"The Chemist – Die Spezialistin"

Leseprobe von einer Weltbestsellerautorin: "The Chemist – Die Spezialistin" von Stephenie Meyer lässt Sie eintauchen in das Leben einer Verhörspezialistin, die für eine Geheimdienstagentur gearbeitet hat.

Advertorial

LAVIVA-Buchpremiere

In diesem Monat kommt die exklusive LAVIVA-Leseprobe von einer Weltbestsellerautorin: Stephenie Meyer, deren "Twilight"-Serie sich in 50 Ländern 155 Millionen Mal verkaufte, bringt nach achtjähriger Pause nun den Roman "The Chemist – Die Spezialistin" auf den Markt.

Bei uns dürfen Sie jetzt gleich reinlesen in das Leben einer Verhörspezialistin, die für eine Geheimdienstagentur gearbeitet hat. Das Fachgebiet dieser Frau, die seit drei Jahren im Untergrund lebt: Geständnisse von Terroristen erzwingen. Freuen Sie sich auf Spannung de luxe!

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin Dezember

Was heute auf dem Programm stand, war mittlerweile Routine für die Frau, die sich momentan Chris Taylor nannte. Sie war deutlich früher aufgestanden, als ihr lieb war, und hatte ihre nächtlichen Sicherheitsvorkehrungen abmontiert und verstaut. Es nervte ziemlich, jeden Abend alles aufzubauen, nur um es morgens wieder zu entfernen, doch wenn sie nachlässig wurde, setzte sie nicht weniger als ihr Leben aufs Spiel.

Danach war Chris in ihren unauffälligen Wagen gestiegen - einige Jahre alt, aber ohne größere Schäden, die sich hätten einprägen können -, und stundenlang gefahren. Sie hatte diverse Städte, Countys und sogar Bundesstaaten durchquert, und als sie ungefähr die richtige Entfernung zurückgelegt hatte, doch eine Stadt nach der anderen verworfen. Die eine war zu klein, die nächste hatte nur zwei Zufahrtsstraßen und eine dritte sah aus, als kämen dort so wenig Fremde vorbei, dass Chris trotz der Durchschnittlichkeit, mit der sie sich tarnte, sicherlich auffallen würde. Sie merkte sich einige Ziele, die sie vielleicht ein andermal aufsuchen würde - ein Geschäft für Schweißzubehör, ein Shop mit Militärausrüstung, ein Bauernmarkt. Bald war wieder Pfirsichzeit; sie musste ihren Vorrat aufstocken.

Am späten Nachmittag schließlich erreichte sie eine lebhafte Stadt, in der sie noch nie gewesen war. Selbst in der Leihbücherei herrschte reger Betrieb. Wenn möglich, nutzte Chris gerne öffentliche Bibliotheken. Gratis war immer von Vorteil, hinterließ keine Spuren. Sie parkte auf der Westseite des Gebäudes, wo die Kamera über dem Eingang sie nicht erfassen konnte. Die Computer im Lesesaal waren besetzt, mehrere Besucher warteten darauf, dass einer frei wurde; daher sah Chris sich ein wenig um, suchte bei den Biografien nach etwas Passendem. Sie stellte fest, dass sie schon alles gelesen hatte, was von Nutzen sein könnte. Deshalb stöberte sie das neueste Werk ihres bevorzugten Thrillerautors auf, ein ehemaliger Navy Seal, und nahm auch ein paar Romane rechts und links davon mit. Mit leichten Gewissensbissen machte sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz zum Warten; es war irgendwie schäbig, Bücher aus einer öffentlichen Bibliothek zu klauen. Aber aus verschiedenen Gründen war es Chris nicht möglich, sich einen Benutzerausweis ausstellen zu lassen, und es bestand die geringe Chance, in diesen Büchern etwas zu finden, das zu ihrer Sicherheit beitragen könnte. Sicherheit siegte immer über Schuldgefühle.

Natürlich war ihr klar, dass ihre Hoffnung zu neunundneunzig Prozent unbegründet war - ziemlich abwegig, dass ihr etwas Fiktives von konkretem Nutzen sein könnte -, doch die einschlägigen Handbücher hatte sie längst durchforstet. Und so begnügte sie sich jetzt mit den weniger offensichtlichen Quellen. Wenn sie nicht zumindest irgendetwas recherchieren konnte, wurde Chris noch unruhiger, als sie ohnehin schon war. Bei ihrem letzten Beutezug hatte sie einen Hinweis gefunden, der ihr praktikabel erschien, und ihn in ihre täglichen Abläufe übernommen.

Sie wählte einen abgewetzten Sessel in einer entlegenen Ecke, von wo sie die Computerplätze gut im Blick hatte, und tat so, als lese sie das oberste Buch auf ihrem Stapel. Da viele Computernutzer ihre Habseligkeiten auf dem Tisch ausgebreitet hatten - einer hatte sogar seine Schuhe ausgezogen -, ging sie davon aus, dass es lange dauern würde, bis ein Platz frei würde. Am vielversprechendsten schien ihr eine Jugendliche mit gestresstem Gesichtsausdruck und einem Stapel Nachschlagewerke. Wie es aussah, surfte sie nicht auf Social-Media-Seiten, sondern notierte sich von der Suchmaschine ausgeworfene Autorennamen und Titel. Chris beugte sich in ihrem Sessel über den Roman, der in ihrer linken Armbeuge ruhte. Mit der in der rechten Hand verborgenen Rasierklinge schnitt sie säuberlich den aufgeklebten Magnetstreifen vom Buchrücken und stopfte ihn in den Spalt zwischen Polster und Armlehne. Dann tat sie, als sei das Buch uninteressant, und widmete sich dem nächsten auf ihrem Stapel.

Sie hatte die Romane, die sie bearbeitet hatte, schon in ihren Rucksack gepackt und war bereit, als die Jugendliche aufstand. In aller Seelenruhe erhob sich Chris und nahm den Platz am Computer ein, bevor einer der anderen Wartenden überhaupt bemerkt hatte, dass ihm eine Chance entgangen war. Das Lesen der E-Mails dauerte normalerweise etwa drei Minuten. Danach hatte sie, wenn sie keine Umwege machte, noch einmal vier Stunden Rückfahrt zu ihrer aktuellen Unterkunft vor sich, wo sie natürlich wieder ihre Schutzmaßnahmen aktivieren musste. Erst danach konnte sie schlafen gehen. E-Mail-Tage waren immer lang.

Obwohl es keine Verbindung zwischen ihrem jetzigen Leben und dem Mail-Account gab - keine verfolgbare IP-Adresse, keine Ortsnamen oder Personen -, würde sie, sobald sie ihre Nachrichten gelesen und, falls nötig, beantwortet hatte, die Bücherei und die Stadt schnellstens hinter sich lassen und so viele Kilometer wie möglich zwischen sich und diesen Ort bringen. Für alle Fälle.

Für alle Fälle war ungewollt zu Chris' Wahlspruch geworden. Ihr Leben war geprägt von Vorsichtsmaßnahmen, aber ohne diese, rief sie sich immer wieder in Erinnerung, hätte sie überhaupt kein Leben mehr. Lieber wäre sie gar nicht erst solche Risiken wie an E-Mail-Tagen eingegangen, aber das Geld würde nicht ewig reichen. Immer mal wieder nahm sie Aushilfsjobs in kleinen Familienbetrieben an, vorzugsweise solchen, in denen noch alles handschriftlich erledigt wurde. Dort verdiente sie aber gerade genug, um ihr Essen und ihre Miete bezahlen zu können - für die teuren Dinge, die sie brauchte, reichte es nicht: gefälschte Ausweise, Laborgeräte und diverse Chemikalien. Deshalb blieb Chris möglichst unauffällig im Internet und fand immer mal wieder einen zahlenden Auftraggeber. Sie achtete streng darauf, mit ihren Jobs nicht die Aufmerksamkeit derer auf sich zu ziehen, die sie ausschalten wollten.

Die letzten beiden E-Mail-Tage waren unergiebig gewesen, deshalb war sie froh, diesmal eine Nachricht zu haben - für eine Sekunde. Dann registrierte sie den Absender:

l.carston.463@dpt11a.net

Einfach so. Seine offizielle Mailadresse, ohne Probleme zurückzuverfolgen zu Chris' ehemaligem Arbeitgeber. Ihre Nackenhaare richteten sich auf, der Adrenalinspiegel schnellte in die Höhe, etwas in ihr rief: Schnell, schnell, bloß weg hier! Und doch war sie noch imstande, angesichts dieser Arroganz ungläubig zu staunen. Sie hatte schon immer unterschätzt, wie erstaunlich leichtsinnig diese Leute sein konnten. Sie können noch nicht hier sein, redete Chris sich in ihrer wachsenden wachsenden Panik ein, und doch wanderte ihr Blick bereits durch die Bibliothek. Waren hier Männer, deren Schultern zu breit für ihren dunklen Anzug waren? Mit Militärhaarschnitt? Bewegte sich jemand auf sie zu? Durchs Fenster schaute sie zu ihrem Auto hinüber. Es sah nicht so aus, als hätte sich jemand daran zu schaffen gemacht, allerdings hatte sie es nicht ständig im Auge gehabt, oder? Sie hatten Chris also wieder gefunden. Aber niemand konnte wissen, wo sie heute ihre E-Mails abrufen würde. Sie achtete peinlich genau darauf, das immer dem Zufall zu überlassen.

In dieser Sekunde würde in einem ordentlichen grauen Büro ein Alarm ausgelöst, vielleicht auch in mehreren, möglicherweise blinkte ein rotes Lämpchen. Natürlich würde sofort die IP-Adresse ermittelt, von der sie die E-Mail abrief. Kräfte würden mobilisiert werden. Doch selbst wenn ihre Gegner - was durchaus in ihrer Macht stand - Hubschrauber einsetzten, blieben Chris noch mehrere Minuten. Genug, um zu sehen, was Carston wollte. Die Betreffzeile lautete: Hast du die Flucht satt?

Der Wichser.

Sie öffnete die Mail. Der Text war nicht lang: "Neue Strategie: Wir brauchen dich. Was hältst du von einer inoffiziellen Entschuldigung? Können wir uns treffen? Ich frage nur, weil Leben auf dem Spiel stehen. Unzählige Menschenleben."

Sie hatte Carston immer gemocht. Er war ihr menschlicher erschienen als viele andere, für die sie gearbeitet hatte. Einige - besonders die in Uniform - waren ihr regelrecht unheimlich. Ein wohl ziemlich scheinheiliger Gedanke, wenn man bedachte, in welchem Metier Chris tätig gewesen war.

Natürlich musste Carston derjenige sein, der Kontakt zu ihr aufnahm. Sie wussten, dass Chris allein und verängstigt war, also schickten sie ihr einen alten Freund, der ihr Herz erwärmte. Gesunder Menschenverstand. Wahrscheinlich hätte sie die List selbst durchschaut, aber es hatte auch nicht geschadet, davon schon in einem gestohlenen Buch gelesen zu haben.

Chris erlaubte sich, tief durchzuatmen und dreißig Sekunden konzentriert nachzudenken. Sie musste ihren nächsten Schritt planen - so schnell wie möglich raus aus dieser Bücherei und diesem Ort, ja, aus diesem Bundesstaat - und überlegen, ob das reichte. War sie mit ihrer aktuellen Identität noch sicher, oder war es Zeit, wieder umzuziehen?

Die Hinterlistigkeit von Carstons Angebot lenkte sie immer wieder ab. Was wäre, wenn ... Was, wenn dies wirklich eine Möglichkeit wäre, endlich in Ruhe gelassen zu werden? Was, wenn Chris' Überzeugung, gerade eine Falle gestellt zu bekommen, lediglich ihrer Paranoia und der Lektüre zu vieler Thriller entsprang? Wenn der Auftrag wichtig genug war, würde man ihr im Gegenzug vielleicht ihr Leben zurückgeben ...

Schwer vorstellbar.

Dennoch war es sinnlos, so zu tun, als sei Carstons E-Mail nicht bei ihr angekommen. Sie antwortete so, wie es ihr Gegenüber wahrscheinlich erhoffte, auch wenn ihr Plan erst in groben Zügen stand.

"Ich habe so einiges satt, Carston. Wo wir uns kennengelernt haben, um zwölf, in einer Woche. Wenn du nicht allein bist, bin ich weg etc. pp. Du weißt, wie es läuft. Mach keinen Blödsinn." Sie stand auf und lief gleich los, eine fließende Bewegung, die sie trotz ihrer kurzen Beine perfektioniert hatte und die viel lockerer aussah, als sie war. Im Kopf zählte Chris die Sekunden, wie lange es dauern würde, bis ein Hubschrauber die Entfernung von Washington zu ihr zurückgelegt hatte. Natürlich konnten auch vor Ort Leute aktiviert werden, aber so arbeiteten ihre Gegner üblicherweise nicht. Obwohl ...

Chris hatte das unbegründete, aber doch bedrückend unangenehme Gefühl, dass die Leute ihre übliche Arbeitsweise eventuell leid waren. Sie hatte nicht zum gewünschten Ergebnis geführt, und diese Menschen waren nicht für ihre Geduld bekannt. Sie waren es gewöhnt, das zu bekommen, was sie wollten, und zwar genau dann, wann sie es wollten. Und seit drei Jahren wollten sie Chris tot sehen.

Diese E-Mail war in der Tat eine neue Strategie. Wenn sie denn eine Falle war. Aber davon musste sie ausgehen. Diese Einstellung, diese Sicht auf die Welt, war der Grund, warum Chris noch atmete. Nur ein kleiner Teil ihres Gehirns hatte begonnen, entgegen jeder Vernunft zu hoffen.

Es war ein Spiel mit geringem Einsatz, das war ihr bewusst. Es ging nur um ein Leben. Ihr eigenes. Dieses Leben, das sie allen Widrigkeiten zum Trotz bewahrt hatte. Das absolute Minimum. Ein schlagendes Herz, zwei sich zusammenziehende und weitende Lungenflügel.

Sie war am Leben, ja, und sie tat alles dafür, damit das so blieb, doch in ihren dunkleren Nächten fragte sie sich, wofür genau sie eigentlich kämpfte. War das Leben, so wie sie es jetzt führte, all diese Mühe wert? Wäre es nicht eine Erleichterung, einfach die Augen zu schließen und sie nie wieder öffnen zu müssen? Wäre die schwarze Leere nicht angenehmer als unablässige Angst und nie enden wollende Anstrengungen?

Es gab nur eins, was sie davon abhielt, ihre Fragen mit Ja zu beantworten und einen der unauffälligen, schmerzlosen Auswege zu nehmen, die ihr ohne Weiteres zur Verfügung standen, und das war ihr übersteigerter Ehrgeiz. Während des Medizinstudiums hatte er sie nach vorn gebracht, und jetzt hielt er sie am Leben. Sie würde diese Leute nicht gewinnen lassen. Auf gar keinen Fall würde sie ihnen eine so einfache Lösung für ihr Problem bieten. Irgendwann würden sie Chris wahrscheinlich kriegen, aber dafür würden sie sich anstrengen müssen, und sie würden dafür bluten.

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Sie saß im Wagen, sechs Häuserblocks von der nächsten Auffahrt auf den Highway entfernt. Auf den kurzen Haaren trug sie eine dunkle Basecap, eine breite Sonnenbrille verdeckte einen Großteil ihres Gesichts, ein weit geschnittenes Sweatshirt überspielte ihre schlanke Figur. Wer nicht genau hinsah, hielt sie für einen jungen Mann.

Die Leute, die ihren Tod wollten, hatten bei ihren Bemühungen bereits Verluste einstecken müssen. Als Chris daran dachte, musste sie unvermittelt grinsen. Es war seltsam, wie wenig ihr das Töten mittlerweile ausmachte, wie befriedigend sie es fand. Sie war blutrünstig geworden, was irgendwie ironisch war, wenn man es recht bedachte. Sechs Jahre unter der Anleitung jener Menschen hatten nicht annähernd gereicht, um die Frau zu brechen, die sie gewesen war, oder sie gar dazu zu bringen, ihre Arbeit zu lieben. Drei Jahre auf der Flucht vor ihnen hatten hingegen vieles verändert.

Chris wusste, dass sie keinen Spaß daran hätte, einen Unschuldigen zu töten. So verkommen war sie noch nicht, würde sie auch nie sein. Sicherlich gab es Menschen in ihrem Beruf – ihrem ehemaligen – , die total gestört waren, doch sie bildete sich gerne ein, dass sie aus diesem Grund besser war als ihre Kollegen. Sie hatten die falsche Motivation. Der Hass auf die Arbeit verlieh Chris die Kraft, sie perfekt auszuführen. 

In ihrem jetzigen Leben bedeutete Töten, den Krieg zu gewinnen. Nicht den gesamten Krieg, nur ein Gefecht nach dem anderen, aber es war trotzdem ein Sieg. Das Herz eines anderen hörte auf zu schlagen, ihr eigenes klopfte weiter. Man würde wieder jemanden zu ihr schicken, doch statt vor einem Opfer würde er vor einem wehrhaften Tier stehen. Vor einer Einsiedlerspinne, unsichtbar hinter ihrer Falle aus Spinnfäden.

Dazu hatte man sie gemacht. Chris fragte sich, ob ihr Gegner vielleicht stolz auf seine Leistung war oder ob er nur bedauerte, sie nicht schnell genug totgetreten zu haben. Nachdem sie ein paar Kilometer auf der Interstate zurückgelegt hatte, fühlte sie sich schon besser. Ihr Auto war ein beliebtes Modell, es waren unzählige ähnliche Fahrzeuge unterwegs. Die gestohlenen Kennzeichen würde sie austauschen, sobald sie einen sicheren Ort zum Anhalten fand. Nichts verband Chris mit der Stadt, die sie gerade verlassen hatte. Sie war an zwei Ausfahrten vorbeigefahren, hatte erst die dritte genommen. Wenn sie den Highway sperren wollten, wüssten sie nicht, wo sie es tun sollten. Chris war noch immer im Verborgenen. Fürs Erste in Sicherheit.

Natürlich kam es nicht in Frage, auf direktem Weg nach Hause zu fahren. Sie dehnte die Rückfahrt auf sechs Stunden aus, wechselte von einem Highway auf den nächsten und nahm auch Landstraßen. Fortwährend überzeugte sie sich davon, dass sie nicht verfolgt wurde. Als sie schließlich ihr kleines Mietshaus erreichte – das architektonische Gegenstück zu einer Schrottkarre – , war sie hundemüde. Sie überlegte, Kaffee zu kochen, wog die Vorteile eines Koffeinschubs ab gegen die Mühe, das Getränk erst aufbrühen zu müssen, und beschloss, sich mit ihren eigenen Energiereserven durchzukämpfen.

Sie schleppte sich die beiden klapprigen Stufen zur Veranda hinauf, mied automatisch die morsche Stelle links auf dem ersten Brett und entsperrte den doppelten Schließriegel in der Sicherheitstür aus Stahl, die sie sofort in der ersten Woche eingebaut hatte; die Außenwände – lediglich Holzständerwerk, Gipskarton, Sperrholz und Vinylverkleidung – boten nicht dasselbe Maß an Sicherheit, aber statistisch gesehen, machten sich Eindringlinge zuerst an der Tür zu schaffen. Die Gitter vor den Fenstern waren auch kein unüberwindbares Hindernis, sollten aber reichen, um einen Gelegenheitsdieb zu überzeugen, sich ein leichteres Objekt zu suchen. Bevor Chris den Knauf drehte, drückte sie dreimal kurz auf die Klingel. Für einen etwaigen Beobachter wirkte es wie ein durchgängiges Schellen. Der Klang der Glocken von Westminster wurde von den dünnen Mauern nur leicht gedämpft. Schnell betrat sie das Haus – und hielt die Luft an, nur für den Fall. Aber es knirschten keine Glasscherben unter ihren Füßen. Chris atmete aus und schloss die Tür.

Die Sicherheitsmaßnahmen im Haus hatte sie alle selbst erfunden. Die Profis, die sie anfangs studiert hatte, besaßen ihre eigenen Methoden, aber natürlich verfügte keiner über Chris’ Spezialwissen. Genauso wenig wie die Autoren der Romane, die sie inzwischen als abwegige Ideengeber nutzte. Alles andere, was sie hatte wissen müssen, war problemlos auf YouTube verfügbar. Dazu ein paar Teile von einer alten Waschmaschine auf dem Schrottplatz, ein über Amazon bestellter Mikrokontroller, eine neue Türglocke und ein paar weitere, nicht besonders kostspielige Anschaffungen, und fertig war ihre verlässliche Falle.

Chris legte die Schließriegel wieder vor und drückte auf den Schalter, der der Tür am nächsten war, um das Licht anzumachen. In dem Rahmen befanden sich noch zwei weitere Schalter: Der mittlere saß auf einer Blinddose. Der dritte, am weitesten von der Tür entfernt, war an dasselbe Niedervoltkabel wie die Türglocke angeschlossen. Wie die Tür und die Klingel war der Schalterrahmen Jahrzehnte jünger als alles andere in dem kleinen Zimmer, das Wohnraum, Esszimmer und Küche zugleich war.

Alles sah noch genauso aus wie am Morgen: einige wenige billige Möbel – nichts, hinter dem sich ein Erwachsener verstecken konnte – , leere Arbeitsflächen, leerer Tisch, keine Kunstwerke oder Ziergegenstände. Steril. Trotz des senfgelben PVC-Bodens und der popcornfarbenen Decke sah es ein wenig aus wie im Labor.

Vielleicht lag es auch am Geruch. Das Zimmer war so zwanghaft hygienisch sauber, dass ein Eindringling den chlorähnlichen Badeanstaltsgeruch wahrscheinlich Putzmitteln zuschreiben würde. Jedoch nur, wenn er in das Haus kam, ohne das Sicherheitssystem zu aktivieren. Löste er es aus, bliebe ihm keine Zeit, viele Details wahrzunehmen.

Der Rest des Hauses bestand lediglich aus einem kleinen Schlafzimmer und einem Bad, direkt hinter dem Wohnraum in einer Flucht gelegen. Nichts, das Chris zum Stolpern bringen konnte. Sie löschte das Licht, damit sie nicht noch mal zurück zur Haustür musste.

Nachdem sie sich durch die einzige Tür ins Schlafzimmer getastet hatte, spulte sie ihr Programm wie im Schlaf ab. Durch die Jalousien fiel genug Licht von der roten Neonreklame der Tankstelle auf der anderen Straßenseite, so dass sie die Lampe nicht einschalten musste. Zuerst drückte sie zwei längliche Federkissen auf der Doppelmatratze, die den größten Teil des Zimmers einnahm, in die Form eines Körpers. Dann schob sie Plastikbeutel mit Theaterblut in den Bezug des Kopfkissens. Von nahem betrachtet, war das Blut nicht sehr überzeugend, aber es war für einen Angreifer bestimmt, der das Fenster einschlug, die Jalousie beiseiteschob und von dort aus schoss. Im Neonlicht wäre er nicht in der Lage, den Unterschied auszumachen. Als Nächstes war der Kopf dran – die Maske, die sie dafür nahm, hatte sie nach Halloween im Ausverkauf erstanden: das überzeichnete Gesicht eines gescheiterten politischen Kandidaten, dessen Haut eine halbwegs realistische Farbe hatte. Chris hatte die Maske so bearbeitet und ausgestopft, dass sie ungefähr die Größe ihres eigenen Kopfes hatte, und eine billige braune Perücke aufgenäht. Am wichtigsten jedoch war das kleine Kabel mit freigelegtem Draht am Ende, das zwischen Matratze und Lattenrost hindurchkam und in den Nylonhaaren verborgen war. Sein Gegenstück ragte aus dem Kopfkissen, auf das sie die ausgestopfte Maske jetzt legte. Sie zog die Bettdecke hoch und zwirbelte die ausgefransten Enden der beiden Drähte zusammen. Die Verbindung war äußerst sensibel. Wenn sie die Maske auch nur leicht berührte oder den Körper ein wenig verschob, lösten sich die Drähte voneinander.

Chris trat zurück und betrachtete den Köder durch halb geschlossene Augen. Er war nicht gerade ihr Meisterwerk, aber es sah durchaus so aus, als läge jemand im Bett. Selbst wenn ein Eindringling nicht glaubte, dass es Chris war, würde er den vermeintlich Schlafenden ausschalten müssen, bevor er sich auf die Suche nach ihr machte.

Zu müde, um den Pyjama anzuziehen, schlüpfte sie nur aus ihrer Jeans. Das musste reichen. Sie nahm das vierte Kopfkissen und holte ihren Schlafsack unter dem Bett hervor; beides erschien ihr heute größer und schwerer. Mit den Sachen unterm Arm schlurfte sie in das kleine Badezimmer, warf alles in die Wanne und beschränkte ihre Abendtoilette auf ein Minimum. Nur Zähne putzen, das Gesicht ließ sie diesmal aus.

Ihre Waffe und die Gasmaske lagen unter dem Waschbecken, versteckt unter einem Stapel Handtücher. Chris zog sich die Maske über den Kopf, zurrte die Bänder fest, hielt den Filter mit der Handfläche zu und atmete durch die Nase ein, um die Dichtigkeit zu prüfen. Die Innenmaske saugte sich an, alles gut.Das war jedes Mal so, doch Chris ließ diese Sicherheitschecks nie aus – egal, wie müde sie war oder wie vertraut ihr inzwischen jeder Handgriff war. Die Waffe legte sie in die an den Fliesen angebrachte Seifenschale, gut erreichbar. Chris war kein Waffennarr – sie konnte ganz gut schießen, verglichen mit einem untrainierten Bürger, aber spielte nicht in derselben Liga wie die Profis. Sie brauchte diese Möglichkeit jedoch, denn eines Tages würden ihre Feinde ihr System durchschauen. Die Leute, die dann kämen, würden ebenfalls Gasmasken tragen.

Eigentlich wunderte es sie, dass ihre Masche sie schon so lange schützte.

Mit einem Absorptionsfilter für Gase unter dem BH-Träger schlurfte sie zurück ins Schlafzimmer und kniete sich vor das Belüftungsgitter im Boden rechts neben dem Bett, in dem sie noch nie gelegen hatte. Das Abdeckgitter war wohl nicht so staubig, wie es sein sollte, die oberen Schrauben waren nur halb versenkt, die unteren fehlten ganz, aber Chris war überzeugt, dass das niemandem auffallen würde, der durchs Fenster sah, und wenn doch, würde er nicht begreifen, was das bedeutete. Sherlock Holmes war so ungefähr der einzige Mensch, den sie nicht im Verdacht hatte, ihr nach dem Leben zu trachten.

Sie löste die oberen Schrauben und entfernte das Gitter. Wenn jemand in den Schacht schaute, würden ihm sofort ein paar Dinge auffallen: Erstens war der Auslass verschlossen und damit nicht in Gebrauch. Zweitens gehörten die Batterie und der weiße Behälter wohl nicht dorthin. Chris hebelte den Deckel von dem Behälter. Sofort stieg derselbe Geruch auf, der das Wohn- Esszimmer durchdrang. Er war ihr so vertraut, dass sie ihn kaum bemerkte.

Sie griff in die Dunkelheit hinter dem Behälter und zog zuerst eine seltsame kleine Vorrichtung aus Ventil, Metallarmen und dünnen Drähten heraus, dann eine Ampulle von der Größe ihres Fingers und zuletzt einen Gummihandschuh. Das Magnetventil – aus einer Waschmaschine vom Sperrmüll ausgebaut – positionierte sie so, dass die beiden Metallarme halb in der farblosen Säure im Behälter versanken. Sie blinzelte zweimal, um sich zur Aufmerksamkeit zu zwingen, denn jetzt kam der komplizierte Teil. Rechts zog sie den Handschuh über, nahm den Gasfilter unter ihrem BH-Träger hervor und hielt ihn links bereit. Mit den behandschuhten Fingern setzte sie die gläserne Ampulle vorsichtig in eine Nut, die sie zu diesem Zweck in die Metallarme gebohrt hatte. So schwebte die Ampulle direkt unter der Oberfläche der Säure, das weiße Pulver in ihr träge und harmlos. Doch sobald der Strom, der durch die auf dem Bett nur leicht verbundenen Drähte lief, unterbrochen werden sollte, würde der Impuls das Magnetventil schließen, und das Glas würde zerspringen. Das weiße Pulver würde sich mit der Säure zu einem Gas verbinden, das weder träge noch harmlos war.

Im Grunde war es derselbe Aufbau wie im vorderen Zimmer, bloß war die Verdrahtung hier schlichter. Diese Falle stellte Chris nur auf, bevor sie schlafen ging.

Sie legte den Handschuh zurück und schraubte das Gitter wieder vor den Auslass, dann taumelte sie mit einem Gefühl, das nicht beschwingt genug war, um Erleichterung genannt werden zu können, zurück ins Badezimmer. Die Tür wie das Auslassgitter hätten vielleicht jemanden gewarnt, der so detailverliebt war wie Sherlock Holmes – die weichen Gummilippen rund um den Türrahmen waren gewiss kein Standard. Wenn sie das Bad auch nicht komplett vom Schlafzimmer abdichteten, gaben sie Chris doch zumindest etwas mehr Zeit.

Fast fiel sie in die Badewanne, sackte wie in Zeitlupe auf den wattigweichen Schlafsack. Sie hatte eine Weile gebraucht, um sich an das Schlafen mit Gasmaske zu gewöhnen, doch jetzt dachte sie nicht einmal mehr darüber nach, als sie dankbar die Augen schloss.

Sie ruckelte sich in ihrem Kokon aus Daunen und Nylon zurecht und wand sich, bis das harte Viereck ihres iPads sich in ihr Kreuz drückte. Es hing an einem Verlängerungskabel, das an den Strom im Wohnraum angeschlossen war. Wenn die Stromversorgung schwankte, vibrierte das iPad. Aus Erfahrung wusste Chris, dass sie davon aufwachte, selbst wenn sie so müde war wie an diesem Abend. Sie wusste ebenfalls, dass sie den Gasfilter in ihrer linken Hand – an die Brust gedrückt wie einen Teddybär – in weniger als drei Sekunden aufbrechen und in die Gasmaske schrauben konnte, selbst bei Dunkelheit, wenn sie nur halbwach war und die Luft anhalten musste. Sie hatte es unzählige Male geübt und es sich bei den drei Einsätzen bewiesen, die keine Übungen gewesen waren. Sie hatte überlebt. Ihr System funktionierte.

So erschöpft Chris auch war, im Kopf musste sie noch einmal die Ereignisse des Tages durchgehen, bevor sie einschlafen konnte. Die Gewissheit, wieder aufgespürt worden zu sein, war ein furchtbares Gefühl – wie Phantomschmerzen, die nicht von einem Körperteil ausgingen, aber trotzdem da waren. Auch mit ihrer Antwort auf die E-Mail war sie nicht zufrieden. Sie hatte sich den Plan zu spontan zurechtlegen müssen, um sich damit sicher zu fühlen. Und er zwang sie, viel schneller zu handeln, als ihr recht war.

Chris kannte die Theorie: Manchmal ließ sich der Angreifermit der Pistole überrumpeln, wenn man direkt auf ihn zulief. Normalerweise war Flucht ihre bevorzugte Reaktion, diesmal sah sie jedoch keine andere Möglichkeit als den Angriff. Aber vielleicht morgen, wenn ihr müdes Gehirn sich erholt hatte. Vergraben in ihrem Kokon, schlief sie ein.

Die Autorin

Gleich mit ihrem Debütroman "Bis(s) zum Morgengrauen" schaffte die Amerikanerin Stephenie Meyer 2005 einen Weltbestseller. Seitdem hält ihr Erfolg an: Wann immer die Autorin ein Buch veröffentlicht, reißen sich Leser in 50 Ländern um den Inhalt. Nach der Vampir-Serie "Twilight" veröffentlichte sie 2008 mit "Seelen" ihr erstes Buch für Erwachsene. Wie all ihre Werke wurde auch das verfilmt und zum Blockbuster. Acht Jahre war es still um den Star, nun erscheint ihr Roman "The Chemist – Die Spezialistin". Meyer lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen in Phoenix, Arizona.

Cover: Stephenie Meyer - The Chemist

Buchtipp

"The Chemist – Die Spezialistin" von Stephenie Meyer ist als Hardcover und E-Book im Verlag FISCHER Scherz für 22,99 Euro erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Andrea Fischer und Marieke Heimburger.


© Illustrationen: Gisela Goppel; Fotos: PR

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© Autorenbild: Jake Abel


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