Ich habe gar keine Enkel

In "Ich habe gar keine Enkel" von Renate Bergmann ist die kesse Oma einem fiesen Enkeltrick-Betrüger auf der Spur. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Geschichte.

Neuer Lesestoff für den September

Da ist sie wieder: Oma Renate Bergmann aus Berlin, die schon in mehreren Büchern mit Schnodderschnauze aus ihrem Leben berichtete. In dem neuen Roman "Ich habe gar keine Enkel" hat Renate so langsam die Nase voll, denn der fiese "Enkeltrick" greift im Viertel um sich. In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe können Sie mit auf ihre Couch und gleich mal die Methode erfahren, wie Renate an heiße Informationen kommt.

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Es ist ja doch ein großer Unterschied, ob einem sein Stündlein geschlagen hat oder seine Stunde. Es war der Donnerstag, nachdem der Enkelbetrüger bei mir angeläutet hatte. Andere wären nach so einer Erfahrung vielleicht fix und fertig gewesen mit den Nerven und hätten den Rentnerkaffee abgesagt, aber eine Renate Bergmann nich.

Ach, "Seniorenverein", meine ich. Die olle Kuckert hat sich aufgeregt und wollte es umbenannt haben. Wilma Kuckert. Sie ist Rechtsverdreherwitwe. Keiner mag sie recht. Wissen Se, ich bin bestimmt keine, die auf einsamen alten Leuten rumhackt. Aber Wilma hat nicht nur keine Freunde, sie macht sich auch noch jeden zum Feind. Sogar Ilse! Dabei trägt Ilse Spinnen vor die Tür und lässt sie frei, statt ihnen mit dem Staubsauger den Garaus zu machen. Wissen Se, was Ilse gesagt hat? "Wenn Wilma diese Welt verlässt, dann gibt das hier ein Freudenfest!", hat sie gereimt! Nee, was haben wir gelacht. Seit sich Wilma bei der Rentnerwanderung bei Kurt untergehakt hat, weil sie der Schuh drückte, ist Ilse nicht gut auf sie zu sprechen. Da vergisst sie glatt, dass sie eine ganz Liebe ist. Na ja, wir sagen jetzt jedenfalls "Seniorenverein" und nicht mehr Rentnerclub, weil sich sonst wohl viele auf den Schlips getreten fühlen, wie Wilma sagt. Statt dass se stolz sind, alt zu sein und so viel Erfahrung zu haben, schummeln sie mit den Jahren! Sie färben sich die Haare, lassen sich die Falten wegoperieren und wollen nicht alt genannt werden. Himmel herrje, wissen Se was, ich sage Ihnen eins: Alt werden wir alle, da kann keiner was dagegen tun, und je eher man sich damit abfindet, desto länger und besser wird diese schöne Zeit!

Die Wilma lässt sich ja immer mit der Taxe zum Rentnerclub fahren. Pah! Alle kommen entweder mit dem Auto oder, wenn sie nicht mehr allein fahren können, mit dem Bus. Der eine oder andere lässt sich von den Enkeln fahren, weil es nach dem Kaffee mitunter noch ein Bier oder einen Schoppen "Mädchentraube" gibt. Ich habe meinen Neffen, den Stefan, auch schon gefragt, ob er uns nicht abholen kann, aber so richtig will er nicht. Er windet sich und kommt mit Ausreden. "Drei Duftbäumchen auf der Rückbank" hat er uns genannt, nur weil Ilse, Gertrud und ich uns fein machen und einen Spritzer Kölnisch Wasser auflegen, wenn wir ausgehen. Nee, der Bengel! Aber wenn es drauf ankommt, hat eine Renate Bergmann ihre Tricks. Ich habe ihn angerufen und gesagt, dass wir gerade gemütlich beisammensitzen und Kinderfotos von ihm anschauen. Was meinen Se, wie schnell der da ran war!

Die Kuckertsche fährt jedenfalls mit Limousine vor und lässt sich vom Fahrer sogar die Tür aufhalten und beim Aussteigen helfen. So eine Etepetete ist das. Als sie das erste Mal zu uns kam, ist sie durch die Räume spaziert und hat gemurmelt: "Hübsch, ja. Einfach, aber hübsch", und dann ging das Gemecker auch schon los. "Rentner" klinge so alt, moserte sie rum und schlug eben "Seniorenverein" vor. Mir ist das schnuppe, was draußen drauf steht, wissen Se, solange drinnen immer noch dasselbe ist … und das sind wir Rentner! Pah. Man muss die Leute manchmal glauben lassen, dass sie recht haben, und einfach trotzdem weitermachen wie bisher. Also haben wir uns umbenannt.

Bei unserem Kaffeenachmittag kommen alle Alten aus dem Kiez zusammen, ach, das ist immer schön.

Man ist mal raus, sitzt gemütlich beieinander und erfährt, was es Neues gibt.

Wir vom Vorstand machen auch die Tischordnung und sehen zu, dass wir alle mal durchrutschen lassen. Es hat ja keinen Sinn, dass Gertrud, Ilse, Kurt und ich an einem Tisch sitzen, nicht wahr? Wir sehen uns bald jeden Tag, was soll man sich denn da immerzu erzählen? Nee, wir gucken, dass wir uns aufteilen und an die anderen Tafeln gehen. Hinterher, auf der Heimfahrt mit dem Koyota, können wir uns gut austauschen und auf den aktuellen Stand bringen. So wissen wir immer gut Bescheid, was in Spandau los ist: wenn eine in anderen Umständen ist, wer schon wieder fremdgeht oder ins Heim kommt. Die Enkelin vom alten Herrn Heckenschroff arbeitet beim Edeka. Wer bei ihm mit am Tisch sitzt, erfährt manchmal schon lange vor allen anderen, wann Kaffee oder Waschpulver oder gar Korn im Angebot ist. Ariane und Stefan lachen mich dafür zwar aus, aber man kann doch ganz anders planen, wenn man einen Wissensvorsprung hat! Denken Se sich nur, ich kaufe zum Beispiel noch eine große Packung Pralinen ein, und zwei Wochen später sind die eins fuffzich billiger. Da ärgert man sich doch! Aber so sind junge Leute. Die haben eben die schweren Jahre nach dem Krieg nicht mitgemacht, als wir jeden Pfennig zweimal umdrehen mussten … na ja. Jeder nach seiner Fassong. Ich sage nur: Solange Stefan noch rauchen kann – bald zwei Päckchen die Woche! –, müssen se es recht dicke haben, und der Junge kann seine alten Tanten dann und wann auch mal mit dem Auto fahren.

Nee, Ilse und ich machen immer eine schöne Tischordnung.

Wir sind alte Spandauerinnen und wissen nach so vielen Jahren genau, wer mit wem kann und wer nicht. Frieda Klotz und Hermine Hinkel zum Beispiel darf man nie zusammen platzieren, weil Hermine nämlich 64 auf der Silvesterfeier Friedas Fritz das Neujahrsküsschen auf … Aber das führt hier womöglich zu weit. Jedenfalls weiß man doch nie, ob die Geschichte nicht wieder hochkommt nach all den Jahren. Da will dann keiner dabei sein.

Man muss auch gucken, nicht nur die gleichen Krankheiten an einen Tisch zu setzen. Wenn Sie dreimal Rücken zusammen platzieren, haben die ganz schnell einen Fachkreis über Orthopädie, und die arme Galle daneben langweilt sich und trinkt einen Bohnenkaffee nach dem anderen, was das Problemorgan nur noch mehr reizt. Nee, da muss man sich Mühe geben und zusehen, dass man Rücken, Knie, Leber und Blutdruck mischt. Zucker passt überall mit hin, Zuckerleute sind gesellig und spielen sich nicht so in den Vordergrund. Aber Rücken sind ganz schlimm, die Rücken jammern in einer Tour und versauen einem im Rudel den ganzen schönen Kaffeenachmittag. Gertrud mit ihrem

Reizdarm muss sowieso immer in der Nähe eines angekippten Fensters sitzen. Sie sehen schon, es erfordert einiges an Umsicht und Feingefühl, damit die Tischordnung gelingt und es ein schöner Nachmittag wird.

Man muss aber auch aufpassen, dass niemand aufsteht und einfach an einen anderen Tisch geht. Sonst war am Ende womöglich alles umsonst, und der ganze schöne Plan artet in eine Reise nach Jerusalem aus.

An diesem Kaffeedonnerstag saß ich jedenfalls mit Lotte Lautenschläger an der Tafel. Ich kenne Lotte als gesellige Person, die nie um einen kleinen Spaß verlegen ist, aber heute war sie ganz betrübt.

Lotte ist eine treue Seele, die ihr Leben lang fleißig gearbeitet und sich nichts zuschulden kommen lassen hat. Sie war früher Zahnarzthelferin, als das noch so hieß und nicht "zahnmedizinische Fachangestellte". Die hat genug Elend gesehen in über 40 Dienstjahren am Spucknapf, kann ich Ihnen

sagen. Nu saß se ganz traurig hinter ihrer Kaffeetasse und wollte nicht so richtig mit der Sprache raus. Zweimal habe ich gefragt, aber sie blieb stumm. Da weiß eine Renate Bergmann, dass sie besser nicht weiterbohrt. Dass sie nicht erzählen wollte, lag aber nicht an mir, sondern an der übrigen Gesellschaft am Tisch. Ich hatte mich nämlich geopfert und Wilma Kuckert mit zu uns genommen.

Lotte guckte ins Leere und aß ihren Streuselkuchen ohne rechten Appetit. Dieses Mal hatte Ilse gebacken. Er war trocken und bröselte von der Kuchengabel, aber es war nun auch nicht so schlimm, dass Lottes Verstimmung daran gelegen haben könnte. Ich ließ es aber dabei bewenden, parlierte mit der Anwaltswitwe, und als die endlich mal austreten ging, machte ich mit Lotte ein Likörchen auf meiner Küchenbank aus. Sie hatte Tränen in den Augen, denken Se nur!

Mir ließ das gar keine Ruhe. Gleich am nächsten Tag rief ich sie an, und schon nach dem Mittag saß Lotte auf meinem Küchensofa. Kennen Se noch ein Küchensofa? Ach, ich finde das so gemütlich! Küchen sind in meinen Augen sowieso der Ort, an dem man am leichtesten ins Gespräch kommt. Es ist weniger gezwungen als in der guten Stube, und Vieles ergibt sich einfach so nebenher beim Abwasch oder beim Gemüseputzen. Mein Franz liebte die Küchencouch auch, der hat oft ganze Wochenenden darauf verbracht. Er hat da geschlafen, sich die Fußnägel geschnitten, Zeitung gelesen und gegessen. Und wenn es ran war …  na, was soll ich mich dumm haben wie die Zick am Strick? Ich sage es frei heraus, wir waren jung, und da sind wir manchmal nicht in die Schlafstube gegangen, wenn das Verlangen über uns kam. Wenn mein Küchensofa Geschichten erzählen könnte, Sie müssten die Ohren anlegen! Mein Katerle schläft da tagsüber, die Frau Meiser, was meine Nachbarin ist, pflanzt sich da hin und wieder drauf und schielt zum Kühlschrank, wenn sie mal was auf dem Herzen hat. (Im Kühlschrank steht der Eierlikör, den ich selbst ansetze und den die Meiser mit Vorliebe schleckert und auch die Mongscherie, von denen sie auch schon so manche Packung auf den Hüften hat.)

Nun saß also Lotte in meiner Küche, und ich goss gerade das zweite Glas Likör ein, damit ihre Zunge lockerer wurde. "Lotte, nun erzähl mal. So schlimm kann es doch nicht sein: Was ist passiert?", ermutigte ich sie dezent.

Sie atmete bebend tief ein und brachte mit zitternder Stimme immerhin das Wort "Enkeltrick" heraus. Danach flossen nur noch die Tränen. Die gute Lotte war fix und fertig und sachte erst mal gar nichts mehr.

Dabei war Lotte schon die dritte bei uns im Kiez, die so einen Enkelanruf bekommen hatte. Kennen Se das? Enkeltrick?

Lesen Sie hier, wie es weitergeht

 Ich meine nicht, wenn die Enkel nach Taschengeld betteln und einem vormachen, dass sie diesen Monat noch gar nichts fürs Zeugnis gekriegt haben. Das machen se alle, die jungen Leute. Da muss man nur streng über die Brille gucken und dann sind se meist stille. Und wenn Sie ihnen mal diskret einen kleinen Schein außer der Reihe zustecken, freuen die sich. Das hängt ja auch davon ab, wie groß die Renate ist. Die Rente. Huch, jetzt habe ich ein A zu viel getippt.

Entschuldigen Se.

Nee, der Enkeltrick ist anders. Ich erkläre Ihnen mal, was das ist und wie er geht. Also, da guckt eine Bande die Telefonbücher durch und sucht sich Namen raus, die nach alten Menschen klingen. Wenn einer Friedrich, Oskar, oder Wilhelmine heißt, streichen die sich die Nummer an. In ein paar Jahren wird das nicht mehr gehen, denn gerade sind die alten Namen ja wieder sehr modern und die jungen Eltern nennen die kleinen Geister alle Charlotte oder Fritz. Aber das ist ein anderes Thema. Die werden auch keinen Postanschluss mehr nehmen und sich ins Telefonbuch eintragen lassen. Die haben bestimmt alle nur noch Händi dann. Dereinst werden die Gängster also die Monikas, Marens und Thomasse anrufen.

Ich habe es ja auch erlebt, ich weiß, wovon ich rede und kann aus erster Hand berichten! "Renate" war in den 30er Jahren als Vorname sehr beliebt. Allein beim Seniorentreff sind wir zu fünft! Stellen Se sich nun vor, Sie sitzen als älterer Mensch zu Hause. Da sitzen ja die meisten. Sie gucken eine schöne Serie oder machen gerade den Abwasch oder wischen Staub – da läutet das Telefon. Sie gehen ran, und am anderen Ende der Leitung ist ein junger Mann oder eine junge Frau und brüllt einen durch eine vorgeblich schlechte Leitung an "Oma? Bist du es? Rate mal, wer hier ist!". Na, nun überlegen Se mal. Man ist ja verdattert im ersten Moment. Wie oft rufen die Enkel schon an? Höchstens am Geburtstag. Meist abends, wenn die Mutti sie erinnert hat "Hast du wohl auch an Omas Geburtstag gedacht?". Dann schellt um halb acht der Postapparat und der Connor oder die Vivienne sind dran, rattern in eins-dreißig Glückwünsche runter, und das war es wieder bis Weihnachten. Woher kennt man denn noch die Stimme der Enkel, frage ich Sie? Sicherlich, heutzutage, wo auch die älteren Herrschaften moderner sind, haben viele den Enkel als Fäßbock-Freund. Aber da hört man die Stimme auch nicht. Man sieht nur, wo sie überall unterwegs sind und fragt sich, was das wohl alles kostet und wie die das mit dem bisschen Lehrlingsgeld wohl hinkriegen, ohne Dummheiten zu machen.

Also, was sagt man, wenn einen jemand "Oma" nennt und raten lässt, wer dran ist? Je nachdem, ob es eine weibliche oder eine männliche Stimme ist, denkt man "Vivienne" oder "Connor" oder wie die Blagen eben heißen. "Die Waltons vom Prenzlauer Berg", sozusagen, hihi. Wie viele Enkel hat man denn, frage ich Sie? Ich zum Beispiel habe gar keine Enkel, das wissen Se ja.

 

Aber da kommen wir später drauf zurück.

Wenn der Gängster Glück hat – und die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass das klappt – sagt die Oma "Vivienne?", und schon isse in die Falle gegangen. Die falsche Vivienne erzählt, dass sie ganz dringend Geld braucht, weil sie die einmalige Gelegenheit hat, Grundstück oder ein Auto zu kaufen. Das Angebot ist unverschämt günstig, weshalb alles auch ganz schnell gehen muss. Die Vivienne braucht Geld, und zwar viel. Meist Tausende! Sie fragen oft noch, wie viel die Oma denn wohl auf der hohen Kante hat, und wenn die sagt "Auf dem Sparbuch sind 13 000", dann antwortet das Gängster-Gör so sinngemäß: "Also fehlen mir nur noch 2000, aber die kriege ich schon zusammen." Es geht eine Weile hin und her, die Vivienne macht Hektik und drängelt, dass sie wirklich keine Zeit zu verlieren hat. Sie scheucht die Oma zur Sparkasse und bläut ihr ein, dass sie um Himmels Willen neemandem auch nur ein Sterbenswort davon erzählen dürfe, weil es eine Überraschung für die Mutti werden soll. Sie erzählt vielleicht, dass nächste Woche der Bausparer fällig werden soll und dass die Oma das Geld zurückbekommt, mit Zins und Zinseszins und einer Schachtel Konfekt obendrauf, um sie zu beruhigen und letzte Zweifel zu zerstreuen.

Das ist ungefähr die Kurzfassung. Bei mir haben se ja auf Granit gebissen, aber so bedröppelt, wie Lotte hier auf dem Küchensofa saß, war ganz klar, dass die denen auf den Leim gegangen war. Sie nippte schluchzend an ihrem Likör. Langsam beruhigte sie sich ein bisschen. Lotte verträgt ja keinen Korn und trinkt immer nur so süßes Schlabberwasser in den Varianten Johannisbeere, Kirsche und Heidelbeere. Es schmeckt alles ganz fürchterlich süß und man hat hinterher die klebrigen Likörschalen im Abwasch, nee, also schon deshalb ist das für mich nichts.

Ich goss noch mal ordentlich nach, und endlich erzählte Lotte die ganze Geschichte. Denken Se nur: Das gleiche böse Spiel haben sie mit ihr gespielt! Genau so war es, nur dass ihre "Vivienne" eine "Sandra" war. Ein paar Anrufe lang ging es wohl hin und her, dann stand fest, dass Lotte zur Sparkasse musste und 9000 Euro holen sollte.

Lotte hatte sich sehr beeilt, aber in Räuberzivil konnte sie nicht auf die Straße, Eile hin oder her. Wenn man zur Sparkasse geht, dann doch wohl ordentlich angezogen in Rock und Bluse. Lotte hatte sich gerade die Brosche angesteckt und wollte zur Tür raus, da schellte der Apparat wieder. Die jungsche Person, die sich Sandra nannte, war dran und schimpfte, warum Lotte noch immer zu Hause war. Reineweg böse war sie. Lotte ist hin zur Sparkasse, so schnell es eben ging mit ihrem Hammerzeh. Die Frau Pinscher hat noch ein paar Mal nachgefragt, ob sie wohl wirklich so viel Bares braucht, wofür es ist und ob sie sich das gut überlegt hat, aber da die nachgemachte Enkelin ja darauf bestanden hatte, dass sie keiner Sterbensseele ein Wort sagen dürfe, hielt sie den Mund und steckte die großen Scheine in den BH.

Lotte nippte wieder am Likörschälchen, an dem sich nun schon ein kleisteriger Rand gebildet hatte. Die würde ich gleich einweichen müssten, wenn die weg war.

Sie erzählte weiter. Ganz außer Atem war sie, als sie zu Hause die drei Treppen hoch war, und kaum, dass sie in den Flur kam, schellte schon wieder der Apparat. Lotte meinte, es klingelte fast vorwurfsvoll. Sie konnte nicht mal die Kappe absetzen und war noch im Mantel, als sie abnahm. Da schimpfte ihr die Person schon entgegen, warum sie so lange weg gewesen war. Die Enkelimitatorin redete ganz schnell, berichtete Lotte. Dass es nun schon sehr spät und der Mann mit dem Auto und den Papieren schon da wäre und dass sie nun nicht selbst vorbei kommen könnte, um das Geld abzuholen, da der Autoverkäufer ja bei Laune gehalten werden musste. Sie machte noch ein bisschen Druck und sagte, dass Lotte Schuld hätte, wenn das Geschäft schief geht und sie die einmalige Gelegenheit verpasst. Stattdessen würde sie ihren neuen Freund schicken, den Kevin. Der würde das Geld holen. Lotte solle keine Zicken machen, ihm das Geld geben und bloß keine weiteren Verzögerungen mehr verursachen. Lotte hatte noch einen ganz kleinen hellen Moment und fragte: "Aber Sandra, woher weiß ich denn, dass das auch wirklich dein Freund ist?" – "Ach Oma. Du weißt doch noch, was früher, als kleines Mädchen, mein Lieblingsessen bei Dir war?" – "Aber Mäuschen, wie könnte ich das vergessen? Milchreis! Den mache ich dir gern wieder mal, wenn du nächste Woche kommst und das Geld zurück bezahlst!". – "Genau. Das machen wir, Omi. Ach, da freue ich mich. Du fragst den Kevin nach meinem Lieblingsessen, und dann weißt du, dass er der Richtige ist. Ich muss jetzt Schluss machen, ich habe hier Stress, wir sehen und nächste Woche. Dankschön, Omi, das vergesse ich dir nicht."

Ich goss vom klebrigen Gesöff nach und deutete Lotte, dass sie weiterreden sollte. Sie hatte gerade einen Lauf ohne Tränen und Seufzen, das musste man nutzen. Lotte nahm einen großen Schluck und fuhr fort.

Es kam, wie Sie sich es vielleicht schon denken; diese selten einfältige Person hat tatsächlich an der Haustür einem wildfremden Bengel, den sie noch nie gesehen hatte, das Ersparte rausgegeben. In bar und ohne Quittung, nur gegen die Parole "Sandra isst gern Milchreis". Erst, als der Halunke weg war, fing die Lotte an zu überlegen. Sie wählte die Nummer der echten Enkelin, die sich nach etlichen Anläutsekunden endlich meldete. "Omi! Dass du mich mal anrufst … Wie geht es dir denn?". Da schwante der Lotte das erste Mal, dass sie wohl ziemlichen Bockmist gebaut hatte. Ganz blümerant im Magen sei ihr geworden, erzählte se. Die echte Sandra ließ sich am Telefon kurz wiedergeben, was passiert war, bevor sie schnurstracks und außer der Reihe bei der Omi vorbeikam. "Geschimpft hat sie", seufzte Lotte, "und mit Recht. Weißte, Renate, ich komme mir wie ein tüdelige olle Tante vor. Das waren meine ganzen Ersparnisse!" Wieder schniefte sie.

Ich gab ihr nichts mehr vom Likör. Wissen Se, auch wenn er nur 20 % hatte – ich kenne Lotte! Die verträgt doch nichts! Wenn wir beim Rentnervergnügen beisammen sitzen und meinetwegen auf die Gesundheit eines neuen Urengelchens anst … nee, warten Se. Jetzt bin ich abgerutscht. Urenkelchens, muss es heißen. Das sind ja nun beileibe nicht immer Engelchen, hihi! Wenn einer von uns Alten einen neuen Urenkel bekommen hat und wir auf die Gesundheit anstoßen und dass das Kind gut pullern kann, kriegt Lotte nach zwei Schlückchen Sekt schon rote Pusteln im Dekolletee. Sie bekommt aufsteigende Hitze und muss sich Luft zufächeln. Da ist sie wie Ilse. Auf Ilse muss man auch Acht geben, sonst erzählt sie nur wieder einen Schwank aus unserer Jugend, und das muss nun wirklich nicht sein. Ich war kein Mädchen von Traurigkeit, das können Se sich ja denken, aber das geht niemanden etwas an. Erst recht nicht, wenn Wilma Kuckert dabei ist, die olle Schnippe.

Statt Likör bot ich Bohnenkaffee an. Wir brauchten jetzt einen klaren Kopf.

Eine Renate Bergmann ist nicht auf den Kopf gefallen und weiß Bescheid. "Aktenstapel XY" gucken ist schließlich Bürgerpflicht! Nicht nur, dass man vielleicht Zeuge eines Verbrechens war und Hinweise geben kann, nein, man wird auch aufgeklärt und bleibt auf der Höhe der Zeit, was die Gauner aktuell für eine Mache drauf haben. Enkel-trick ist seit JAHREN ganz oben auf der Liste. Da bin ich im Bilde, da kenne ich jedes Detail. Sollten Sie, die das jetzt zufällig auch lesen, sich je mit dem Gedanken getragen haben, die Oma oder den Opa zu übervorteilen: Schämen Se sich! Denken Se nicht mal im Traum daran! Wir Alten wehren uns und lassen uns das nicht gefallen. Wissen Se, im Grunde habe ich nur drauf gewartet, dass mich mal so eine Kanaille anläutet und es bei mir versucht. Ich habe mir immer vorgestellt, dem das Handwerk zu legen. Aber als es dann soweit war, war ich doch zu ängstlich. Aber wenn die sich nochmal melden …!

Kennen Se das, wenn man hinterher genau weiß, was man Passendes hätte sagen können? Ach, es ist ärgerlich! Im Nachhinein habe ich immer die richtige Antwort parat. Auch damals, als Wilma vor allen Leuten zu mir sagte "Du mit deiner großen Witwenrente, kannst doch große Sprünge machen", fiel mir erst später, als ich auf meinem Duschhocker saß und mich abbrauste, die passende Antwort ein. "Dafür habe ich auch mein Leben lang Männerunterhosen gewaschen, Wilma!", hätte ich sagen sollen. Ach, was würde ich geben für eine zweite Schangse! Die Enkeltrickser sollten es ruhig nochmal bei mir versuchen, denen würde ich schon zeigen, was eine Harke ist. Eine Renate Bergmann zieht keiner über den Tisch.

Schon deshalb, weil ich ja gar keine Enkel habe!

Die Autorin?

Renate Bergmann ist in Wahrheit das Pseudonym von Torsten Rohde. Er hat sie sich ausgedacht: Die Renate aus Berlin, einst Trümmerfrau und Reichsbahnerin, heute Haushaltsprofi . Die Omi ließ er bereits in mehreren Büchern aus ihrem Leben erzählen – aus der Ich-Perspektive und im Berliner Slang. Im neuen Roman überführt sie gemeine Enkeltrickbetrüger. Die lustigen Renate-Bücher verkaufen sich bestens. Wenn Rohde daraus vorliest, sind die Tourneen ausverkauft.

Buchtipp

"Ich habe gar keine Enkel" von Renate Bergmann ist für 9,99 Euro bei Rowohlt TB und als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Melanie Gandyra; Fotos: PR

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© Autorenbild: Dagmar Morath


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