Liebesbriefe auf Bestellung

Autorin und Texterin Laura Nunziante ist nebenberuflich Ghostwriterin für Liebesbriefe. 500 Stück (grob geschätzt) dürfte die 29-Jährige bereits verfasst haben – die meisten davon für Männer. Im Interview mit LAVIVA.com verrät Laura praktische Tipps, ihr persönlich schönstes Happy End und bei welchen Anfragen es eine knallharte Abfuhr gab.

Liebesgeschichten erzählen

LAVIVA.com: Liebe Laura, wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet etwas so Persönliches wie Liebesbriefe für andere zu schreiben?

Laura Nunziante: "Ich kann verstehen, dass das für viele erst mal abstrus klingt. Offen gestanden bin ich auch nicht selbst darauf gekommen – das Liebesbriefschreiben kam eher zu mir. Parallel zu meinem Studium des Kreativen Schreibens habe ich als Ghostwritern für die Agentur 'Feine Reime' bereits Gedichte für Geburtstage verfasst, dann ging es mit Liebesbriefen los. Es gab Anfragen, der Bedarf war da. Für mich war das eine spannende Übung – sich in andere hinein zu versetzen, aus deren Sichtweise zu schreiben. Man erzählt jedes Mal eine ganz andere Lovestory."

Sich in andere hinein versetzen, mifühlen, dem anderen erst mal zuhören: Rutscht man da nicht schnell in eine therapeutische Rolle hinein? Wie gehen Sie damit um?

"Es stimmt schon: Manche nutzen den Kontakt, der durch eine Liebesbrief-Bestellung entsteht, aus. Mir ist es schon ein paar mal passiert, dass mich die Auftraggeber noch lange nach dem geschriebenen Brief angerufen oder mir E-Mails geschrieben haben und meinen Rat wollten. Da musste ich die Abgrenzung erst lernen. Inzwischen gelingt mir das ganz gut. Ich weiß, dass ich weder die beste Freundin, noch eine Therapeutin sein muss und sollte. Wenn ich einen Liebesbrief schreibe, dann sehe ich das als Job und den Brief selbst von Anfang an als eine Geschichte."

Die rührendste Lovestory

Erinnern Sie sich noch an die rührendsten Anfrage, die Sie je bekommen haben?

"Es gab mal eine Frau, die mit Anfang 30 in der Liebe schon so ziemlich alles versucht hatte. Sie wollte dann mit meiner Hilfe Ihren Grundschulfreund anschreiben. Das hat mich ziemlich berührt. Eine andere Frau war in ihren Schwager verliebt und wollte ihm einen Liebesbrief schreiben, um mit ihm neu anzufangen. Die Situation fand ich selbst etwas grenzwertig. Viele hätten das moralisch wahrscheinlich nicht vertretbar gefunden, aber am Ende habe ich den Brief für sie geschrieben. Wo die Liebe hinfällt, darauf hat niemand Einfluss, dachte ich mir. Einmal bin ich auch in einen kulturellen Konflikt geraten. Dabei ging es um einen Mann über 30, der sich in eine Frau aus dem Iran verliebt hatte. Dann hat er sie betrogen. Für ihre Familie war das ein rotes Tuch. Aber er wollte sie unbedingt mit einem Brief erreichen, vorbei an ihrer Familie. Auch da bin ich eingesprungen."

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie einen Liebesbrief schreiben oder das Schreiben lieber lassen?

"Ich wäge das im Vorfeld immer ab: Wenn ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl bei der Sache habe, dann lasse ich es bleiben. Das hat sich eigentlich ganz gut bewährt. Ansonsten bin ich der festen Überzeugung, dass in der Liebe so ziemlich alles passieren kann und möglich ist. Mich schockt nichts mehr."

Gibt es denn Fälle, die Sie knallhart ablehnen würden?

"Wenn ich das Gefühl habe, jemand ist nur zu faul oder es ist ihm lästig, selbst einen Liebesbrief zu schreiben, dann finde ich das nicht so toll – wenn einer zum Beispiel gerade auf Geschäftsreise ist, vorgibt "so gar keine Zeit zu haben" und ich dann sekretärinnenmäßig einspringen soll. Das mache ich nicht. Aber die meisten, die bei mir anklopfen, sind eher verzweifelt und glauben wirklich, es selbst nicht zu schaffen. In solchen Fällen helfe ich eigentlich immer – und immer gerne."

Das schönste Happy End

Erfahren Sie davon, wenn es durch einen Liebesbrief von Ihnen doch noch zu einem Happy End gekommen ist?

"Tatsächlich habe ich jahrelang gar nichts gehört. Aber ich würde das auch als übertrieben empfinden, wenn alle schreiben würden, durch meinen Liebesbrief hätte ich ihre Beziehung gerettet. Das wäre sicherlich Quatsch. Dennoch bekomme ich in letzter Zeit häufiger Feedback, was mich sehr freut. Welche Geschichte ich besonders schön fand: Mich hat mal eine Mutter kontaktiert, weil der Kontakt zu ihrem Sohn abgebrochen war. Für sie schrieb ich also keinen Liebesbrief im klassischen Sinne. Trotzdem hat der Schritt, auf diese Art auf Weise auf ihn zuzugehen, funktioniert. Sie erzählte mir, durch den Brief seien sie wieder miteinander ins Gespräch gekommen. Vorher habe es nur gegenseitige Vorwürfe gegeben, nun sei Ruhe eingekehrt. Ich glaube, so ist es oft. Ein Brief kann für einen Moment Ruhe und Ordnung in eine verworrene Situation bringen."

Ängste als Auftraggeber

2008 haben Sie Ihren ersten Liebesbriefe geschrieben. Haben sich die Anfragen seit damals verändert?

"Ich merke auf jeden Fall, dass die Leute nicht mehr so gerne telefonieren. Normalerweise unterhalte ich mich lange, bis zu einer Stunde, mit meinen Auftraggebern am Telefon, um ihre jeweilige Geschichte zu erfahren. Die meisten wollen das inzwischen am liebsten per Mail regeln. Sich auf einer emotionalen Ebene wirklich zu unterhalten ist vielen zu krass geworden."

Lassen die Leute deshalb lieber andere schreiben?

"Die meisten Anfragen bekomme ich tatsächlich von Männern – damit bestätigt sich also auch das Klischee, dass Männer schwer einen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen finden. Mein Eindruck ist aber auch der, dass sie unter einem größeren Druck stehen als früher. Viele haben das Gefühl, den Ansprüchen der Frau nicht mehr gerecht werden zu können. Hinter den meisten Anfragen stecken also echte Ängste. Das ist schade."

Vom Liebesbrief zum Buch

Ihre persönliche Leidenschaft liegt eigentlich beim fiktionalen Schreiben. Gewinnen Sie durch die Liebesbriefe auch Inspiration für Ihre Geschichten?

"Ich fand es schon immer spannend, verlorene und verlassene Seelen zu beschreiben. Für mich darf es im Fiktionalen thematisch nicht zu schwer sein, aber gerne tragisch. Am besten die Charaktere haben Dreck am Stecken. Solche Geschichten zu spinnen empfinde ich am reizvollsten."

Haben Sie aktuell ein Projekt in der Pipeline?

"Ich sitze zusammen mit einer Lektorin an meinem Debüt. Aber da kann ich leider noch nichts Konkretes verraten – nur soviel: Thema ist die aktuelle Flüchtlingslage. Es wird um das Gefühl des Verlorenseinsgehen, um die große Frage nach Identität. Ansonsten ist gerade eine Kurzgeschichte auf Englisch von mir erschienen. Darin geht es um eine Frau, die ihrem Grundschulfreund einen Brief schickt, weil er rassistische Ansichten bei Facebook teilt. Nach dem Motto: "Was ist da los? Wir waren doch mal Freunde!" Die deutsche Fassung habe ich auf meinem Blog publiziert."

Das ist Laura Nunziante

Während Ihres Studium schrieb Laura erstmals Liebesbriefe im Auftrag für andere. Das macht sie immer noch, aber ihr eigenes Herz schlägt fürs fiktionale Schreiben. Aktuell arbeitet die 29-jährige Autorin an ihrem Debüt. Bis dahin veröffentlicht sie regelmäßig auch Texte auf ihrem Blog.


© Fotos: Fotolia/LoloStock, Vitor Mainho (Autorinnenfotos)


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