Manchmal lüge ich

In "Manchmal lüge ich" erzählt Alice Feeney von einer Frau, die im Koma liegt, aber noch alles um sich herum mitbekommt. Lesen Sie hier einen Auszug aus diesem spannenden Thriller.

Neuer Lesestoff für den Januar

Mit der exklusiven LAVIVA-Leseprobe können Sie diesmal in den Körper einer Frau schlüpfen, die im Koma liegt, aber noch alles um sich herum mitbekommt: Amber kann nicht mehr reden, nicht mehr auf ihre Eltern reagieren und auch nicht schreien, wenn der falsche Besucher ihr Krankenzimmerbetritt. Ein tolles Romandebüt der englischen Journalistin Alice Feeney, in das Sie bei uns reinlesen dürfen.

Erweiterte Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Ich heiße Amber Reynolds. Drei Dinge sollten Sie über mich wissen:

1. Ich liege im Koma.
2. Mein Mann liebt mich nicht mehr.
3. Manchmal lüge ich.

 

Jetzt, Zweiter Weihnachtstag 2016

Ich habe den freien Fall zwischen Schlaf und Aufwachen immer gemocht. Die halbbewussten Sekunden vor dem Öffnen der Augen, in denen Träume Wirklichkeit sein könnten. Ein Moment größter Freude oder großen Leids, bevor die Sinne neu starten und einem sagen, wer und wo und was man ist. Noch eine Sekunde länger genieße ich die ersehnte Selbsttäuschung, die mich glauben lässt, ich könnte eine andere sein, könnte überall sein, könnte geliebt sein.

Ich spüre das Licht durch meine Augenlider und werde auf den Platinring an meinem Finger aufmerksam. Er fühlt sich schwerer an als sonst, als würde er mich hinabziehen. Ein Tuch wird über meinen Körper gezogen, es riecht fremd, bin ich in einem Hotel? Die Erinnerung an den Traum verflüchtigt sich. Ich will sie festhalten, will versuchen, jemand anders zu sein, woanders zu sein, aber es gelingt mir nicht. Ich bin nur ich, und ich bin hier, wo ich, wie ich schon weiß, nicht sein will. Meine Glieder schmerzen, und ich bin so müde, dass ich die Augen nicht öffnen will. Bis mir einfällt, dass ich es nicht kann.

Panik fegt wie ein eiskalter Wind durch mich hindurch. Ich weiß nicht, wo ich bin oder wie ich hierhergekommen bin, aber ich erinnere mich, wer ich bin. Ich heiße Amber Reynolds. Ich bin fünfunddreißig Jahre alt. Ich bin mit Paul verheiratet. Diese drei Dinge wiederhole ich im Kopf, kralle mich an ihnen fest, als könnten sie mich retten, aber mir ist klar, dass ein Teil der Geschichte fehlt, die letzten Seiten wurden herausgerissen. Als ich die Erinnerungen, soweit es mir möglich ist, wiederhergestellt habe, vergrabe ich sie, bis in meinem Kopf genug Ruhe herrscht, um zu denken, zu fühlen, Zusammenhänge herzustellen. Eine Erinnerung widersetzt sich, kämpft sich an die Oberfläche zurück, aber ich will ihr nicht glauben.

Das Geräusch einer Maschine drängt sich in mein Bewusstsein, stiehlt die letzten Fragmente von Hoffnung und hinterlässt nichts als die unliebsame Gewissheit, dass ich mich in einem Krankenhaus befinde. Der sterile Geruch reizt mich zum Würgen. Ich hasse Krankenhäuser. In ihnen wohnen der Tod und verspätete Reue, und ich würde freiwillig nicht einmal zu Besuch herkommen, geschweige denn bleiben.

Vorhin waren Leute da, Fremde, jetzt erinnere ich mich. Sie benutzten ein Wort, das ich nicht hören will. Ich erinnere mich an große Aufregung, laute Stimmen und Angst, nicht nur meine eigene. Ich bemühe mich, mehr auszugraben, aber mein Kopf macht nicht mit. Irgendetwas sehr Schlimmes ist passiert, aber ich kann mich nicht erinnern, was oder wann.

Warum ist er nicht hier?

Es kann riskant sein, eine Frage zu stellen, auf die man die Antwort schon kennt.

Er liebt mich nicht.

Ich setze ein Lesezeichen bei diesem Gedanken.

Eine Tür geht auf. Schritte, dann kehrt wieder Stille ein, aber sie ist angeknackst. Links von mir hustet jemand, und ich merke, dass zwei Menschen bei mir sind. Fremde in der Dunkelheit. Mir ist kälter als je zuvor, ich komme mir winzig vor. Noch nie habe ich eine solche Angst gekannt wie die, die mich jetzt packt.

Wenn doch bloß jemand etwas sagen würde.

"Wer ist sie?", fragt eine Frauenstimme.

"Keine Ahnung. Armes Ding, was für eine Katastrophe", erwidert eine andere.

Wenn sie bloß nichts gesagt hätten. Ich beginne zu schreien.

Ich heiße Amber Reynolds! Ich bin Radiomoderatorin! Wieso wissen Sie nicht, wer ich bin?

Ich schreie wieder und wieder dieselben Sätze, aber sie ignorieren mich, weil ich nach außen hin stumm bin. Nach außen hin bin ich niemand und habe keinen Namen.

Ich will das Ich sehen, das sie gesehen haben. Ich will mich aufsetzen, die Hand ausstrecken und sie berühren. Ich will wieder etwas fühlen. Irgendetwas. Irgendjemanden. Ich will tausend Fragen stellen. Ich glaube, ich will die Antworten wissen. Sie haben wieder das Wort von vorhin gesagt, das ich nicht hören will.

Die Frauen gehen hinaus, schließen die Tür, doch das Wort bleibt zurück; ich bin mit ihm allein und kann es nicht länger ignorieren. Ich kann die Augen nicht öffnen. Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht sprechen. Das Wort schießt an die Oberfläche und zerplatzt, und ich weiß, dass es wahr ist.

Koma.


Jetzt, Zweiter Weihnachtstag 2016

Ich versuche, mir meine Umgebung vorzustellen. Ich liege nicht in einem Krankensaal, dazu ist es zu still. Ich bin nicht in der Leichenhalle; ich kann mich selbst atmen hören, in meiner Brust zuckt ein kurzer Schmerz, wenn die Lungen sich mühevoll mit Sauerstoff vollpumpen. Das ist seltsam tröstlich, die einzige Gesellschaft in einem unsichtbaren Universum. Ich zähle die Piepser, sammle sie in meinem Kopf, habe Angst, sie könnten zu Ende gehen, und weiß nicht, was das bedeuten würde.

Ich komme zu dem Schluss, dass ich in einem Einzelzimmer liege. Ich stelle mir vor, wie ich in meiner Klinikzelle liege, die Zeit rinnt langsam an den vier Wänden herunter, bildet schmutzige Schlammpfützen, in denen ich allmählich ertrinken werde. Bis dahin existiere ich in einem unendlichen Raum, in dem sich Täuschung mit Wirklichkeit verbindet. Mehr tue ich im Moment nicht, nur existieren und warten, ohne zu wissen, worauf.

Der körperliche Schmerz ist real und macht sich lautstark bemerkbar. Wie schlimm mögen meine Verletzungen sein? Ein schraubzwingenartiger Schmerz zieht sich um meinen Schädel herum zusammen und pulsiert im selben Takt wie mein Herzschlag. Ich prüfe meinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle, eine vergebliche Suche nach einer einleuchtenden Selbstdiagnose. Mein Mund wird offen gehalten, ich kann ein fremdes Objekt zwischen meinen Lippen, meinen Zähnen stecken spüren, das meine Zunge zur Seite drückt und sich in meinen Rachen schiebt. Mein Körper scheint mir seltsam unvertraut, als würde er jemand anderem gehören, aber alles ist komplett bis hinunter zu den Füßen und Zehen, die ich alle zehn spüre, welch riesige Erleichterung.

Ich höre, dass eine Tür sich öffnet, dann kommen Schritte auf das Bett zu. Durch den Schleier meiner Augenlider erkenne ich schattenhafte Bewegungen. Zwei Personen. Ich rieche billiges Parfüm und Haarspray. Sie reden, aber ich kann die Worte nicht ganz verstehen, noch nicht. Im Moment sind sie nur Geräusch wie ein fremdsprachiger Film ohne Untertitel. Eine der beiden zieht meinen linken Arm unter der Decke hervor. Ein merkwürdiges Gefühl, wie wenn man sich als Kind schlappstellt. Als Fingerspitzen meine Haut berühren, zucke ich innerlich zusammen. Ich lasse mich von Fremden nicht gerne anfassen. Ich lasse mich von niemandem gerne anfassen, nicht einmal von ihm, nicht mehr.

Sie wickelt etwas um meinen linken Oberarm, einen Abbindgurt, wie ich annehme, als er straff angezogen wird. Sanft legt sie meinen Arm ab und geht auf die andere Seite. Die zweite Krankenschwester, vermutlich sind die beiden das, steht am Fußende meines Betts. Ich höre energische Finger Seiten umblättern und stelle mir vor, dass sie entweder einen Roman oder meine Krankenakte liest. Die Geräusche werden schärfer.

"Nur noch diese eine Übergabe, dann kannst du abhauen. Was ist mit ihr passiert?", fragt die Frau neben mir.

"Kam gestern Nacht rein. Ein Unfall", erwidert die andere, sie bewegt sich beim Sprechen. "Lassen wir mal ein bisschen Tageslicht rein, das macht es doch gleich fröhlicher!" Ich höre das Kratzen der Gardinen, die sich widerstrebend zurückziehen lassen, und finde mich plötzlich in einer helleren Düsterkeit wieder. Dann sticht mir ohne Vorwarnung etwas Spitzes in den Arm. Ich fühle etwas Kaltes unter meine Haut strömen, in meinen Körper eintauchen, bis es Teil von mir wird. Ihre Stimmen holen mich wieder zurück.

"Sind die Angehörigen benachrichtigt worden?", fragt die älter Klingende.

"Es gibt einen Ehemann. Wir haben es mehrmals versucht, immer ging sofort die Mailbox an", erwidert die andere. "Eigentlich müsste er doch merken, wenn seine Frau an Weihnachten nicht da ist."

Weihnachten.

Ich durchforste meine Bibliothek der Erinnerungen, doch zu viele Regale sind leer. Ich erinnere mich an gar nichts. Normalerweise verbringen wir Weihnachten bei meiner Familie.

Warum ist niemand bei mir?

Ich merke, dass mein Mund schrecklich trocken ist, und schmecke altes Blut. Was würde ich für einen Schluck Wasser geben, aber wie kann ich mich verständlich machen? Ich konzentriere mich ganz auf meinen Mund, will ihm eine Form geben und eine Delle, wie winzig auch immer, in die ohrenbetäubende Stille drücken, aber nichts kommt. Ich bin ein in mir selbst eingeschlossenes Gespenst.

"Alles klar, ich geh nach Hause, wenn das okay ist?"

"Bis dann, grüß Jeff von mir."

Die Tür geht auf, in der Ferne höre ich ein Radio. Eine vertraute Stimme dringt an mein Ohr.

"Sie arbeitet übrigens bei Coffee Morning, ihr Arbeitsausweis war in der Tasche", sagt die Krankenschwester, die gerade gehen will.

"Wirklich? Nie von ihr gehört."

Ich kann euch hören!

Die Tür klappt zu, die Stille kehrt zurück, und dann bin ich weg, bin nicht mehr da, schreie lautlos in die Dunkelheit, die mich verschluckt hat.

Was ist mit mir passiert?

Sosehr ich innerlich auch schreie, äußerlich bin ich stumm und völlig reglos. Im echten Leben werde ich dafür bezahlt, im Radio zu reden, jetzt bin ich zum Schweigen gebracht, jetzt bin ich nichts. Die Dunkelheit wälzt meine Gedanken um, bis das Geräusch der sich öffnenden Tür alles anhält. Ich nehme an, dass auch die zweite Krankenschwester mich verlässt, und will rufen, sie bitten zu bleiben, ihr erklären, dass ich mich nur ein wenig im Kaninchenbau verlaufen habe und ein bisschen Hilfe brauche, um den Ausgang zu finden. Doch sie geht nicht. Jemand anders hat das Zimmer betreten. Ich rieche ihn, ich höre ihn weinen und spüre seine überwältigende Angst vor meinem Anblick.

"Es tut mir so leid, Amber. Ich bin jetzt da."

Er hält meine Hand ein bisschen zu fest. Ich bin diejenige, die sich selbst verloren hat, er hat mich vor Jahren verloren, und jetzt bin ich nicht mehr zu finden. Die Krankenschwester geht, entweder, um uns Raum zu geben, oder vielleicht weil sie spürt, dass die Situation zu unangenehm ist, dass etwas nicht stimmt. Mir wäre lieber, sie würde bleiben, ich will nicht mit ihm alleine sein, obwohl ich nicht weiß, warum.

"Kannst du mich hören? Bitte wach auf", sagt er wieder und wieder.

Mein Kopf zuckt vor dem Klang seiner Stimme zurück. Wieder legt sich die Schraubzwinge um meinen Schädel, als würden Tausende von Fingern in meine Schläfen kneifen. Ich erinnere mich nicht, was mir zugestoßen ist, aber ich weiß mit absoluter Gewissheit, dass dieser Mann, mein Mann, etwas damit zu tun hat.

Zuvor, Dienstag, 20. Dezember 2016 – Nachmittag

Ich komme früh nach Hause und hoffe, mit Paul reden zu können, doch er ist nicht da. Wahrscheinlich macht er einen Spaziergang. Das macht er oft, er sagt, es hilft ihm beim Schreiben, wenn die Worte nicht fließen wollen. In letzter Zeit fließen die Worte nur selten, seine Welt muss schrecklich still geworden sein. Auch im Haus ist es still, ich bin unschlüssig, was ich tun soll. Ich öffne den Kühlschrank und sehe unnötig lange hinein, er ist fast leer. Ich setze mich mit einer kalten Limo an den Küchentisch und schaue in den Garten hinaus. Der wolkenlose Himmel ist stechend blau, das Gras grün, nur die blattlosen Bäume und die kühle Luft sprechen gegen einen Sommertag. Der Anblick ist völlig anders als letzte Woche, als Paul sich auf irgendeiner Recherchereise befand und ich eines Abends alleine zu Hause saß, überzeugt, dass da draußen in der Dunkelheit jemand war. Ich schwöre, dass ich Schritte gehört habe und Geräusche, als jemand versuchte, die Hintertür aufzubrechen. Paul meint, ich hätte das geträumt. Ich schüttele den Gedanken ab.

Die Dose zischt, als ich sie mit dem Fingernagel öffne, als wollte sie mir ein Geheimnis verraten. Ich trinke einen Schluck. Die Kälte schmerzt in den Zähnen, aber ich mag das Prickeln und trinke weiter. Als ich wieder aus dem Fenster sehe, sitzt auf dem Gartenzaun ein Rotkehlchen. Ich schaue es an, es scheint meinen Blick zu erwidern. Dann geht alles sehr schnell. Ein Ball aus Federn wirft sich mir mit Geschwindigkeit und Entschlossenheit in vollem Flug entgegen, dann ist die Glastür im Weg. Beim Aufprall springe ich auf und stoße versehentlich mein Getränk um. Der winzige Vogelkörper fällt in einem Bogen nach hinten, fast in Zeitlupe, und landet auf dem Rasen. Ich laufe zur Terrassentür, öffne sie aber nicht. Ich stehe nur da und starre den kleinen, auf dem Rücken liegenden Vogel an, der mit flatternden Flügeln Flugbewegungen nachahmt, seine Augen sind bereits geschlossen. Ich weiß nicht genau, wie lange wir so bleiben; der Vogel ringt nach Luft, während ich den Atem anhalte, aber schließlich holt die Zeit das Geschehene ein.

Das Rotkehlchen bewegt sich nicht mehr, die Flügel sind ausgebreitet.

Seine rote Brust sinkt in sich zusammen und bleibt still.

Zwei winzige Beine sinken in das feuchte Gras.

Irgendwie fühle ich mich verantwortlich, aber ich schaffe es nicht, die Tür zu öffnen und nach draußen zu gehen, ich brauche die schützende Glasscheibe zwischen uns. Ich knie nieder, strecke den Kopf vor, als könnte ich so sehen, wie das Leben den Vogelkörper durch den Schnabel verlässt. Ein Freund hat mir mal erzählt, dass Rotkehlchen Tote sind, die den Lebenden eine Botschaft überbringen. Ich frage mich, was mir der Vogel sagen wollte, und merke, dass mich eine Gänsehaut überläuft.

Ein Klopfen am Glas schreckt mich auf. Claire steht am Fenster, sie bemerkt den Vogel nicht, obwohl sie dicht neben ihm steht. Ich richte mich auf, öffne die Tür, und sie kommt unaufgefordert herein, als würde das Haus ihr gehören.

"Was machst du da?", fragt sie, während sie die Jacke auszieht. Wie immer ist sie perfekt gestylt, die Kleidung trotz zweier kleiner Kinder ordentlich und sauber, jedes Haar am Platz. Ich kann es nicht ausstehen, dass sie immer ums Haus herumgeht, um nachzusehen, ob ich da bin. Jeder andere würde vorne klingeln und sich damit abfinden, wenn keiner aufmacht, nicht so Claire. Sie hat schon ein paarmal einen Schlüssel haben wollen. Ich sage immer, ich lasse einen machen, tue es aber nie.

"Nichts. Ich dachte, ich hätte was gesehen."

"Du bist früh zu Hause."

"Es ist weniger los als sonst, wegen Weihnachten."

"Ist Paul nicht da?" Sie hängt die Jacke über einen Küchenstuhl und macht es sich bequem.

"Sieht nicht so aus." Sofort bereue ich meine Wortwahl. Mein Tonfall bleibt nicht unbemerkt, das tut er nie.

"Na, ich bin froh, dich alleine anzutreffen", sagt sie. Ich nicke. Ich fühle mich ertappt.

"Willst du was trinken?"

"Nein, ich hab nicht viel Zeit, ich muss die Zwillinge abholen." Sie setzt sich an den Tisch. Ich reiße Küchenpapier ab und wische die verschüttete Limo auf, dann setze ich mich ihr gegenüber, der Sitz ist noch warm. Über ihre Schulter hinweg muss ich immerzu den toten Vogel draußen ansehen.

"Und?", frage ich, ohne so barsch klingen zu wollen. Meine Gespräche mit Claire sind nicht wie die Unterhaltungen, die ich mit anderen führe. Es ist, als würde man das Radio anmachen und dort läuft das Lied, das man die ganze Zeit im Kopf gehabt hat. Man kann es unmöglich gewusst haben, aber irgendwie doch. So ist es mit Claire.

"Und … ich mache mir Sorgen um dich. Ich dachte, wir sollten mal reden", sagt sie.

"Mir geht’s gut."

"Wirklich? Du siehst nicht so aus. Du hast meine Anrufe ignoriert."

"Ich habe zu tun. Ich habe einen Vollzeitjob." Ich wünschte, ich könnte ihr die Wahrheit sagen, Geheimnisse mit ihr teilen, wie normale Schwestern es tun, aber ich weiß nicht, wie das gehen soll. Wir haben alles und nichts gemeinsam, und unsere Muttersprache gibt diese Art Vokabular nicht her.

"Erinnerst du dich an den Typen, mit dem ich an der Uni zusammen war?", frage ich. Sie schüttelt den Kopf. Sie lügt, und ich bereue bereits, damit angefangen zu haben.

"Wie hieß er?"

"Edward. Du mochtest ihn nicht. Nicht dass das deiner Erinnerung auf die Sprünge helfen würde, du mochtest nie einen."

"Ich mochte Paul", sagt sie. Ich ignoriere die Vergangenheitsform.

"Ich bin gestern auf der Oxford Street in ihn reingelaufen, ein verrückter Zufall."

"Ich glaube, ich erinnere mich. Groß, ziemlich gut aussehend, sehr selbstsicher."

"Ich glaube nicht, dass du ihm je begegnet bist."

"Worauf willst du eigentlich hinaus? Du willst dich doch nicht auf eine Affäre einlassen, oder?"

Ich starre eine Weile den Tisch an und wünschte, sie würde einfach gehen, aber sie bleibt.

"Wie läuft es mit Paul?"

"Sag du’s mir, du hast in letzter Zeit mehr von ihm gesehen als ich." Ich bin von meiner Wortwahl überrascht, die viel mutiger ist, als ich mich fühle. Wir segeln hier in unbekanntes Territorium hinein. Mir ist bewusst, dass ich eine Sprache angeschlagen habe, die sie nicht versteht, und zum ersten Mal brauchen wir vielleicht einen Dolmetscher. Sie erhebt sich und nimmt die Jacke vom Stuhl. Ich halte sie nicht auf.

"Offensichtlich habe ich dich in einem schlechten Moment erwischt, ich gehe dann mal." Sie öffnet die Tür und wendet sich noch einmal zu mir um. "Du weißt ja, ich bin ganz in der Nähe", sagt sie und geht.

Ihre Worte klingen in meinen Ohren eher bedrohlich als tröstend. Ich höre, wie sie am Haus entlanggeht, das Geräusch des knirschenden Kiesels wird leiser, schließlich fällt das Gartentor ins Schloss.

 

Jetzt, Mittwoch, 28. Dezember 2016

Endlich sind meine Eltern ins Krankenhaus gekommen, lange bevor sie das Zimmer betreten, höre ich ihre Stimmen. Sie haben die seltene Art von Ehe erduldet, bei der die Liebe seit über dreißig Jahren hält. Aber es ist eine Liebe, die dazu führt, dass ich mich traurig und leer fühle, eine Liebe, die auf Gewohnheit und Abhängigkeit basiert, sie ist nicht real. Die Tür geht auf, und ich rieche das Parfüm meiner Mutter: zu blumig, zu stark. Mein Vater räuspert sich auf seine üblich nervige Weise. Sie stehen am Fußende meines Betts, bleiben wie immer auf Distanz.

"Sie sieht schlimm aus", sagt Dad.

"Wahrscheinlich sieht es schlimmer aus, als es ist", erwidert Mum.

Seit unserem letztem Gespräch ist fast ein Jahr vergangen, in ihren Stimmen liegt keinerlei Zuneigung.

"Ich glaube nicht, dass sie uns hören kann", sagt Mum.

"Wir sollten ein bisschen bleiben, für alle Fälle", sagt Dad und setzt sich ans Bett. Dafür liebe ich ihn. "Das wird wieder, Peanut", sagt er und nimmt meine Hand. Ich stelle mir vor, dass ihm eine Träne über die Wange rollt, bis zum Kinn hinunter, wo sie in meiner Phantasie hängen bleibt, bevor sie auf die weiße Krankenhausbettdecke hinuntertropft. Ich habe meinen Vater nie weinen sehen. Das Gefühl seiner Finger um meine löst eine Erinnerung daran aus, wie wir, als ich fünf oder sechs war, Hand in Hand gegangen sind. Damals war Claire noch nicht in unserer Welt. Wir waren auf dem Weg zur Bank, und er hatte es eilig. Er hatte es oft eilig. Seine langen Beine machten Riesenschritte, und ich musste rennen, um mitzukommen. Kurz vor der Bank bin ich gestolpert und hingefallen. In meinem Knie war ein blutiges Loch, dünne Blutfäden tanzten an meinem Bein hinunter und färbten meine weiße Socke mit vereinten Kräften rot. Es tat weh, trotzdem habe ich nicht geweint. Er sah betrübt aus, aber küsste das Knie nicht gesund, und ich kann immer noch seine Stimme hören.

Das wird wieder, Peanut.

Ohne weitere Worte eilten wir etwas langsamer zur Bank.

Auf Claire haben sie immer viel besser aufgepasst. Sie war wie eine neue, glänzende, kostbare Puppe, ich bereits angeschlagen und zerkratzt. Mein Vater hatte für mich den Kosenamen Peanut. Der für Claire war Prinzessin. Ich hasse meine Eltern nicht, nur, dass sie aufhörten, mich zu lieben.

Die Atmosphäre im Zimmer ist aufgeladen mit Schweigen und Reue, dann geht die Tür auf, und alles ändert sich.

"Wie geht es euch?", fragt meine Schwester. Ich höre Paul antworten und merke, dass er die ganze Zeit im Raum war. Das macht es noch unangenehmer, Paul und meine Eltern haben sich nie gut verstanden. Für Dad ist Schreiben kein richtiger Beruf und ein Mann ohne einen solchen kein richtiger Mann. "Irgendwas Neues?", fragt Claire.

"Sie ist jetzt stabil, aber sie können noch nicht sagen, wie es weitergeht", sagt er.

"Wir müssen optimistisch bleiben", sagt sie.

Sie hat gut reden.

Ich habe so viele Fragen. Dass ich stabil bin, bedeutet wohl, dass ich nicht sterben werde. Jedenfalls jetzt noch nicht, am Ende sterben wir ja alle.

Meine ganze Familie war schon seit langer Zeit nicht mehr zusammen, und es ist seltsam, dass sich alle um mein Krankenbett herum versammelt haben. Früher haben wir immer Weihnachten zusammen gefeiert, irgendwann hörte das auf. Obwohl ich der Mittelpunkt dieses Familientreffens bin, bin ich unsichtbar. Niemand hält mehr meine Hand. Niemand weint. Niemand tut, was er sollte, es ist, als wäre ich gar nicht da.

"Ihr seht wirklich müde aus", sagt Claire, ganz die fürsorgliche Tochter. "Vielleicht sollten wir was essen gehen?" Keiner sagt etwas, dann bricht die Stimme meines Vaters den Bann.

"Halte fest, mehr brauchst du nicht zu tun."

Warum legen alle so viel Wert darauf, mir zu sagen, dass ich festhalten soll? Festhalten woran? Ich muss nicht festhalten, ich muss aufwachen.

Paul küsst mich auf die Stirn. Ich dachte nicht, dass er mitgehen würde, aber dann höre ich ihn das Zimmer verlassen. Ich weiß nicht, warum es mich überrascht, alleingelassen zu werden, so war es immer. Alle, die ich liebe, nimmt Claire mir weg.

Regen setzt ein und trommelt laut gegen das unsichtbare Fenster in meinem gedachten Zimmer. Das nasse Schlaflied lenkt mich von meinem Zorn ab, bringt ihn aber nicht zum Verstummen.

Ich lasse nicht zu, dass sie mir noch jemanden wegnimmt.

Jetzt ist jemand in meinem Zimmer, und alles fühlt sich falsch an.

"Kannst du mich hören?" Ein Mann. Ich erkenne die Stimme nicht. Als er sich dem Bett nähert, schießt Angst durch mich hindurch.

"Ich sagte, kannst du mich hören?", wiederholt er. Als er direkt neben mir steht, fragt er ein drittes Mal, seufzt dann und tritt einen Schritt zurück. Er öffnet etwas neben meinem Bett, und ich höre, wie ein Handy angestellt wird. Mein Handy. Ich höre den PIN-Code, den ich nie geändert habe; der unbekannte Mann hört meine Mailbox ab. Drei Nachrichten, leise, aber hörbar. Als Erstes Claires Stimme. Sie sagt, dass sie nur hören will, ob alles okay ist, ihr Ton deutet darauf hin, dass sie schon weiß, dass dem nicht so ist. Dann eine wütende Nachricht von Paul, der wissen will, wo ich bin. Dann spielt der Fremde in meinem Zimmer die dritte Nachricht ab, und es ist seine Stimme, die ich höre.

Es tut mir leid, was passiert ist, es ist nur, weil ich dich liebe.

Ich spüre meinen ganzen Körper erkalten. Ich höre ein Piepen.

Nachricht gelöscht. Sie haben keine neuen Nachrichten.

Ich kenne diesen Mann nicht. Aber er kennt mich. Ich habe solche Angst, selbst wenn ich schreien könnte, wäre meine Kehle wie zugeschnürt.

"Ich hoffe sehr, dass du nicht daliegst und dich in Selbstmitleid suhlst, Amber", sagt er. Als er mein Gesicht berührt, möchte ich mich im Kissen verkriechen. Er tippt mir mit dem Finger mehrmals auf den Kopf. "Falls da drinnen Unklarheit herrscht, das war kein Unfall." Sein Finger gleitet über meine Wange und bleibt auf meinen Lippen liegen. "Das hast du dir selbst zuzuschreiben."

Die Autorin

Alice Feeney ist Journalistin und hat 16 Jahre als Nachrichtenredakteurin sowie Produzentin für BBC News gearbeitet. Das erklärt, warum sich ihr Debütroman "Manchmal lüge ich" überhaupt nicht wie ein Erstlingswerk liest. Feeney weiß, wie sie Spannung erzeugt oder Personen mit all ihren Emotionen, Zweifeln und Konflikten in wenigen Worten beschreibt. Heute wohnt sie, nach Stationen in London und Sydney, mit ihrem Mann und ihrem Hund in der Grafschaft Surrey in Südengland. Nach ihrer Buchpemiere wäre es nicht verwunderlich, wenn ihre Jobbezeichnung bald nur noch (Bestseller-)Autorin hieße.

Buchtipp

"Manchmal lüge ich" von Alice Feeney ist für 12,99 Euro bei ROWOHLT TB erschienen und ist außerdem als E-Book für 9,99 Euro erhältlich. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Karen Witthuhn.


© Illustrationen: Gisela Goppel; Fotos: PR

© ROWOHLT VERLAG GmbH, Reinbek. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: Brian Grant

 

 

 

 


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