So klingt dein Herz

In "So klingt dein Herz" erzählt Cecelia Ahern die Geschichte von Laura, die alle Stimmen und Geräusche von Menschen, Tieren und der Natur nachahmen kann. Lesen Sie hier einen Auszug aus diesem Roman.

Neuer Lesestoff für den Oktober

Eine Geschichte vom Zauber der Liebe: Lernen Sie in der exklusiven LAVIVA-Leseprobe Laura kennen, die im Verborgenen im Westen Irlands lebt und eine Gabe hat: Sie kann alle Stimmen und Geräusche von Menschen, Tieren und der Natur nachahmen. Eines Tages trifft sie auf Solomon, der sofort fasziniert von ihr ist und ihrem Zauber verfällt. Zwischen den beiden bahnt sich eine ganz besondere Beziehung an...

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin

Er geht ein Stück beiseite, weg von den anderen, denn ihr ständiges Geplauder verschmilzt in seinem Kopf zu einem nervtötend monotonen Summen. Irgendwie hat er das Gefühl, dass er ganz woanders ist und ihn das alles nichts angeht.

Die anderen merken gar nicht, dass er sich zurückgezogen hat, oder falls doch, sagen sie nichts dazu. Er schleppt seine ganze Tonausrüstung mit sich herum, die würde er niemals irgendwo zurücklassen – nicht nur, weil sie so teuer ist, sondern weil sie inzwischen zu ihm gehört wie ein Arm oder ein Bein.

Er entfernt sich von der Lichtung und dem Fledermaushaus und geht auf den Wald zu. Als er ihn erreicht, schlägt ihm angenehm frische, kühle Luft entgegen.

Es ist ein heißer Junitag, die Sonne brennt gnadenlos auf seinen Kopf und die ungeschützte Haut im Nacken. Der Schatten ist einladend. Eine Gruppe von Mücken nutzt die einfallenden Sonnenstrahlen für einen Tanz in flirrender Geschwindigkeit, fast wirken sie wie Fabeltiere. Unter seinen Füßen fühlt sich der mit Blättern und Rinde gepolsterte Waldboden weich und federnd an. Inzwischen kann er seine Kollegen nicht mehr sehen, also blendet er sie einfach aus und füllt seine Lunge mit dem erfrischenden Duft der Kiefern.

Er stellt die Audiotasche neben sich ab und lehnt das Galgenmikrophon an einen Baum. Dann streckt er sich ausgiebig und genießt es, wie die Gelenke knacken und die Muskeln sich dehnen. Als er den Pullover über den Kopf zieht, rutscht das T-Shirt mit nach oben und legt ein Stück Bauch frei. Er schlingt den Pullover um die Taille, zieht das Haargummi aus seinen langen Haaren, bindet den Knoten auf dem Kopf fester zusammen und genießt die kühle Luft an seinem verschwitzten Nacken. So lässt er aus einer Höhe von hundertzwanzig Metern den Blick über Gougane Barra schweifen – bewaldete Berge, soweit das Auge reicht, meilenweit kein Zeichen einer menschlichen Behausung. Einhundertzweiundvierzig Hektar Nationalpark. Friedlich, ruhig und heiter.

Im Lauf der Zeit hat sein Ohr sich für alle Arten von Geräuschen enorm geschärft, er hat gelernt zu horchen, vor allem auf das, was man nicht auf Anhieb wahrnimmt. Er hört die Vögel zwitschern, er hört die Bewegungen der Kreaturen des Waldes in seiner Nähe, ein ununterbrochenes Rascheln und Knistern, er hört das leise Brummen eines Traktors in der Ferne. Auf einmal hört er hinter sich einen Zweig knacken und wirbelt blitzschnell herum.

Eine Gestalt saust hinter einen Baum.

"Hallo?", ruft er und hört den Ärger in seiner Stimme, weil er unachtsam war und dabei erwischt worden ist.

Aber die Gestalt verharrt reglos in ihrem Versteck.

"Wer ist denn da?", fragt er.

Einen kurzen Moment lugt sie hinter dem Baumstamm hervor, dann verschwindet sie sofort wieder, als spiele sie Verstecken mit ihm.

Doch dann geschieht etwas Seltsames. Zwar weiß er jetzt, dass er nicht in Gefahr ist, aber auf einmal beginnt sein Herz heftig zu pochen – wo es sich doch eigentlich beruhigen müsste.

Er lässt die Geräte stehen, geht langsam auf den Baum zu, wobei das Knirschen und Knacken des Waldbodens unter seinen Füßen jede seiner Bewegungen verrät. Weil er die Person hinter dem Baum aber auf keinen Fall bedrängen will, nähert er sich in einem großen Bogen. Dann sieht er sie. Sie duckt sich und nimmt Verteidigungshaltung an. Aber er hebt die Hände, die Handflächen flach nach vorn, eine Geste, die ihr zeigen soll, dass seine Absichten friedlich sind.

Ohne die weißblonden Haare und die grünen Augen – die durchdringendsten Augen, die er jemals gesehen hat – wäre die Gestalt im Wald unsichtbar oder zumindest gut getarnt. Er ist vollkommen bezaubert.

"Hi", sagt er leise. Er möchte sie nicht erschrecken, sie wirkt zerbrechlich, steht sprungbereit auf den Zehenspitzen, um jederzeit weglaufen zu können, sobald er eine falsche Bewegung macht. Also bleibt er stehen, die Hände weiter in die Höhe gereckt, als wolle er die Luft aufhalten – oder vielleicht ist es ja auch die Luft, die ihn aufhält.

Sie lächelt.

Und er steht unter einem Zauberbann.

Wie bei manchen Fabelwesen ist kaum zu erkennen, wo der Baum beginnt und wo sie aufhört. Die Blätter, die das Dach über ihren Köpfen bilden, wiegen sich im Wind, Licht und Schatten tanzen auf dem Feengesicht.

So sehen sie sich zum ersten Mal, zwei völlig fremde Menschen, und können die Augen nicht voneinander abwenden. In diesem einen Augenblick verändert sich sein Leben, es teilt sich. Nun gibt es den, der er war, bevor er ihr begegnet ist, und den danach.

Kurz zuvor

"Wow", sagt Bo, als das Auto langsam auf die wunderschön gelegene Kirche zufährt. "Wir sind früh dran. Rachel, kannst du deine Kamera aufbauen? Ich möchte gern ein Gefühl dafür kriegen, wie Joes Leben jetzt läuft und wie er sich die Zukunft vorstellt." Sie wendet sich hin und her, um den Blickwinkel zu prüfen.

"Momentan ist sein Leben wahrscheinlich verdammt einsam und traurig, würde ich sagen", meint Solomon müde.

Nach einem Sechsstundenflug von Boston nach Dublin, der um halb sechs heute früh gelandet ist, haben Solomon und Bo Rachel abgeholt und sind dann hierher ins County Cork gefahren, dreihundert Kilometer von Dublin entfernt im Südwesten Irlands. Solomon und Bo waren in Boston, um eine Auszeichnung für Bos Dokumentation »The Toolin Twins« entgegenzunehmen. Vor drei Jahren sind sie dem Zwillingspaar Joe und Tom Toolin, die damals siebenundsiebzig waren, ein Jahr lang mit der Filmkamera gefolgt. Die beiden lebten als Farmer in einem abgeschiedenen ländlichen Teil von County Cork. Bo war auf der Suche nach einem Projekt auf die Geschichte der beiden Männer gestoßen, und sie hatten im Handumdrehen ihr Herz und ihre Gedanken erobert. Die Brüder wohnten und arbeiteten schon ihr ganzes Leben zusammen, keiner von beiden hatte je eine Beziehung mit einer Frau oder sonst jemandem gehabt. Von Geburt an bewirtschafteten sie dieselbe Farm, zunächst mit ihrem Vater, nach seinem Tod zu zweit. Sie arbeiteten unter harten Bedingungen, bewohnten ein einfaches Farmhaus mit Steinboden, schliefen im gleichen Zimmer, und zur Unterhaltung gab es lediglich ein altes Radio. Kaum einmal verließen die Toolins ihr Land; ihr bescheidener Wocheneinkauf wurde von einer Frau aus dem nächsten Dorf angeliefert. Die Beziehung der Brüder zueinander und auch ihre Lebensauffassung hatte nicht nur die Filmcrew, sondern auch das Publikum zu Tränen gerührt, denn unter ihrer Einfachheit war stets ein tiefes und klares Weltverständnis spürbar.

Bo produzierte und führte Regie, Solomon war für den Sound zuständig, Rachel für die Kamera. Nun sind sie wieder hier, ganz in der Nähe der ihnen so vertrauten Farm der Toolin-Zwillinge. Zum Begräbnis von Tom Toolin – dem um zwei Minuten jüngeren Zwillingsbruder.

Der Leichenwagen trifft ein, dicht gefolgt vom inzwischen achtzigjährigen Joe Toolin am Steuer seines Land Rovers. Er steigt aus dem Jeep, in dunkelbraunem Anzug, Pullover und Hemd – dieselben Sachen, in denen sie ihn schon hundertmal gesehen haben, mit Ausnahme der Halbschuhe, die er heute anstelle seiner sonst üblichen Gummistiefel trägt. Auf dem Kopf hat er eine Tweedkappe.

Bo geht sofort zu ihm, Rachel und Solomon folgen.

"Joe", sagt Bo und schüttelt ihm die Hand. Umarmen lässt er sich nicht gern, Körperkontakt ist ihm unbehaglich. "Es tut mir so leid."

"Ihr hättet nicht kommen müssen", sagt er und schaut die drei überrascht an.

"Wir wollten zum Abschied von Tom bei dir sein. Wäre es okay, wenn wir heute filmen, Joe? Die Menschen, die eure Geschichte gesehen haben, würden bestimmt gerne wissen, wie es dir jetzt geht."

"Na klar", antwortet Joe mit einer wegwerfenden Handbewegung, als wäre es ihm vollkommen gleichgültig. Seine Augen sind traurig und müde, umgeben von dunklen Ringen.

Der Sarg wird aus dem Wagen geholt und von den Sargträgern auf einen Rollwagen geladen. Einschließlich der Filmcrew sind neun Leute in der Kirche. Die Trauerfeier ist kurz und sachlich, in der Grabrede erwähnt der Priester Toms Arbeitsmoral, seine Liebe zum Land, seine längst verstorbenen Eltern und die enge Beziehung zu seinem Bruder. Als Toms Sarg in die Erde hinuntergelassen wird, bewegt Joe sich das einzige Mal während der ganzen Zeremonie und nimmt seine Kappe ab. Danach setzt er sie wieder auf und geht zurück zu seinem Jeep.

Joe und die Filmcrew stehen auf einer Lichtung mit einem Schuppen, der wohl einmal weiß gestrichen war, dessen Farbe aber verblasst ist und abblättert, so dass darunter trister Beton zum Vorschein kommt. Die Fenster sind mit Brettern vernagelt.

Bo hat Joe im Farmhaus interviewt und ihn nach den Arbeiten gefragt, die er nun, wo Tom nicht mehr da ist, zusätzlich erledigen muss. Jetzt wollen sie Joe an dem Brunnen filmen, um den sich Tom immer gekümmert hat.

"Das ist das Fledermaushaus", erklärt Joe. "Hunderte von den Viechern hausen da drin. Als Kinder haben wir oft hier gespielt." Er lacht leise. "Als Mutprobe ist einer von uns reingegangen, und der andere hat gezählt, wie lange er es aushält. Und wer am längsten drin war, hat gewonnen."

"Wann warst du zum letzten Mal hier?", fragt Bo.

"Hm. Vor zwanzig Jahren. Vielleicht ist es auch länger her."

"Und wie oft war Tom hier?", fragt Bo weiter.

"Ein-, zweimal die Woche. Um nachzuschauen, dass der Brunnen nicht verunreinigt ist. Der ist übrigens da drüben, hinter dem Schuppen."

Bo bemerkt, dass Solomon sich mit seiner Ausrüstung in Richtung Wald entfernt, aber da sie hofft, dass er unterwegs ist, weil er etwas Interessantes gehört hat, lässt sie ihn gehen. Sie wandert zur Rückseite des Fledermaushauses. Hier steht eine baufällige Hütte, äußerlich im gleichen Zustand wie das Fledermaushaus, der weiße Anstrich fast völlig abgeblättert.

"Wer hat hier gewohnt?", fragt Bo.

"Hä?", ruft Joe zurück, der sie nicht verstanden hat.

Sie betrachtet die Hütte genauer. Anders als im Fledermaushaus gibt es hier Fenster. Saubere Fenster.

Inzwischen sind Joe und Rachel ihr gefolgt und biegen gerade auf den Weg zu der Hütte ein.

"Wer hat hier gewohnt?", wiederholt Bo ihre Frage.

"Die Tante meines Vaters. Ist lange her. Sie ist ausgezogen, und die Fledermäuse sind eingezogen." Wieder lacht er leise.

Bo geht ein Stück weiter, weg von den beiden anderen, näher zu der Hütte, und schaut sich weiter um. Direkt neben dem Cottage entdeckt sie ein Gemüsebeet und ein paar Beerensträucher. In einem der Fenster steht ein großes Glas mit Blumen.

"Und wer wohnt jetzt hier, Joe?", fragt sie schließlich noch einmal.

"Niemand. Vielleicht Fledermäuse", scherzt er.

"Aber schau doch mal."

Joe betrachtet all das, was Bo bereits entdeckt hat. Den Gemüsegarten, die Beerensträucher, die Hütte, die blitzsauberen Fenster, die grüngestrichene Tür – frischere Farbe als irgendwo sonst in der Nähe. Aber er macht einen ehrlich verwirrten Eindruck.

Mit klopfendem Herzen ruft Bo: "Hier wohnt jemand, Joe, ganz bestimmt."

"Eindringlinge? Auf meinem Land?", brummt er wütend – ein Gefühlszustand, den Bo weder bei Joe Toolin noch bei seinem Bruder in all der langen Zeit, die sie mit ihnen verbracht hat, jemals wahrgenommen hat.

Rachel ist bereits in Aktion und filmt.

"Lass mich Solomon holen. Solomon!", ruft Bo.

Joe öffnet die Tür und geht ins Cottage. Rachel ist mit der Kamera direkt hinter ihm, Bo folgt den beiden.

"Was zum …" Joe steht in der Mitte des Zimmers, schaut sich um und kratzt sich am Kopf.

Die Hütte besteht aus einem einzigen Raum. Unter einem der kleinen Fenster steht ein schmales Bett. Auf der anderen Seite ist eine Feuerstelle, ein Herd und ein Bücherregal mit einem Sessel davor. Auf dem Boden liegen mehrere Teppiche aus Schaffell. Der Raum hat eine eindeutig weibliche Aura, er strahlt etwas völlig anderes aus als das schmutzig-rustikale Farmhaus der Toolin-Zwillinge.

Bo rennt aus dem Cottage, in Richtung Wald. "Solomon!", ruft sie. Als sie wieder auf die Lichtung vor dem Fledermaushaus kommt, entdeckt sie ihn ein Stück weiter unten zwischen den Bäumen. Er steht einfach nur da und starrt wie in Trance auf irgendetwas, was Bo nicht sehen kann.

"Wir haben eine Hütte gefunden!", schreit Bo. "Hier wohnt jemand! Geräte, los, Beeilung, auf geht‘s!" Solomon muss sich bewegen, sie braucht Sound, sie muss diese Geschichte einfangen.

Aber als Antwort hört Bo ein Geräusch, das anders ist als alles, was sie jemals zuvor gehört hat.

Lesen Sie hier, wie es weiter geht

Das Geräusch ist ein Krächzen, wie von einem Vogel, jedenfalls nicht menschlich, aber es kommt von einem Menschen, nämlich von der Frau, die dort unter einem Baum steht.

Bo rennt hinunter in den Wald. Als die blonde Frau sie sieht, lässt sie vor Schreck ihren Korb fallen, der Inhalt ergießt sich auf den Waldboden, und sie reißt ängstlich die Augen auf.

"Alles gut", sagt Solomon und streckt beschwichtigend die Hände aus. Er steht zwischen Bo und der Fremden und benimmt sich, als wolle er ein Wildpferd zähmen. "Keine Angst, wir tun dir nichts."

"Wer ist das denn?", fragt Bo.

"Bleib, wo du bist, Bo", entgegnet er ärgerlich und ohne sich zu ihr umzudrehen.

Natürlich ignoriert sie ihn und kommt trotzdem näher. Wieder stößt die junge Frau einen Laut aus, diesmal eine Art Zwitschern – vorausgesetzt, man hielte es für möglich, dass ein Zwitschern wie ein Bellen klingt. Und es ist unmissverständlich an Bo gerichtet.

Zuerst ist sie fassungslos, aber dann schleicht sich ein fasziniertes Lächeln über ihr Gesicht.

"Ich glaube, sie will, dass du sie in Ruhe lässt", sagt Solomon.

"Okay, Doktor Doolittle, aber ich hab nichts Falsches getan", erwidert Bo und ärgert sich, weil er ihr Anweisungen gibt. "Deshalb geh ich auch nicht weg."

"Dann komm wenigstens nicht näher", beharrt Solomon.

"Sol!", ruft sie empört.

"Hey, hey, alles okay", sagt er zu der jungen Frau und bewegt sich ein Stück in ihre Richtung. Dann geht er auf Hände und Knie, hebt die Blumen und Kräuter vom Boden auf, legt sie in ihren Korb zurück und hält ihn ihr entgegen. Sie hört auf zu zwitscherbellen, schaut aber immer noch voller Angst und mit großen Augen zwischen Solomon und Bo hin und her.

"Mein Name ist Bo Healy. Ich bin Filmemacherin, und wir sind mit Joe Toolins Erlaubnis hier", stellt Bo sich vor und streckt der blonden Frau die Hand hin.

Doch die blickt argwöhnisch darauf und stößt noch eine Reihe weiterer gequälter Laute aus, die allesamt keine Worte sind.

"O mein Gott." Bo schaut Solomon an, holt ihr Handy heraus und ruft Rachel an. "Komm schnell auf die Lichtung, Rachel. Ich brauche die Kamera." Dann legt sie schnell auf. "Halte das fest, Sol", formt sie mit den Lippen und blickt vielsagend zu seiner Tonausrüstung – anscheinend hat sie Angst, sich zu bewegen.

Unterdessen feuert die junge Frau ein bizarres Geräusch nach dem anderen ab. Etwas so etwas Seltsames ist Solomon noch nie zu Ohren gekommen, es klingt nicht, als produziere sie die Laute mit ihren eigenen Stimmbändern, es hört sich an wie eine Tonbandaufnahme. Solomon ist so überwältigt und fasziniert, dass er die Augen nicht von ihr abwenden kann, doch so genau er auch hinschaut, es sind keine Kabel an ihr zu entdecken. Es ist alles real.

Er macht ein paar Schritte auf seine Audiotasche zu.

Im selben Moment kommt Rachel mit der Kamera zwischen den Bäumen hervor, dicht gefolgt von Joe.

"Was zur Hölle geht denn da unten vor?", ruft Rachel und bleibt wie angewurzelt stehen, als sie es mit eigenen Augen sieht.

Sofort wendet sich die junge Frau zu Rachel um und fängt an, die Geräusche einer Autoalarmanlage auszustoßen. Unwillkürlich stellt Solomon sich vor, wie die Szene aus ihrer Perspektive aussieht, umringt von drei wildfremden Menschen, die sie in diesem Wald noch nie gesehen hat – sie muss sich fühlen wie ein Tier in der Falle. Er bringt es nicht übers Herz, irgendetwas davon aufzunehmen. Es erscheint ihm nicht richtig.

Bo spürt sein Zögern und seufzt. "Ach, um Himmels willen", faucht sie ihn an. Dann tut sie das, was sie schon von Anfang an hätte tun sollen, wenn sie nur daran gedacht hätte, und filmt die Szene mit ihrem Smartphone.

Inzwischen hat sich auch Joe zu ihnen gesellt.

Die blonde Frau schaut Joe an, und auf einmal scheint sie sich zu beruhigen, jedenfalls hört sie mit den Geräuschen auf.

"Wer sind Sie denn?", ruft Joe, halb hinter einem Baum versteckt, und in seiner Stimme hört man, dass er Angst hat. "Was haben Sie auf meinem Land zu suchen?"

Prompt gerät die junge Frau erneut in Panik und weicht ein paar Schritte zurück.

Solomon beobachtet die anderen: Joe starrt ihn grimmig an, Bo filmt mit dem Smartphone, Rachel hat die Kamera auf sie gerichtet.

Aber Solomon selbst ist fix und fertig, er braucht dringend etwas zu essen.

"Stopp!", ruft er laut, und tatsächlich sind alle sofort still. "Sie hat Angst vor euch, das seht ihr doch. Also zieht euch zurück und lasst sie gehen."

Die junge Frau starrt ihn an.

"Du kannst gehen, wenn du willst", erklärt er ihr.

Aber sie sieht ihn weiter an. Grüne Augen, die ihn unverwandt mustern.

"Ich glaube nicht, dass sie dich versteht", meint Bo, die immer noch filmt.

"Natürlich versteht sie mich", faucht Solomon.

"Ich glaube nicht, dass sie sprechen kann … jedenfalls nicht mit Worten. Wie heißt du?", fragt Bo.

Die junge Frau ignoriert ihre Frage und lässt Solomon nicht aus den Augen.

"Sie heißt Laura", erklärt er unvermittelt.

Auf einmal kommt Mossie aus Richtung Fledermaushaus in den Wald gerannt, wahrscheinlich um sein Revier vor dem Eindringling zu schützen. Aber statt neben Joe stehen zu bleiben, rennt er weiter, direkt auf Laura zu.

"Langsam, langsam, ruf ihn zurück, Joe!", sagt Solomon besorgt, denn er macht sich Sorgen, der Hund könnte Laura beißen.

Aber Mossie hält direkt vor ihr inne, umkreist sie dann aufgeregt, hüpft an ihr hoch, damit sie sich ihm zuwendet, leckt ihre Hand.

Sie krault ihn – kein Zweifel, die beiden kennen sich –, behält die Umstehenden dabei aber nervös im Blick. Schließlich streckt sie Solomon die Hand entgegen, und er schaut sie verwirrt an, weil er denkt, sie möchte seine Hand halten. Aber als er die Hand ebenfalls ausstreckt, lächelt sie und schaut hinunter auf den Korb.

"Sie will ihren Korb zurück, Sol", erklärt Bo.

Verlegen reicht er ihn ihr.

Laura nimmt den Korb und geht los, Mossie im Schlepptau. Um die Menschen macht sie allerdings einen großen Bogen, und als sie an Bo vorbeikommt, knurrt sie leise, genau wie ein Hund, so real, dass es genauso gut vom Tonband oder von Mossie kommen könnte. Sie betrachtet Joe eingehend, und sobald sie die Fremden hinter sich gelassen hat, rennt sie durch den Wald bergauf, vorbei am Fledermaushaus, in Richtung Cottage.

"Hast du das, Rachel?", fragt Bo.

"Jepp." Rachel nimmt die Kamera von der Schulter und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Ich hab die blonde Frau, wie sie dich anknurrt."

"Wo ist sie hingegangen?", fragt Solomon.

"Hinter dem Fledermaushaus ist ein Cottage", erklärt Rachel. Bo ist zu sehr damit beschäftigt, ihr Videomaterial zu sichten und sich zu vergewissern, dass sie den Augenblick auch wirklich getroffen hat.

"Kennst du sie, Joe?", fragt Solomon. Was gerade passiert ist, verwirrt ihn, aber er spürt, wie das Adrenalin durch seine Adern rauscht, und zittert ein bisschen.

"Sie hat unerlaubt Privatgelände betreten!", schimpft Joe, noch immer wutschnaubend.

"Glaubst du, Tom hat von ihr gewusst?", fragt Bo.

Die Frage scheint Joe aus der Fassung zu bringen. Nacheinander erscheinen auf seinem Gesicht Gewissheit, Verwirrung, Ärger, Enttäuschung und Fassungslosigkeit. Dann wird er traurig. Wenn sein Zwillingsbruder wusste, dass diese junge Frau in dem Cottage auf ihrem Land wohnt, dann hat er es ihm gezielt verheimlicht. Also gab es zwischen den beiden Brüdern, die alles miteinander teilten, in Wirklichkeit doch ein Geheimnis – und zwar ein ziemlich großes.

Die Autorin

Cecelia Ahern schrieb mit gerade einmal 21 Jahren ihren weltweiten Bestseller "P.S. Ich liebe dich", der mit Hilary Swank und Gerard Butler von Hollywood verfilmt wurde. Seitdem liefert die Tochter des früheren irischen Ministerpräsidenten Bertie Ahern Jahr für Jahr zuverlässig rührende Liebesgeschichten, die Millionenauflagen erreichen. Daneben schreibt die 36-Jährige Theaterstücke und Drehbücher, zudem konzipierte sie die TV-Serie "Samantha Who" mit Christina Applegate sowie einen Zweiteiler fürs ZDF. Cecelia Ahern lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Norden von Dublin.

Buchtipp

"So klingt dein Herz" von Cecelia Ahern ist für 14,99 Euro als Klappenbroschur im Verlag FISCHER Krüger erschienen und ist außerdem als E-Book für 12,99 Euro erhältlich. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Christine Strüh.


© Illustrationen: Romy Blümel; Fotos: PR

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© Autorenbild: Gaby Gerster 


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