Vom Gefühl, zu Hause zu sein

Was genau macht eigentlich Heimat aus? Und wie ist es, wenn man sie verloren hat: durch Krieg, die Wiedervereinigung im Land oder nur, weil der zugewiesene Studienplatz weit weg von dem Ort liegt, an dem man aufgewachsen ist? Wir fragten vier Menschen, was ihr Herz bewegt, wenn sie an zu Hause denken.

Autorin: Katrin Rave
Heimat-Aufmacherbild: Tisch mit verschiedenen Heimat-Symbolen wie Bücher, Teddybär, Spielzeughäuser

Oft erkennt man erst in der Ferne, was man an der Heimat so liebt – was einem vertraut ist und unverwechselbar schön.

Wenn das Gute näher liegt als gedacht ...

Ute Kranz, 42, reiste jahrelang durch die Welt auf  der Suche nach dem perfekten Ort, der ihre Heimat werden könnte. Am Ende wurde es Deutschland.

"Heimat? Das ist was für Spießer, dachte ich früher. Ich wollte viel lieber raus in die Welt und gucken, wo es schön ist; wo ich leben könnte. 15 Jahre bin ich immer wieder verreist, davon vier Jahre dauerhaft. Ich habe gefühlt tausend schöne Orte gesehen und sehr viele liebenswürdige Menschen kennengelernt. Aber andere Orte machen auch etwas mit einem.

An einem Ort Urlaub zu machen ist etwas anderes, als dort zu leben. Unterwegs kam ich nirgendwo wirklich richtig an, man muss sich ja immer wieder neu eingewöhnen. Und je mehr man unterwegs ist, desto weniger weiß man komischerweise die schönen Dinge wie tolle Strände zu schätzen. Jedesmal, wenn ich irgendwo länger war, trieb es mich weiter. Ich dachte lange, ich könnte überall auf der Welt ein Zuhause finden. Aber das stimmt nicht.

Ute Kranz kann als Bloggerin überall arbeiten (bravebird.de). Lange dachte sie, sie würde ihr Heim irgendwo in der Ferne finden, bis ihr auf Reisen das Zuhause fehlte.

Unterwegs gibt es wenig Möglichkeiten für tiefe Gespräche oder enge soziale Kontakte. Das war es am Ende auch, was mir fehlte. Und meine Erinnerungen beschworen plötzlich ein Gefühl von Heimat herauf: der Wald, die Natur und dass es bei uns vier wunderbare Jahreszeiten gibt. Dazu kam dieses innere Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Am Ende kaufte ich mir einen Bulli und blieb damit in Deutschland.

Meine Mutter und meine drei Geschwister leben in Köln. Nun ist das nicht meine Traumstadt, aber heute sehen wir uns regelmäßig, und je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie schön es ist, sie zu haben. Zusammenhalt ist wichtig. In der Heimat ist halt immer jemand da, der dir hilft. Das nimmt man oft viel zu selbstverständlich hin.

Und noch etwas anderes, ganz Praktisches wurde mir auf meinen Reisen klar: Vieles in Deutschland funktioniert einfach richtig gut! Außerdem mag ich die Deutschen an sich gerne. Den Platz, an dem ich endgültig bleiben möchte, habe ich immer noch nicht gefunden, ich lebe mal hier und mal dort, aber ich komme ihm näher. Auf jeden Fall weiß ich durch meine vielen Reisen: In der Fremde lernt man, die Heimat zu schätzen."

"Meine Vorstellung von Heimat hat sich verändert."

Autorin und Journalistin Dima al-Bitar Kalaji, 36, ist 2013 aus Syrien geflüchtet und lebt heute in Berlin. Im Interview erzählt sie, wie es ihr geht im neuen Land.

Vor fünf Jahren mussten Sie wegen des Krieges aus Syrien fliehen. Was von Ihrem Zuhause vermissen Sie besonders?
Meine Bücher und einen ganz einfachen Käse, der "Weißer Käse" genannt wird. Ich habe viele Erinnerungen, die angefüllt sind mit Gerüchen, Gefühlen und anderen Sinneseindrücken aus meiner Kindheit. Das verbindet mich mit meinen Freunden und meiner Familie.

Ihre Mutter hat Ihnen unter  anderem Geschirr aus Damaskus geschickt.
Es ist auch ein Teil meiner Heimat. Wenn ich es benutze, denke ich an die Abende, an denen ich Freunde bekocht habe, wir zusammensaßen, tranken, Musik hörten, lachten und weinten.

Vor zwei Jahren sind Sie Mutter geworden. Hat Ihre Tochter Ihr Leben in Berlin verändert?
Sie hilft mir dabei, heimischer zu werden. Ich merke, wie viel leichter mir das nun fällt. Als ich in Deutschland ankam, habe ich mich sehr zerbrechlich und fremd gefühlt. Heute denke ich, ein kleines Stück Heimat kann ich überall schaffen, wo ich lebe.

Dima al-Bitar Kalaji flüchtete 2013 vor dem politischen Regime in Syrien nach Deutschland. Ihr Traum ist es, eines Tages dorthin zurückzukehren.

Was hat Ihnen sonst geholfen, in Deutschland anzukommen?
Die tollen Menschen, die mich als Person und nicht als Stereotyp "Flüchtling" sahen. Ich bin glücklich, als Journalistin bei "wirmachendas.jetzt" mit einigen von ihnen zusammenarbeiten zu können. Es inspiriert mich zu sehen, wie die Menschen hier an das glauben, was sie tun. Es wäre toll, eines Tages auch zu Hause in Syrien als Journalistin arbeiten zu können.

Haben Sie oft Heimweh?
Manchmal vermisse ich die Menschen, das Essen, einige Plätze. Aber wenn ich heute nach Syrien zurückginge, würde ich mich dort wohl auch nicht gleich zu Hause fühlen: Das Land hat sich verändert, Orte existieren nicht mehr, viele Menschen sind weg.

Haben Sie einen Traum?
Ich würde gerne Ferien mit meiner Familie verbringen. Ich wünsche mir, dass meine Mutter meinem Kind Gutenachtgeschichten am Bett erzählen kann, so wie sie es bei mir getan hat. Damit das wahr wird, müssen sich aber erst mal die politischen Verhältnisse in Syrien ändern.

"Ich besuche mein Riga jedes Jahr."

Renate Adolphi, 95, musste als Deutsch-Baltin unter Hitler ihre Heimatstadt Riga verlassen. Fast 80 Jahre ist das her, aber die Erlebnisse von damals sind in ihr wach.

"1939 änderte sich mein Leben für immer. Bis dahin lebte ich als Deutsche in Riga, wurde 1923 dort geboren und verbrachte in der Stadt meine Kindheit und Jugend. Ich besuchte damals eine deutsche Schule. In Riga waren von den 300 000 Enwohnern zu der Zeit etwa 40 000 Deutsche, wir waren keine ganz kleine Gruppe.

Den Sommer erlebte ich noch glücklich in einem Häuschen am livländischen Strand. Ich war 16 Jahre alt, als am 6. Oktober, ich weiß noch, dass es ein Freitag war, unser Mathematiklehrer die Klasse mit in seine Wohnung nahm, wo im Radio eine Rede von Hitler lief. Darin rief er alle Volksdeutschen 'heim ins Reich'. Ich spürte einen Stich im Herzen. Wir sollten weg aus unserer Heimat? Am darauffolgenden Montag saßen wir verweint in der Klasse. Unsere Lehrerin sagte: 'Wir machen nun ein Foto. Es wird vielleicht das letzte sein.' Dieses Bild von mir und meinen Schulkameraden habe ich immer noch.

Renate Adolphi führt in Lüneburg seit 30 Jahren verantwortlich das Deutschbaltische Archiv der Deutschbaltischen Kulturstiftung.

In den nächsten Wochen erstarb alles kulturelle Leben von uns Deutschen, bald waren alle Koffer der Stadt ausverkauft, meine beiden Brüder und ich zogen durch die Stadt und verkauften unsere Spielsachen. Am 17. November bestiegen wir dann das Schiff Richtung Stettin. Von dort ging es nach Posen in Polen. Wenig später musste ich als Luftwaffenhelferin arbeiten und hatte jede dritte Nacht Dienst. Davon habe ich noch jahrzehntelang geträumt.

Ich war fast froh, als wir im Januar 1945 mit bepackten Schlitten und Fahrrädern fliehen mussten. Über Umwege sind wir 1945 in Lüneburg gelandet, wo ich heute noch lebe. Sehr oft haben wir in der Zeit danach meine Mutter gebeten, von früher zu erzählen. Von unserem Vermieter Herrn Radsing zum Beispiel, der oft die Schotterstraße mit dem Gartenschlauch wässerte, und wie wir Kinder versuchten, unter dem Wasserstrahl durchzulaufen. Oder wie es als Siebenjährige mein allergrößter Wunsch war, bei einem Umzug auf dem Pferdewagen mitzufahren. Meine Mutter hat unsere Heimat genauso schmerzlich vermisst wie wir. Was wir verloren haben, werde ich nie vergessen.

1971 konnte ich dann zum ersten Mal wieder nach Riga reisen, was zu Sowjetzeiten mit großem Aufwand verbunden gewesen war. Seitdem fahre ich jedes Jahr dorthin, ich habe auch vor Ort neue Freundschaften geschlossen – von meinen alten Freunden ist ja niemand mehr in der Stadt. Die Häuser meiner Kindheit stehen noch. Aber sonst ist die unbeschwerte Zeit, die wir dort hatten, unvergessen."

"Weihnachten geht’s wieder heim!"

Gwendolyn Elwardt, 20, ist vor einem Jahr zum Studium von Hamburg nach Mannheim gezogen. Zu Hause fühlt sie sich aber nur im Norden.

"Nach dem Abi wollen ja viele erst mal weg. Ich dagegen wäre am liebsten in Hamburg geblieben! Ich mag meine Stadt, meine Familie, die Menschen und die Gegend an der Alster, wo ich aufgewachsen bin. Die UniKlinik Eppendorf liegt nicht weit entfernt, und ich hatte immer die Vorstellung, dort irgendwann mal zu arbeiten. Mit dem MedizinStudienplatz in Hamburg hat es dann leider nicht geklappt, dafür aber an der Uni Heidelberg/ Mannheim, und so bin ich letztes Jahr ziemlich überstürzt nach Mannheim gezogen. Bis auf eine Klassenreise war ich noch nie in Süddeutschland. Ich wusste bis zur Zusage nicht mal, wo genau Mannheim liegt.

Nun bin ich in meiner neuen Stadt, die in Quadraten angeordnet ist. Wenn man hier sagt, ich wohne in G 7 oder H 5, weiß jeder Bescheid – ich jetzt auch. Für mich war anfangs alles sehr ungewohnt, mein Studentenwohnheim liegt in einer nicht wirklich hübschen Ecke der Stadt. Bis auf Kleidung, Bettwäsche, etwas Geschirr und meinen alten Stoffhasen hatte ich nichts von zu Hause mitgenommen, alles Vertraute war weg.

Die 20-jährige Studentin Gwendolyn Elwardt hält lieb gewonnene Traditionen hoch: Zu Hause ist ihr altes Kinderzimmer weiterhin ihr Lieblingsort.

Auch die Leute sind anders hier, viel extrovertierter. Ich glaube, mit meiner zurückhaltenden Art fanden mich einige typisch norddeutsch und waren nicht sicher, ob ich überhaupt Kontakt haben möchte. Nach wenigen Wochen hatte ich dann aber schon neue Freunde gefunden; Man sieht sich ja auch jeden Tag an der Uni oder läuft sich in der Stadt über den Weg.

Trotzdem bin ich in Hamburg verwurzelt, das ist und bleibt meine Heimat. Ich halte gerne an Traditionen fest: Wenn ich nach Hause fahre, wohne ich in meinem alten Kinderzimmer, das fühlt sich ganz geborgen an. Die Vorstellung, dass in unserer Wohnung irgendwann mal andere Leute wohnen könnten, finde ich komisch. Mein Zuhausegefühl und meine Kindheitserinnerungen hängen für mich fest mit dieser Wohnung zusammen.

Ich freue mich schon auf Weihnachten: Wenn ich mit der Bahn vom Hauptbahnhof über die Kennedybrücke bis zum Dammtor fahre, werde ich den riesigen Weihnachtsbaum auf der Binnenalster sehen. Hamburg ist so schön!"

"Als hätte ich in einem Fantasieland gelebt."

Autor Mark Scheppert, 47, wuchs in der ehemaligen DDR auf und wohnt heute in Berlin. Wir sprachen mit ihm über seine Kindheit in einem Land, dass heute nur noch in Erzählungen und auf alten Fotos existiert.

DDR oder BRD, Ost oder West – wo ordnen Sie sich ein, da Sie im Osten hinter der Mauer groß geworden sind?
Ach, Ost und West sind für mich Himmelsrichtungen, mehr nicht. Ich habe eine Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren, und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kennen.

Was verbinden Sie heute noch mit der DDR?
Eine äußerst glückliche Kindheit und Jugend. Dinge wie die fehlende Reisefreiheit oder das Leben in einem totalitären Staat wurden mir erst mit 16 allmählich bewusst. Im Nachhinein klingt vieles so absurd, als hätte ich in einem Fantasieland gelebt: Pappautos, auf die man zwölf Jahre warten musste, komische Klamotten wie "Stoffidas" (Turnschuhe) und dass ein Kassettenrekorder bei uns 1500 Mark kostete.

Gibt es etwas, das Sie oft vermissen?
Nein. Heute muss ich eher lachen, wenn ich an die einseitigen Diskussionen im Staatsbürgerkunde­Unterricht denke. Und ich habe nicht vergessen, dass ich keine Hoffnung hatte, je nach New York, Sydney oder Barcelona zu kommen.

Aber Sie leben wie zu DDR- Zeiten in Berlin-Friedrichshain.
Ach, da bin ich wahrscheinlich ein typischer Berliner, der sich seinem Kiez verbunden fühlt. Nach der Wende bin ich natürlich auch weggegangen, habe in Mannheim studiert, bin ein Jahr um die Welt gereist, aber ich bin meinem alten Stadtteil treu.

Mark Scheppert ist ein reflektierter Typ, der über die ehemalige DDR auch lachen kann. Trotzdem hält er an Altvertrautem fest.

Wie haben Sie das Jahr 1989 erlebt?
Im Oktober 1989 lagen zwischen meinem Vater und mir so große Welten wie nie zuvor. Ich ging auf Demos, während mein Vater (obwohl nur Sportfunktionär) in Alarmbereitschaft versetzt worden war. Doch am Tag nach der Massenkundgebung am 4. November auf dem Alexanderplatz sagte er mir, ich stünde auf der Seite der Richtigen. Was für eine Einsicht von einem Menschen, dem die DDR so viel bedeutet hatte!

Haben Sie DDR-Traditionen ins Heute gerettet?
Ja klar, die Weihnachtsrituale zum Beispiel. Mein Bruder und ich hören die LP "Weihnachten im Erzgebirge" und gucken zusammen die "Vier­SchanzenTournee". Und wir kramen auch gerne die Fotoalben aus der DDR­-Zeit raus.

Verklärt man seine verlorene Heimat mit der Zeit?
Das ist für mich sentimentaler Blödsinn. Ich kann aber nachvollziehen, wenn ältere Menschen sich entwurzelt fühlen. Die haben 40 Jahre DDR bewusst erlebt und sich mit ihr identifiziert. Und dann wird deren Heimat oft nur noch auf eiskalte Mauerschützen und Stasi­-Hölle reduziert. Das wird ihnen nicht gerecht und spricht ihnen ihre wahre Vergangenheit ab. Und wenn die sagen, das ist nicht mehr meine Heimat, sollte man schon hinterfragen, warum das wohl so ist.

Was ist Heimat für Sie?Das ist dort, wo meine Familie, meine Freunde und die meisten meiner Bekannten leben. Es ist kein Ort, sondern mehr ein Gefühl, so was wie Geborgenheit. Mit dem Mauerfall wurde mir zwar ein Stück meiner Identität und ein Teil meiner Vergangenheit genommen, aber nie dieses Gefühl der Geborgenheit.

Buchcover: Leninplatz

Buchtipp

So war's drüben: Mark Scheppert hat seine Erfahrungen über das Aufwachsen in Ostberlin vor dem Mauerfall in einem Roman verarbeitet. "Leninplatz" heißt der und ist über Books on Demand für 9,90 Euro erhältlich.


© Fotos: Thordis Rüggeberg; Jan-Erik Nord; Juliette Moarbes; privat; PR | aus der LAVIVA Dezember-Ausgabe 2018


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