Ungeliebte Fehlkäufe

Das kommt uns nicht in die Tüte! Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich verrät uns, warum wir immer wieder Fehlkäufe machen und wie wir sie in Zukunft vermeiden können.

Catrin Barnsteiner

Im Kaufrausch: Jeder ist wahrscheinlich schon mal in die Schnäppchen-Falle getappt. 

Herr Ullrich, mein Schuhschrank ist voll mit glamourösen Pumps und High Heels. Das Problem: Ich trage solche Schuhe gar nicht, kaufe aber trotzdem immer wieder welche. Warum?

Es gibt Phasen, da fühlt man sich ein bisschen festgelebt im eigenen Alltag und will etwas verändern. Am liebsten sich selbst. Und diese Veränderung fängt dann gern mit dem Kauf von etwas Neuem an. Der Gedanke ist: „Wenn ich endlich so und so bin – im Fall der Pumps vielleicht weiblicher oder aufregender – wird auch mein Leben anders und neu.

Ich kaufe also Dinge, weil ich gern jemand anderes wäre?

Ja, so in etwa. Jeder von uns hat ein Idealbild von sich im Kopf. Ein Traumbild, das wir glauben, mit einem bestimmten Produkt erreichen zu können: zum Beispiel endlich gesund und fit sein, wenn ich mit einem teuren Entsafter Smoothies zum Frühstück mache. Oder cool und lässig sein, weil ich dieses moderne Fahrrad ohne Schnickschnack fahre. Ich selbst habe so eine Jeans im Schrank, deren Schnitt viel cooler ist als ich es bin.

Diese radikale Veränderung funktioniert also gar nicht?

Selten, weil die Kluft zwischen Realität und Idealbild meist viel zu groß ist, als dass dieses eine Produkt sie überwinden könnte. Das fällt uns nur leider immer erst später auf, und dann kaufen wir das nächste, weil wir denken: Mit diesem klappt es jetzt aber wirklich.

Oh je. Und ich dachte, alles was ich kaufe, sind ein Paar überflüssige Pumps ... 

Nein, Produkte sind heute sehr komplex und mit Bedeutungen aufgeladen, die weit über den normalen Gebrauchswert hinausgehen. Im großen Stil hat das bei uns in den 60er-Jahren angefangen, da konnte man mit bestimmten Produkten von einer besseren Welt träumen. Heute geben uns Produkte noch viel mehr die Illusion, die eigene Beschränktheit überwinden zu können. Das funktioniert mit Kleidung, aber auch mit einer Sportausrüstung oder einem Küchengerät. Man hat das Gefühl: Ich bin weitergekommen, ich habe einen Fortschritt gemacht. Früher gingen die Leute dafür ins Theater oder haben Romane gelesen, heute schleichen wir uns mal eben mit einem Produkt aus unserem eigentlichen Leben.

Viele von uns gehen shoppen, wenn sie Liebeskummer oder gerade schlechte Laune haben. In den USA erfand man sogar einen Begriff dafür: „Retail Therapy“. Das funktionert dann aber auch nicht, oder?

Das kommt darauf an: Wenn ich nicht sorgfältig genug überlege, was zu mir passt, wird das Ding, das ich gerade gekauft habe, zum Fremdkörper. Aber wenn ich in mich gehe, über mich nachdenke, kann Konsum gut für die Seele sein. Sogar ein neuer Füller könnte uns dann ein gutes Feedback geben. 

Also trenne ich mich am besten von meinen ganzen Fehlkäufen? Ich habe immer noch die Hoffnung, in meine irgendwann „reinzuwachsen“. 

Wenn wir das Gefühl haben, diese Dinge sind „zu laut“ und fordern etwas, das wir nicht leisten können, möchten wir sie loswerden – aus demselben Grund, aus dem wir sie einst gekauft haben: Weil wir uns verändern wollen. Aber ich würde nicht alle aus meinem Leben verbannen wollen. Solche Fehlkäufe sind doch spannend! Sie zu betrachten, ist, wie in einem alten Tagebuch zu blättern. Man kann daraus viel über sich lernen: Was hat mir gefehlt, als ich dieses Stück gekauft habe? Was waren meine Werte, meine Vorbilder? Produkte helfen jedem von uns, sich darüber klar zu werden, wer wir sind und von was wir träumen.

Zum Experten

In der Tiefe geforscht: Wolfgang Ullrich war Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der HfG in Karlsruhe. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie „Habenwollen“ (Fischer Verlag) und lebt in Leipzig.


Foto: Kim Schneider


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