The One

In "The One" erzählt Maria Realf von Lizzie, die kurz vor ihrer Hochzeit ihre erste große Liebe wieder trifft. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman.

LAVIVA-Buchpremiere

In der exklusiven LAVIVA-Leseprobe aus dem Taschenbuch "The One" der Britin Maria Realf geht es für Lizzie um eine der größten Fragen im Leben: Heiratet sie den Richtigen? Eigentlich läuft vor ihrer Hochzeit alles traumhaft - bis Alex wieder auftaucht, Lizzies erste große Liebe, deren Ende sie vor zehn Jahren kaum ertragen konnte. Nun will Alex sie wiedersehen. Das Gefühls-Chaos ist vorprogrammiert...

Leseprobe aus dem LAVIVA-Magazin Juli

Noch 13 Wochen ...

Endlich! Das ist es! Ungläubig starrte Lizzie Sparkes in den raumhohen Spiegel der Umkleidekabine. War sie das wirklich? Lizzie konnte es kaum fassen. Das Kleid im griechisch-antiken Stil war perfekt. Auf dem asymmetrischen Träger schimmerten winzige Perlen, und die zarte Schleppe glitt wie ein Hauch über den Teppich, fast, als wollte das Kleid für die Oscars üben. Es lag nicht zu eng an, der Stoff war wunderbar geschmeidig und Lizzie sah darin auch nicht aus wie eine wandelnde Tortenspitze. Der einzige Makel war der tränentreibende, exorbitant hohe Preis, doch sie hatte beschlossen, dieses Detail zu ignorieren. Wenn Josh mich in diesem Kleid auf sich zukommen sieht, ist es jeden Cent wertgewesen, sagte sie sich. In ihrer Kehle wuchs ein Kloß. Ich sehe fast ... schön aus.

Sie scheute sich, aus der Kabine zu treten. Sie hatte Angst, das Gesicht ihrer Mutter - oder das ihrer Freundin Megan - würde verraten, dass sie anderer Meinung waren. Sie waren, was Lizzies Anprobe-Arien betraf, überaus wohlwollend gewesen und hatten mindestens dreißig verschiedene Brautkleider an sich vorüberziehen lassen, doch sie kannte beide gut genug, um die Zeichen zu erkennen. Gefiel ihrer Mutter ein Kleid nicht, blinzelte sie drei oder vier Mal hektisch, während Megan ein seltsam schiefes Lächeln aufsetzte, das aussah wie ein missratenes Facelifting. Sie verriet sich jedes Mal damit.

Lizzie holte tief Luft und trat durch den violetten Samtvorhang. Langsam schritt sie bis in die Mitte des Verkaufsraums. Ihre dunkel schimmernden Haare fielen wie ein wogender Schleier auf den Rücken hinunter.

"W-O-W", machte Megan.

Die Reaktion ihrer Mutter war verwirrender. Sie brach spontan in Tränen aus.

"Mum? Gefällt es dir nicht?"

Lynda Sparkes antwortete nicht gleich. Sie wühlte in ihrer übervollen Handtasche, zerrte schließlich ein zerknülltes Taschentuch heraus und hätte sich fast das rechte Auge ausgestochen. "Oh, Elisabeth!", schniefte sie, und die Wimperntusche sickerte in ihre Augenfältchen. "Du siehst aus wie ein Filmstar."

Lizzie strahlte. Sie hatte ihr Kleid gefunden.

Die Geschäftsführerin kam auf ihren beigefarbenen Wolkenkratzerabsätzen herangestöckelt, offensichtlich in heller Vorfreude auf die ins Haus stehende saftige Kommission. "Das Kleid steht Ihnen fantastisch!", flötete sie. "Es sitzt beinahe perfekt, da müssen wir kaum noch was ändern. Eventuell könnten wir es noch einen kleinen Zentimeter kürzen."

Sie ging in die Hocke und schlug zur Veranschaulichung den Saum ein winziges Bisschen ein, ohne dass ein sichtlicher Unterschied erkennbar gewesen wäre. "Was meinen Sie?"

"Ich nehme es." Die Worte purzelten aus Lizzies Mund heraus ehe sie einen zweiten Blick auf das Preisschild werfen konnte.

"Wunderbar!" Die Geschäftsführerin klatschte laut in die manikürten Hände, und augenblicklich kamen zwei blonde weibliche Lakaien angesaust, die eine groß, die andere winzig. "Champagner. Darauf stoßen wir an, Ms ...?"

"Sparkes. Zukünftige Cooper."

"Richtig. Ich vermute, Sie möchten alle ein bisschen Blubberzeug?"

"Aber sicher", sagte Megan, die nicht zu den Frauen gehörte, die ein Glas Champagner ausschlugen, egal zu welcher Uhrzeit. Und schon gar nicht, wenn der Drink aufs Haus ging.

"Wunderbar!"

Kurz darauf waren die beiden Blonden zurück, die eine mit einem Tablett langstieliger Gläser, die andere mit einer Flasche Schampus. Die Geschäftsführerin ließ mit großem Tamtam den Korken knallen und schenkte schwungvoll ein. "Ich gratuliere."

"Danke sehr." Lächelnd brachte Lizzie sich vor dem Tablett in Sicherheit, um nicht jetzt schon die kostbare weiße Seide zu ruinieren. Nach sechs langen Monaten der Suche stand sie ein bisschen unter Schock. Sie hatte tatsächlich ihr Traumkleid gefunden. Alle hatten ihr immer wieder gesagt, sie würde wissen, wenn sie das Richtige vor sich hatte, und in Lizzie hatte sich langsam die Befürchtung breitgemacht, dass es sich dabei um einen Brautmythos handelte. Letzte Woche hatte sie geträumt, dass sie in einem Kleid aus Klopapier zu ihrer Hochzeit erschien, das sich vor den versammelten Gästen plötzlich abwickelte. Sie war schweißgebadet aufgewacht und hatte nicht wieder einschlafen können. Als sie Josh die Geschichte am nächsten Morgen erzählte, hatte er einen Lachkrampf bekommen. "Mach dir keine Sorgen. Ich heirate dich auch, wenn du in Sanft & Sicher auftauchst", sagte er. "Und denk mal an die viele Kohle, die wir sparen würden ..."

Josh hatte leicht Lachen. Er hatte sein Hochzeitsoutfit schon beim zweiten Anlauf gefunden. Der schmale Schnitt des Anzugs schmeichelte seiner athletischen Figur, und er sah darin aus wie ein Model. "Der Bräutigam darf übrigens auch nicht besser aussehen als die Braut", hatte sie nur halb im Scherz gesagt, als er den Anzug anprobiert hatte, und der Druck, ein Kleid zu finden, das mindestens genauso besonders war, hatte sich schlagartig verzehnfacht. Was für ein unglaublich erleichterndes Gefühl, endlich etwas derart Perfektes gefunden zu haben.

"Du heiratest! Ich kann es nicht fassen!", quiekte Megan aufgeregt. Der Schampus zeigte bereits Wirkung. "Und zwar in diesem unglaublichen Kleid!" Sie warf Mrs Sparkes einen Blick zu. Lizzies Mutter war es endlich gelungen, wenigstens lange genug mit dem Schluchzen aufzuhören, um einen Schluck trinken zu können. "Und für Sie, Mrs S., müssen wir unbedingt noch wasserfeste Schminke besorgen."

"Ich glaube nicht, dass ich heute noch zu irgendwas in der Lage bin. Ich bin für den Moment mit Shopping durch."

"Verstehe ich. Aber für die Hochzeit brauchen Sie dringend noch was Passendes. Ich schau mal, was bei mir so rumliegt." Megan war Journalistin und arbeitete für eine beliebte Styling-Website. In ihrem Bad sah es aus wie in der Kosmetikabteilung von Harrods, so viele Testprodukte bekam sie ständig zugeschickt. Der Verkaufswert der monatlichen Beauty-Ausbeute betrug geschätzt das Doppelte ihres eher bescheidenen Gehalts.

Megan wandte sich wieder ihrer Freundin zu. "Und du musst auch langsam mal anfangen, dir über dein Make-up Gedanken zu machen, Lizzie - und über deine Frisur, Dessous, Schuhe, von meinem Brautjungfernkleid ganz zu schweigen ..."

"Ich glaube, ich steige lieber erst mal wieder aus diesem Kleid aus", sagte Lizzie. "Hilfst du mir, Meg?"

"Klar."

Megans Handy fing an zu quaken wie eine melodramatische Ente. Die beiden Frauen prusteten hysterisch. "Was ist das denn bitte?", fragte Lizzie.

"Das ist mein neuer E-Mail-Ton", grinste Megan und griff nach ihrem Telefon. "Quak-Alarm."

"Mach das weg! Deine Witze werden echt immer schlimmer."

Die gewohnt spitzzüngige Antwort blieb aus. Offensichtlich war Megan das Grinsen vergangen. Genauer gesagt, ihr war nach dem Überfliegen der Mail sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. Sie war bleicher als die lange Reihe schneeweißer Brautkleider hinter ihr. "Megan? Was ist passiert?"

Der Klang ihres Namens riss Megan aus ihrer Trance, und sie schüttelte den blondgelockten Bob. "Gar nichts. Völlig unwichtig. Also. Wo waren wir stehengeblieben?" Sie lächelte schief wie selten, und Lizzie wusste, dass ihre beste Freundin log.

"Alles in Ordnung?"

"Ja. Alles in bester Ordnung. Erzähl ich dir später."

"Nein. Erzähl es mir bitte jetzt. Du machst mir Angst."

Megan sah sich nervös um, als würde sie auf jemanden hoffen, der dieses unangenehme Gespräch unterbrach, doch Mrs Sparkes unterhielt sich angeregt mit der Geschäftsführerin und schwärmte ihr von ihrem eigenen Achtzigerjahre-Bonbonbrautkleid vor.

"Megan! Was ist los?"

"Na gut, ich sag's dir. Aber versprich mir erst, dass du nicht austickst. Okay?"

"Austicken? Warum?"

Es entstand eine unbehagliche Pause. Dann sagte Megan: "Alex ist zurück."

Lizzie musste sämtliche Willenskraft aufbringen, um sich nicht auf das überwältigend schöne Traumkleid zu erbrechen.

*

Mit zitternden Fingern versuchte Lizzie, die Haustür aufzusperren. Sie bekam kaum den Schlüssel ins Schloss. Megans Worte wirbelten in einer Endlosschleife in ihrem Kopf herum: Alex ist zurück. Jahrelang hatte sie sich nach diesen Worten gesehnt wie nach sonst nichts. Doch irgendwann war ein ganzes Jahrzehnt im Sande verlaufen, Lizzie war wieder zu sich gekommen, hatte die Scherben ihres Lebens zusammengefegt und sämtliche Gedanken an Alex sorgfältig in den Tiefen des Archivs ihrer Vergangenheit verstaut.

Was zu Teufel will der hier?

Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war es ihm unglaublich schlecht gegangen. Sie fragte sich, wie er aussehen mochte; ob sie ihn wiedererkennen würde, wenn sie auf der Straße an einander vorbeigingen. War er dick geworden oder vorzeitig ergraut? Trug er statt der lässigen Klamotten inzwischen Anzüge oder zu enge Sportfunktionskleidung? Und sein Blick, würde sie ... Diese Augen würde ich überall wiedererkennen, dachte sie und machte die ihren einen Moment zu. Überall.

Endlich gelang es ihr, die Haustür aufzuschließen, und sie betrat leise das gemütliche Haus in Surrey, das sie und Josh vor einem halben Jahr bezogen hatten. Ihre Lippen schalteten auf Autopilot, um eine liebevolle Begrüßung zu formulieren, aber ihre Zunge war genauso taub und gelähmt wie ihr Hirn - unfähig, die Millionen Fragen zu verarbeiten, die dieser eine kurze Satz in ihr entfesselt hatte. Lizzie beschloss, nach oben ins Bad zu fliehen. Dort konnte sie sich kurz sammeln - oder wenigstens die wie wild in ihren Eingeweiden tobenden Schmetterlinge ins Klo kotzen. Aber noch ehe sie am Schlafzimmer vorbei war, umfingen sie von hinten zwei kräftige Arme.

"Wolltest dich wohl an mir vorbeischleichen!", sagte Josh. "Und auch noch ohne Begrüßungskuss ..."

Lizzie drehte sich um und sah in seine freundlichen braunen Augen. Ums Haar hätte sie angesichts der Wärme seines ahnungslosen Lächelns die Fassung verloren. Die Verwirrung traf sie wie ein rechter Haken.

"Ich ... äh ... mir geht's nicht gut", sagte sie und wich einen Schritt zurück.

"Kein Kleid gefunden?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Jetzt, wo du's sagst ... Du siehst wirklich ein bisschen blass aus. Na komm." Er schloss sie fest in die Arme und streichelte ihr mit der rechten Hand gleichmäßig über den Kopf. Er roch frisch, nach seinem Mintduschgel, und sie vergrub in der Hoffnung, Blickkontakt zu vermeiden, das Gesicht in seinem weichen Sweatshirt.

Ein Teil von ihr sehnte sich danach, ihm die Wahrheit zu sagen - die ganze Wahrheit - doch sie hatte keine Ahnung, wo sie hätte anfangen sollen. Josh und sie hatten noch nie wirklich über ihren Ex geredet: Für Lizzie war das Thema derart schmerzhaft und heikel, dass sie es tief in sich vergraben hatte, und Josh besaß offensichtlich genug Feingefühl, um nicht von sich aus daran zu rühren. Natürlich wusste er, dass es da mal jemanden gegeben hatte - aber bis jetzt war Alex nie mehr als das wispernde Gespenst eines unsichtbaren Exfreunds gewesen.

"Vielleicht liegt es ja an der ganzen Rennerei wegen der Hochzeit?" Josh zeigte ihr, ohne es zu wissen, einen Fluchtweg auf, und sie schlug ihn dankbar ein.

"Kann schon sein. Ich fühle mich wirklich ein bisschen gestresst." Lizzie löste sich aus seiner Umarmung und rieb sich die Augen. "Es gibt noch so viel zu entscheiden. Blumen und Einladungen und das ganze Zeug. Ich glaube, bei mir schießen langsam die Brautmonsterhormone ein."

Josh grinste. "Freddie hat schon gesagt, dass so was passieren könnte." Sein äußerst nerviger bester Freund hatte vor einem halben Jahr geheiratet und benahm sich, als sei er weltweit die Autorität in Sachen Hochzeiten. "Vielleicht brauchst du einfach eine kleine Auszeit? Ein Wellness-Wochenende oder so was? Wenn du willst, helfe ich dir mit den Einladungen."

Seine offensichtliche Sorge um sie machte die Sache nur schlimmer. Komm wieder runter, sagte sie sich. Alex ist zurück. Na und? Das ändert gar nichts. Du heiratest. Josh liebt dich. Alles wird gut.

"Mir geht's gut", sagte sie gedehnt. "Ich hatte einfach nur meine komischen fünf Minuten." Sie setzte ein angespanntes Lächeln auf. "Es wäre toll, wenn du mir bei den Einladungen helfen könntest. Danke." Die Hochzeitsadministration zählte nicht gerade zu Joshs Stärken, wie sie bereits beim Versand der Save-The-Date-Kärtchen hatte feststellen müssen. Umso dankbarer war sie für sein Angebot.

"Kein Problem." Er strich ihr zärtlich mit dem Fingerrücken über die Wange. "Sag mir einfach, was ich dir abnehmen kann."

Sie ließ die Finger durch seine hellbraunen, hinreißend zerzausten Haare gleiten. "Also, eine Bitte hätte ich noch, weil du gerade da bist ..."

"Ja?"

"Küss mich mal."

Er nahm sie in die Arme und grinste. "Stets zu Diensten, Madame."

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2. Oktober 2002

Ohne Vorwarnung flog die Türe auf, Megan stolzierte ins Zimmer herein und zwang Lizzie, den Blick von ihrem zerflederten Exemplar von Sturmhöhe zu heben. "Nur so ein Gedanke", sagte Lizzie liebevoll. "Wie wär's, wenn du lernen würdest, anzuklopfen? Ich hätte genauso gut nackt sein können."

"Als hätte ich dich noch nie nackt gesehen."

"Ja, stimmt, du könntest auch lernen, anzuklopfen, ehe du das Bad betrittst."

"Jedenfalls ..." Megan schüttelte ihre Mähne, und das Glitzertop schimmerte wie in einem Videoclip. "Ich wollte dich lediglich in meine Pläne für heute Abend einweihen. Dominic will mich auf diese Karaoke-Party im Ignition mitschleppen. Sein Mitbewohner ist auch dabei und da dachte ich, du könntest doch mitkommen. In fünfundvierzig Minuten steht das Taxi vor der Tür." Megan strahlte, als hätte sie soeben eine Einladung zu einer All-Inclusive-Karibik-Kreuzfahrt ausgesprochen.

Lizzie sank das Herz. Karaoke? Machst du Witze? Sie räkelte sich auf der blauweiß gestreiften Tagesdecke und gähnte übertrieben. "Weißt du, Meg, ich habe eigentlich nicht schon wieder Lust auf ein Doppeldate. Sei mir nicht böse, aber das ist, wie du weißt, bis jetzt noch jedes Mal schiefgegangen."

"So schlimm waren die doch gar nicht." Megan zog eine Schnute. "Nathan war echt nett."

"Und maß höchstens 1,70 m."

"Na und? Genau wie Tom Cruise."

"Für dich mag das okay sein. Aber ich bin 1,77 m groß, falls du das noch nicht bemerkt hast. Barfuß!"

"Tja. Eric war groß", entgegnete sie.

"Stimmt. Dafür ist er mit ziemlicher Sicherheit schwul."

"Wie kommst du denn darauf?"

"Er hat dem Kellner seine Telefonnummer gegeben."

"Im Ernst? Das hab ich gar nicht mitgekriegt." Megan besaß die praktische Gabe, sämtliche Dinge, die ihr nicht in den Kram passten, schlicht zu vergessen. "Das heute ist jedenfalls was anderes. Du wirst schon sehen."

"Ich weiß nicht ..." Lizzie zögerte. "Ich wollte mir eigentlich einen gemütlichen Abend machen."

"Wozu das denn? Dazu hast du noch genug Zeit, wenn du alt bist." Megan stolzierte quer durchs Zimmer auf Lizzies hellen Birkenholzschrank zu und öffnete ihn schwungvoll. "Du hast echt ein paar süße Teile hier hängen, Lizzie", sagte sie und fummelte sich durch die Kleiderstange. "Was hat es für einen Sinn, sich Klamotten zu kaufen, wenn man sie nie ausführt? Du kannst morgen im Bett bleiben und lesen. Heathcliff läuft dir schließlich nicht weg."

In dem Moment hörten sie oben die Tür klappen, und einen Augenblick später dröhnte Tom Jones' Sexbomb durchs Treppenhaus. Lizzie war klar, was das bedeutete: Ihr Mitbewohner, ein ziemlich frecher Waliser namens Gareth, hatte bei sich im Zimmer ein heißes Date, womit die Hoffnung auf einen ruhigen Abend im Eimer war. Megan grinste triumphierend.

"Schön. Ich mach mich fertig." Murrend rollte Lizzie vom Bett uns stöpselte das Glätteisen ein. "Aber du schuldest mir was."

*

Mit einem Blick in den schief hängenden Spiegel der schwach beleuchteten Damentoilette frischte Lizzie ihr Lipgloss auf und musterte stirnrunzelnd ihr Spiegelbild. Zwei müde braune Augen blickten genervt zurück. Sie hätte schon vor Verlassen des Hauses eine Monatsmiete darauf verwetten können, dass Dominics Mitbewohner nicht ihr Typ war, und ihre Intuition hatte sie nicht im Stich gelassen. Auch wenn er zugegebenermaßen nicht der hässlichste Kerl war, mit dem Megan je versucht hatte, sie zu verkuppeln, war er doch eindeutig ein mieser Sexist, und als das Thema dann auf Frauensport gekommen war, hatte Lizzie keine andere Wahl mehr gesehen als sich zu entschuldigen und die Flucht aufs Klo anzutreten.

Okay. Noch eine Stunde, dann kannst du abhauen, versprach sie sich. Bis dahin hat Gareth seine Sexbomb-Arie hoffentlich beendet und du kannst in Frieden ins Bett gehen.

Sie schob den Lipgloss in die Rocktasche ihres Vintage-Prinzesskleids. Dieses absolute Schnäppchen hatte sie erst neulich bei Oxfam erstanden. Sie strich sich über die Haare und verließ die Toilette - um direkt vor der Tür mit einem Kellner und seinem vollbeladenen Tablett zusammenzustoßen. Entsetzt sah Lizzie zu, wie die Gläser um sie herum zu Boden fielen und ihren Inhalt in quälender Zeitlupe in sämtliche Richtungen verspritzten. Nur ein einsamer Bacardi Breezer blieb wie durch ein Wunder auf dem Tablett stehen und kippelte wie ein angeschossener Kegel hin und her.

"Scheiße! Tut mir echt leid!" Lizzie zuckte zusammen und fragte sich, warum sie sich je dazu hatte breitschlagen lassen, ihr gemütliches Zimmer zu verlassen. Ihr linker Arm war nasskalt und klebte. "Ich ... ich hab dich nicht gesehen."

"Offensichtlich", knurrte der Typ und musterte sein durchnässtes schwarzes T-Shirt.

"Ist dir was passiert? Ich bezahl die Drinks natürlich." Ein verstohlener Blick auf ihr Kleid offenbarte, dass er das Meiste abbekommen hatte, was zwar gemein aber überaus erleichternd war. Unauffällig wischte sie sich den Arm an dem weichen Stoff ab.

Er stellte das Tablett auf der Bar ab, sah ihr eine Sekunde lang direkt in die Augen und überraschte sie mit einem ironischen Lächeln. "Mach dir keinen Kopf", sagte er. Seine Stimme klang tief und rauchig. "Das waren doch bloß zwei Pints, ein Hooch und ein -Malibu-Cola?" Er zog sein T-Shirt an die Nase und schnüffelte. "Jepp ... Kokosnuss."

So peinlich ihr die Sache war, Lizzie musste lachen. "Falls es ein Trost ist, ich stehe auf Kokosnuss. Ich fühle mich trotzdem furchtbar."

"Dazu besteht kein Grund. Das ist Berufsrisiko."

"Was? Verschüttete Drinks oder tollpatschige Mädchen?"

"Beides wahrscheinlich. Und bei dir alles okay?"

"Ja - von meinem offensichtlich miesen Sehvermögen mal abgesehen. Ich schwöre, ich bin nicht so betrunken, wie es aussieht."

Er lächelte sie an, und Lizzie merkte, wie attraktiv er war, auf angenehm zurückhaltende Art. Seine ungebändigten dunklen Haare fielen ihm über eindrucksvoll schiefergraue Augen, und das Kinn war mit Bartstoppeln übersät; doch es war kein sorgsam nachlässig gestylter Dreitagebart sondern sah eher aus, als hätte er Besseres zu tun, als sich jeden Morgen zu rasieren. Er war größer als sie - mindestens 1,83 m, schätzte sie - breitschultrig, und das feucht auf der Haut klebende T-Shirt verriet, dass er in Form war. Lizzie war sich bewusst, dass sie angefangen hatte zu starren, aber sie konnte den Blick nicht von ihm lösen.

Er löste den Bann, als er auf die Scherben auf dem Fußboden zeigte. "Es ist besser, ich kümmere mich darum, ehe sich jemand einen Zeh abschneidet."

"Oh. Natürlich", sagte sie. Und nach einer Pause: "Es tut mir wirklich leid. Kann ich helfen?"

"Aber nein. Das ist mein Job", lächelte er. "Also, Miss, schönen Abend noch. Vielleicht stoßen wir ja irgendwann wiedermal zusammen." Er drehte sich um und verschwand in einem Raum hinter der Bar.

Lizzie wurde klar, dass sie noch nicht mal seinen Namen kannte und staunte über die unvermittelte Woge aus Enttäuschung in ihr - allerdings nicht halb so sehr wie über die Tatsache, dass aus den Lautsprechern plötzlich ihr Name ertönte: "Okay, Leute, und jetzt bin ich auf der Suche nach Lizzie Sparkes ... Lizzie Sparkes, auf die Bühne bitte." Lizzie sah sich panisch um und hoffte auf den verrückten Zufall, der dafür sorgte, dass es hier noch eine Frau gleichen Namens gab. Doch dann entdeckte sie die johlenden Gesichter von Megan und den Jungs.

"Oh, da steckst du, Lizzie!", rief Megan und zeigte mit übertriebener Geste direkt auf sie. "Du bist dran."

Verzweifelt versuchte Lizzie, den pummeligen Moderator auf sich aufmerksam zu machen und ihm zu gestikulieren, dass es sich um einen äußerst dämlichen Scherz handelte, doch er missinterpretierte ihr hektisches Winken als Signal, dass sie auf dem Weg war und spielte den Titel an. Blinde Panik packte sie. Was haben die sich ausgedacht? Vor ihrem inneren Auge flogen in wildem Tanz die CDs ihrer Sammlung herum. Britney Spears? Die Sugababes? S Club 7? Es gab nur einen Ausweg: Sie musste sofort auf die Bühne und diesen Irrsinn beenden.

Mit einem tiefen Atemzug drängelte sie sich nach vorn und betrat das wackelige Podest. Heiße Röte kroch ihr über die Wangen. "Moment, es tut mir leid, aber das ist ein Missverständnis ...", sagte sie zu dem Moderator, doch ihre Stimme ging im Lärm der ersten Takte des Songs unter. Im selben Augenblick drückte der Mann ihr ein Mikro in die Hand. Lizzie erstarrte, als sie das Intro erkannte. Tragedy. Ausgerechnet. Lizzie frönte der heimlichen Lust, die Cover-Version der Steps auf CD mitzusingen - wahrscheinlich ein bisschen zu laut, wenn Megan das mitbekommen hatte - und dachte nicht im Traum daran, damit in der Öffentlichkeit aufzutreten. Die drei Cocktails, die sie intus hatte, machten sich unangenehm in ihrem Magen bemerkbar.

Scheiße. Scheiße. Scheiße. Ich habe keine Chance. Da muss ich jetzt durch. Auf dem alten Fernsehmonitor poppten in grellem Neongrün die ersten Textzeilen auf wie der farbige Leuchtmarker ihrer öffentlichen Demütigung.

"Heeere I lie in a lost and lonely paaaart of town", krächzte sie und versuchte, wenigstens ansatzweise der Melodie zu folgen. "Held in time in a world of tears I sloooowly drown ..."

Sie versuchte, mit der dröhnenden Musik Schritt zu halten, und ihre Stimme zitterte beinahe so schlimm wie ihre Beine. In ihrer Verzweiflung streckte sie das Mikro in Richtung Publikum und ermutigte die Leute, in den Refrain einzustimmen.

Was zu ihrem Erstaunen funktionierte.

"TRAGEDY!", brüllte die Menge, offensichtlich bereits ausreichend in Stimmung, um einen wahren Klassiker der Popgeschichte gebührend zu würdigen. Plötzlich sprang Megan zu ihr auf die Bühne, steckte sich einen Trinkhalm mit Knick hinters Ohr wie ein Kopfbügelmikro und schmetterte den Rest des Songs aus vollem Halse mit. Ein paar Mädels ganz vorne sprangen auf und gaben in perfektem Einklang die Steps-Choreografie zum Besten, als hätten sie extra für eine Gelegenheit wie diese geübt.

Lizzie kam gerade zu dem Schluss, dass diese ganze Karaoke-Kiste vielleicht doch gar nicht so schlecht war, da war der Song auch schon zu Ende, und das Publikum flippte aus. "Gute Arbeit, Mädels", sagte der Moderator. "Also? Wer von euch traut sich, das zu toppen? Ah. Tony, sehe ich, und er wird uns in die Achtziger entführen ..."

"Das war der Wahnsinn!", kreischte Megan und trippelte mit echtem Rockstar-Gehabe von der Bühne. "Ich hatte ja keine Ahnung, was in dir steckt."

"Ich hatte wohl kaum eine Wahl, oder?" Lizzie war sich nicht sicher, ob sie ihre Freundin umarmen oder verhauen sollte.

"Sei nicht sauer. Das war eigentlich nur Spaß. Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass du da wirklich raufgehst. Hätte ich geahnt, dass du die ganze Hütte zum Wackeln bringst, hätte ich dich für zwei Nummern gemeldet."

Lizzie musste grinsen. Das Adrenalin kribbelte immer noch in ihren Adern. "Hat irgendwie Spaß gemacht, oder?"

"Komm wieder runter, Kylie." Megan blieb stehen und schnüffelte. "Riecht's hier nach Kokos?"

"Könnte ich sein. Ehe du mich bei Pop Idol angemeldet hast, habe ich noch schnell ein Tablett voller Getränke in alle Himmelsrichtungen verschüttet."

"Oh. Da hast du dich heute Abend aber definitiv selbst übertroffen." Sie lachten, und Lizzie wurde klar, dass sie ihrer Freundin bereits verziehen hatte, auch wenn sie nicht genau wusste, wann.

"Allerdings. Aber die nächste Runde geht definitiv auf dich."

Plötzlich tippte jemand Lizzie von hinten auf die Schulter. Sie drehte sich um und stand dem charismatischen Barmann von eben gegenüber. Scheiße! Bitte mach, dass er noch mit den Scherben beschäftigt war, als ich auf der Bühne stand ... Sie spürte die Hitze in ihre Wangen schießen und hoffte, dass man es bei der schummrigen Beleuchtung nicht sah.

Er klatschte in die Hände. "Ich bin beeindruckt. Du hast nicht gesagt, dass du mitmachst."

"Ich wusste auch nicht, dass ich mitmache. Meine Mitbewohnerin hat mich ans Messer geliefert." Sie zeigte auf Megan, die sich mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue zurückzog, in Gedanken eindeutig bereits mit der Vorplanung einer minutiösen Befragung hinsichtlich dieses geheimnisvollen Mannes beschäftigt. "Ich hab so was noch nie gemacht."

"Also, den Leuten hat's offensichtlich gefallen."

"Mhm. Könnte sein, dass der Alkohol seine Finger im Spiel hatte." Sie wünschte, es fiele ihr leichter, sich von attraktiven Typen Komplimente machen zu lassen.

"Und? Was treibst du sonst so, wenn du nicht gerade an deiner Popstar-Karriere feilst?" Er beugte sich nah zu ihr, um sich über den Lärm des nächsten Karaoke-Songs Gehör zu verschaffen, und Lizzie registrierte seinen zarten, mit einem Hauch Kokos verfeinerten Lederduft. Der Raum um sie herum verschwamm zum undeutlichen Hintergrund.

"Ich studiere. Englisch. Drittes Semester", rief sie ihm über den blechernen Lärm hinweg zu.

"Wie gefällt es dir?"

"Gut", antwortete sie. "Meistens jedenfalls. Und wie lange arbeitest du schon hier?"

"Seit einem halben Jahr ungefähr." Er beugte sich noch näher zu ihr. Seine Lippen berührten fast ihr Ohr. Sein Atem an ihrer Wange fühlte sich warm an. "Ich studiere auch."

"Was denn?"

"Scientology. Und modernen Tanz."

"Sehr witzig."

"Na gut." Er seufzte übertrieben. "Hotel- und Gastronomiewesen."

"Ach so. Dann arbeitest du hier, um Praxiserfahrung zu sammeln."

Er lachte. "Eher, um meine Rechnungen zu zahlen." Lizzie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, weil sie so naiv geklungen hatte.

In dem Augenblick wurden sie von einem Typ mit haarigem Bierbauch unterbrochen, der aus seinem viel zu engen T-Shirt rausragte. "He, Kumpel, das Gleiche nochmal für uns hier drüben, ja?"

"Bin gleich bei euch." Der Kellner lächelte entschuldigend. "Tja, ich muss weitermachen. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder?"

"Vielleicht am Wochenende?" Lizzie war überrascht, wie selbstbewusst ihr das über die Lippen gekommen war. Habe ich ihn gerade um ein Date gebeten?

"Klingt super. Sonntag habe ich frei. Hier. Ich geb' dir meine Nummer." Er zog einen Stift aus der Jeanstasche und kritzelte seine Telefonnummer auf einen Bierdeckel. "Ich bin übrigens Alex. Alex Jackson." Er streckte ihr die Hand hin.

"Ich bin Lizzie", flüsterte sie, und als sie ihre Hand in seine legte, durchfuhr ein leichtes Rieseln ihre Fingerspitzen. "Lizzie Sparkes."

Die Autorin

Die britische Journalistin Maria Realf weiß ganz genau was Leserinnen fesselt: Schließlich hat sie für viele britische Frauenmagazine wie Cosmopolitan oder Marie Claire geschrieben, zudem arbeitete sie für die BBC und besuchte schließlich die Romanschule der Agentur Curtis Brown. Ihr erster Roman mit dem Titel "The One" ist beste Unterhaltung, die süchtig macht. Denn wer will nicht wissen, wie die Liebesgeschichte zwischen einer Frau und zwei Männern ausgeht? Perfekte Urlaubslektüre, bei der man Protagonistin Lizzie auf der Suche nach ihrer Herzen-Heimat begleitet.

Buchtipp

"The One" von Maria Realf ist für 9,99 Euro im Verlag rororo erschienen und außerdem als E-Book erhältlich. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Sabine Längsfeld.


© Illustrationen: Henrik Abrahams; Fotos: PR

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: Peter Realf Photography


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