Der Patientin ging es bereits nach der ersten Nacht deutlich besser.

Warum es besser ist, den Mund geschlossen zu halten

Die Mundatmung ist heutzutage die unmittelbarste und verbreitetste Funktionsschwäche des Menschen. Eine mögliche chronische Schwächung oder körperliche Erkrankung bringen die meisten Menschen wie gesagt nicht mit ihrer Mundatmung in Zusammenhang. Wer dauerhafte Störungen des Allgemeinbefindens an sich beobachtet, wie leichte Ermüdbarkeit, Infektanfälligkeit, Unruhe, Mangel an Aufmerksamkeit und Konzentrationsschwäche, sollte ab sofort bitte bedenken, dass er vielleicht unter der Mundatmung leidet.

Sind Sie ein Mundatmer? Kleiner Atemtest

Welche massiven Auswirkungen die Mundatmung auf unsere Gesundheit hat, wissen Sie nun. Wenn Sie deshalb wissen möchten, ob auch Sie zu den Betroffenen gehören, die unter dieser Fehlfunktion leiden, schlage ich Ihnen Folgendes vor: Schauen Sie durch einen Spiegel von unten auf ihre Nasenlöcher und beobachten Sie, ob sich (natürlich bei geschlossenem Mund) bei tiefer und kräftiger Einatmung Ihre Nasenflügel auch wirklich weiten. Je mehr Luft Sie benötigen, desto stärker müssen sich Ihre Nasenlöcher öffnen. Wenn diese sich dabei aber enger stellen und Sie bei der Nasenatmung weniger oder gar keine Luft mehr bekommen, kollabieren die Nasenflügel leicht, das heißt, sie klappen nach innen und verengen den Atemweg. Sehr wahrscheinlich kommen Sie bei größerer Anstrengung dann mit Ihrer Nasenatmung nicht mehr aus. Vielleicht reicht die Luft noch für das gemächliche Spazierengehen, spätestens aber beim Treppensteigen, Fahrradfahren und ähnlichen Aktionen, die gern etwas mehr Puste brauchen, schalten Sie dann aber sicher auf eine Mund- bzw. Mischatmung um. Die Diagnose würde in dem Fall lauten: Ihre Nasenflügelmuskeln sind zu schwach, ungeübt und ohne Spannkraft. Das muss aber längst nicht so bleiben! Sie können Ihre Nasenflügelmuskeln durch die im nächsten Abschnitt genannten Übungen fordern und stärken. Auf Dauer können sich Ihre Muskeln dann allmählich wieder auf die normale Nasenatmung umstellen.

Mein Tipp:

Stellt sich heraus, dass Ihre Nasenatmung aus dem einen oder anderen Grunde behindert oder gar blockiert ist, können Sie selbst dafür sorgen, den Idealzustand beim Atmen zu erreichen. Zum Glück hat uns die Natur mit einem ziemlich beweglichen Nasenvorhof ausgestattet, dessen Knorpel- und Muskelgewebe wie Luftklappen weiter und enger gestellt werden können. Wenn wir nun mit bewusst geschlossenem Mund anders als gewohnt durch die Nase ein- und ausatmen, geschieht etwas Neues: Die Nasenflügelmuskeln und benachbarte mimische Muskeln werden nun gefordert. Sie müssen sich blähen, um mehr Luft durchzulassen, was vorher einfacher und bequemer durch den Mund ging. Je stärker wir einatmen, desto größer wird der Unterdruck, gegen den sich die kleinen Hebemuskeln wie bei einem Schirm aufspannen müssen. Wenn das ansatzweise gelingt, ist es "nur" eine Übungssache, eine Frage der Zeit, bis wir uns allmählich eine normale Nasenatmung schließlich angewöhnen.

Eine Kostprobe für dieses befreiende Atemgefühl kann auch sehr motivierend wirken: Legen Sie Ihre beiden Zeigefinger jeweils seitlich und etwas oberhalb Ihrer Nasenflügel auf die Haut. Ziehen Sie diese nun nach außen und oben Richtung Wangenknochen, während Sie dabei kräftig und tief einatmen. Dann wiederholen Sie das intensive Einatmen, ohne die Finger zu Hilfe zu nehmen. Der Unterschied ist oft frappierend. Sie bekommen so eine Ahnung davon, wie viel Nasenatmung man noch aus der Reserve locken kann. Je mehr Luft dann durch die Nasenhöhlen strömt, desto freier wird dieser Atemweg. "Am Ende will man gar nicht mehr zurück, weil man jetzt vergleichen kann: Durch die Nase zu atmen, fühlt sich viel angenehmer und entspannter an", sagte einmal ein Patient.

Was ist mit Ihnen: Wollen auch Sie endlich frei durchatmen?

Lesen Sie hier, wie es weiter geht

Aus meiner Praxis - oder warum Zähneknirschen zu Rückenschmerzen führen kann

Welche massiven Auswirkungen Fehlstellungen des Gebisses und Fehlfunktionen des Kiefergelenks auf die gesamte Gesundheit und damit auf die Lebensqualität haben können, möchte ich Ihnen anhand drei Fallgeschichten aus meiner Praxis demonstrieren.

Eine Frau M. kam in meine Praxis, weil sie an einem extremen Drehschwindel litt. Wegen der ständigen überfallartigen Attacken, die sie oft zu Fall brachten, traute sie sich nicht mehr, das Haus zu verlassen. Jahre zuvor war sie von ihrem Arzt mit der Prognose entlassen worden, gegen die sogenannte Meniere'sche Krankheit, an der sie leide, gäbe es keine wirksame Therapie. Ein HNO-Arzt jedoch hatte sie mit dem Verdacht auf eine sogenannte cranio-mandibuläre Dysfunktion zu mir geschickt. Das ist eine Fehlfunktion, die ihren Ursprung im Schädel (Cranio) und im Unterkiefer (Mandibula) hat. Die Patientin litt aber noch an weiteren Beschwerden: an einer starken Hörstörung und Kopfschmerzen, die alle sechs Wochen auftraten und sich über zwei Tage hinzogen. Die Schwindelanfälle dauerten vier bis fünf Stunden, begleitet von Erbrechen und anschließendem starkem Durchfall. Die Erschöpfung danach erstreckte sich manchmal über mehrere Tage und äußerte sich auch durch ein starkes Schlafbedürfnis. Manchmal habe sie so still wie eine Mumie dagelegen und dabei die Augen geschlossen, denn jeder Reiz, auch jede kleine Lageveränderung konnte den Schwindel wieder auslösen, berichtete sie mir. Sie verließ das Haus nicht mehr, nahm keine Einladung mehr an, und ihre geliebte Gartenarbeit blieb unverrichtet. So zog sie sich immer mehr in ein Schutzverhalten zurück, um mögliche falsche Körperbewegungen, etwa beim Bücken, zu vermeiden. Inzwischen leide sie sogar an einer depressiven Verstimmung, erzählte sie mir. Dabei wäre sie immer ein fröhlicher und vitaler Mensch gewesen.

Mir war relativ schnell klar, dass die extreme Fehlbelastung ihrer Kiefergelenke mit einem Fehlbiss zusammenhing, den ich mit einer schienenartigen Apparatur behandelte. Schon nach zehn Tagen berichtete sie mir, dass ihre Schwindelanfälle mit allen Begleitsymptomen völlig verschwunden seien. Als sie einige Wochen später zur abschließenden Kontrolluntersuchung wieder in meiner Praxis erschien, schwärmte sie von ihrem wiedergefundenen Leben. Endlich könne sie wieder im Garten arbeiten und habe wieder den Mut, sich auch anderweitig körperlich zu betätigen. Auch traue sie sich wieder, das Haus zu verlassen, und könne endlich wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, was ihr immer sehr wichtig gewesen war. Es lohnt sich also, bei Schwindel und Hörproblemen immer auch im Mund nachzuschauen und das Kiefergelenk und die Bissverhältnisse mit einzubeziehen. Warum genau eine Behandlung mit einer Schiene oder mit einer abgeänderten Zahnspange, mit oder ohne begleitende Mund-und Körperübungen, einen positiven Einfluss auf das Gleichgewichtsorgan im Innenohr ausüben kann, weiß man bis heute nicht. Es wird angenommen, dass einerseits die Entlastung der Kiefergelenke eine wichtige Rolle spielt, die sich in direkter Nachbarschaft zum Innenohr befinden. Zum anderen wird vermutet, dass auch die Kopfgelenke und ebenso die obersten Halswirbel wieder zu ihrer normalen Bewegungsfunktion zurückfinden, wenn die sie umgebenden und verbindenden Hals-Nacken-Schultermuskeln nicht mehr verspannt und verhärtet sind. Inzwischen ist die Patientin seit über fünf Jahren beschwerdefrei.

Sebastian, sechs Jahre alt, kam wegen einer extremen Zahnfehlstellung mit starkem Rückbiss in meine Praxis. Sein Oberkiefer war so eng, dass sich der Zahnbogen wie ein Dreieck spitz oval nach vorne verjüngte. Auch die unteren Schneidezähne hatten kaum Platz und drängten sich in dem engen Kiefer. Sebastian war in den ersten sechs Lebensmonaten zwar mit Muttermilch ernährt worden, konnte damals aber nur mit einem Finger und einer Spritze in mühseliger Arbeit gefüttert werden. Wegen seiner Trinkschwäche dauerte diese Prozedur bis zu einer Stunde. Er atmete so gut wie nur durch den Mund und hatte nachts gelegentlich Atemaussetzer (Apnoe). Seine Sprachentwicklung war verzögert, seine Stimme sehr schwach. Wegen seines eingeschränkten Hörvermögens trug er Hörgeräte. Eine Nasenatmung war wegen der Enge so gut wie unmöglich. Durch häufige und heftige Infekte plagten ihn auch immer wieder Mittelohrentzündungen, die mit Entzündungen und Tränen in den Augen einhergingen. Durch den Fehlbiss konnte Sebastian weder abbeißen noch richtig kauen. Er hatte selten Hunger, war ein schlechter Esser und deshalb auch sehr untergewichtig. Auch seine Haltung war entsprechend schlaff.

Nachdem ich ihm einen sog. Bionator eingesetzt hatte, waren seine Beschwerden fünf Monate später schon erheblich zurückgegangen: Durch die Verringerung des Überbisses konnte er seinen Mund besser schließen, atmete mehr durch die Nase und hatte kaum noch Ohr- und Augenentzündungen. Sobald er seine Spange jedoch einmal vergaß, verschlimmerte sich sein Zustand prompt wieder. Parallel zu diesen Maßnahmen wurden Mundübungen für das Kauen und Saugen, auch zur Verbesserung der Nasenatmung, durchgeführt. Die positiven Auswirkungen der kieferorthopädischen Maßnahmen einschließlich der Übungen waren so offensichtlich, dass die Eltern alles taten, um die Behandlung fortzusetzen.

Vom Mann, der den Arm nicht mehr heben konnte

Eines Tages kam ein Mann zu mir, der seinen Arm nicht mehr heben konnte. Er war dadurch so beeinträchtigt, dass er mit dem Gedanken spielte, seinen Beruf als Tischler aufzugeben. Ich befragte ihn zunächst einmal genauer zu seinen Beschwerden, und er berichtete mir von Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen und von Schmerzen in den Gelenken. Auch berichtete er mir, dass er wohl nachts heftig die Zähne zusammenbeiße, worauf die großen Schmerzen hindeuteten, die er morgens verspürte, wenn er müde und wie gerädert aufwachte.

Bei der Untersuchung tastete ich seine Kaumuskeln ab, um zu sehen, wo genau der Schmerz saß. Denn dort, wo der Schmerz sitzt, ist der Muskel in aller Regel überaktiv. Und ein Muskel, der über Nacht, das heißt über mehrere Stunden angespannt ist und eine unglaubliche Arbeit leistet, kann am anderen Morgen nur schmerzen. In seinem Fall konnte ich nach ausgiebigem Nachfragen und Abtasten eine klassische cranio-mandibuläre Dysfunktion diagnostizieren, jene Fehlfunktion, die ihren Ursprung im Schädel (Cranio) und im Unterkiefer (Mandibula) hat. Ich verordnete ihm eine Schiene, die das nächtliche Zusammenbeißen der Zähne unterband, und machte Kauübungen mit ihm, um die Kiefermuskulatur wieder zu ihrem natürlichen Rhythmus zurückzuführen. Dieser besteht darin, dass der Muskel nach einer Phase der Anspannung wieder zu einer Phase der Entspannung zurückkehrt. Durch das Anspannen und das anschließende Loslassen wird der Muskel gut durchblutet, wodurch die Abbauprodukte des Stoffwechsels ins Blut zurückgeführt werden.

Im Zusammenhang mit dieser Schmerzstörung stand auch die Schlaflosigkeit des Patienten, dem im Liegen der Brustkorb wehtat. So schlief er jede Nacht im Schnitt nur drei bis vier Stunden, was seiner allgemeinen Verfassung sehr abträglich war. Durch die Schiene und die lockernden Kauübungen konnte er schon nach wenigen Tagen den Arm wieder einwandfrei bewegen und fand wieder zu einem normalen Schlafmaß von sieben bis acht Stunden zurück. Ein lebendes Beispiel dafür, wie man durch den Ansatz an einem lokalen Hebel die Kettenreaktion von muskulären Fehlfunkionen aufheben kann. Der Mann kehrte vollständig geheilt und unbeschwert zu seinem Tischlerhandwerk zurück.

Warum Zähneknirschen zu Rückenschmerzen führen kann

Unser Kiefergelenk gehört zu den komplexesten Gelenken in unserem Körper. Es kann sowohl rotierende als auch gleitende Bewegungen ausführen. Kein Wunder also, wenn es da allenthalben knirscht und knackt. Zuständig für die Beweglichkeit des Gelenks ist unsere Kaumuskulatur. Diese besteht, wie all unsere Muskelgruppen, aus gegenläufigen Muskelpaaren, den sogenannten Hebern und Senkern. Als Heber fungiert hier der Kaumuskel, der vom oberen Jochbogen zum Winkel des Unterkiefers verläuft und dafür sorgt, dass wir den Kiefer anheben und seitlich hin und her bewegen können. Als Senker fungiert der Schläfenmuskel. Er sorgt für den Kieferschluss und ermöglicht es uns, den Unterkiefer vor und zurück zu bewegen. Beide Muskeln zusammen sind also zuständig für die gesamte Bewegung des Unterkiefers, für das Kauen und Schlucken sowie für das Sprechen. Die meiste Zeit aktivieren wir den Muskel unbewusst und verwenden ihn im Idealfall mit angeborenen, koordinierten Bewegungen. In der Nacht sollte er allerdings entspannt sein und sich erholen. Das ist auch deshalb wichtig, weil der Muskel in seiner Bewegung fein austariert ist und leicht überspannt werden kann. Verziehen Sie nur einmal eine Minute lang Unter- und Oberkiefer zur Grimasse. Sie werden ganz schnell einen Schmerz spüren oder einen Muskelkrampf bekommen. Mehr noch: Die starken Kaumuskeln hängen auch mit einer Reihe anderer Muskeln zusammen, die ausgehend vom oberen Nacken-, Hals- und Schulterbereich für die aufrechte Haltung unseres Kopfes und Nackens sowie des Oberkörpers mitverantwortlich sind. Auch diese Muskeln wollen nachts ruhen.

Beim Zähneknirschen jedoch, einem Vorgang, der überwiegend in der Nacht auftritt, werden die Schließer in aller Regel überbeansprucht, so dass sie oft regelrecht verhärten und so verkürzt sind, dass die Betroffenen den Mund kaum mehr öffnen können. Und wir Menschen reagieren auf emotionale Erschütterungen nun mal gern mit einem starken Zusammenziehen von einzelnen Muskeln oder ganzen Muskelregionen. Denken Sie nur daran, wie wir die Zähne zusammenbeißen, wenn wir zornig sind. Leider geschieht so eine starke Kontraktion überwiegend unbewusst und ungesteuert und ist gar nicht auf eine optimal austarierte Bewegung des Muskels ausgerichtet. Erst recht nicht, wenn sie durch heftige Emotionen im Traum verursacht wird. Dann läuft nichts mehr kontrolliert ab. Die Muskeln verkrampfen sich oft über Minuten und finden keine Entspannung. Sie können sich das so vorstellen, als ob Sie einen Klimmzug machen würden, den Sie minutenlang halten müssten. Im Wachzustand würden Sie das kaum schaffen.

Die Auswirkungen auf Schulter- und Rückenmuskulatur sind leicht vorstellbar. Die teilweise dramatischen Auswirkungen auf die Psyche, auf die Stimmung und die Arbeitsfähigkeit lasse ich an dieser Stelle außen vor. Doch jetzt kommt die gute Nachricht: Vieles lässt sich vergleichsweise einfach behandeln, und zwar zum Teil von Ihnen selbst und ohne teure Hilfsmittel. Wie das geht, erfahren Sie im Übungsteil.

Der Autor

Dr. Hubertus von Treuenfels betreibt eine Praxis für Kieferorthopädie in Eutin. Als Fachmann für Kiefergelenkserkrankungen und Systemische Kieferorthopädie hält er aber auch weltweit Vorträge, außerdem hat er einen Lehrauftrag an der Universität Basel. In seinem Buch "Gesund beginnt im Mund" erzählt er Fallbeispiele aus seiner Praxis, um den Zusammenhang zwischen Mund, Körper und Seele zu verdeutlichen. Sein Weg zur Zahnmedizin erfolgte, nachdem er selbst jahrelang an entzündeten Schneidezahnwurzeln gelitten hatte und die Auswirkung auf seinen Körper realisierte.

Cover: "Gesund beginnt im Mund"

Buchtipp

"Gesund beginnt im Mund" von Dr. Hubertus von Treuenfels ist für 18 Euro im Verlag Knaur MensSana erschienen und außerdem als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Martin Nicolausson; Fotos: PR

© Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: David Maupilé


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