iLove

In "iLove" erzählt Sofie Cramer von einer schicken Event-Managerin, die am Flughafen auf einen rüpelhaften Anwalt trifft. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Liebesgeschichte.

Neuer Lesestoff für den April

In der exklusiven LAVIVA- Leseprobe aus dem Roman "iLove"  der Autorin Sofie Cramer können Sie diesmal in den Kopf einer Frau und in den eines Mannes schauen: Eine schicke Event-Managerin und ein etwas schlampiger Anwalt begegnen sich auf dem Flughafen zum ersten Mal. Beide erzählen in dem Buch abwechselnd, was sie dann beobachten, denken, erleben. Im folgenden Auszug aus dem Buch können Sie bei ihrem Kennenlernen dabei sein.

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

"Visitenkarten, Handy, Sonnenbrille, Füller, Notizbuch ...", brabbele ich hektisch vor mich hin. "So ein Mist! Wo ist das verdammte Handy?"

Wie ich so was hasse!

Mir bleiben nur noch drei Minuten. Dann ist es bereits 9.00 Uhr, und mein Taxi steht hoffentlich wie vereinbart vor der Tür. Was für ein grausiger Montag. Nach einer schlaflosen Nacht bin ich schon seit vier Stunden auf den Beinen. Und trotzdem wird es hektisch. Dabei wollte ich doch wenigstens ein Mal generalstabsmäßig vorbereitet sein auf meine Geschäftsreise, die erste mit Flugzeug! Schließlich habe ich eine Scheißangst vor dem Fliegen. Aber was tut man nicht alles für das Event des Jahres? Meine ehemalige Klassenkameradin Sille, sorry, Silvana Estelle, wie sie sich seit neuestem nennt, heiratet einen Adeligen, und ich durfte die Hochzeit organisieren und werde den Akt selbst bezeugen. Doch nun finde ich nicht einmal mein nigelnagelneues Telefon, ohne das ich unmöglich meine Wohnung verlassen kann.

Jetzt fällt es mir wieder ein. Beinahe fege ich die Schwarz-Weiß-Fotos meiner lieben Mama von der Wand meines langen Flures, als ich eilig ins Badezimmer stürme. Tatsächlich! Da liegt es auf der Fensterbank. Das kommt davon, wenn man aus reiner Zeiteffizienz sogar während des Klobesuchs noch  Nachrichten schreibt.

Wieso nur erledige ich immer alles auf den allerallerletzten Drücker? Es ist mir ein Rätsel, wieso ausgerechnet ich inzwischen Managerin von Riesenevents mit bis zu dreihundert Leuten geworden bin, obwohl ich es nicht einmal schaffe, mein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen. Aber jetzt muss ich über mich hinauswachsen. Nein, ich will! Ich will verdammt noch mal die glanzvollste Hochzeit aller Zeiten über die Bühne bringen und es nicht schon beim Start versauen.

Es hupt! Wenigstens ist das Taxi pünktlich. Plötzlich merke ich, wie mein Hals allmählich trocken wird. Schon der Gedanke, in weniger als zwei Stunden im Flieger von Berlin nach Frankfurt zu sitzen, macht mich fertig. Zur Beruhigung stecke ich lieber noch schnell den Piccolo ein, der schon seit meinem vorletzten Geburtstag verloren und einsam im Kühlschrank steht. Meine Handtasche quillt nun über. Schon das Notizbuch passte kaum rein, das in den letzten Tagen auf die doppelte Dicke angewachsen ist, weil ich es mit gefühlt hundert Post-its und To-do-Listen angefüttert habe. Wieso musste auch ausgerechnet einen Monat vor dem großen Tag, mein altes geliebtes Handy von meinem Nachttisch purzeln und zu Bruch gehen?

Hätte ich wenigstens die Handydaten auf meinem Laptop gesichert, wie normale Menschen es machen, wäre es auch kein großes Problem gewesen. Aber nun muss ich demnächst wohl leider alles fein säuberlich ins neue iPhone tippen, das mir ohnehin noch ziemlich suspekt erscheint. Anders als mein vertrautes Uralt-Smartphone hat es Funktionen, von denen ich noch nie gehört habe, geschweige denn wüsste, was ich damit anstellen soll. Also müssen erst einmal die gelben Zettel herhalten.

Jetzt muss ich nur noch in meine für eine Flugreise mega-unpraktischen Highheels schlüpfen, mein Kleid von Guido Maria Kretschmer unfallfrei in den Koffer stopfen, und dann kann es losgehen. Wobei mein Kleid reichlich übertrieben ist. Aber es braucht ja niemand zu wissen, dass ich es für fünfzig Euro in einem Laden für Designerklamotten geliehen habe.

In Windeseile schließe ich die Tür meiner Zweiraumwohnung ab und drehe den Schlüssel sicherheitshalber mehrmals bis zum Anschlag rum.

Hab ich auch den Herd und die Kaffeemaschine ausgemacht?

Ich stöhne auf und schließe genervt noch einmal auf, um in die Küche zu sprinten und nachzusehen. Erst jetzt fällt mir ein, dass ich vorhin weder den Herd noch die Kaffeemaschine benutzt habe. Ich vertrage nämlich kein Koffein, wenn ich aufgeregt bin. Sobald es sich in meinem Körper mit einer Überdosis Adrenalin mischt, kommt es unmittelbar unten wieder raus. Mit allzu gut funktionierender Verdauung im Flieger zu sitzen oder heute Abend beim Get-together mit den Brautleuten samt Eltern wäre sicher geschäftsschädigend. Einen Flop kann ich mir nicht leisten. Wenn diese Sache schiefgeht, kann ich einpacken, weil die Auftragslage in der letzten Zeit nicht gerade üppig war. Ich brauche dringend tadellose Referenzen, und was noch besser wäre: Referenzen der Schönen und Reichen, zu denen Sille mittlerweile gehört. Ich muss jetzt endlich den Durchbruch schaffen, sonst bleibt mir nichts anderes übrig, als noch mal mit etwas anderem von vorn anzufangen. Doch es gibt eigentlich nichts, was ich besonders gut kann. Außer Schauspielern vielleicht. Schließlich braucht es schon etwas Talent, sich in besseren Kreisen zu bewegen, obwohl man eigentlich nicht dazugehört. 

"Oh, shit!", entfährt es mir.

Weil ich nicht erwartet habe, wie schwer mein Riesentrolley ist, rutscht er mir beim Anheben im Treppenhaus doch glatt aus der Hand und rattert mit lautem Scheppern die Stufen bis ganz nach unten. Ich schwinge meine Handtasche über die Schulter und haste hinterher. Als ich sie abstellen will, um den Koffer wieder hochzuwuchten, rutscht die Tasche ab und knallt auf den Boden - mit einem Knacken und Zischen.

Das darf nicht wahr sein!

Die Flasche ist kaputt. In meiner schönen Louis-Vuitton-Kopie vergnügt sich nun eine blubbernde Prosecco-Papier-Suppe! Aber wo ist mein Handy???

Ah, ein Glück, mein sündhaft teures Smartphone liegt ganz unten, unter meinem Portemonnaie, und scheint nichts abgekriegt zu haben. Umständlich versuche ich, es in meine enge Hosentasche zu stopfen, und renne aus dem Haus. Die Sektsuppe muss noch warten.

Dann endlich sitze ich hinten auf der Rückbank und sage, was ich immer schon mal sagen wollte: "Zum Flughafen, bitte!"

 

Boah, das zieht sich hier wie mein ausgelutschtes Kaugummi. Schon eine Stunde Verspätung, ich sitze am Gate und überall diese Klammeraffen um mich herum. Paare, die sich noch auf den gemeinsamen Urlaub freuen, bevor die große Ernüchterung kommt. Oder ganz fies, Männchen und Weibchen im Partnerlook! Er das atmungsaktiv-topimprägnierte Funktionsoutfit in Blau, sie das gleiche in Rot.

Krass!

Ich blättere ein bisschen in der GQ. Die habe ich im Vorbeigehen im Duty-free-Bereich gezockt. Aber auch darin nur Männer und Frauen, die alle gleich aussehen. Wer bitte steht auf solche Mädchengerippe? Da lohnt sich das Hinterherschauen nicht mal, weil man eigentlich ein Mikroskop dafür bräuchte.

Ich mache mir mal besser eine Dose Cola zum Wachwerden auf. Ein richtiges Frühstück war einfach nicht mehr drin. Während meine Jungs noch selig von der gelungenen Party träumten, musste ich zeitig los, um den Flieger zu kriegen. Sonst war's das mit meinem Job und seinen kleinen Annehmlichkeiten. Zum Glück lag mein wohlgeformter Riecher richtig. Der schnelle Abstecher nach Berlin hat sich gleich doppelt gelohnt. Meinem Kumpel hab ich die Klöten und roten Ohren klingeln lassen mit einem top-organisierten Junggesellenabschied, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Und auch mein Mandant wird voll auf seine Kosten kommen, weil ich im Borchardt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und seiner Bald-Ex auf den Zahn oder, besser gesagt, ihren Designerfummel fühlen konnte. Dabei ist diese Schickimicki-Welt überhaupt nichts für mich. Überall nur Fake statt Fakten!

Aber was tut man als Paragraphenjongleur nicht alles, um erfolgreich zu sein? Zum Beispiel übelst verkatert nach kurzem Zwischenstopp in Frankfurt gleich weiter nach New York zu fliegen. Eigentlich wäre ich ja lieber kurz nach Hause gefahren, um noch zu duschen oder wenigstens noch mein schräges Hemd zu tauschen. Aber aufgrund der Verspätung habe ich meinen Koffer vorsichtshalber gleich durchgecheckt. Ich bin ja nicht unschlau! Wenn du anderen immer und überall einen Schritt voraus sein willst, musst du halt besser gleich zwei machen. Und ich habe gute Nachrichten im Gepäck! Schon jetzt erfüllt mich der Gedanke an die Verhandlung über die Unterhaltszahlung mit einer gewissen Vorfreude. Harrison, mein Mandant, wird sich freuen, wenn ich ihm brühwarm berichten und sogar durch Fotos beweisen kann, mit welch dekadenten Luxusgütern seine gebotoxte Noch-Frau in Doppel-D sich in der Berliner Society präsentiert. Und das, obwohl sie behauptet, sie lebe unterhalb der Armutsgrenze und besitze gar keine Reichtümer. So sind sie, die Frauen!

Ich werde einen Teufel tun, mir eine ans Bein zu binden, auch wenn meine liebe Oma Gertrude es gern anders hätte. Aber ich habe einfach schon zu viele Scheidungen erfolgreich hinter mich gebracht. Als Alex' Trauzeuge bin ich eigentlich eine absolute Fehlbesetzung. Wäre er nicht mein bester Kumpel aus Schultagen, mit dem ich das Internat, eine Art Guantanamo in der Schweiz, überstanden habe, hätte ich seine Hochzeit boykottiert. Aber nun muss ich das Elend wohl oder übel hinter mich bringen und zusehen, wie mein alter Freund mit Lichtgeschwindigkeit in sein eigenes Verderben rennt. Die beiden kennen sich nicht einmal ein Jahr! Ich hatte noch nicht einmal Gelegenheit, seine Braut unter die Lupe zu nehmen, was, wenn ich so darüber nachdenke, durchaus an mir liegen könnte und meiner Einstellung zur Ehe. Konnte ja keiner ahnen, dass Alex plötzlich zum Spießer mutiert und die Sache so ernst wird.

Rüüüüüüülps.

Ups, das war mal ein anständiges Bäuerchen, das da durchs Terminal hallt! Sofort treffen mich strafende Blicke. Aber halt, oh, là, là!

Was ist das?

Wie können solch wunderschöne, braune Bambi-Augen nur so böse gucken? Ich grinse breit und nicke der dunkelblonden Dame in, na, ich schätze, 92-70-95 mit B-Körbchen zu. Ich persönlich finde es ja immer dämlich, sich an die Schlange am Counter zu stellen, obwohl es noch gar nicht losgeht. Demonstrativ setzt sie sich jetzt ihre Gucci-Gläser auf und wendet sich angeekelt wieder von mir ab. Auch gut, dann kann ich das Prachtexemplar mal von hinten scannen.

Auch ganz nett!

Der Arsch ist vielleicht ein bisschen flach. Aber die schlanken Beine sind hübsch verpackt in enge, weiße Jeans. Aber wieso nur sind solche Mädels immer in Highheels unterwegs, wo es doch auch Sneaker tun würden? Der Rest ist leider mit einem durchfallfarbenen Poncho verhüllt. Schade, dass ich nicht sehen konnte, wie sie durch den Nacktscanner geht. Scheint mächtig nervös zu sein, die Gute. Wedelt sich ständig mit einem Zettel Luft zu, obwohl sie doch viel besser ihr Alpakazelt ablegen könnte. Bei so einem Exemplar hätte ich gestern sicher nicht nein gesagt.

 

Oh Mann, ist mir übel! Diese Luft hier drinnen macht es auch nicht besser. Kommt das jetzt von meiner unsäglichen Panik vorm Fliegen oder vom Gin Tonic, den ich vorhin noch zur Beruhigung gekippt habe? Diese Warterei am Gate hat alles nur noch schlimmer gemacht. Hoffentlich brauche ich die Spucktüte nicht.

Mir ist heiß und kalt gleichzeitig. Obwohl es angeblich noch Sommer ist, musste ich vorhin schnell noch meinen sauteuren Cashmere-Poncho überwerfen. Ich kann ja schlecht bei Familie von Weidenfels mit meiner innig geliebten und tausendfach getragenen stonewashed Glücksjacke auftauchen, die temperaturmäßig besser gepasst hätte. Aber gut, alles läuft nach Plan. Ich sitze tatsächlich im Flieger! Wobei ich diesen Entschluss in der Sekunde bereue, als sich ausgerechnet der Proll aus der Wartehalle neben mich pflanzt.

"Hallöchen Popöchen!", sagt er offenbar gut gelaunt. Igitt, er hat eine Fahne, obwohl oder vielleicht weil er mit offenem Mund Kaugummi kaut. Auch sein breites Grinsen macht ihn nicht gerade sympathischer. 

Ich nicke kurz mit einem schnell ersterbenden Lächeln und starre dann aus dem Fenster. Hoffentlich komme ich hier lebend und ohne Panikattacke wieder raus!

Irgendwo habe ich doch meine Reisetabletten ...

"Entschuldigung, ich müsste bitte noch mal an mein Handgepäck", sage ich zu dem Kerl neben mir, damit er aufsteht und mich durchlässt.

Eine gefühlte Ewigkeit starrt er mich regungslos an. Dann steht er umständlich auf und wühlt ungefragt im Gepäckfach über uns herum.

"Meinen Sie dieses stinkende ... Ding hier?" Mit angewidertem Blick hält er meine Handtasche in die Höhe.

Zugegeben, wegen des kleinen Missgeschicks mit dem Piccolo wirkt sie etwas mitgenommen. Aber muss man mich deshalb gleich so vorführen? Zumal ich vorhin eine halbe Ewigkeit auf der Flughafentoilette zugebracht habe, um sie wieder einigermaßen herauszuputzen.

"Na, hören Sie mal!", protestiere ich. "Das ist eine Neverfull von Louis Vuitton!" Ich mustere abschätzig sein indiskutables Hawaiihemd und die ausgetretenen Chucks. "Aber von gutem Geschmack haben Sie offensichtlich keine Ahnung!"

"Oh, Frau Verteidigerin ist aber schnell in ihrer Urteilsverkündung!"

Ich ziehe meine Augenbrauen in die Höhe und verlange wortlos mit ausgestrecktem Arm nach meiner Tasche.

"Das ist garantiert keine echte Louis Vuitton", stichelt er. "Das sieht doch ein Blinder!"

Ich spüre die amüsierten Blicke der anderen Fluggäste.

"Wird's bald?!", ermahne ich ihn.

"Wie heißt das Zauberwort?"

"Arschloch!", zische ich.

"Ich sehe, wir verstehen uns!"

Lesen Sie hier, wie es weiter geht

 

Na, das verspricht ja ein lustiger Flug zu werden. Es ist gerade mal Vormittag, und trotzdem verlangt Rehauge neben mir nach einem Wodka-O. Die Stewardess muss ihr den Wunsch leider abschlagen, wir stehen ja noch nicht einmal auf dem Rollfeld!

"Ist das nicht ein bisschen früh am Tag?", frage ich.

Statt einer Antwort schießt sie mit den Augen wieder Giftpfeile in meine Richtung. Dann kramt sie aus den unendlichen Weiten ihrer grässlichen Handtasche einen weißen Blister hervor.

"Tabletten sind aber auch keine Lösung." Manche Frauen muss man ja vor allem vor sich selbst retten.

"Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", schmettert sie mir entgegen.

"Na, wenn Sie mir in den Schoß kotzen, geht mich das sehr wohl etwas an."

"Die Tabletten sind gegen Reiseübelkeit. Und da brauche ich ja wohl oder übel was zum Runterspülen."

"Wohl mehr übel als wohl, oder? Obwohl ..." Ich grinse und beuge mich näher zu ihrem hübschen Gesicht hin. "Haben Sie ein Drogenproblem?"

"Bitte, was? Unverschämtheit!", erwidert sie patzig und weicht zurück, so als ob ich Mundgeruch hätte. Das ist mir dann doch etwas unangenehm.

"Berufskrankheit", scherze ich, "ich bin Privatdetektiv, also quasi."

Das ist eigentlich nicht mal gelogen angesichts der, nun ja vielleicht nicht ganz legalen Aufträge, die ich als Scheidungsanwalt schon ausgeführt habe.

"Ich bin sozusagen Magnum 2.0!" Schnell krame ich aus meiner Hosentasche den Schnauzbart von gestern Nacht hervor und klebe ihn mir ins Gesicht. Die Nummer wirkt garantiert.

Tatsächlich kann sich Zuckerschnute ein Grinsen nicht verkneifen. "Ach, und deswegen tragen Sie auch dieses peinliche Tom Selleck-Hemd?", fragt sie und rollt lässig mit ihren braunen Kulleraugen.

Doch als die Düsen des Jets plötzlich deutlich hörbar aufdrehen, erstarrt sie zur Salzsäule.

"Ruhig, Brauner! Statistisch gesehen sterben Sie eher auf dem Weg zum Flughafen als in der Luft", versuche ich sie zu beruhigen.

Aber Mrs. Flugangst schließt demonstrativ ihre Augen.

Okay, ich habe verstanden. Ich bin gerade nicht gefragt und sehe mich mal lieber nach der Stewardess um. Ob ich vor dem Start noch eine Packung Nüsschen abstauben kann?

 

Dieses Knacken und Schmatzen macht mich wahnsinnig! Wir starten jeden Moment, und der Typ knabbert in aller Seelenruhe Pistazien, die er der Flugbegleiterin abgeschnackt hat. Und spuckt die Schalen einfach auf den Boden.

Ist das ekelhaft!

Dabei ist mir auch so schon schlecht.

Wenn er nicht so ein Oberproll wäre, würde ich mich am liebsten an seinen durchaus ansprechenden, weil gut trainierten Oberarm klammern. Aber das kommt überhaupt nicht in Frage. So viele Getränke kann ich gar nicht ordern, bis ich mir den akzeptabel getrunken habe.

Nein, ich werde das hier gelassen durchstehen. Ich bin ausgeglichen in meiner Mitte. Ich bin ausgeglichen in meiner Mitte. Ich bin ausge-

Oh Gott, wir starten!

Der Flieger ist auf der Startbahn angekommen, die Maschinen heulen auf, und schon donnern wir los.

"Uuuaaaagggghhhh!", entfährt es meinem Mund, der irgendwie außer Kontrolle gerät. Mir wird schwindelig, so als hätte ich mitten am Tag schon zwei Longdrinks intus. Habe ich ja auch. War vielleicht nicht die beste Idee.

Mein Puls beschleunigt genauso schnell wie der Pilot das Flugzeug. Es fühlt sich an, als ob meine Gedärme mit Lichtgeschwindigkeit in die Rückenlehne gedrückt werden. Ich halte das nicht aus und kralle mich schreiend in den Unterarm meines Sitznachbarn.

Jetzt Augen zu und durch, bis wir im Himmel sind - tot oder lebendig.

Als der Starttornado nach einer gefühlten ewigen Ewigkeit vorbeizieht, blinzele ich erst mit dem linken und dann mit dem rechten Auge. Wir haben es tatsächlich nach oben geschafft, ohne zu explodieren und pulverisiert zu werden. Ungläubig sehe ich mich um. Alle anderen Reisenden wirken derart tiefenentspannt, dass vielleicht tatsächlich alles in bester Ordnung ist. Aber die Anschnallzeichen leuchten immer noch. Auch die Stewardessen lassen sich nicht blicken. Das sind doch eindeutige Hinweise darauf, dass da irgendwas im Argen ...

"Machen Sie ruhig weiter. Tut fast überhaupt nicht weh", werde ich aus meinem Gedankenkarussell gerissen.

Ups!

Erst jetzt realisiere ich, dass ich meine künstlichen Fingernägel in das leicht behaarte Handgelenk meines Sitznachbarn bohre. Wie peinlich. Und außerdem hab ich einfach nicht das richtige Feeling mit diesen komischen Dingern. Ich löse meinen Eisengriff und beiße mir verlegen auf die Lippen.

"Entschuldigung", presse ich schließlich hervor, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Ich mustere ihn. Der Typ sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus mit seinen kurzen braunen Wuschelhaaren, dem Drei-Tage-Bart und den grünen gewitzten Augen, die mich schon wieder ein paar Sekunden zu lang fixieren. Ich werde nervös. Man wird  einfach nicht schlau aus ihm.

Wenn das ein Flirtversuch sein soll, stellt er sich ziemlich ungeschickt an.

"Beleidigung, Körperverletzung und sexueller Missbrauch können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwanzig Jahren geahndet werden. Da soll ein einfaches Entschuldigung reichen?"

Er zwinkert mir mit einem Auge zu. Dann lächelt er wieder so seltsam. Der Mundgeruch will dabei so gar nicht zu seinen schönen Zähnen passen, zu seinem aufmerksamen Blick.

Das Hemd allerdings auch nicht. 

Man spürt einfach, dass an diesem Typen etwas faul ist. Ich meine, woher kennt der sich überhaupt mit dem Strafmaß für Gewalttaten aus? Der ist doch nie und nimmer Privatdetektiv. Höchstens ein gesuchter Hochstapler! Aber ich will gar nicht wissen, was er alles auf dem Kerbholz hat, und widme mich besser meiner Arbeit. Ich muss dringend noch meine To-do-Listen abfotografieren, bevor sich die Schrift vollends durch den Prosecco-Unfall auflöst. Also suche ich mal wieder einmal nach meinem Handy, das ich doch eigentlich in das sichere, weil trockene, Seitenfach gesteckt habe, gleich nachdem ich es auf Flugmodus gestellt hatte ...

"Sagen Sie ruhig Bescheid, wenn Sie in den Tiefen Ihrer Fake-Tasche auf Öl oder Ähnliches gestoßen sind", witzelt Mr. Oberschlau nun mit vollem Mund, nur um gleich danach wieder ein Stück Pistazienschale mit einem gezielten Schuss in meinen leeren Getränkebecher zu pusten.

Fassungslos starre ich ihn an. Es ist sicher besser, jede Art der Kommunikation umgehend einzustellen.

Mit jeweils zwei spitzen Fingern falte ich vorsichtig die Gästeliste auseinander. Blöderweise ist sie zu groß, um sie auf dem ausgeklappten Tischchen vor mir auszubreiten.

"Was soll das denn sein?", fragt mein Sitznachbar nun.

"Besonders diskret ist Ihre Arbeitsweise ja nicht gerade!", beschwere ich mich, ohne meine Empörung auch nur im Geringsten zu unterdrücken.

Ich mache schnell mein Foto, reiße den Zettel in kleine Fetzen und stopfe sie in den leeren Trinkbecher, um ja keine weiteren dummen Fragen zu provozieren. Viel wichtiger als die Gästeliste ist ohnehin das Papier mit den gefühlt dreitausend Aufgaben, die ich noch vor der Hochzeit erledigt haben muss. Besorgt falte ich den entsprechenden Bogen auseinander.

Mist, jetzt habe ich das labbrige Blatt mit meinen dummen künstlichen Fingernägeln eingerissen, sodass es in der Mitte einklappt und nicht zu lesen ist.

"Warten Sie!"

Dieser Langfinger greift sich ungefragt meine Liste. Aber das lasse ich nicht zu und schiebe seine Hand entschieden zur Seite. In derselben Sekunde reißt das Blatt komplett in zwei Hälften.

"Na toll, das haben Sie ja super hingekriegt!", beschwere ich mich.

"So wie Sie das machen, wird das sowieso nichts."

"Und wieso nicht, bitte schön?!"

Dann klärt er mich in einem unnachahmlich überheblichen Ton darüber auf, dass ich schon das Blitzlicht einschalten müsse, wenn aus dem Foto etwas Leserliches werden soll. Kein Ding, denke ich siegesgewiss. Ich bin ja bereit, es zuzugeben: Technisch gesehen bin ich wirklich eine absolute Niete. Aber die Taschenlampenfunktion meines Handys habe ich schon mehrfach benutzt, wenn ich nach meinem Schlüssel gesucht habe. Ich bin doch nicht blöd!

Die Autorin

Sofie Cramer lebt in Hamburg. Dort arbeitet sie unter ihrem richtigen Namen Heidi Goch als Drehbuchautorin für Film und Fernsehen. Berühmt wurde die Autorin unter dem Pseudonym Sofie Cramer, als sie nach dem Verlust ihres Partners und zur Verarbeitung der Trauer den Roman schrieb: "SMS für dich" – ein Überraschungserfolg, der mit Karoline Herfurth fürs Kino verfilmt wurde. Seitdem schreibt die Autorin regelmäßig Romane. Ihr neues Buch "iLove"  ist eine lustig-leichte Lektüre fürs Herz. Sie handelt von einer Event-Managerin, die im Flieger einen Rüpel kennenlernt, der sie noch länger beschäftigen wird.

Buchtipp

"iLove" von Sofie Cramer ist für 9,99 Euro bei ROWOHLT TB erschienen und ist außerdem als E-Book erhältlich.


© Illustrationen: Silke Werzinger; Fotos: PR

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© Autorenbild: privat

 

 


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