"Und nebenan warten die Sterne"

"Und nebenan warten die Sterne" von Lori Nelson Spielman. Ein ergreifender Mutter-Tochter-Roman, der Mut macht, nach dem Glück zu suchen. Denn man weiß nie, wo man es finden wird. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem neuen Roman von Bestsellerautorin Lori Nelson Spielman, erschienen bei FISCHER Krüger.

Advertorial

LAVIVA-Buchpremiere

Bereit für ein Geschenk? Ab sofort drucken wir exklusiv in jeder Laviva eine Leseprobe aus einer Top-Neuerscheinung. Den Auftakt macht die Bestseller-Autorin Lori Nelson Spielman, Spezialistin für Töchter-Mütter- Geschichten, mit dem Roman "Und nebenan warten die Sterne". Darin hat eine Frau namens Erika zwei Töchter, wovon eine bei einem Zugunglück tödlich verunglückt. Die Trauer frisst die Zurückgebliebenen auf. Erst als auch die zweite Tochter verschwindet, wacht Erika auf und begibt sich auf die Suche.

Leseprobe aus dem LAVIVA Magazin November

Erika

Wenn dich etwas aufhält, bleib stehen. Das würde meine Mutter sagen. Wenn sie noch lebte, könnte ich ihr antworten, dass das im Moment nicht möglich sei. Meine Karriere nimmt gerade richtig Fahrt auf. Doch sie würde den Kopf schütteln und durchaus zutreffend erwidern, es ginge immer, man müsse sich nur dazu entschließen.

Ich schlüpfe in einen schwarzen Rock und hochhackige Schuhe. In Gedanken gehe ich meine ellenlange To-do-Liste durch: Vertrag für Parc 77 abschließen, Vergleichsangebote für die Zweizimmerwohnung im Mayfair einholen. Das alles muss ich noch erledigen, bevor ich die Mädchen heute Vormittag, wie versprochen, nach Philadelphia bringe.

Ich checke meine Mails. Oh, oh. Chung Wang, der Makler aus Peking, hat auf meine Nachricht zu dem Apartment im Plaza reagiert. Er hätte noch Zeit für eine Besichtigung, aber sein Flug gehe am Mittag. Richten Sie es bitte ein. O nein! Nicht heute, wo ich mir für meine Töchter freigenommen habe! Aber Mr Wang vertritt meine wichtigsten Kunden. Wenn ich es nicht für ihn »einrichte«, übernimmt das sicher gerne die Konkurrenz. Wird gemacht, tippe ich zurück.

Mein Magen verkrampft sich. Wie soll ich den Mädchen beibringen, dass ich sie doch nicht zur Uni fahren kann? Annie kann den alten Spruch, dass die Arbeit vorgeht, mit Sicherheit nicht mehr hören. Und ich bin ihn, ehrlich gesagt, auch leid. Aber ich will einen Wettbewerb gewinnen. Noch acht Monate in dieser Tretmühle, dann kehrt wieder etwas mehr Ruhe ein.

Als ich meine Schlafzimmertür öffne, begrüßen mich der Duft von Toast und das Geklapper von Geschirr. Ich schaue auf die Uhr. Fünf Uhr sechsunddreißig. Kristen hat die Nacht durchgemacht. Mal wieder.

Im Flur ergänze ich in Gedanken meine Liste um einen weiteren Punkt: Mit Brian über unsere Tochter reden. In Zeiten wie diesen – wenn die Launen unserer Neunzehnjährigen so unvorhersehbar wechseln wie die Lieblingslieder auf ihrer Playlist – bin ich froh, dass mein Exmann Arzt ist.

Ich nehme die Abkürzung durchs Esszimmer, wo Kristens Handtasche auf dem Tisch liegt. Ihr Portemonnaie und ein Päckchen Minzbonbons sind herausgerutscht. Als ich näher hinsehe, entdecke ich einen offensichtlich gefälschten Führerschein auf den Namen einer gewissen Addison. Mit dem Ausweis geht sie als einundzwanzig und damit als volljährig durch – wahrscheinlich war sie gestern in einer Disko und hat Alkohol getrunken. Also wirklich, Kristen! Doch für so was habe ich jetzt keine Zeit.

An der Schwelle zu meiner sonst so makellosen Küche bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Auf den weißen Marmorflächen herrscht ein wildes Durcheinander von Töpfen und Pfannen, die zwischen Butterverpackungen und Eierschalen stehen. Mehl und Puderzucker zieren den dunklen Holzfußboden. Kristen hat in der Kupferschüssel Sahne geschlagen. Schon von der Tür aus kann ich die weißen Spritzer auf dem Edelstahlherd sehen. Die Unordnung hinter den weißen Schranktüren kann ich mir lebhaft ausmalen.

Und da steht sie, an der Kücheninsel, immer noch in dem gelben Kleidchen, das sie am Vorabend anhatte. Sie ist barfuß, ihre lilafarbenen Zehennägel blitzen. Auf dem Kopf hat sie den kabellosen Kopfhörer. Während sie Erdnussbutter auf dicke Toastscheiben schmiert, singt sie schief einen Hip-Hop-Song mit. Am liebsten würde ich meine chaotische Tochter gleichzeitig umarmen und erwürgen.

"Guten Morgen, Schätzchen!" Mit wippendem Kopf träufelt Kristen Honig auf die Erdnussbutter, leckt sich die Finger ab und legt die Brotscheibe in die Pfanne mit schäumender Butter. Ich komme näher und tippe ihr auf die schmale Schulter. Sie fährt zusammen, dann strahlt sie übers ganze Gesicht.

"Hey, Mom!" Sie reißt sich den Kopfhörer von den Ohren. Die Musik dröhnt weiter, bis Kristen sie auf dem Handy leiser stellt. "Lust auf ein leckeres Frühstück?" Ihre blauen Augen tanzen, doch hinter der Fröhlichkeit erkenne ich den glasigen Blick von zu wenig Schlaf. "Wieso bist du nicht im Bett, Süße? Hast du gar nicht geschlafen?« Kristen hält mir ihre Espressotasse entgegen und zuckt mit den Schultern. "Schlaf wird überbewertet. Hey, guck mal, was ich für dich gemacht habe!"

Ich hole tief Luft. "Ach, wie lieb! Aber ich hoffe, du räumst dieses Durcheinander auch noch auf, bevor ihr los…" Ich unterbreche mich, als ich ein handgeschriebenes Schild entdecke, das an den Küchenschränken hängt – befestigt mit braunem Klebeband! "Tschüs, Mom! Du wirst uns fehlen! 1000 Küsse."

"Heute ist unser letzter gemeinsamer Morgen." Kristen schlingt die Arme um mich. "Das stimmt." Ich löse mich von ihr. "Vorsichtig! Auf deine klebrigen Fingerabdrücke würde ich lieber verzichten." "Ups! ’tschuldigung! Du siehst übrigens schick aus", sagt sie und fügt dann hinzu: "Ich dachte, wir brauchen einen zünftigen Abschied."

Ein zünftiger Abschied. So hat das meine Mom immer genannt. Und wie jede anständige Mutter hätte sie Kristen zugestimmt. Eigentlich müsste ich jetzt am Herd stehen und ein Abschiedsfrühstück für meine Töchter zubereiten, nicht umgekehrt. Kristen führt mich zum Tisch, der bereits für drei Personen gedeckt ist. Ein Krug mit Orangensaft steht in der Mitte, daneben eine Vase mit pinkfarbenen Blumen, die verdächtige Ähnlichkeit mit den Pentas vom Balkon haben, die Annie im vergangenen Frühjahr gepflanzt hat. Meine Tochter zieht einen Stuhl für mich hervor, dann springt sie in den Flur: "Hey, Annie! Raus aus den Federn!"

"Kristen!" Ich versuche, mit einer Ruhe zu sprechen, die ich gar nicht empfinde. "Sei bitte leise! Willst du das ganze Haus aufwecken?" "Sorry!" Sie kichert. "Pass auf, probier mal das hier: Toast mit Erdnussbutter, Honig und gerösteten Pekannüssen. Die pure Geschmacksexplosion, das schwöre ich dir." Ich schüttele den Kopf. In dem Moment kommt Annie, meine zweite neunzehnjährige Tochter, hereingetapert. Ihr hübsches rundes Gesicht hat dank ihrer Latina-Gene und der Sommersonne einen satten Braunton angenommen, ihre langen schwarzen Haare sind ein einziges Lockengewirr. Auch wenn sie einen Meter fünfundsiebzig misst, ist sie in ihrem gestreiften Pyjama und den flauschigen Elefantenpantoffeln immer noch mein kleines Mädchen. Ich stehe auf und gebe ihr einen Kuss.

"Guten Morgen, Schätzchen." "Was ist mit Krissie?" "Sie macht uns Frühstück." Annie registriert die Pentasblüten in der Vase und seufzt. Sie geht zum Herd, wo ihre Schwester das nächste Sandwich in die heiße Butter legt, und zupft einen Klecks Schlagsahne aus Kristens blondem Haar. "Was hast du gemacht? Eine Bombe gezündet?" Annies Stimme ist sanft, als spräche sie mit jemandem, der sehr empfindlich ist.

"Das ist mein Abschiedsfrühstück für dich und Mom", erklärt Kristen. Mit einem Pfannenwender holt sie die ersten gebräunten Toasts heraus. "Du meinst: für Mom", korrigiert Annie. Kristen schaut sie an, dann herüber zu mir. "Ah, stimmt. Ein Abschiedsfrühstück für Mom. Du und ich, wir fahren ja zur Uni. Zusammen." "Was ist los, meine Damen? Will eine von euch ihre Sommerferien etwa ein wenig verlängern?", frage ich. "Natürlich nicht", sagt Kristen, legt einige Bananenscheiben auf den Toast, besprenkelt ihn mit Sirup und setzt einen Klecks Schlagsahne obendrauf. "Voilà!" Sie hält den Teller in die Höhe, als würde sie ihn den Göttern darbieten, und reicht ihn dann Annie. "Gibst du ihn bitte Mom?"

Wie unglaublich lieb ist es von meinen Töchtern, ein Abschiedsessen für mich zu veranstalten! Doch ich denke im Moment nur daran, wie schnell ich dieses zweitausend Kalorien schwere Frühstück verdrücken und zur Arbeit fahren kann. Ich schaue zu Annie hinüber, die mein Handy beäugt. Ich stelle den Klingelton ab und lege es mit dem Display nach unten auf den Tisch.

Während Kristen zwischen Herd und Tisch hin und her eilt, schildert sie uns lachend und wild gestikulierend die vergangene Nacht mit ihren Freunden, bis ins kleinste Detail. Kaum zu glauben, dass dieses Mädchen sich noch vor einer Woche auf ihr Zimmer zurückgezogen hat und nichts essen wollte. Ich nehme an, dass sie sich wieder mit Wes vertragen hat, schneide das Thema jetzt aber lieber nicht an.

"Ich hab drei Stunden durchgetanzt, Minimum!" Kristen wirft sich auf ihren Stuhl und pikst eine Bananenscheibe mit der Gabel auf, dann schiebt sie den Teller von sich. "Mir ist schlecht."

O Gott, bitte nicht! Ich lege ihr die Hand auf die Stirn. "Du hast aber kein Fieber. Hast du vielleicht beim Kochen zu viel genascht?" Sie grinst. "Nur ungefähr fünf Löffel Erdnussbutter … ein bisschen Sirup … und zwei Espressi." Sie lacht, ich bin erleichtert. "Wann fahren wir heute los?", will Annie wissen. "Ach ja, das wollte ich …", setze ich an, doch Kristen unterbricht mich. "Ich bin so froh, dass wir nicht den Zug nehmen müssen! Wo wollen wir zu Mittag essen? Ich hatte an das White Dog Café gedacht. Oder vielleicht Italienisch im Positano."

Ich reibe mir den Nacken. Annie beobachtet mich, spürt mein Unbehagen und stößt einen übertriebenen Seufzer aus. "Lass mich raten: Du kannst uns nicht hinbringen?" Ich ziehe den Kopf ein, hasse mich selbst dafür, mein Versprechen brechen zu müssen. "Es tut mir furchtbar leid, aber für heute Vormittag ist in letzter Minute eine Besichtigung angesetzt worden. Wenn ihr bis morgen warten könntet …" "Können wir aber nicht. Krissie hat heute Nachmittag einen wichtigen Termin." Annie stürzt sich auf ihr Frühstück. "Schon gut, Mom, wir haben verstanden. Es ist wirklich wichtig, dass du diesen Wettbewerb gewinnst", sagt sie dann.

"Schatz, es tut mir leid." Ich will nach Annies Schulter greifen, doch sie entzieht sich mir. "Mit dem Zug geht ja auch", wirft Kristen ein. Sie ist immer diejenige, die mich beruflich mehr unterstützt. "Auf welchem Platz bist du diese Woche? Schon unter den Top Fifty der besten Makler in Manhattan?" Ich atme aus, erleichtert, dass wenigstens eine meiner Töchter stolz auf mich ist. "Auf Platz 63, aber nächste Woche stehen zwei Abschlüsse an."

"Das packst du, Mom!" Das Handy auf dem Tisch vibriert. Ich lege die Hand darauf. "Entschuldigung." "Na los!", sagt Kristen. "Auf die Top Fifty!" "Bis zum dreißigsten April ist noch viel Zeit. Da kann eine Menge passieren." "Aber bei dir wird’s nur aufwärts gehen. Da fällt mir ein …" Kristen hält einen Finger hoch und verlässt die Küche. Kurz darauf ist sie wieder da. "Für dich", sagt sie und reicht mir eine kleine beigefarbene Karte mit dunkelblauer Schrift:

Agentur Blair
Individuelle Immobilienlösungen in Manhattan
Erika Blair, Maklerin, Inhaberin
Telefon: 347 555 1212
Erika@AgenturBlair.com

"Ist die schön!", freue ich mich und drücke ihr einen Kuss auf den Scheitel. Annie mag etwas gegen meine Arbeit haben, aber Kristen ist durchaus bewusst, dass ein Platz unter den fünfzig besten Maklern von Manhattan unser Leben verändern kann. Allein der Werbeeffekt ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Mein Name würde bekannt, und ich bekäme den nötigen seriösen Ruf, um mich selbstständig zu machen. Davon träume ich seit Jahren.

"Ich hab gedacht, wenn du ein kleines Haus oder so entwirfst, könnte man es als Logo mit draufmachen." Ich bin gerührt. Schwer vorstellbar, dass meine Begeisterung für Kunst mal genauso groß war wie mein beruflicher Ehrgeiz als Maklerin. Kristen hat das nicht vergessen. "Nächsten Herbst", verkündet sie, "ist die Agentur Blair dick im Geschäft!" Sie jubelt und hält mir die Hand hin, damit ich sie abklatsche. Natürlich entgeht mir nicht, dass Annie schweigend ihren Toast isst. "Schatz, hast du gesehen, was Kristen für mich gemacht hat?" Ich halte ihr den Entwurf hin. "Die allererste Visitenkarte der zukünftigen Agentur Blair." "Toll." Annie wendet sich ab. "Dann kannst du ja endlich noch mehr arbeiten."

Lesen Sie hier, wie es weiter geht

Ich bin ernüchtert. Ob sie mir je verzeiht, dass ich als alleinerziehende Mutter mit Arbeit und Familie jonglieren muss? Dass ich versuche, sowohl meine Töchter als auch Carter Lockwood zufriedenzustellen, meinen knallharten Chef, der genauso besessen davon ist wie ich, meinen Namen unter den besten fünfzig Maklern zu sehen? Ich berühre Annies Arm.

"Wenn ich selbstständig bin, kann ich mir meine Termine selbst einteilen. Aber noch bin ich Carters Angestellte bei Lockwood. Und einer muss eben arbeiten. Ich kann doch auch nichts dafür."

"Schon in Ordnung!", sagt Kristen. "Übrigens, kannst du mir noch ein bisschen Kohle überweisen?"

"Jetzt schon? Was hast du denn mit dem Geld gemacht, das du Montag bekommen hast?"

Kristen senkt den Kopf und schielt nach oben, ihr Bitte-nicht-schimpfen-Gesicht. "Ich habe auf der Straße einen alten Mann mit einem kleinen Welpen gesehen. Der war so dünn und sah so traurig aus ..."

"Ach, Kristen." Ich schüttele den Kopf und beschließe, sie nicht auf die neuen High Heels von Tory Burch anzusprechen, die sie gestern Abend trug. Die mit dem Riemchen, in denen ihre neue Pediküre so gut zur Geltung kommt. Schließlich arbeite ich hart, damit ich meinen Töchtern Dinge ermöglichen kann, die ich als Kind nicht hatte. Ich stehe auf. "Ich überweise dir heute Nachmittag noch was – aber das ist für Lebensmittel, nicht für süße Welpen, verstanden?"

Kristen grinst. "Verstanden."

Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange. "Danke für das leckere Frühstück. Hab dich lieb, Mausi. Sag Bescheid, wenn du sicher angekommen bist." Dann nehme ich sie lächelnd in die Arme: "Halt dich tapfer! Und denk dran, du bist die Beste."

Das ist mein Abschiedsgruß; dieselben Worte hat meine Mutter früher immer zu mir gesagt. Ich drehe mich zu Annie um, will sie ebenfalls umarmen, doch sie ist schon aufgesprungen. "Ich bringe dich zur Tür", sagt sie nur.

Ich wappne mich gegen weitere Vorwürfe, doch kaum haben wir die Küche verlassen, wird Annie zur besorgten Schwester. "Mom", flüstert sie, "ist dir das auch aufgefallen? Sie ist total … überdreht."

Ich lege Annie den Arm um die Schulter. "Ich weiß. Ist doch schön, dass sie wieder gut drauf ist, oder?"

"Sie hat sich überhaupt nicht mehr im Griff. Genau wie letztes Frühjahr während der Abschlussprüfungen. Als wäre sie manisch oder so." Annies bedrückter Blick bricht mir das Herz. Sich Sorgen zu machen ist die Aufgabe einer Mutter, nicht der Schwester. Ich streiche ihr eine Locke aus dem Gesicht.

"Zuerst mal", sage ich, "ist hier niemand krank. Zweitens sind Stimmungsschwankungen bei Jugendlichen normal. Aber ich finde es lieb, dass du dir Gedanken machst. Ich sage eurem Vater, dass er Kristen einen Therapeuten empfehlen soll. Sie macht gerade eine Menge mit: die Uni, die neuen Kommilitoninnen, die Beziehung zu Wes."

"Einen Therapeuten? Meinst du, damit ist es getan? Ich glaube, sie braucht Medikamente."

Ich greife nach meiner Handtasche und ignoriere ihre Bedenken. "Rede nicht so, Annie. Kristen ist einfach gut drauf." Und leiser füge ich hinzu: "Sie hat einen gefälschten Führerschein in der Tasche. Ich glaube, sie hat letzte Nacht zu viel gefeiert."

Annie legt den Kopf schräg. "Meinst du, sie ist noch betrunken?"

"Möglich, oder es liegt am Koffein. Wahrscheinlich kommt sie nicht allein mit der Küche zurecht. Kannst du ihr helfen?"

"Ja klar."

"Danke, meine Süße." Ich lege Annie die Hand auf die Wange. "Es tut mir wirklich leid, dass es heute anders gelaufen ist als geplant. Komm doch zum Labor-Day-Wochenende nach Hause, dann fahren wir nach Easton!"

Meine großmütige Tochter gibt nach. Zum einen liebt sie unser Haus in der Chesapeake Bay, zum anderen kann sie niemandem lange böse sein. "Au ja! Vielleicht haben wir Glück, und der Strom fällt wieder aus."

Wir lächeln uns an, und ich vermute, dass wir beide an den spontanen Ausflug im letzten Jahr denken, als die Mädchen zum Labor-Day-Wochenende zu Hause waren. Es war Freitagabend, die Wettervorhersage für die nächsten Tage war katastrophal. Zu allem Übel hatten die beiden in der ersten Woche am College eine Erkältung bekommen. Als es aussah, als würde der dunkle Himmel jeden Moment seine Schleusen öffnen, schlug Kristen vor, ins Ferienhaus zu fahren.

"Schatz, es ist acht Uhr abends", entgegnete ich.

"Ach bitte, Mom", fiel Annie ein. "Das wird lustig!"

Während die Mädchen in ihre Zimmer flitzten, um die Reisetaschen zu packen, holte ich Lebensmittel und Getränke aus dem Kühlschrank. Dreieinhalb Stunden später erreichten wir mitten in einem schweren Regenguss unser Haus am LeGates Cove, nur um festzustellen, dass es durch das Gewitter einen Spannungsausfall gegeben hatte und wir keinen Strom hatten.

Ich machte ein Feuer im Kamin, wir entzündeten ein halbes Dutzend Kerzen. Annie links und Kristen rechts neben mir, machten wir es uns unter einem Berg von Decken auf dem Sofa gemütlich. Im Schein einer Laterne las ich ihnen aus Betty und ihre Schwestern vor, ihrem Lieblingskinderbuch. Fast kann ich noch das Gewicht ihrer Köpfe in meinen Armbeugen und die Wärme ihrer Körper an meinem spüren. Das Feuer warf Schatten auf ihre friedlichen Gesichter. Hin und wieder schmiegten sie sich bei einem Donnergrollen noch enger an mich. Bei jedem Umblättern wurden ihre Augenlider schwerer, und ich hörte, wie ihre Atemzüge tiefer wurden, bis sie schließlich einschliefen.

Bis drei Uhr morgens las ich weiter, zum Schluss nur noch flüsternd. Ich hatte einfach Angst, dass sie aufwachen würden, wenn ich aufhörte. Und ich wollte die kostbaren Stunden so lange wie möglich genießen, in denen ich die beiden Menschen im Arm hielt, die ich auf der Welt am meisten liebte, diese zwei Mädchen, die keine Kinder mehr waren, aber auch noch keine Frauen.

"Ich überrede Kristen, dass sie auch mitkommt", holt mich Annie aus meinen Erinnerungen zurück. "Ein Wochenende am Wasser wird ihr guttun."

"Perfekt." Ich lege die Hand auf ihre Wange. "Ich weiß nicht, was deine Schwester ohne dich tun würde. Und ich auch nicht."

"Zumindest hättest du mehr zu essen im Kühlschrank."

Ich schüttele den Kopf über diesen Witz auf ihre Kosten. Annie ist die kurvigere von beiden Mädchen, sie hat breite Hüften und Oberschenkel, die zu ihrem üppigen Busen passen. In vielen Kulturen wäre sie der Inbegriff von Weiblichkeit. Doch in New York, einer Stadt voller dürrer Möchtegernmodels, hat Annie ein verzerrtes Selbstbild entwickelt, auch wenn ich mein Bestes tue, dem entgegenzuwirken. Dass ihre Schwester und ihre Mutter dünn sind, ist dabei nicht gerade hilfreich.

"Ich liebe deinen gesunden Appetit, meine Hübsche", sage ich und streiche eine verirrte Strähne aus ihrem Gesicht. "Halt dich tapfer! Und denk dran, du bist die Beste."

Lachend zeigt sie mit dem Finger auf mich. "Und du bist bescheuert. Willst du das auch noch sagen, wenn Krissie und ich fünfzig sind?"

"Das werde ich immer sagen. Denn ihr seid wirklich die Besten." Und mein Leben wäre so viel einfacher, wenn deine Schwester genauso viel Verantwortungsbewusstsein hätte wie du. Das spreche ich natürlich nicht laut aus. Und selbstverständlich habe ich es verdient, für diesen Gedanken von einem glühenden Meteoriten getroffen zu werden.

"Es beruhigt mich zu wissen, dass ihr beide heute mit demselben Zug fahrt. Hab ein Auge auf Kristen, ja? Und schreib mir, wenn ihr in Philadelphia seid." Ich umarme Annie ein letztes Mal. "Ich hab dich lieb …", beginne ich.

"… wie ein Kätzchen das Spätzchen", schließt Annie.

Die Autorin

Diese Frau ist eine der erfolgreichsten Romanautorinnen weltweit: Der internationale Durchbruch gelang ihr gleich mit dem ersten Roman "Morgen kommt ein neuer Himmel", der in 30 Ländern erschien und es in Deutschland 2014 zum Jahresbestseller Belletristik schaffte. Auch ihr zweiter Roman "Nur einen Horizont entfernt" kletterte sofort auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Bevor Lori Nelson Spielman ihre Erfüllung im Schreiben fand, arbeitete sie übrigens als Lehrerin. Sie lebt mit ihrem Mann in East Lansing, Michigan, U.S.A.

Buchcover "Und nebenan warten die Sterne"

Buchtipp

"Und nebenan warten die Sterne" von Lori Nelson Spielman ist als Paperback und E-Book im Verlag FISCHER Krüger für 14,99 Euro erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Andrea Fischer.


© Illustrationen: Claudia Meitert; Fotos: PR

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

© Autorenbild: Gaby Gerster


IVAs Blog

Netzfundstücke, Hilfreiches, Schönes: Hier schreibt IVA, über alles was sie bewegt!

LESEN
Gewinnspiele

Aktuelle Gewinnspiele aus den Bereichen Beauty, Mode, Reise und Design!

Mitmachen